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trott! wandte sie schnell den Kopf herum, auf den Gang hinaustretend.

Gottliebe schämte sich tief ihrer unbedachten Frage. 'Kein Zweifel mehr: die Mutter war früh verstorben! Nun löste ihr sich ja das ganze Rätsel dieses düsteren Schlosses. Der Mann hatte den Verlust der angebetenen jungen Frau nicht verwinden können; darum hatte er sich hier als ein weltscheuer Einsiedler vergraben mit dem Kinde, das sie ihn: gelassen, das vielleicht gar der Mutter das Leben gekostet haben mochte. Darum war das Mädchen hier eben auch so schmerzlich zusammengezuckt; in ihrer Seele ver­narbte nie das Flaminemnal des quälenden Bewußtseins: du hast deiner Mutter das Leben, dem Vater die Gattin geraubt! Daher all der schwere, frühreife Ernst an diesem süßen Kinde.

Ein inniges Mitleid mit dem armen Geschöpf, ein mütterlich-zärtliches Aufwallen kam über Gottliebe.

Lin nächsten Augenblick war sie draußen bei ihr und zog die schlanke, zarte Gestalt an sich.

Verzeihen Sie mir!" bat sie leise.

Das Mädchen sah sie aus den dunklen, klaren Augen, in denen jetzt ein tiefstes Weh schimmerte, gütig an.

Sie konnten es ja nicht wissen", gab sie still zurück.

Liebe, kleine Rahe!"

Mit zärtlichem Druck umfing Gottliebe die feinen Schultern sdes Mädchens. Sie hatte den Namen von dem Vater gehört.

Ich darf Sie doch so nennen, ja?"

Ein freudiges Erstrahlen der Augensterne und ein schüchternes Anschmiegen des lieben Kindes gab ihr Ant- vort, wie glücklich sie das Anerbieten machte. Sie hatte a noch nie eine Freundin gehabt.

Da beugte sich Gottliebe schnell zu ihr nieder und küßte ihr die reine, weiße Stirn. Und so den neuen Freundschasts- bund besiegelnd, forderte sie:

Und Sie müssen mich Gottliebe nennen, Rahe, rneine kleine Rahe! Aber sagen Sie, was ist Ihr Name seltsam, wohl die 'Abkürzung eines alten rhätischen Frauennamens ?"

Das Mädchen schüttelte mit leisem Lächeln das Haupt wie sonnig schaute in solchem Augenblick das Gesichtchen aus, ganz das Zauberische, Liebreizende der toten Mutter!

Der Name ist gut deutsch Rehe, heiß ich, Rehe Malmort!"

,Mie Rehe?"

Sie nickte noch einmal bestätigend, fast heiter über die Verwunderung der anderen.

'Es ist ein alter Familienname in unserm Hanse."

And Sie tragen ihn mit Recht, mit Ihren lieb«:, großen, dunklen Augen, glänzenden Rehangen!"

Gottliebe blickte sie innig-zärtlich an.

'Ich bin Ihnen ja so gut, Rehe!"

Statt jeder Antwort warf plötzlich das junge Geschöpf W Arme Gottliebe um den Hals. In einem übermächtigen Ausbruch des Glücksgefühls und jahrelang verhaltenen Seh- nens nach solch einer Stunde, preßte sie sich an die neu­gewonnene Freundin, die ihr mütterlich-lieb evolk über das lose, gewellte Dunkelhaar strich.

So drang plötzlich mitten in dem grauen Regentags ein warmer Sonnenstrahl in das finstere Gemäuer des' alten Schlosses ein.

Ja, Vater, sing doch bitte!"

-Auch Rehe Malmort schloß sich den Bitten Gottlieb'es au, die durch das an der Säule drüben hängende Saiten­instrument angeregt worden waren.

Die drei saßen traulich in der Halle vor'm Kamin, während draußen immer noch der Regen hernieder rieselte.

Herr v. Malmort, der in dem alten, schön geschnitzten Kutherstuhl zurückgelehnt ruhte, machte eine leis abweh- kende Bewegung.

Ich kann ja doch nicht singen, Kind. Wenigstens nicht, was man. in der Welt draußen darunter versteht. Mein bißchen Singsang, der dir sehr schön vorkommt, weil du noch nichts Besseres gehört hast, ist sicher kein Genuß für verwohnte Ohren wie die Fräulein Rhyngaerts."

Wer sagt Ihnen, daß ich verwöhnt bin, Herr v. Mäl- mort?" Gottliebe blickte von der Kaminnische her, wo sie eng an Rehe geschmiegt, auf der Marmorbank vor'm Inster saß, zu ihm hinüber, der außerhalb des Kaminvorbiaus seinen Platz hatte. Es lag ein leiser Vorwurf in diesem Blick, und auch nun noch, wie sie fortfuhr:

Trauen Sie mir nicht zu, auch an schlichtem, kunstlosem Gesänge meine Freude zu haben, wenn er nur mit richtigem Empfinden geboten wird?"

