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kosend und ganz feine, fast quietschende Begrüßungstöne ausstoßend, seinen mächtigen Kopf an Peters Knien.
„Na, siehst du. Jetzt weißt du, wer ich bin, mein altes, kluges Tier!" ..
„Vorwärts, vorwärts!" mahnte Carvalho, „geben Sie ihm den Bissen!"
Peter empfand einen Stich im Herzen, aber er sah ein, er mußte gehorchen. Er hielt dem Hunde die verräterische Gabe hin; dieser verschluckte sie argslos und begann sich schon nach wenigen Sekunden in Krämpfen zu winden. Peter hatte ein Gefühl, als ob er einen Menschen umgebracht hätte; er kam sich ehrlos und erbärmlich vor.
„Das arme Vieh! Sehen Sie doch nur!" jammerte er bereuend zu Carvalho, der, soweit es die Dunkelheit gestattete, gespannt dem Todeskampfe des Hundes zuschaute.
„Nur keine Sentimentalitäten!" versetzte barsch der Brasilier, faßte Peter an den Schultern und drehte ihn eine halbe Wendung um seine Achse, so daß er dem schnell und klaglos verendenden Hunde den Rücken zuwandte. „Nun ist der Eintritt frei, mag der Ausgang ebenso bequem fein! Unser Werk ist ein heiliges; wir sind keine gemeinen Diebe, wir sind Soldaten, welche auf Befehl ihres Generals eine Requisition in Feindes Land vornehmen, denn jeder Besitzende und im Schoße des Staates Gedeihende ist unser Todfeind, dessen Gut wir zum Vorteil unserer heiligen Sache verwenden dürfen. Darum vorwärts mit gutem Mut und Gewissen!"
(Fortsetzung folgt.)
Deutsche Typen in Italien.
Was ein römischer Fremdenführer erzählt.
Bon Curt Bauer -Rom.
Um von seiner Berufsarbeit Erholung und Ruhe zn ftnben, geht der Deutsche in die Bergwälder nach der Schweiz oder ans Meer. Begibt er sich indessen für einige Wochen nach Italien, so setzt er sich dabei von vornherein das Ziel, möglichst viel — soviel wie möglich auf einmal zu sehen und zu lernen. Meist hat er sein Gedächtnis bereits vorher mit einem Wust von Wissen aus Altertum, Renaissance und Barock augesüllt, das er während der langen Winterabende in Büchern las oder in Vorträgen hörte. Alle Sehenswürdigkeiten wurden im Baedeker angestricheu, die Zeit bis auf den Tag eingeteilt. Sobald dann in Deutschland der Schnee zu schmelzen beginnt, besitzt er bereits eine durch alle wissenschaftlichen Kenntnisse gefestigte Meinung über Italien. Seine Augen sahen in zahlreichen Träumen die ewige Stadt emportauchen. Der Wirklichkeit selbst gelingt es später mir schwer, diese Träume zu korrigieren oder zu zerstören. Gewöhnlich findet er in der Geschwindigkeit der Reiseeindrücke keine Zeit, sich eut- tijuscheii zu lassen. Er kehrt ebenso klug zurück, wie er abgefahren ist. Ueberkommt ihm jedoch bei längerem Aufenthalt das Bewußtsein des Unterschieds zwischen Vorciugenommenheit und Wirklichkeit, dann fühlt er eine seltsame Verwirrung, deren Ursack)« er in der Beschaffenheit des Landes und des Volkes sucht. Diese Umstände bestimmen in erster Linie das Verhältnis der deutschen Reisenden zum Lande seiner alten Sehnsucht. Er ist nicht auf cmen neuen Eindruck gespannt, den man erst abwarten muß, sondern will hier eine ganz vertraute Stimmung wiederfinden„ auf die er sich mühsam vorbereitet und eingestellt hatte. Nicht e r will sich den Verhältnissen, dem Lande, dem Charakter seiner Bewohner einfügen, diese sollen sich vielmehr ihm, seiner einmal gefaßten Vorstellung, anpassen. Jeder wird begreifen, daß unter solchen Bedingungen ein scharfer Kontrast zwischen seinem Ich und der Umgebung nicht ausbleiben kann. Ein Kontrast, der sich sogleich seinem ganzen Wesen und Verhalten aufprägt, ihn leicht zum Spott der Italiener macht und ihm eine Sonderstellung — die des Außenjicdlers, des Straniero — im bunten Strom des südländischen Volkes anwcist.
