Ausgabe 
13.2.1913
 
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foTtfen Gelegenheit ein französischer Marschall sicher bei her Morhnt 'ift. * ,

Plötzlich wurde es lichter vor nur, und ich merkte zu meuter Freude, daß ich mich am Rande des Waldes befand und bald ins Freie gelangen wiirde, wo ich die Armee sehen und den Marschall finden könnte. An der Stelle, wo das Pfäochen ausniündet, hegt eine kleine Waldschänke, wo Holzhauer und Fuhrleute ihr Glas Wein trinken. Ich hielt einen Augenblick mein Pferd an, um die Gegend in Augenschein ju nehmen. Ein paar Merlen ent­fernt lag der zweite große Wald, der vonSt. Lambert , aus dem der Kaiser die Truppen hatte Herausrommen sehen, ^ch sah leicht ein, warum sie von dem einen Wald Mm andern so viel Zeit brauchten: dazwischen zog sich der tiefe Engpaß von Lasnes hin, der überschritten werden mußte. Ich sah auch deutlich, wie eine Heersäule von Reiterir, Fußvolk und Artillerie den einen Abhangrunterzog und am anderen emporschwärmte, wahrend die Borhut schon um mich herum war. Eine Batterie reitenbe Artillerie kam die Straße entlang, und ich war eben rm Begriff, draufloszusprengen und den kommandierenden Offizier zu fragen, ob er mir nicht sagen könnte, wo ich den Marschall finden würbe, als ich plötzlich bemerkte, daß die Kanoniere, obwohl sie blau montiert waren, nicht den Dolrnan mit den roten Aufschlagen trugen, den unsere reitenden Artilleristen hatten. Ganz erstaunt betrachtete ich zu meiner Rechten und Linken diese merkwürdigen Soldaten, als plötzlich eine Hand mein Bein faßte. Es war der Wirt, der aus seiner Kneipe herausgesprungen war.

Allmächtiger Gott!" rief er,was machen Sie hier?, Mas haben Sie vor? Sie sind wohl von Sinnen?!"

Ich suche den Marschall Grouchy."

Sie sind mitten im preußischen Heer, Kehren Sie um ftnd fliehen Sie!" ~

Unmöglich: das ist doch das Korps Grouchhs,"

Woher wissen Sie das?"

Weil's der Kaiser gesagt hat."

Dann befindet sich der Kaiser in entern schweren Irrtum! Ich sag' Ihnen, daß eine Patrouille schlesischer Husaren ut diesem Augenblick mein Lokal verlassen hat, Haben Ste ste picht im Wald gesehen?"

Husaren hab' ich !vohl gesehen,"

>,Es sind feindliche." 1

Wo ist Grouchy?"

Er ist dahinter; sie haben ihn überholt."

Wie kann ich da Mrückreiten? Nur wenn ich vorwärts gehe, kann ich ihn vielleicht treffen. Ich muß meinen Befehl ausführen und ihn ausfindig machen, wo er auch stecken mag.

Der Mann iiberlegte einen Moment.

Rasch! rasch!" rief er und erfaßte meinen Zügel.Tun Sie, was ich Ihnen sage, und Sie können womöglich noch durch­kommen. Man hat Sie noch tticht bemerkt. Kommen Sie nut, und ich will Sie verbergen, bis sie vorbei sind."

Hinter seinem Haus war ein niedriger Stall, da trieb er Violetta hinein. Dann führte er mich halb und zerrte mtch halb iit die Küche seiner Wirtschaft. Es war ein kahler, mit Steinen gepflasterter Raum. Ein stämmiges, rotbackiges Werb briet Kotelettes auf dem Herd.

Was ist beim nun los?" fragte sie und sah unfreundlich bald mich und bald den Wirt an.Was ist das fürn Kerl, den du da mitbringst?"

Es ist 'n französischer Offizier, Marie. Wir dürfen ihn nicht von den Preußen gefangen nehmen lassen,"

Warum nicht?"

