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Von Ctzmpore bis .Valle Stoffe begegnete er Scharen von Werkleuten, die von der Arbeit kamen: von den älteren erkannte ihn keiner wieder, die jungen waren ihm fremd. Nun kam er heim, wie er sich's geschworen hatte, als schwerreicher Mann, und doch fühlte er fich einsam wie damals, — einsamer als je. In New Bork, in Chicago, im Inneren Kanadas hatte er sich nacheinander als Mechaniker, Ausläufer, Schreiber, Erfinder und Teilhaber an zweideutigen Unternehmungen durchgebracht.
Kühn und verschlagen, hatte er über den Zusammenbruch dieser Unternehmungen neue Gebäude errichtet, die der Voraussicht nach wie Kartenhäuser einstürzen mußten, und die gleichwohl wie durch ein Wunder ihr Gleichgewicht ausrecht hielten: das Endziel hatte er nie aus den Augen verloren. Mit Eigensinn und Nachgiebigkeit war er zu Werke gegangen und hatte sich durchzusetzen gewußt. Weder Wein noch üppiges Leben, weder die Weiber noch die Politik hatten über seinen rauhen Lebensernst obzusiegen vermocht. Er war eine Art Mönch im Dienste des Reichtums gewesen; um seinetlvegen hatte er von allen Mitteln Gebrauch gemacht, die außerhalb des Strafgesetzes fallen: der Eroberung zuliebe, nicht dem Genüsse. Nannte man das Genuß? War das Geld da, so mußte man es zählen, überwachen, in Umlauf setzen, damit es Zinsen trage und sich vermehre, wie etwas Lebendiges müßte man es behandeln, das Schaden nehmen, davonlaufen', sterben kann. Schöpfer und Sklave, Krieger und Priester seines Reichtums war er gewesen, — jetzt hielt er ihn in seinen Händen, rund und sicher, ordentlich verteilt und angelegt, als herrliche Beute. Nun war er wieder daheivk, zu Hause. Er wollte sich jetzt eine Fabrik kaufen . . . vielleicht, wenn es angängig war, die Spinnerei Pietro Oddos, wo er in der Jugend lange Jahre gearbeitet hatte? ... er wollte sie wieder in Gang bringen, vergrößern, neue Arbeiter anwerben, die Maschinen verdoppeln, den Absatz erweitern und Geschäfte, Leute, Maschinen und Erde in seiner Herrscherfaust vereinigen.
Pietro Oddo war jetzt alt und müde. Er hatte keine männlichen Nachkommen, die das Geschäft von ihm Hätten übernehmen können. Vielleicht würde er ihm die Spinnerei gern zu günstigen Bedingungen abtreteu?
An einem Sonntage, drei oder vier Tage nach Marcos Ankunft, saßen die beiden Männer in dem zu ebener Erde gelegenen Fabrikkontor einander gegenüber und fochten mit gleichen Waffen, der Schlauheit und dem Eigensinn, ihren Wettkampf aus. Beide verstanden sie ihr Handwerk von der Pike auf: als Anspinner hatten sie schon mit zwölf Jahren angefangen. Beide wußten sie den Wert und die Allinacht des Geldes zu schätzen, das sie ersehnt, zufammengescharrt und Soldo um Soldo festgehalten hatten. Bis auf die niedrige und massige Stirn, das fcharsgemeißelte Profil, die kaltsinniae und hartnäckige Verschlagenheit, das Erbteil der Vielleser Rasse, waren sie einander ähnlich wie Vater und Sohn. Ihre Unterhaltung war denn auch ein Meisterstück, was die Feinheit, praktische Klugheit und geschäftliche Tüchtigkeit betraf. Sie wurden in der Hauptsache handelseinig; am nächsten Tage wollten sie weitersprecheu.
Wie es eigentlich gekommen war, daß Marco gerade vor dem Tore der Fabrik, die unter dem grauen Regendach eines Sonntagsabends in graue Farben getaucht war, sich Fresia gegenüber fend? . . . Möglich, daß sie ihn hatte eintreten sehen, daß sie ihn draußen erwartete . . . Sicher, daß er in diesem Augenblicke das Gefühl hatte, daß sie für ihn bis hierher dieselbe Bedeutung gehabt hatte wie die Augen in der Stirn oder das Blut in den Ädern: man denkt ihrer nicht, weil sie zu uns gehören', weil sie untrennbar eins mit uns sind.
