Ausgabe 
13.1.1913
 
Einzelbild herunterladen

28

ich machen, wenn mir in ein mir liebes Buch oder in eine mir interessante Zeitung Reklamezettel gelegt werden, die mich fort- währeird in meinem Gedankengang unterbrechen mtb stören? Dies Unwesen hat bei uns, besonders in der Weihnachtszeit, neuer­dings einen derartigen Umfang angenommen, daß es wohl an der Zeit ist, dagegen einmal Einspruch M erheben. Es gibt be­stimmte Zeitschriften, auch Tageszeitungen, die um btefe. Zeit mit einem solchen Ballast von Reklamen zwischen den Blattern eingelegt vollgestopft sind, daß, man sich zu deut eigentlichen Inhalt erst ivie durch ein Gestrüpp durcharbeiteu muß und ost alle Lust !nnd Stimmung vertiert, ehe man aufängt zu $efen. Und wenn auch interessante historische Werke oder Gedichtsannu- luugen derartige Reklamezettel bergen, so wirkt das vollends wie eine Ohrfeige. Ich frage mich, mit wem unterhalte ich mich denn da eigentlich, mit Grillparzer und Rauke oder mit dem Herrn, der die und die Zigaretten vertreibt? Der zweite laßt die ersteren nicht zu Worte kommen. Die Reklame mag dahin gehen, wo sie hingehört, in den Inseratenteil der Zeitungen ober, auf Schinne und Plakatwände, aber sie soll mich in Ruhe lassen, wenn rch Mit einem bedeutenden Menschen oder mit einem fernen Künstler sprechen will. Suppenwürze und Glanzwichse sind gewiß sehr nützlich für die Menschheit, aber ivarum müssen sie sich in eine Gesellschaft begeben, der sie durchaus nicht gewachst, sind? Dies ganze Treiben mit den in die Bücher und Zeitschriften gelegten Reklamezetteln ist eine kulturwidrige Unverschämtheit, die wir uns als künstlerisch fein empfindendes Volk nicht gefallen lassen sollten. Nebenbei bemerkt, eine völlig nutzlose denn ich für mein Test übergebe alle diese Reklamen ohne auch nur den kleinsten Bttck darauf zu werfen, rücksichtslos dem Papierkorb, und ich bin sicher, es gibt Taufende im Deutschen Reiche, die es ebenso machen. Der Lauf unserer Kultur bringt es nun einmal mit sich daß wir den aufdringlichen Menschen als das Unangenehmste empfinden, nicht minder aber die allzu aufdringliche Reklame.

* Ein unausrottbarer Schnitzer. Wir sprachen schon neulich darüber, welch ein törichter ißbrauch es sei, Geburts­anzeigen so abzu'asfen, als wenn das Kind mit dem Na in e n ani die Welt käme. Wenn nun die sonstige Form der Anzeige noch richtig ist, mag man diese Modeschrulle ja verzeihen. Ader allznoft liest man jetzt:Die Geburt nuferes (statt: ihres!» Sohnes Heinz beehren f i ch anznzeiqen Karl Müller nnd Frau." Was haben denn eigentlich ..Karl Mullers" damit zu tun, wenn uns" ein Sohn geboren wird? fo kann inait da mit Recht wagen; die Geburtunseres" Sohnes beehren fich ivildiieurde Menschen anzuzeigen? eine edle Dreistigkeit! Dieser Schnitzer, dieser - wie's scheint unausrottbare Schnitzer ist also aus den Verlobungs- anzeigen nun auch in diese Art Geburtsanzeigen eingedrnngen. Dort hatten wir ihn ja schon recht häufig gelesen, z. B.:TieVer- lvl'unt unserer ältesten Tochter Dodo nut Herrn Karl von Mrgmdsheim beehren sich anzuzeigen Ernst Pomnchelskopp und Iran." Wie kommen eigentlich Pomuchetskopps dazu, sich in uniere" Familie,iverhältnifse zu mischen? 2lber, über die meiste» merken den Braten gar nicht ja es soll sogar vorkominen, daß freundliche Ermahnungen, richtiges Deutsch zu schreiben, als unberechtigte Einmischung abgewehrt werden. Zst es das aber wirklich? Sollte nicht eigentlich jeder Dentiche wissen und ver­stehen, daß es nur heißen kann: Tie Geburt unseres Sohnes beehren wir uns anzuzeigen. K. M. nnd Frau, oder: Tie Geburt ihres Sohnes beehren s i cd anzuzeige» K. M. und Frau, und ebenso bei den Berlobungsanzeigen? Eigentlich ja!

