Ausgabe 
12.11.1913
 
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M3 Ur. 177

M'lttWoch, den <2. November

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Ssurrnblut.

k^omaii von Gerhart t>. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).

(Nachdruck verboten.)

(Sortierung.)

Bei diesem Hundewetter wird er die Bude nicht ver­lassen, unser Zug ist längst vorüber und der nächste Zug aus der anderen Richtung ist noch nicht gemeldet." Der Kleinere hatte es gesagt: jetzt, da ein plötzlicher starker Windstoß ihm die Nässe ins Gesicht jagte, schlug er den Kragen seines Rockes hoch und zog den schlappen dunklen Filzhut noch tiefer in die Stirn, dann brummte er:Wenn wir den Weg nur nicht um­sonst machen."

Das fürchte ich nicht, vorausgesetzt, daß Ihre Mittei­lungen richtig waren."

Ich habe alles direkt von meinem Bruder, der erst gestern nachmittag draußen war, um den neuen Steinwap aufzustellen und zu stimmen. Der Verkauf des Vorwerkes Doben hat tatsächlich stattgefundeu; der alte Lampert hat es erstanden und wird nach Auflösung seines Geschäftes hin- ausziehen, uni dort selbst zu wirtschaften. Der Bourgeois ist satt und wird nun den Landjunker spielen; ha, ha, ha!"

Aber der Kausschilling? Das Geld?" fragte Carvalho, dessen Gedanken nur auf dieses Ziel gerichtet waren.

Ist, wie ich Ihnen sagte, gestern von Lampert bar er­legt worden, wenigstens teilweise", sagte Peter Dechner. Mein Bruder, der draußen war, hat es selber gesehen, wie der Baron 75000 Mark in das in die Mauer eingelassene Schränkchen gelegt hat."

Sonderbar," murmelte der Brasilianer,daß der Ba­ron dabei einen Zeugen duldete."

Weil er ihn brauchte. Das eiserne Türchen des Wand­schränkchens war verbogen, und da rief der Baron, der übri­gens einen Gichtanfall hat und sich nur schwer bewegen kann, meinen Bruder herein und ersuchte ihn, die Sache wieder in Ordnung zu bringen."

Und Ihr Bruder selbst hat das Geld gesehen?

Der Baron hat es ihm sogar gezeigt und dabei lachend ausgerufen:Ja, ja, mein lieber Herr Dechner, so führt man die Spitzbuben an: dort in meinem Arnheim stecken nur meine Bücher, das Geld meines Pflegevaters aber kommt hier in dieses Spind: hier sucht es kein Mensch, zumal das Türchen durch ein darüber gehangenes Oelbild versteckt ist."

Die nächtlichen Wanderer waren unbemerkt bei der Wär­terbude vorübergegangen; jetzt bog der sich längs des Bahn­dammes hinziehende Fußsteig rechts ab und führte über ein Wiesengelände einem kleinen Nadelgehölz zu.

Gehen wir hierher?" fragte Carvalho, nach dem Gehölz deutend. .

Peter nickte. Er hatte, als er noch als Parlier m Gies­dorf arbeitete, diesen Weg ungezählte Male zurückgelegt. Er Übernahm die Führung und schritt voran, quer über die

Wiese. Das Erdreich war weich find sumpfig; der Fuß drang bei jedem Schritt in den morastigen Boden ein und erzeugte jedesmal, wenn er wieder gehoben wurde, einen schnalzenden, glucksenden Laut. Dabei heulte der Sturm jetzt mit solcher Gewalt, daß eine Unterhaltung unmöglich war; schweigend kämpften die beiden gegen die Windsbraut an und erst als sie das schützende Gehölz und trockenen festen Boden unter sich erreicht hatten, hob Carvalho wieder an:Wenn nur das Geld noch an Ort und Stelle ist."

Warum sollte es fort sein?"

Der Baron hat es vielleicht schon nach der Bank ge­bracht oder Schulden damit bezahlt."

Peter lachte ingrimmig:Schulden? Der int Fett ge­borene Junker hat sie wohl nie kennen gelernt! Und nach der Bank hat er sein Geld noch nicht bringen können, die Gicht hält ihn ja zu Hause gefangen."

Warum verkauft er den Grund und Boden, wenn er so reich ist?"

Weil das .Vorwerk jenseits des Sees liegt und seine Bewirtschaftung deshalb mit vielen Unzuträglichkeiten ver­knüpft ist. Aber seien Sie versichert, für die paar Morgen, die er dem alten Lampert verkauft hat, wird er diesseits des Sees gelegentlich das Zehnfache wieder ankaufen, um sein Gut immer noch zu vergrößern; so ein grundbesitzender Protz ist wie ein Krebsschaden, der weiter und weiter frißt, bis er die ganze Umgegend aufgezehrt hat."

Wieder versanken sie in Schweigen und bemühten sich, nicht gar zu kräftig auf das den Fußpfad bedeckende dürre Bruchholz aufzutreteu.

Peter dachte darau, wie froh und unbefangen er früher diesen Weg am lichten Morgen oder in der Dämmerung des Abends zurückgelegt hatte. War es nicht ein Wahnsinn, an einem Einbrüche in das Giesdorfer Schloß teilzunehmen? Wenn sie nun entdeckt und abgefaßt wurden? War es dann nicht mit ihm vorbei für alle Zeiten? Und wenn die Sache wirklich gelang und sie mit heiler Haut ihren Raub in Sicher­heit brachten, !vas hatte er denn von dem Gelde? Hatte Car­valho nicht erklärt, daß sie nur int Auftrage jenes unbekann­ten Zentralvorstandes handelten und daß sie diesem das Geld abzuliefern haben würden? Wozu sich also bemühen? Etwa für die lumpigen tausend Taler, die ihm die Auftraggeber, nach Mitteilung Carvalhos, bewilligen wollten, damit er im Falle der Not Berlin verlassen und sich nach Loudon begeben könnte, wo weitere Aufträge seiner harren würden? Immer ängstlicher wurde ihm zu Mute, immer quälender packte ihn die Reue, sich auf das verhängnisvolle Abenteuer mit einge­lassen zu haben.

Hören Sie, Carvalho, oder wie Sie sonst heißen mögen der Teufel mag Ihren richtigen Namen wissen! wollen wir nicht lieber umkehren? Bedenken Sie nur: dieses Hunde­wetter! Die Bewohner des Schlosses werden wach liegen; man wird uns hören und wahrscheinlich mit Waffen zu Leche gehen."