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„Jourdan in Ronen und Marmont in Pans sind zur weißen Kokarde übergetreten, Talleyrand hät Ney zu dem gleichen Schritte I beredet. Es liegt ganz klar auf der Hand, daß, jeder weitere I
sich allein haben können. Ich will Ihnen anvertrauen, wie
Vermrdchtes.
— Der ungehobelte Gast. Wenn mir jemand, den ich nicht eingeladen, zur Tür hereintritt, ohne anzuklopfen, und sich breitspurig auf einen Stuhl setzt, den ich ihm! nicht angeboten, so steht meine Meinung über die Manieren eines, solchen Zeitgenossen von vornherein mit erfreulicher Deutlichkeit fest. Wenn ick mich mit einem mir angenehmen Menschen unterhalte, und ent dritter unterbricht mich und drängt sich fortwährend m mein Gespräch, so heiße ich ihn einen Flegel und bitte ihn, das Feld seiner Tätigkeit baldigst anderswohin zu verlegen. Was aber soll
die Dinge lagen.
Es war nach der Schlacht bei Fore Champenoise. Die Konskribierten in ihren blauen Blusen und Holzschuhen hatten tapfer standgehalten, aber die Weitsichtigeren unter uns sahen doch, daß alles verloren war. Man hatte uns unsere Munition wcg- genommen, und was konnten uns stumme Flinten und Kanonen nützen? Aber auch die Kavallerie war in einem jämmerlichen Zustande, hatte sich doch meine eigene Brigade bei Cramme aufgelöst. Zu alledem kam noch die Nachricht, daß der Feind tn Paris war, daß die Bürger die weiße Fahne gehißt hatten, und endlich — vH, traurige Kunde — daß Marmont mit fernem Heere zu den Bourbonen übergegangen war. Da blickten wir einander an und fragten uns, wie viele Generäle wohl noch unserer Sache abtrünnig werden würden. Waren es doch bereits Jourdan, Marmont, Murat, Bernadotte und Jomini — zwar aus dem letzteren machte sich niemand viel, denn seine Feder war scharfer als sein Schwert. Bisher hatten wir uns unterfangen, Mit Europa Krieg zu führen, und o weh, jetzt hatte.es den Anschern, als tob auch noch halb Frankreich gegen uns sein würde.
Wir waren in Eilmärschen nach Fontainebleau marschiert und hatten dort die armseligen Trümmer unserer Truppen zu- sammengezogen. Aber wenn wir uns auch alle vereinigten, Ney, mein Vetter Gerard, Macdonald — mehr als 30 000 Mann konnten wir nicht mehr ins Feld bringen. Doch wir hatten unseren Rus, der 50 000 weitere aufwog, und hatten unseren Kar,er — abermals 50 000 dazu! Der letztere war immer unter uns, immer heiter lächelnd und guten Mutes, nahm sein Prischen und spielte mit der kleinen Reitpeitsche. Nicht bei seinem größten Siege ist es mir bedauernswerter erschienen, als ■ ber dieser Campagne in Frankreich selbst. . .
Nun, eines Abends saß ich mit einigen Offizieren bei einem Glase Wein — nicht vom besten, meine Freunde, denn die Zeiten waren damals schlimm für uns. Plötzlich kam ein Boote von Berthier, der mich zu sehen wünschte. Mit öftrer Erlaubnis werde ich, so ost ich von meinen alten Kriegskameraden rü>e, alle jene vornehmen Titel weglassen, welche ihnen während der Kriegsjahre zugthallen waren. Dergleichen hohe Namen mögen ja bei Hose ganz gut sein, aber im Lager hörte man überhaupt nichts davon, denn wie hätten wir unfern Ney, Rapp oder auch unfern Sonst fallen lassen können? Hatten doch diese Namen einen Klang, der uns durch und durch ging, gleich der Trompete, die zur Reveille bläst! Also Berthier ließ mich holen.