1Warum nicht? Zum Donnerwetter! war ich nicht selbst ein napoleonischer Soldat? Hab ich nicht eine Ehren-Muskete Unter den Garde-Veliten erworben? Soll ich zusehen, tote ein Kamerad vor meinen Augen gefangen genommen wird? Nein, wir müssen ihn retten, Marie."

Aber die Frau sah mich immer noch sehr unfreundlich an.

Peter," sagte sie,du wirst nicht eher ruhn, bis sie birg Haus über 'm Kopf anstecken. Verstehst bu denn nicht, du Schafs­kopf, daß du nur für Napoleon gekämpft hast, weil er Herr von Belgien war? Jetzt ist ers nicht mehr. Tie Preußen sind unsere Verbündeten, und das ist unser Feind. Laß mit ihm werden, was will!"

Der Wirt kratzte sich hinter den Ohren und guckte mich ver­zweifelt an, aber es war mir sehr klar, daß dieses Weib'sich weder um Frankreich, noch um Belgien Sorge machte, doA ihr nur die Sicherheit ihres eigenen Hauses so sehr am Herzen lag.

Madame," sagte ich toürbig und fest,bet Kaiser schlägt die Engländer, und eh 's Abend wird, werden die Franzostn hier sein. Wenn Sie mich gut behandeln, werden Sie belohnt werden, verraten Sie mich aber, so werden Sie dafür büßen müssen, und Ihr Haus wird sicher vont Geueralprofoß niedergebrannt werden."

Das Machte sie ängstlich, und ich suchte sie nun rasch auf ttitbere Weise vollends umzustimmen.

Ich halte 's für ganz unmöglich, daß eine so schöne Frau so hartherzig sein kann. Sie werden mir sicher die Zuflucht jetzt nicht verweigern."

Sie betrachtete Meinen Schnurrbart, Und ich bemerkte, wie fie sanftmütiger wurde. Ich erfaßte ihre Hand, und nach ein paar Minuten standen wir aufnem solchen Fuß miteinander, daß ihr Mann rnird 'raus erllärte, er selbst würde michnaussetzen, tuen« ichs so weiter triebe.

Uebrigens, die Straße ist voller Preußen," schrie er.Ge­schwind! geschwind! aufn Boden!"

Geschwind! geschwind! aufn Boden!" echote seine Frau, und eiligst schoben sie mich an eine Leiter, die zu einer Falltür an der Decke führte. Es klopfte laut an der Haustüre, so daß Sie sich vorstellen können, Messieurs, daß es nicht lange dauerte, so waren meine Sporen durch das Loch verschwunden, und bte Tür wiederrunter gelassen. Im nächsten Augenblick hörte ich in den unteren Räumen die Stimmen der Deutschen.

Ich befand mich in einem einzigen großen Raum, dessen Decke das Dach bildete. Er ging über die eine Hälfte des ganzen Hauses, und durch die Ritzen konnte ich nach Belieben in die Küche, ins Gastzimmer und aufs Büffett gucken. Es gab zwar kerne Fenster auf bem Boden, aber infolge noch nicht vollständlg be­endigter Reparaturen und mehrerer fehlender Ziegel jtel Licht rein, und ich konnte meine Beobachtungen anstellen. Der Platz war mit Gerümpel angefüllt in einer Ecke lag ein Saufen! Heu und in der anderen war ein mächtiger Haufen leerer Flaschen aufgetürmt. Es gab weiter keine Tür- oder Fensteröffnung als das Lock), wodurch ichraufgekrochen war.

