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hie See her ein leises Flüstern an unser Ohr bringen, das bewies, daß er noch lebte. Sie können sich kaum vorstellen, wie uns, die ihn lieb hatten, der Gedanke bebrückte, baß sich in ber Gefangenschaft sein großer Geist auf jenem einsamen Eiland verzehren sollte. Dieser Gckanke stand morgens mit uns auf und ging abends mit uns schlafen, wir konnten ihn nie los werben, und wir Ahlten uns in unserer Ehre gekränkt, baß er, unser Herr und Meister, so gebemütigt werben sollte, ohne baß wir eine Hand Ar ihn rühren konnten. Biele von uns würben gerne ben Rest ihres Löbens hingegeüen haben, ihm eine kleine Erleichterung zu verschaffen, unb hoch konnten wir weiter nichts tun als in unseren Cafßs sitzen unb auf die Landkarte fiteren und die Meilen Wasser berechnen, die uns trennten. Es schien uns, daß er ebenso gut im Mond sitzen könnte, so wenig konnten wir ihm helfen. Wer das kam nur daher, daß wir alle Soldaten waren unb nichts von der See verstanden.
Natürlich hatten wir auch unsere eigenen kleinen Kümmernisse, die uns verbitterten, ebenso wie das Unrecht an unserem Kaiser. Viele von uns hatten einen hohen Rang inne gehabt unb wollten ihn wiedererhalten, wenn er seinen wiedererlangte. Wir hatten es nicht über uns gewinnen können, unter der weißen Fahne der Bourbonen zu bienen und den Eid zu leisten, der unsere Säbel gegen den Mann hätte wenden können, ben wir liebten. So waren wir denn ohne Tätigkeit und ohne Mittel. Was konnten wir also tun, als zusammenkommen und plaudern und murren, wobei diejenigen, die etwas hatten, die Zeche bezahlten, und diejenigen, die nichts hatten, sich brüderlich am Trinken beteiligten? Tann und wann, wenn uns'das Glück günstig war, arrangierten wir einen Streit mit einem von ber Garde du Corps, unb wenn wir ihn im Boulogner Wäldchen auf bem Rücken liegen gelassen hatten, fühlten wir, baß wir wieber 'mal etwas für Napoleon getan hatten. Allmählich kannten sie aber unsere Versammlungsorte unb mieden sie wie Wespennester.
In einem biefer Lokale — „Der Große Manu" — in ber Rue Varennes, verkehrten mehrere ber jüngeren höheren napoleonischen Offiziere. Fast alle von uns waren Oberste oder Adjutanten gewesen, und wenn jemand zu uns kam, ber nur einen geringeren Rang eingenommen hatte, so liehen wir ihn allgemein fühlen, daß er sich eine Freiheit genommen hatte. Zu unserem Zirkel gehörten Rittmeister Lspinc, der sich bei Leipzig die Ehrenmedaille verdient hatte; Oberst Bonnet, ber Adjutant Macdonalds ; Oberst Jourdan, dessen Ruf in der Armee gleich hinter meinem kam; Sabbatter von meinen eigenen Husaren; Meuuier von den Roten Laucicrs; Le Breton von der Garde unb ein Dutzend andere. Wir trafen uns jeden Abend, unterhielten uns, spielten Domino, tranken ein Glas Wein unb waren neugierig, wie langy, es noch dauern würde, bis ber Kaiser wieder zurück, unb wir wieder an der Spitze unserer Regimenter wären. Die Bourbonen hatten bereits jede Stütze im Volk, die sie vielleicht 'mal besessen hatten, verloren, was sich ja nach einigen Jahren zeigte, als Paris gegen sie ausstand, und sie zum drittenmal aus Frankreich vertrieben Ivurben. Napoleon hätte sich nur an der Küste sehen zu lassen brauchen, und er hätte ohne einen Flintenschuß nach der Hauptstadt »mrschieren können, genau ebenso wie damals, als er von Elba kam.