kf. Was die Amerikaner verrauchen. Tie ameri­kanische Finanzverwaltung hat jüngst eine Stafistik über den Tabakverbranch in der Union während des 3. Vierteljahres des Kahres 1912 veröffentlicht. Danach haben die Nordamerikaner in dieser kurzen Zeit 3 800 000 000 Zigarren nnd 1950 000 000 Zigaretten verraucht. Der Zigarettenverbrauch ist gegenüber dem entsprechenden Vierteljahre 1911 ganz gewaltig, nämlich um eine volle Milliarde gestiegen. Diese Riefenzahlen sehen auf den ersten Blick ganz überwältigend ans, aber wenn sie richtig sind, müssen die Nordamerikaner recht mäßige Raucher fein. Das tzeigt sich, wenn man sich die Zigarren und Zigaretten gleich- üiiäßig auf die Bevölkerung verteilt beitft. Rechnet man mit der runden Zahl von 90 Millionen Einwohnern, so kommen auf jeden 42 Zigaretten und 21 Zigarren. Etwa die Hälfte der Einwohner der Union find nun Frauen, und von der übrigen gjälfte, die die männlichen Amerikaner umfaßt, ist ein Drittel die Kinder und ein weiteres die Nichtraucher ausznfcheiden. Die obengenannten Zahlen sind daher mit 6 zn multiplizieren. Das heißt: die Raucher der Vereinigten Staaten verrauchen im Viertel­jahre rund 250 Zigaretten und 125 Zigarren, also wenn man das Vierteljahr zu 90 Tagen rechnet, täglich l2/s Zigaretten und 6/g Zigarren. Das ist wirklich recht bescheiden!

* Ein Schicksalsdrama im Leben. Nach 20 Jahren hat am Dienstag auf der Farm .Honey Grove in Texas das Schicksal an dem Farmer Henry Ziegland Rache genommen. Vor 20 Jahren verlobte fich der wohlhabende junge Ziegland mit Mathilda Tichnor, aber wenige Tage vor der Heirat brach er plötzlich die Beziehungen zu der Erwählten ab. Das junge Mäd­chen, eine berühmte Schönheit, wurde tiefsinnig und beging Selbst­mord. Der Bruder wollte die Schwester rächen, traf Ziegland auf 1

dessen Gute unter einem Bannte, zog den Revolver und feuerte. Die Kugel streifte Ziegland am Kopse und drang in den Staunst des Baumes. Als der Mörder sein Opfer taumeln sah, glaubte er­den Mann, der seine Schwester verraten hatte, getötet zu habenr unb sofort beging er Selbstmord. Ziegland erholte sich bati> von seiner leichten Verletzung und heiratete eine reiche Witwe. Am Dienstag wollte der Farmer mit seinem Sohne den Baum fällen, in dessen Stamm noch immer die Kugel des jungen Tichnor saß. Der Stamm war zu groß, um mit der Axt gefällt zu werben,- unb so benutzte man eine schwache Ladung Dynamit. Die Ex­plosion erfolgte unb tödlich getroffen, sank Ziegland nieder. Als die Aerzte den Toten untersuchten, erwies sich, daß die in bent Stamm sitzenbe Kugel durch die Gewalt der Explosion sortge- schleubert warb. Dieselbe Kugel, die damals eine Untreue rächen sollte, war nun, nach 20 Jahren, in ben Schäbel Zieglands- getrieben worben.

