Ausgabe 
13.3.1913
 
Einzelbild herunterladen

162

'Sprich nichts weiter, Mutter. 'Au sollst mit mir Alfrieden sein."

Gestern abend sein versprechen vor dem Bilde desl Katers und eben seine Worte lassen sie hoffen. Aber alles Bangen ist noch lange nicht in ihr gewichen. Sie kennt Hans-Wilhelm Zu gut, mit dem Versprechen ist er schnell bei der Hand, aber das Halten fällt ihm schwer.

Als Haus-Wilhelm in Glossow vorfuhr, spähte er die Fensterreihen entlang, 06' er nicht Eva oder diesen Her- ,geschneiten Grafen Norderoog sehen würde. Es war nicht der Fall. Wohl aber trat sofort ein Diener an den Schlag'.

Guten Tag! Der Herr Graf erwartet den Herrn Ober­leutnant in seinem .Arbeitszimmer."

Da war also nichts zu wollen. Er stieg aus, durch­schritt die wohlbekannten Raume, und stand dem Grafen gegenüber.

Guten Tag, lieber Onkel!"

Tag, Hans-Wilhelm! Bitte, nimm Platz!"

Nicht einmal die Hand reichte ihm der väterliche Freund? Und wie kühl er ihln begrüßte! Ja, war er denn nicht der Oberleutnant von Moreth, dem man mit Achtung zu begegnen hatte? Er blieb stehen.

Nach diefer Begrüßung wird es wohl nicht nötig fein, Platz zu nehmen."

Ganz wie du willst." .

Rasch zog Hans'-Wilhelm die Brieftasche heraus und legte einen versiegelten Umschlag auf den Tisch.

Hier sind zwanzigtausendvierhundertundfünfzig .Mark. Ich danke dir für deine Hilfe."

Der Graf schloß gleichgültig den Geldfchrank auf und legte den Umschlag ohne ihn zu öffnen hinein.

Willlst du dich nicht in meinem Beisein vom In­halte überzeugen?"

Es interessiert mich nicht, was der Umschlag ent­hält."

Da biß sich der Offizier auf die Lippen, so wiitend war er.

Onkel, noch bin ich der Oberleutnant Hans-Wilhelm Von Moreth!"

Sehr richtig, noch bist du es! Au künnst dir das Ding da uneröffnet wieder holen, wenn Du's nicht mehr bist. Drüben in Amerika wirst du, falls du dann ar­beiten lernen willst, das Geld- gebrauchen können."

Das war zu viel.

Aus deutsch heißt das also: ich will nichts mehr mit dir Ku tun haben?"

Gut, daß du nicht allzu schwer von Begriffen bist." t

Also, adieu!"

Adieu!"

Wie vor den Kopf geschlagen verließ! er das' Zimmer.

Auf der Diele traf er mit Eva zusammen.

Hans-Wilhelm, tausendmal willkommen!"

Beide Hände streckt sie ihm entgegen.

Da lacht er bitter auf.

Frag' deinen Vater, ob ich's bin!"

Mit großen Augen sieht sie ihn an.

Kommst du heute noch nach Moreth herüber, Eva?"

Ich komme!"

Da schüttelt er ihr beide Hände, daß sie Schmerz empfindet. Dann springt er in den Wagen.

Und während- die Pferde den Wagen zum Hoftor hin- ausziehen, steht Eva am Portal, die Hand aufs Herz ge­drückt.

Aber Hans-Wilhelm dreht sich nicht um.

Rasch entschlossen geht sie zu ihrem Vater.

'Was ist vorgefallen zwischen dir und ihm?"

Ich habe ihm zu verstehen gegeben, daß. wir geschie­dene Leute sind."

Papa!"

Er hat lange genug Bedenkzeit gehabt."

Hast du gar nicht gedacht, wie dein Entschluß seine arme Mutter aufregen wird?"

Die Klugheit des Weibes war in ihr erwacht. Sie merkte auch sofort, wie empfindlich sie ihren Vater ge­troffen hatte.

Liebes Kind, wenn man nicht anders kann!"

Doch, du konntest anders handeln! Das ist nicht christ­lich, das ist hart!"

Eva, ich bin ein alter Wann und beiu Vater!"

Deshalb verletzt mich's doppelt schwer. Kürz und gut, ich werde nachher nach Moreth fahren."

Ich wünsche es nicht. Freilich, drch abzuhalten, steht nicht in meiner Macht."

Und ich werde nicht früher wieder mit Gras Norde­roog zusanrmentreffen, bis ich mit Frau von Moreth ge­sprochen habe!"

Und mit Hans-Wilhelm?"