Ich setzte mich ein paar Minuten auf den Heuhaufen, um mich zu sammeln und Pläne zu schmieden. Es war sehr fatal/ daß die Preußen eher auf dem Kampfplatz ankommen sollten als unsere Reserven, doch schiens nur ein einzelnes Korps zu fein', und ein Armeekorps mehr oder weniger machte einem Manne wie dem Kaiser wenig aus. !Er konnte diese Unterstützung den Eng­ländern ruhig zuiomtuen lassen, und sie doch noch schlagen. Das Beste, wodurch ich ihm dienen konnte, nachdem Grouchy nun 'mal doch noch hinten war, war, hier zu warten, bis sie vorbei waren; und dann meinen Weg fortMsetzen, den Marschall aufzusuchen und ihm die kaiserlichen Orders zu überbringen. Wenn er auf die Nach­hut der Engländer vorrückte, anstatt die Preußen zu verfolgen; so würde alles gut werden. Das Schicksal - Frankreichs hiirg von meinem Urteil und meinen Nerven ab. Es war nicht das erstemal/ mes chers amis, wie Ihnen ja zur Genüge bekannt ist, und Sre wissen auch, daß ich wohl berechtigt war, mich auf mein Urteil und Meine Nerven zu verlassen, daß, sie nie mit mir durchgehen wurden. Der Kaiser hatte für seine Mission entschieden den richtigen Mann ausgesucht.Den berühmten Boten", batte er mich genannt. Ich wollte mich dieser Auszeichnung würdig er­weisen.

Es war ganz klar, daß ich nichts unternehmen konnte, bevor die Preußen vorüber waren; so benutzte ich meine Zeit, fte M beobachten. Ich habe keine Vorliebe für dieses Volk, aber ich muß lagen, daß sie eine ausgezeichnete Disziplin hatten, denn kein Mann ging ins Wirtshaus', obwohl sie sicher durstig waren und vor Erschöpfung beinahe umfielen. Die an bte Türe gepocht hatten, hatten einen ohnmächtigen Kameraden gebracht und waren; nachdem sie ihn hingelegt hatten, unverzüglich wieder ins Glied zurückgekehrt. Sie brachten noch Mehrere und legten sie ebenso in die Küche, während ein blutjunger Assistenzarzt, der kaum ben Knabenschuhen entwachsen war, zu ihrer Pflege zurückbheb. Nach­dem ich sie durch die Spalten am Boden beobachtet hatte, ging ich nun an die Löcher im Dach, von denen aus ich genau sehen konnte, was draußen vorging. Das preußische Korps zog noch immer vorbei. Man sah ihnen leicht an, daß sie schon einen furcht­baren Marsch hinter sich hatten und wenig gegessen hatten, denn die Leute sahen sehr schlecht aus und waren von oben bis unten mit Schmutz bedeckt, well fte auf ben schlammigen, schlupfrigen! Wegen oft ausgeglitten und gefallen waren. Aber so erschöpft sie auch waren, ihr Mut war erstaunlich/ und fte schoben und zogen an den Kanoneuwagen, wenn die Räder bis an dteNabeu in Treck sanken, und die müden Pferde, ebenfalls bis an bte Sitte tut Kok, nicht imstande waren, sie durchzuschleppen. Die Offiziere rrtten auf und ab und spornten die Tätigeren durch Worte des Lobes an und die Lässigeren durch Schläge mit der flachen eäbefflinge. Während der ganzen Zeit ertönte von lensetts des Waldes der furchtbare Schlachtenlärm zu ihnen herüber, als ob sich alle Flüsse der Erde zu einem einzigen.mächtigen.Strom vereinigt hatten, der brausend und krachend in die Tiefe stürzte. Wie der W gewaltigen Wasserfalles erschien die lange Rauchwolke, die hoch über den Bäumen hinzog. Die Offiziere deuteten mit bem Säbel danach hin und trieben mit rauhen Rufen aus ihren ausgetrockneten! Kehlen die schmutzbedeckten Mannschaften vorwärts nach der I Schlacht Eine Stunde lang hatte ich sie schon vorüberziehen leben, und ich rechnete mir aus, daß ihre Vorhut bereits auf bte Mar- botschen Vorposten gestoßen, und daß der Kaiser schon von ihrer Ankunft unterrichtet sein müsse.Ihr marschiert recht schnell drauf zu, meine Freunde, aber rückwärts wirds wohl noch bedeutend schneller gehen," sagte ich zu mir selbst und tröstet« mich mit diesem gebauten. *

(Fortsetzung folgt.)