„Freilich" — erzählte mir kürzlich einer jener vielgeplagten Fremdenführer —, „der Römer hat gut lachen, wenn solch ein langer Herr mit kurzgeschorenen Haaren, den Kneifer auf der Nase, mit Strumpfhosen und Rucksack, oder ein ältliches hageres Fräulein mit Bändern am Hut und fahlgrauem Regenmantel durch die Stadt zieht und erstaunt umherblickt. Wer einen Monat Fremdenführer war, der lacht nicht mehr über ihre seltsame Außenseite, er erschrickt vielmehr, wenn er gerade diese deutschen Typen unter feinem Publikum erscheinen sieht. Sie sind von einer gefährlichen Selbstsicherheit und pedantischen Gewissenhaftigkeit. Während ich gemütlich eine Statue, ein Bild „erkläre", blättert irgend einer von ihnen in seinem Handbuch und ruft: „Das stimmt nicht!" Der Baedeker nämlich ist das vertrakteste Buch von der Helt, das cs jedermann ermöglicht, im Handumdrehen mehr zu wissen als wir. Dazu wurde es in allen Sprachen übersetzt und brachte uns so in Konflikt mit dem WeisetzMikum sämtlicher Nationen. Der Himmel schütze uns vor
denen, die bereits in der Heimat eitlen ausreichenden Wissensschatz über Rom ansammelten! Sie kümmern sich den Teufel um unser mühsam einstudieres Führungsprogramm, wenden sich verächtlich bei unfern Erklärungen weg und wollen grade das alles wissen, was wir ihnen nicht beantworten können. Solange solch ein deutscher Gedächtnis-Athlet sich damit begnügt, vom Hintergründe auf mich herabzulächeln, mag er es ruhig tun. Ich bin daran gewöhnt. Selten jedoch läßt es der deutsche Mann beim holden Lächeln bewenden. Besonders Namen und Daten gegenüber versteht er keinen Scherz, fein gordisches Wissen gilt ihm mehr als unsere welsche Höflichkeit. Meinen schwungvollsten Redestrom unterbricht er mit sachlicher Trockenheit, die mir die Kehle zuschnürt und meine _ Stimme verlegen stottern macht. Wo ich just auf ein Relief eingearbeitet bin, beginnt er lateinische Inschriften zu entziffern. Mit unendlicher Bereitwilligkeit — ohne jede Beachtung — speist er die andern aus seinem Wissenschatz, der die Führerpreise herunterdrückt. Ich stehe schließlich als nebensächliche Person beiseite wie ein hölzerner Wegweiser, der mit einem Arm aus den Apollo, mit dem andern stumm auf Laokoon zeigt. Menschlich atmet meine Brust erst wieder, sobald ich die Honorare in der Hand fühle. Der gelehrte Herr zahlt meist mehr als die andern, versteht sich, nicht für meine Führung, sondern weil ich ihm Gelegenheit bot, sein Licht leuchten zu lassen, von dem sonst vielleicht niemand in der Welt etwas gemerkt hätte. Die ältlichen hageren Fräulein mit den langen Bändern am Hute sind selten so gelehrt, aber dafür desto neugieriger. Sie wollen lauter belanglose Nebensächlichkeiten hören, an die ein verständiger Mann niemals denkt. Möchten sie sich doch stets gewärtig halten, daß wir alles, was wir wissen — mehr sogar — schon von selbst sagen. Da erzählte ich die Geschichte des schönen Palazzo Farmese, und solch ein Fräulein unterbricht mich, um zu erfahren, aus welcher Zeit irgeiib ein dancbenstehendes altes Haus stammt. Habe ich mir in dem Treppengewirr der Peterskuppel den Kopf verkrempelt, gleich fragt mich jedesmal jemand, in welcher Richtung Berlin läge. Und ich blicke verlegen in zwei weitgeöffnete bebrillt blaue Mädchenaugeii. Sie bilden für uns Führer trotz ihres Alters das „enfant trerrible" und nehmen ein unterschiedsloses Interesse an allem, was in den Kreis ihrer glücklicherweise meist kurzsichtigen Augen tritt."
