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wlt Latten, da war von dem
Wolfgang erhielt von fernem Vater die Erlaubnis, mitzüreiten. Nachdem die Reiter eine Stunde das Feld durchstreift hatten, sahen s,e die Alte in einem Kartoffelacker sitzen. In ihren Händen hielt sie den Becher, und liest die Sonnenstrahlen in seinem .Glanze spielen. Prinz Wolfgang, der ein ebenso gutes Herz hatte wie sein Vater, fürchtete, die Knechte möchten das Weib schlagen, und er befahl daher, sie sollten zurückbleiben. Er allein kitt rasch auf die Alte, zu, die ihn zu spät bemerkte und nun schnell den Becher in die. Schürze wickelte. „Fürchte dich nicht," Wolfgang, „es geschieht dir nichts zu Leide; gib inir nur den Becher wieder." „Hehehe," lachte die Alte, „komm nur Bürsch- chen und hole dir ihn. Und sie hob drohend ihren Krückstock gegen den Prinzen. Als die Knechte dies sahen, kamen sie rasch herangesprengt, und einer faßte das Weib im Genicke: „Den Becher nlte Hexe, oder ich erwürge dich!" Jedoch wie ein glatter AW entschlüpfte die Alte dem festen Griffe des' 'Knechtes: „Hihi, mern Becher , hab ich nicht." „Doch, hier in der Schürze hast du ihn, du Diebin, her damit," schrien die Kttechte, und einer faßte Nach der Schürze. Rasch ließ das Weib die Schürze los und fiel eine große Kartoffel. „Hihi, hier nehmt," grinste höhnisch die Drebm. Da geriet auch Prinz Wolfgang in Zorn; er hob die Kartoffel auf, und schleuderte sie, die schwer wie ein Stein war, gegen.die Alte. Da fuhr an der Stelle, wo die Kar-
. .anfflel, ein grellblendender Feuerstrahl aus der Erde, und "s die Knechte sich von dem Schrecken und der Blendung er- S2" -hatten, da war von dem Weibe nichts mehr zu sehen. Aber auch Prinz Wolfgang war spurlos verschwunden. Man luchte alles ab, — umgebens; es fand sich nirgends eine Spur sMüen Herrn. Mit der Trauerkunde tarnen die Knechte Hanse. Sofort ließ der Landgraf alle Pferde satteln und zog mit au ent Gesinde hinaus nach der Stelle, wo der Prinz verschwunden war. Man suchte tage- und wochenlang alle Felder und «33 a wer ab, jedoch vergebens; der Prinz wurde nicht gefunden. Als dann der Landgraf Koch einmal die Stelle, voii der fein Sohn verschwunden war, genan untersuchte, fLud er zwei irtoffeln, beide schwer wie Steine. Die eine war die, die das Weib in der Schürze hatte, 'woher die andere kam, wußte niemand. Der Landgras hob beide Kartoffeln auf und schleuderte sie mit einem Fluche auf den Boden, daß sie sich tief eingruben. Da. tönte vom Wälde herüber ein höhnisches, schrilles Lachen: >^Vihi, Landgraf, eben habt ihr eitern Sohn begraben." Am Waldrande sah man die Alte stehen, die grinste und mit ihrer Krücke hcrüberwinkte. Man grub an der Stelle, wo der Landgraf die Kartoffeln in die Erde geschleudert hatte, aber es fand sich Nichts.
