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Firnrnraulch.
Roman von Paul G r a b e i n»
M-achdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Auch tont nächsten Morgen hielt der Regen noch »alt, in t>e» das Gewitter übergegangen war. Gottliebe war daher gern der Einladung Malmorts gefolgt, noch weiter hier zu rasten. Sie hatte es gern gesehen. War sie doch durch die Stunde ernster Gefahr gestern den beiden Menschen, von deren Existenz sie vor vierundzwanzig Stunden noch nicht einmal etwas gewußt hatte, nahegerückt worden. Die Unterhaltung des gestrigen Wends im dunkelgetäfelten Wohnzimmer hatte dann das weitere getan, um die drei vertraut zu machen.
Jetzt nun durchschritt Gottliebe Arm in Arm mit der Tochter, die sich tu leiser Zärtlichkeit an sie schmiegte, alle Räume des alten Schlosses, deren Besichtigung sie lebhaft interessierte.
„Wie lauge ist das Schloß schon im Besitz Ihrer Familie?" forschte sie.
„Alter Tradition zufolge soll der erste Herr von Malmort von Karl dem Großen als Gaugraf und Richter auf diesem Kastell eingesetzt worden sein; urkundlich ist es allerdings nicht zu beweisen. Unsere alten Familiendolü- mente sind leider bei einem Brande des Schlosses schon vor langer Zeit sämtlich vernichtet worden."
„Wie schade! Nun, ohne Zweifel ist aber hier Ihr Geschlecht seit Urzeiten ansässig."
„Das sicherlich. Denn viele Orte ringsum heißen danach schon seit ältesten Zeiten."
Die beiden schlanken Frauengestalten standen in dem Erker eines Borsaals, und Gottliebe schaute in das weite Tal hinab.
„Es muß. doch ein stolzes, herrliches Gefühl sein für Sie, sich so zu sagen: All das ist unser, seit Menschen-^ gedenken. Wise kleine Fürsten Hausen wir hier auf eigenem Grund und Boden; wohin unser Auge fällt, auf Berg und Tal, es ist unser eigen, nie hat es fremde Hand besessen."
Das junge Mädchen antwortete nicht gleich; über ihrer klaren Stirn lagerte ein Schatten. Den Blick verloren hinaus! durchs Fenster sendend, erwiderte sie dann:
„Glauben Sie, daß dies Bewußtsein genügt, um den Menschen glückliche zu machen?"
Gottliebe schwieg einen Moment zu dieser Erwiderung. Eine Gegenfrage wollte sich ihr auf die Lippen drängen, aber ihr Takt hinderte sie, danach zu forschen, warum sie Mit ihrem Vater hier so in einsiedlerhafter Weltabgeschiedenheit hauste. Natürlich, das konnte sie sich ja nur allzu wohl denken, daß ein jugendliches Herz sich hier, fern von allem freundlichen, lichten Schmuck des Lebens, unbefriedigt fühlen müsse. Aus diesem Gedankengang heraus sagte
sie dann warm, des jungen Mädchens Arm näher an sich ziehend:
„Ich verstehe, Sie entbehren hier viel. Sind, waren Sie denn aber immer hier? Sind Sie nie einmal hiuausgekom- men in die Welt zu den Menschen?"
Langsam schüttelte das Mädchen das Haupt.
„In die Welt nicht. Denn das Kloster, in dem ich meine Erziehung"Lrhalten habe, rechnen Sie ja wohl auch nicht
Gottliebe verneinte schweigend.
Armes Kind! So einsam von Jugend an? Wieder wollte sich ihr eine Frage aufdrängen, nach ihrer Mutter; aber wieder tat sie sie nicht.
Ihre Begleiterin aber machte nun dem Thema selbst ein Ende.
„Wollen wir weiter? Es gibt noch allerlei zu sehen, wenn es Sie interessiert."
Gern folgte Gottliebe der Führerin.
Durch mehrere Gemächer waren sie so geschritten, eine Flucht modern eingerichteter Säle und kleinerer Zimmer, deren kostbare farbenfrohe Pracht auffallend abstach von dem gedämpften altersbraunen Ton und der altväterischen Behaglichkeit der sonstigen Schloßräume. Uebrigens verrieten die tief herabgelassenen Fenstervorhänge und der Staub auf den blankpolierten Möbelflächen, daß diese Gemächer lange außer Gebrauch waren.
Gottliebe staunte. Es wehte sie hier ein so ganz anderer Geist, etwas Lebensfrohes, Luxus gewohntes aus diesen modern zugestutzten Räumen an.
Fräulein v. Malmort bemerkte Gottliebes fragenden Blick, aber sie gab keine Auskunft. Vielmehr schritt sie schneller weiter, wie um einer solchen enthoben zu werden.
Sie waren so in das letzte Zimmer der Flucht gelangt, einen kleinen Damensalon, der mit einer koketten, kapriziösen Eleganz ausgestattet war. Schon wollte Gottliebe ihrer ohne Halt zu machenden, insgeheim vorwärtsdränaeir- den Führerin durch eine Seitentür wieder hinausfolgen aus den Gang draußen, da stockte unwillkürlich ihr Fuß.
Ihr Auge war aus ein BM> gefallen, ein großes Frauenporträt in kostbar geschnitztem, altgoldenem Rahmen, das auf einer Staffelei in der Ecke stand. Ein Frauenkopf von einer bezaubernden, pikanten Schönheit und — wie seltsam ! i— in diesem weichen, süßen Gesichtchen waren Linien, ein Ausdruck, der ihr so bekannt vorkam. Wo hatte sie diese Dame schon -einmal gesehen?
„Wer ist das — bitte?"
Unwillkürlich entschlüpfte ihr die Frage, und sie wandte sich nach Fräulein v. Malmort um, die schon auf der Schwelle der geöffneten Tür stand.
„Meine Mutter,"
Eine leise Falte erschien im selben Augenblick auf der reinen Stirn des Mädchens, und mit einem harten Zug uni den lieblichen Mund — ganz wie der auf dem Bilde