Natürlich!" Bittend sah sie ihren Vater an.Papch wenn er nun heimgekehrt wäre, um sich zu bessern? Viel­leicht ist er zu dir gekommen, um deinen ost erprobten Rat zu hören, und du hast ihm die Tür gewiesen! Nur wenige Worte sprach ich mit ihm . er hüt von dir einen furchtbaren Schlag bekommen vielleicht den Todesstoß!"

Tief holte der Graf Atem. Wenn das der Fall gewesen wäre? Doch nein, wer sich in Spa unter die Hochstapler setzt, war in feinen Augen ein verlorener Mensch. Gewiß, auch anständige Leute spielen einmal am Roulettetisch, aber sie werfen den Rest ihres Vermögens nicht dem blindens Zufall in die Arme.

Ruhig erwiderter er:

Rur seine Schulden hat er mir bezahlt."

Hat er das?"

Ihre braunen Augen leuchten auf.

Zuzüglich viereinhalb Prozent Zinsen," sagt der Graf spöttisch.

j'Jst denn das in deinen Augen nicht ein Zeichein, daß er seine Verfehlungen gut machen will?"

Tu. bist zu sehr Partei, um klar zu sehen, liebe Eva."

Partei bist du auch."

Gewiß aber um seiner Mutter willen bin ich eher ein zu milder als zu strenger Richter."

Meinst du wirklich?"

Ja, das meine ich wirklich," entgegnete der Graf fest.Ich habe Nachsicht mit ihm gehabt über Ge­bühr."

Ich bin anderer Ansicht, und itnt klar zu sehen, werde ich sofort nach Moreth fahren."

Der Graf wird ärgerliche aber er beherrscht sich und zuckt nur stumm die Achseln.

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer des Brigadier Gerard.

Bon C. D o y l e.

(Fortsetzung.)

Wie der Brigadier sein letztes Abenteuer bestand.

Ich loerdc Ihnen in Zukunft feine Geschichten mehr erzählen, Meine lieben Freunde. Es heißt, daß. es dem Menschen ergehe wie den: Hasen, der int Kreis 'rum! läuft und zum Sterben wieder an die Stelle zurückkehrt, von der er ausgegangen ist. Die Gas­cogne hat jüngst ihren Sohn gerufen. Ich sehe die blaue Garonne, wie sie sich zwischen den Weingärten durchwindet, und den noch tiefer blauen Ozean, in den sie rhre Wasser ergießt. Ich sehe auch die alte Stadt und an dem langen steinernen Kai entlang den Wald von Masten. Meine Brust sehnt sich nach der Luft meiner Heimat und nach den erwärmenden Strahlen ihrer Sonne. Hier in Paris habe ich meine Freunde, meinen Zeitvertreib und meine Zerstreuungen. Dort sind alle, die mich kannten, ins Grab ge­stiegen. llnd trotzdem erklingt mir der Südwest, wenn er an meinen Fenstern rüttelt, wie die kräftige Stimme meines' Mutterlandes, die ihr Kind an ihren Busen zurückruft, und an den zurückzukehren, ich nun bereit bin. Ich habe meine Rolle in meiner Zeit gespielt. Die Zeit ist dahingegangen. Ich muß. auch dahingehen. Nicht doch, mes chers amis, schauen Sie nicht so traurig drein, denn was 'kann glücklicher sein als ein Leben, das iir Ehren vollendet Und durch Freundschaft und Liebe verschönt ist? Und doch ist es' auch wieder feierlich, wenn sich ein Mann dem! Ziele seiner langen Wanderung nähert und die Krümmung sieht, die ihn in das Unbekannte führt. Aber der Kaiser und alle seine Marschälle sind um' jene dunkele Krümmung herumgeritten und in das Jen­seits hinüber gegangen. Meine Husaren auch cs sind keine Fünfzig mehr, die nicht schon drüben warten. Ich Muß fort. Aber heute, am' letzten Abend will ich Ihnen etwas erzählen, was mehr ist als eine bloße Geschichte was ein 'großes historisches Geheimnis ist. Meine Lippen sind bis jetzt verschlossen gewesen', aber ich sehe keinen Grund, warum ich keine Kunde hinterlassen sollte von diesem merkwürdigen Ereignis, das sonst der Menschheit .gänzlich verloren gehen würde, weil ich, und ich allein, von allen Lebenden, die tatsächlichen Begebenheiten kennen.

Ich Muß Sie bitten, mes amis, mit mir in das' Jahr 1821 -Urückzugehen. In jenem Jahre war unser großer Kaiser sechs Fahre von Uns fort, und nur dann und wünn hörten wir über