Er bewohnte eine Reihe Zimmer nicht weit von denen des Kaisers; als ich in das Vorzimmer trat, fand ich schon, zwei Männer vor, die mir wohlbekannt waren — Oberst Despienne, von den Linientruppen und Hauptmann Tremeau, von den Jägern, beides alte, erprobte Soldaten. Allerdings war Tremeau nun schon ein wenig steif, hatte er doch bereits in Aegypten die Flinte getragen, aber Despienne konnte jedermann noch als Vorbild dienen. Denken Sie sich einen Burschen, drei Zoll unter der richtigen Größe eines Mannes —- er war genau um drei Zoll kleiner als ich — aber in Hieb und Stich kam er mir bemalst an Gewandtheit gleich. Was Wunder, daß! wir etwas in der Luft witterten, als wir fanden, daß man drei Männer von unfern Eigenschaften zu gleicher Zeit in dasselbe Zimmer geführt hatte? Man kann doch nicht den Salat neben seinen Zutaten erblicken, ohne einen fertigen Salat zu vermuten?
„Potz Blitz !" rief Tremeau in seiner abrupten Weise, „wollen uns wohl drei Bourbonen über den Hals schicken?"
Das war kein übler Gedanke; jedenfalls würde man in der ganzen Armee keine drei Manner gesunden haben, die sich besser für ein derartiges Geschäft geeignet hätten.
„Ter Fürst von NeufchLtel wünscht, mit dem Brigadier Gerard zu sprechen," meldete jetzt eilt Diener. Ich stieg davon und die ungeduldigen Blicke meiner Gefährten geleiteten mich.
Ein kleines, jedoch sehr prächtig ausgestattetes Gemach nahm mich auf. Berthier saß an einem Tische; er hatte einen Bleistift in der Hand und ein offenes Notizbuch vor sich. Wie hatte sich der Mann verändert! Ehemals pflegte er die Mode tn der Armee anzugeben und hatte uns ärmere Offiziere oft bald zur Verzweiflung gebracht, wenn er in diesem Feldzuge seine Uniform mit Pelz, im nächsten mit grauem Astrachan besetzt hatte Heute dagegen trugen seine Züge einen müden, sorgenvollen Ausdruck, seine Kleidung zeugte von einer großen Gleichgültigkeit gegen seine äußere Erscheinung. Ms ich eintrat, schaute er von feinem Buche aus, und der Blick, womit er mich begrüßte, hätte etwas Lauerndes, Mißvergnügtes,
„Brigadeches Gerard?"
„Zu Diensten, Hoheit." . ,
. ,Jch muß Sie vor allen Dingen bitten, mir Ihr Ehrenwort als Mann und Soldat zu geben, daß alles, was ie&tjty tieften uns vorgeht, jeder dritten Person ent Geheimnis bleibt. .
Der Tausend, ein netter Anfang ; aber was blieb nur übrig, als seiner Aufforderung nachzukommen? .
„So w-ssen Sie denn, begann er, „daß es nut dein Kai|er aus ist." Er Iftitte den Kops gesenkt und sprach so lang|am, als tob sich die Worte nur mühsam seiner Brust entringen konnten.
Widerstand vergebens ist, daß er nur Elend aus unser Land häuft. Und nun möchte ich Ihnen die Frage vorlegen, ob Sie willens sind, mit mir Hand an den Kaiser zu legen, ihn den Verbündeten M überliefern, und so fernerem Kriege ein Ende zu machen?"
Dieses schändliche Ansinnen setzte mich dermaßen in Erstaunen, daß ich zu keiner Antwort fähig war. Was sollte denn das heißen? Dieser Mann da vor mir war doch des Kaisers ältester Freund, er hatte mehr Gunstbezeigungen von seinem Herrn emp- ängen, als irgend ein anderer! Er aber klopfte mit dem Bleistift an seine Zähne, schielte mich von der Seite an und fragte nach eiltet 533 eile * ,,d^uit
„Ich bin 'auf dem einen Ohr etwas taub, es gibt Dinge, die ich absolut nicht verstehen kann, und Sie erlauben mir daher wohl, zu meinem Dienst zurückzukehreii."
Er stand auf und legte die Hand auf meine Schulter. „Seien Sie doch nicht so härtköpfig. Sie wissen ja, daß der Senat gegen Napoleon ist, und auch der Kaiser Alexander will nicht mehr mit ihm verhandeln."