„Sie übertreiben doch wohl" — unterbrach ich. hier meinen Freund — „wir können uns doch eigentlich nicht darüber beklagen, daß nur die Auslese deutscher Gelehrsamkeit nach Rom käme. Das große Reisepublikum besteht wohl hauptsächlich aus Schaulustigen der wohlhabenden Berufsschichten, die sich mit der Oberfläche der Eindrücke zufrieden geben, ja, froh find, wenn sie schnell durchkommen, nicht mit trockenem Wissen aufgehalten werden, um dann im Hotel beim Diner in dem erhebenden Gefühl zu schwelgen, möglichst viel an einem Vormittag gesehen und gehört zn haben." — „Was diesen Punkt anbetrifft," erwiderte der Fremdenführer, „so ist das eine besondere Sache. Ich sprach bisher nur von den Unbeguemlichkeiten unseres Berufes, es liegt mir fern, mich über die Masse beklagen zu wollen. Sie läßt sich stets leichter leiten als der einzelne Störenfried und schließlich füllt sie unsere Tasche. Besonders das deutsche große Publikum zeigt sich viel bereitwilliger, dankbarer und idealistischer denn irgend eine andere Nation. Der Engländer gerät durch keinerlei Eindrücke aus dem seelischen Gleichgewicht. Er sagt nur „O Yes!", als handelte es sich um ein gutes Londoner Beefsteak, seine Begleiterin, eine schöne aschblonde Miß, ruft immer „beautyfull", auch wenn sie das Schweißtuch der heiligen Veronika erblickt. Vollends pietätlos schreitet der Amerikaner durch die ciuige Stadt. Er klopft der Kapitolischen Venus vertraulich auf die Schulter und fragt mich, was sic kostet. Demgegenüber erscheint das deutsche Reiscpubliknm idealistisch und respektvoll. Es-ist neugierig, aber auch leicht zu befriedigen. Man zeigt ihm einen alten Mauerrest, beschwört mit halblauter Stimme die Manen Augustus oder Neros und ein andächtiges „Ach" antwortet im Steife. Beim Sonnenuntergang auf dem Pincio sagen sie: „Ganz wie ich mir es vorgestellt!" Die Billen finden sie von Ponssin gemalt. Den Schmutz nennen sie malerisch, die Bettler charakteristisch für Rom, ohne damit die ewige Stadt beleidigen zn wollen. Wahrend der Hitze atmen sie entzückt „italienische Stuft". Beim kargen mitgebrachten Frühstück in den Ruinen des Palatin fühlen sie sich als Gäste des Domitian. Die schamlose Zudringlichkeit des Volkes nennen sie „Naivität", den Gassenbuben, die hinter ihnen herlaufen, streicheln sie die schmutzigen Wangen und geben ihnen Schokolade. Den „Oste" reden sie „Signore" an, das Stubenmädchen „Signotina" und finden deren verfchmitzte verblüffte Gesichter voller natürlicher Liebenswürdigkeit. Die Anforderungen, die solch eine Gruppe an uns Fremdenführer stellt, find äußerst bescheiden. Ein Esel, der seine Straße weiß, könnte uns hier ersetzen. Diese Leute verlangen nur soviel sachliche Anhaltspunkte, um zu Hanse behaupten zu dürfen, sie seien in Rom gewesen. Nie werden unsere Vorträge von ihnen unter» brachen. Sie hören andächtig zn, und sobald sie selbst etwas bemerken, können wir es meist unverändert einpacken und gegen Honorar an die „Fliegenden Blätter" senden. Neulich zeigte ich ' einem Berliner Millionär die eztatische Santa Tcrese mit dem Amor von Bernini, die Statue gefiel ihm so gut, daß er mich ersuchte, die Adresse des Künstlers ausfindig zu machen und diesen in sein Hptel zu schicken. Er wollte ihm einen Auftrag