Sprachecke de; Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.

Entbehrliche Fremdwörter.

Argument

Beweisstofs

'Jiefnltat

Ergebnis

Genius

Scliutzgeist

Vision

Geistergesicht

Re'ormer

Neuerer

Parallele

Seitenstück

Theina

Vorivur!

Weltiystem

Wettentstehttngslehre

Manuskript

Handichrfit

Jdealisiertlng

Verklärung

SDhlieu

Bannkreis

Perspektive

Aussicht

psychologisch

seelisch

analysierend

zergliedernd

charakteristisch

bezeichnend.

Was links ftebt, das find

fo einige der Lieblingswärtchen der

meiste» züustigen Gelehrte»:

ivas redits siebt, sind Ausdrücke, die

auch einer von der Zunit, Gunter Jacoby in Greiiswald, in feinem Buche überHerder als Faust" auweudei, weil er offenbar der gediegenen Ileberzeuaung lebt, daß Fremdwörter gar so oft nur Schall und Rauch sind und daß man sich dentiche» L'eiern gegen­über auf dentich deutlicher und verständlicher ausdrücken kann.

Wann wird die Zett fonnnen, daß alle deutschen Gelebtte» so vernünstig find? Selbstverständlich passen jene Verdeutschungen nicht überall, sie sollen also auch hier durchaus nicht als einzige vorgescblagen werde». Aber sie zeigen, daß bei redlicher Absicht sich auch beutfd) jo manchesWwenichas.liehe" sage» läßt.

Mchertisch.

Mnsik für Alle". Tie volkstümliche Noteitbibliothck Musik für Alle" (Verlag Ullstein u. Co., Berlin-Wien) gibt soeben ihr hundertstes Heft heraus. In dem Ent­wicklungsgänge einer populären Notenbibliothek, gewiß ein be­deutsamer Merkstem, der Zeugnis ablegt für einen gedeih ichen Auf­stieg. Ans allen Gebieten ocr :viu)uitl.-rutur hat dieMusik für Alle" den interessanten Stoss gezogen für die Verbreitung guter' unb edler Musik, so wie sie and) dem gefälligen Genre, besonders der Operette und dem Tanze volle Berücksichtigung hat zuteil werden lassen. So umfaßt denn diese in ihrer Vielseitigkeit un­erreichte Notenbibliothek jetzt schon eine reiche Fülle von Schätzest der Musik, getreu ihrem Titel. Tie Musik für Alle wendet sich tat­sächlich an die Musikfreunde, die alle Arten der Musik in leicht spielbarer Ausgabe kennen lernen wollen. Die Hervorragendsten Produkte der klassischen Musik, wie Brahms, Bach usw. sowie die beliebtesten Opern, vom Freischütz bis zum Lohengriu unb Tristan bis zur Cavalleria unb Operetten Schöne Helena, Geisha, Mikabo, Dollarprinzessin, Graf von Luxemburg usw. wie and) die im Volke lebenden: Lieder und Weisen haben durch die praktische unb musikalisch einwandfreie Uebcrtragung auf bas Klavier in biefer 50-Pfg.-Notenbibliothek eine neue Verbreituna erfahren. Das Jubiläumsheft der Musik für Alle (Aida" vol Verdi) wirb zweifellos dazu beitragen, die Erkenntnis von den inneren Wert der einzigartigen Sammlung noch weiter zu festigen

Magisches Dreieck.

I» die Felder nebeustehender Figur sind die Buchstaben aaaaeeillminssss derart einzutrage», daß die einander ent­sprechenden wagerechten unb senkrechten Reihen gleichlautend folgendes bedeuten:

1. Beliebten Singvogel.

2. Einen Fluß.

3. Em Tier.

4. Fürwort.

5. Einen Buchstaben.

(Auflösung in der nächsten Nummer.)

Auslösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: D o » o u w a 1 z e r.

Redaktion: kk. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lauae, Gießen.