Herr v. Malmort sandte ihr feilten eigenen, still fragen­den Blick zu; er hatte so die Art, einem sekundenlang schwei­gend ins Gesicht zu sehen und auch Rahe hatte das von ihm aber Gottliebe empfand das bei diesen beiden eigen­artigen, vornehmen Naturen nicht lästig, was sie an an­deren sicher als ungezogen vermerkt hätte. So hielt sie denn auch jetzt diesem stillen Durchdringen stand, bis Herr v. Malmort langsam die Gegenfrage tat:

Und Sie sind sicher, bei mir diese Voraussetzung zu finden?"

,Ja unbedingt! Und nun bitte, Herr v. MalmorU lassen Sie sich nicht länger nötigen."

Der Schloßherr erhob sich.

Ich singe sonst nie vor einem Dritten," sein Blich streifte Gottliebe ernst,aber ich will vor Ihnen eine Ausnahme machen."

Gottliebe hatte dieser flüchtige Blick ganz eigen durch­rieselt. Versonnen sah sie der hohen Gestalt nach, die nun zu der Säule hinüberschritt, die Gitarre vom Nagel nahm und dann, das Jnstrunient stimmend, sonore, tiessummendö Akkorde darauf ergriff. Es war also eine seltene Auszeich­nung, daß er sie für wert hielt, Zeugin dieser nun ganz intim geübten Kunst zu sein. Dem Kameraden in ernster Stunde gegenüber ihr klang das Wort noch immer so wohltuend sm Ohr ließ er seine stolze Zurückhaltung fallen.

Zum zweiten Male kam jenes leise, frohe Gefühl über sie; die Auszeichnung dieses Mannes galt ihr etwas. Sie vergaß ganz, wie kühl ablehnend, überlegen sie sich bisher immer 'dem andern Geschlecht gegenüber gezeigt hatte. Die Welt da draußen war ja für sie versunken, seitdem sie die Mauern dieses alten, düstern Schlosses umfingen, in denen die Zeit jahrhundertelang stillgestanden zu haben schien. Ihr war wirklich zumute, als lebe sie hier im Mittelalter; die Gestalten Rehes und ihres Vaters in seiner ritterlichen, aber schweren, altfränkischen Art paßten ja auch viel mehr in jene grauen Tage als in das moderne Leben hinein. Daß war noch ein Mann, dieser Träger eines uralten Namens! Ein Mann von. hoher, echt adliger Gesinnung und ent­schlossener, kraftvoller Tat. Wo gab es davon noch draußeq etwas in der Welt?

(Fortsetzung folgt.)

Der Uartoffelprmz.

Von Karl Schäfer -Geromonk.

Bei einem Spaziergange fand ich im Felde einen Stein, ge­formt wie eine schöne, große Kartoffel, und nahm ihn mit nach Hanse. Abends zeigte ich ihn meinen Kindern. Es war gerade zwischen Licht und Dunkel, wo wir gewöhnlich in der Familie beisammen saßen und uns unterhielten. Lange wurde der Stein bewundert; da ries plötzlich mein Töchterchen freudestrahlend aus: Vater, das ist der Kartosfelprinz!"Der Kartoffelprinz? Wer ist das?", frug ich erstaunt; und sie erzählte nun ein Märchen, daß sie einmal irgendwo gehört hatte:

Es war einmal ein Landgraf, der hatte ein Schloß, da, wo eben die Ruinen des Bergschlosses von Ulrichstein stehen. Der Landgraf hatte einen Sohn, den Prinzen Wolfgang. Ein schöner Knabe war der Prinz, mutig und flink. Mit zwölf Jahren konnte er schon den Speer werfen und die Armbrust spannen, und munter tummelte er sein Pferd. Er war der Swlz und die Freuds seines Vaters.

Da kam eines Tages ein altes, häßliches Weib nach dem Vergschlossc, um zu betteln. Der Landgraf, der ein gutes Herz hatte, befahl, daß man ihr Speise und Trank bringe, und gab ihrs noch ein Geldstück. Als die Alte sich satt gegessen und auch von dem Weine, den ntan_ ihr gebracht, getrunken hatte, bat sie, man möge ihr doch gestatten, einmal in den Prunksaal des Schlosses/ von dessen herrlicher Ausstattung man ihr erzählt 'habe, schauen zu dürfen. Auch diese Bitte wurde ihr gewährt, und ein Diener führte das Weib durch den Saal. Hier bestaunte und bewunderte sie alles; besonders die schweren goldenen und silbernen Trink­becher schienen ihr zu gefallen. Als sie alles gesehen und genug bewundert hatte, ließ sie sich wieder hinausführen und hum­pelte dann, auf ihren sonderbaren Krückstock gestützt, weiter, den Schloßberg hinunter.

Bald entdeckte man, daß 'in dem Prunksaale ein Becher von großem Werte, der obendrein noch für den Landgrafen ein teueres! Andenken war, fehlte. Der Verdacht, den Becher gestohlen zu haben, fiel sofort auf das alte Weib. Rasch sattelten einige Schloßknechte ihre Pferde, um der Diebin nachzueilen. Auch Prinz