Nun, als die Dinge in diesem Stadium stauben, erschien an einem! iFebruarabend in unserem Cafe ein ganz seltsamer kleiner Mann. Er war nicht grafe aber riesig breit, hatte mächtige Schultern und einen abnorm großen Kopf. Sein ernstes, braunes Gesicht war von eigentümlichen; Narben durchfurcht, und er hatte einen graumelierten Bart, von der Fasson, wie ihn Seeleute tragen. Zwei goldene Ringe in den Ohren unb eine Menge Tätowierungen auf Händen unb Armen beuteten gleichfalls darauf hin, bah er Seemann war. Er stellte sich uns selbst als Kapitän Fourneau von ber kaiserlichen Marine vor. Er hatte an zwei ober ibrei von unseren Mitgliedern Empfehlungsschreiben bei sich, und es unterlag keinem Zweifel, bah er ein Anhänger unserer Sache war. Er erwarb sich auch bald unsere Achtung, denn er hatte so viele Schlachten gesehen wie nur einer von uns, und die Narben auf seinem' Gesicht hatte er sich in der Schlacht bei Abukir geholt, als er auf seinem Posten ausgeharrt hatte, bis ber „Orient" unter ihm in die blaue Lust flog. Doch sprach er wenig von seinen Erlebnissen, sondern saß in einer Ecke unb beobachtete uns mit einem Paar wunderbar scharfer Augen und hörte unseren Gesprächen zu.
Als ich in einer Nacht aus dem Cafö nach Hause gehen wollte, taut 'Kapitän Fourneau hinter mir her, nahm mich am Arm unb führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, eine ganze Weile, bis wir vor seiner Wohnung standen. „Ich Möchte gerne noch etwas mit Ihnen plaudern," sagte er dann und geleitete mich die Treppe hinaus in sein Zimmer. Dort zündete er eine Lampe an und überreichte mir ein Blatt Papier, das er aus einem Umschlag aus seinem Schreibtisch genommen hatte. Es war aus Schloß Schönbrunn bei Wien datiert unb erst ein paar Monate alt.
„Kapitän Fourneau handelt im heiligsten Interesse des Kaisers Napoleon. Die ihm ergeben sind, sollten ihm', ohne zu fragen, gehorchen. , Marie Louise."
Das' war der Inhalt des Schreibens. Ich kannte die Unterschrift ber Kaiserin sehr genau, und war nicht im! Zweifel, baß sie echt fei.
„Nun," sagte er, „genügt Ihnen meine Beglaubigung?" „Vollkommen."
„Sind Sie bereit, von mir Ordres entgegenzunehmen?" „Ties Dokument läßt mir keine Wahl."
„Gut! In erster Linie entnehme ich aus Ihren Bemerkungen int '(Safe, daß Sie Englisch können."
„Jawohl, das kann ich."
,'Geben Sie mir eine Probe davon."
Ich sagte ihm auf englisch: „Wann immer ber Kaiser die Hilfe Etienne Gerards braucht, so bin ich bei Tag und Nacht bereit, mein Leben in seinen Dienst zu stellen." Kapitän Fourneau lächelte.
„Es ist ein drolliges Englisch," versetzte er, „aber immerhin besser als gar kein's. Ich für Meine Person spreche englisch wie ein 'Engländer. Es ist alles, was ich von einer sechsjährigen Gefangenschaft in England profitiert habe. Nun will ich Ihnen sagen, weshalb ich nach Paris gekommen bin. Ich bin hierher gekommen, um mir einen Agenten auszusuchen, der mir in einer Sache helfen soll, die ich im Interesse des' Kaisers unternehmen will. Man erzählte mir, daß ich im Safe zum „Großen Mann" die Auslese seiner alten Offiziere finden würde unb wich darauf verlassen könnte, daß jeder Mann dort treu zu ihm stehe. Ich ftubierte Sie alle zu diesem' Zweck unb kaut zu bem Resultat, baß Sie ber geeignetste Mann zu meinem Vorhaben feien."
Ich gab dieses Kompliment zu und fragte: „Was wünschen Sie also von mir?"