Viele Jahre später, kam eines Tags ein alter Mann vor das Tor des Bergschlosses von Ulrichstein und begehrte den Schlost- herrn zu sprechen Man führte ihn vor den Landgrafen, und der Alte bat Um eine Unterredung unter vier Angen. Als die Diener sich aus einen Wink des Landgrafen entfernt hätten, begann der Mann: „Herr Landgraf, ihr hattet einen Sohn —". Da sprang der Landgraf, dem die Erwähnung seines Sohnes jäh die alte Herzenswunde aufgerissen hätte, empor: „Mein Sohn, — was weißt du von meinem Sohne, sprich!" Der Alte liest sich nicht aus der Ru'he bringen, und ruhig, wie er begonnen, fuhr er zu sprechen fort: „Es sind nunmehr acht Tage her, da fand ich im Oberwalde, beim Taufstein, die Hexe vom Koppel. Sie lag im Sterben; der Teufel' forderte ihre Ssele, die sie ihm verschrieben hatte. $err, es war ein Dodeskampf, wie ich ihn noch nie gesehen habe, — so schrecklich. Wie ich sie so kämpfen sah, da packte mich em Grausen. Die Hexe vom Köppel hat Vein Mitleid verdient. Und ich wollte forteilen von der Stätte, da der Teufel ihr eben die Seele ausriß; doch die Wße waren mir gelähmt; ich konnte Nicht von der Stelle. Ein Stöhnen und Aechzeu !oar das, und dann Wieder ein Johlen und Meisen, das aus allen Ecken und Winkeln des Waldes schallte: Herr, mir standen die Haare zu Berg. — Die Hexe hatte mich bemerkt, und winkte mir, näher zu kommen. Ich wvllte nicht, doch eine unheimliche Gewalt drängte mich hin. Ms ich ganz nahe bei der Men war, ließen ihre Krämpfe scheinbar etwas nach. Sie blickte mich lange an, dann begann fie zU sprechen. Sie beichtete mir die Schlechtigkeiten und Verbrechen ihres ganzen Lebens. Ms sie geendet hätte, ging ein Bittern durch ihren Körper, und noch einmal erhob sich im Walde Und in der Luft das höllische Johlen nud Pfeifen, dann war es still. Die Hexe war tot. — Herr, sie hat mir in ihrer Beichte K') erzählt von euerem Sohn, tote sie ihn, da er ihr den ge- lenen Becher wieder nehmen wollte, und als Rache, weil er mit der Kartoffel nach! ihr geworfen, mit Hilfe ihrer teuflischen Macht in eine Kartoffel verwandelte. Sie sagte mir auch, wenn Muer, sei es wo es wolle, die Kartoffel fände, und sie dreimal still Um seinen Wohnort trüge, der Prinz erlöst sei."
Ms der Landgraf dies horte, liest er von neuem an der Stelle graben, an der er die beiden Kartoffeln in den Boden geschleudert. Es fand sich nichts. Es hat auch bis häute noch keiner die Kartoffel gefunden, die schwer wie ein Stein sein soll, und so bleibt der Prinz noch verzaubert und harrt, Gatt weist wo, der Erlösung.
Ms mein Töchterchen seine Erzählung vom Kartoffelprinzen beendet hatte, da bat mich mdin Meiner Fritz: „Vater, gib mir den Kartoffelprirrz." Ich gab ihm den Stein, und er trug ihn behutsam in sein Schlafzimmer und legte ihn in fein Veilchen.
^Fle mein Fritz, ckls es Zeit zum Mittagessen nw$;- fe.tne Gewohnheit; sonst war er der pv Tur Essenszeit etnfanb. Wir warteten eine Stunde,
frin r r1“8 ^m bei feinen Spielkameraden;
ii Uk. h gesehen. Wir machten uns alle auf die Suche.
aIS Ergebens die Stadt durchstreift und bei i."achgefragt halte, ging ich nach Hause, in der der nun da. Aber er fehlte immer noch. Ich meldete
aw S FfAckWinden, und dann begab ich mich wieder
«tot Ptof durchwanderte ich die ganze Stadl, doch
d»n pI £ Ä? Böhnchens zu finden. Es fing schon an,
dunkel Ku werden, war in die Nähe des Bahndamms gekommen, bte Foerstraste unter ihm duxchMrl, und wollte gerade!
—etiU!a8 int Graben neben,mir liegen sah: Fritz, «„„^ fin Fritz. er war es. Hier lag er mnd schlief ganz ruhig. hfp1 Freudenschrei hebe ich ihn au!f; ba öffnet er erstaunt die Aeuglein, und noch ganz 'schlaftrunken lallt er: „Baler, bald M er erlöst, ich habe ihn schon zweimal um die ganze Stadl ge- hp?,8®b- • Händchpn hielt er, zärtlich PN sich gedrückt,
den Stein, seinen Kartoffelpriüzi.
Vie Pater Ohrwalder aus der Gefangenschaft des Mahdis eniwich.