Da wurde ich aber hitzig. „Mein Herr," rief ich, „merken Sie sich, daß ich weder nach dem Senat noch nach dem Kaiser Alexander einen Pfifferling frage."
„So?" sprach er gedehnt, „nach wem fragen Sie denn?"
„Nach meiner eigenen Ehre und nach dem Dienste meines gnädigsten Herrn, des Kaisers Napoleon."
„Das ist ja alles ganz schön," entgegnete er mürrisch, die Schultern zuckend, „aber Tatsachen b.leiben doch Tatsachen, und ein kluger Mann rechnet damit. Wollen wir uns gegen den Willen ber ganzen Nation auslehüen? Wollen wir zu allem Unglück auch noch einen Bürgerkrieg heraufbeschwören? U eher dies ist unser Heer zusammengeschmolzen, und jede Stunde bringt Kunde von neuen Ueberläufern. Jetzt ists noch Zeit; es liegt in unserer Hand, Frieden zu machen, und außerdem sind wir der höchsten Belohnung sicher, wenn wir den Kaiser ausliefern."
Jetzt bebte ich so vor Wut, daß mir der Säbel gegen die Beine schlug. „Monsieur," rief ich, „daß! ich den Tag erleben muß, wo ein Marschall von Frankreich sich so tief erniedrigt! Finden Sie sich mit Ihrem eigenen Gewissen ab; ich.aber schwöre hiermit, daß das Schwert eines Etienne Gerard so lange zwischen dem Kaiser und feinen Feinden stehen soll, bis er selbst mich von meiner Pflicht entbindet!"
Meine Worte und die Stellung, die ich dabei eingenommen, bewegten mich so, daß mir die Stimme versagte, und ich fast in Tränen ausgebrochen wäre. Ach, hätte mich doch die ganze Armee in dem Moment sehen können, wo ich, die Hand auf dem Herzen, Meine Ergebenheit für den bedrängten Kaiser kundgab. Fürwahr, einer der erhabensten Augenblicke meines Lebens!
„Gut!" sagte der Marschall, indem er nach dem Lakai klingelte. „Führen Sie den Herrn Bridagechef Gerard in den Salon!"
Der Mann geleitete mich in ein benachbartes Zimmer und Hieß mich Platz nehmen. Ich aber hegte keinen größeren Wunsch, als von hier fortzukommen und konnte gar nicht begreifen, warum man mich noch zurückhielt. Wenn man einen ganzen langen! Feldzug hindurch genötigt gewesen ist,' immer dieselbe Uniform zu tragen, dann fühlt man sich in einem Palast nicht heimisch.
Nachdem ich eine Viertelstunde so gesessen hatte, tat sich die Tür abermals auf, und der Oberst Despienne wurde herein- gelassen. Mein Gott, wie sah der Mann aus! Sein Gesicht weiß wie die Gamaschen eines Leibgardisten, die Augen weit Heraus-, getreten, die Adern an seiner Stirn angeschwollen, während sich die Haare seines Bartes sträubten wie das Fell einer zornigen Katze. Reden konnte er nicht — nein, dazu war er zu 'wütend — aber er stieß gurgelnde Laute hiervor, die mir wie „Mörder! Viper!" klangen, und ballte die Hände.
Natürlich merkte ich sofort, daß man ihm den gleichen Vorschlag gemacht hätte, wie mir, und daß er sich ganz so, wie ich selbst, dazu gestellt hätte. Nun waren zwar unsere Lippen durch unser Versprechen versiegelt, aber ich durste doch „Scheußlich! Unerhört!" vor mich hinbruMmen, so daß er wenigstens sah, ich war derselben Meinung, wie er.
Während er noch so mit langen Schritten das Zimmer durchmaß, und ich in Meiner Ecke zustimmende Laute von mtt gab, erhob sich plötzlich in dem Gemach, das wir kürzlich verlassen, ein seltsamer Lärm' — fast klang es wie das Knurren eines bissigen Hundes, der etwas gepackt hat. Draus ein Krach, und eine Stimme, welche um Hilfe rief. Wir stürzten schnell hinein, und mon Die», wir kamen nicht zu früh.
(Fortsetzung folgt.)