„Weiter nichts, als daß Sie mir einige Monate Gesellschaft leisten," antwortete er. „Ich muß Ihnen initteilen, baß ich mich nach meiner Freilassung in England ansässig gemacht, eine Engländerin zur Frau genommen habe unb allmählich dahin gelangt bin, das Kominando über ein kleines englisches Handelsschiff zu bekommen, auf dem ich mehrere Reisen von Southampton nach der Küste von Guinea gemacht habe. Man betrachtet mich al§ Engländer. Sie werden sich jedoch vorstellen können, daß ich mich bei meiner Anhänglichkeit an ben Kaiser zuweilen recht, vereinsamt fühle und gerne einen Gefährten haben möchte, der mit mir sympathisiert. Man wird ganz verdreht unb stumpfsinnig auf diesen langen Fahrten, und ich würde mich freuen, wenn Sie meine Kajüte mit mir teilen und mir die Zeit vertreiben wollten."
Während dieser ganzen Unterhaltung sah er mir mit feinen verschmitzten grauen Augen scharf ins Gesicht, und ich' meinerseits blickte ihn auch so an, baß er merkte, er habe keinen Dummen vor sich. Er holte einen Segeltuchsack voll Geld herbei.
„Hier sind hundert Pfund in Gold brüt," sagte er. „Dafür können Sie sich einige Rciseutensilien kaufen. Ich möchte Ihnen empfehlen, bas in Southampton zu besorgen, von wo wir in zehn Tagen segeln werden. Das Schiff heißt ber „Schwarze Schwan Ich kehre morgen nach Southampton zurück unb hoffe, Ste tm Lauf der nächsten Woche dort zu sehen."
„Nun erzählen Sie mir aber auch frank und frei, was das Ziel unserer Reise ist," sagte ich.
„O, habe ich's Ihnen nicht schon angegeben?" Antwortete er. „Wir sind nach Guinea an ber afrikanischen Küste bestimmt."
„Wie 'kann das aber im höchsten Interesse des Kaisers liegen?" fragte ich weiter.
„In seinem höchsten Interesse liegt es, baß Sie keine indiskreten Fragen stellen, und ich keine indiskreten Antworten gebe, erwiderte er scharf. Damit machte er ber Unterhaltung etn Ende, unb als ich am anderen Morgen in meiner Behausung aufwachte, erinnerte mich nur das Säckchen mit Goldstücken an dieses seltsame Interview, das ich in ber Nacht gehabt hatte.
Ich hatte allen Grunb zu erfahren zu suchen, tote sich diese Geschichte weiter entwickeln würbe, und so befand ich imch denn innerhalb einer Woche auf dem Weg nach England. >zch fuhr von St. Malo nach Southampton, unb als ich mich am Hafen erkundigte, fand ich bald ohne größere Schwierigkeiten ben „Schwarzen Schwan", ein sauberes, kleines Fahrzeug von ber Gattung, bie man, wie ich später erfuhr, als Brigg bezeichnet. Kapitän Fourneau befand sich persönlich auf Deck, und sieben ober acht handfeste Burschen waren hart dabei, sie in Stand zu setzen und seeklar zu machen. Er begrüßte mich und führte mich hinunter in feine Kajüte.
„Sie gelten hier als Kanal-Insulaner, Herr Gerard, tagte er hu mir, „unb ich würde Ihnen daher dankbar fein, wenn Sie Ihre militärischen Allüren und Ihren Kavallenmon ab- legten, wenn Sic auf Deck- auf- unb abspazteren \ Em Bollbart würbe auch seemamismäßiger aussehen als biefer Schnurr- h^Jch war entsetzt bei diesen Worten, doch, allem Anschein nach, gab's auf hoher See keine Damen, unb was konnte 's also inetter schaden? Er klingelte nach bem Steward.
, Gustav," sagte er, „du wirst hier meutern Freund, Herrn Etienne Gerard, ber diese Reise mit uns macht, alle Aufmerksam- keiten erweisen. Tas ist Gustav Kerouan, Mein bretonischer Steward," fügte er erläuternd hinzu, „und in seinen Händen können Sie sich sicher fühlen." ,
Dieser Steward mit seinem rauhen Gesicht unb feinen strengen Augen sah für eine solch friedliche Beschäftigung recht kriegerisch aus. Ich äußerte jedoch nichts, obwohl ich, wie Sie sich denken können, die Augen offen hielt. Neben der Kajüte war eine Kabine für 'mich zurecht gemacht worden, die ziemlich; komfortabel ge°