Der Name des Paters Ohrwalder, der auf seinem Posten als Missionar fern im Sudan gestorben ist, wurde vor jetzt 21 Jahren nnmal in der ganzen Welt genannt, als feine sensationelle Ent- wluchung aus der Gefangenschaft des Mahdis blutigen Angedenkens benannt wurde. Als 24jähriger war Peter Ohrwalder in die Gefangenschast des Mahdis geraten, er hatte unsägliche Strapazen, unmenschliche Behandlung, schwere Krankheiten und Huw ger und die empfindlichsten geistigen Entbehrungen und Qualen erlitten, mehrfach war feine Hinrichtung 'angevroht worden, ein paar Mal waren fchon alle Anstalten dazu getroffen, und dennoch hatte er nach neunjähriger Gefangenschaft die Hoffiiuilg auf Flucht noch nicht aufgegeben. Alle Boten, die er heimlich abgesandt hatte, hatten ihn im Stich gelassen.
Im Jahre 1890 kam nun ein junger Araber, Achmed Hassan, vom Stamme der Ababba aus Kairo und erbat von Ohrwalder einen Brief an dessen Angehörige. Dieses Arabers beschloß Pater .Ohrwalder sich zu feiner Flucht zu bedienen. Er gab ihm eine Empfehlung an den Bischof Franz Sogaro, der die Geldmittel zur Flucht aufbringen würde, und der Araber versprach, nach einem Jahr wiederzukommen. Das letzte Jahr der Gefangenschaft verbrachte Ohrwalder so kümmerlich wie die ersten neun; er ernährte sich mit Seifensiederei und Weberei, obwohl die ungewohnte Arbeit den Rest seiner Kräfte aufzehrte, und harrte geduldig der Wiederkehr des Arabers. Das Jahr verstrich, und Achmed Hassan erschien nicht am 27. Oktober 1891, sondern viel später, als verabredet, erschien aber dennoch in Omdurman, erklärte die Gründe seiner Verspätung, und nun wurden in Eile die letzten Vorbereitungen zu der Flucht getroffen, durch die außfir dem Pater zwei Schwestern der Mission und eine Negersklävin gerettet werden sollten. Heimlich kaufte Achmed Kassau Kamele, und in den letzten Novembertagen begünstigte der Aufstand gegen Abdullah, den Nachfolger des Mahdis, die Flucht. Am 30. November abends brachen sieben Personen, Ohrwalder selbst, die beiden Schwestern, die Negersklävin und Achmed Hassan mit zwei Stam- mesgenossen auf 'sieben Kamelen auf. Ein kalter Nordwind blies ihnen entgegen, verstärkt durch den rasenden Lauf 'der Kamele. „Der enge Weg führte durch Dornsträucher," so erzählt Ohrwalder selbst die Einzelheiten der Flucht, „die man im Dunkeln nicht sehen konnte. Die Dornen zerrissen unsere Kleider, die Füße und die Hände, welche wir vor die Augen hielten, um sie zu schützen. Das . Blut träufelte von den Gliedern, aber es gab keinen Halt, stets und rastlos ging es nach Norden. .Beit ist Geld, heißt es: für uns war Zeit Leben. Wir überschritten tiefe Bette der Gießbäche, manchmal stolperte das Tier und mit ihm der Reiter, aber jes gab feine Zeit, über Schmerzen und Quetschungen zu klagen." Nach der ersten Nacht waren die Augen der Flüchtlinge angeschwvl- len, jie waren zum Umfallen müde, eine der Schwestern tourbte vor Schwäche ohnmächtig, aber weiter und weiter ging die eilige Flucht, Tag und Nacht hindurch, über öde Wüsten während des Tages, bei Nacht am Strom entlang. Am dritten Tage sahen die Flüchtlinge Berber vor sich; gegen Abend füllten sie gegenüber der Stadt ihre Schläuche und ritten eilig weiter; in den dreieinhalb Tagen hatten sie nur vier Stunden schlafen können. Zwieback und Wasser wär die einzige Nahrung, der Ritt hatte die Flüchtlinge starr und wund gemacht, ihre Wunden brannten, aber weiter und weiter mußte die Flucht gehen, denn die Entweichung müßte in Omdurman längst bekannt geworden sein, und in jedem Reiter, auf den die Flüchttinge stießen, witterten sie einen Untertan des Mahdis, der sie anhalten und nach dem Befehle Abdullahs „lebendig oder tot nach der Residenz bringen sollte". Die Kamele waren völlig abgetrieben, und nur noch Skelette, und die Flüchtlinge selbst Waren nichts als Haut und Knocken.
„Unser Proviant War aufgözehrt," fo beschreibt Ohrwalder den Zustand der Flüchtlinge am fünften Tage des Rittes. Die Kamele und wir waren äußerst ermüdet. Mich schmerzte die Rechte, da ich