Sie boten einander einen einfachen Gruß. Sie stiegen selbander das gewundene Gäßchen hinan, das zum Plätzchen Viole führt. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Frauen saßen bei der Vesper, die Männer in der Weinstube.
„Ist dir's immer gut gegangen?" fragte Btarco mit halblauter Stimme.
„Ja, — aber ich bin jetzt allein. Tie Mutter ist gestorben. Du bist magerer geworden, Marco."
Nicht die leiseste Anspielung auf sein jahrelanges Schweigen, auf sein Versprechen, an das er vielleicht nicht mehr dachte, nicht mehr denken wollte, — nichts von seinem Reichtum, der jetzt wie eine dunkle, schwere Scheidewand zwischen ihnen stand.
War es wirklich so? Oder schien es nicht vielmehr, als ob nichts, rein gar nichts zwischen ihnen stünde — nicht einmal die Luft? Lag nicht ihr ganzes Sein klar und unverhüllt, durchsichtig vor den Augen des andern? . . . Wie lange hatten sie sich nicht gesehen? . . . Seit andern Tags? . . . Nein, seit zwanzig Jahren.
Es war freilich richtig: Fresias Mund war verblüht, ihre Haut schlaff, da und dort traf man auf ein weißes Haar, tlnd auch das war unleugbar: Aus Marcos Gesicht und in seinem Innern stand, mit deutlicher Schrift die Seelenverhärtung geschrieben, wie sie ein wildes, habsüchtiges Leben mit sich bringt. Mochte das immerhin sein: für ihn war sie das einzige Weib, ■- das Weib, das man wie einen alten Lappen in die Ecke werfen kann, an das man sich Jahre und Jahre nicht mehr erinnert — und das gleichwohl in ihrem Winkel harrt und schweigt und sich demütigt in Treuen und — wartet, tlnd wenn er nicht heimgekehrt
wäre, s i e hätte ihn erwartet. Wenn sie unwissend und roh war da paßte sie zu ihm, der ja mich kein anderes Wissen hatte als das: zu verdienen. In ihren Hundeaugen, ihrer unterwürfigen! Schmeichelstimme, ihrer demütigen Haltung besaß sie das, was er zu einer beruhigten Existenz brauchte, er, der rastlos auf dem Posten, auf der Hut sein mußte — !und doch kein inneres Echo in sich trug als den Widerhall klingenden Metalles. Sie wollte nichts von ihm. Wenn er sie hier an der Straßenecke stehen gelassen hätte, ohne sich weiter um sie zu bekümmern, sie wäre ohne Murren stehen geblieben.
Lange schaute er ihr ins Auge. Die nagende Zeit hatte ihre ursprüngliche Art unversehrt gelassen und jenes unsagbare Etwas nicht zu tilgen vermocht, das einstmals das Herz des Zwanzigjährigen gerührt und entflammt hatte. Um dieses unwandelbaren Zeichens willen war sie für ihn unverändert dieselbe geblieben- wie das Haus für uns das gleiche bleibt, in dem wir aufwuchsen, —■ wie die Erde, auf der wir geboren sind. _
Mit vollkommener Ruhe — wie jemand, der den Faden eines unterbrochenen Gespräches dort wieder aufnimmt, wo er ihn gelassen, — wandte Marco die Rede an das Weib:-
„Jch gehe mit dem Vorsatz um, Pietro Oddos Fabrik zu kaufen. Wenn ich der Herr bin, Fresia, — willst du dann zu mir kommen?". . . ~
Und vollkommen gleichmütig, ohne eine Spnr von Freude oder Trauer, erwiderte sie: „Ja, ich werde zu dir kommen."
Vermischter.
"Warum Stoffe brüchig iverdcn? Diese Frage scheint sehr leicht zu beantworten. Wir pflegen uns meist dainit zu trösten, daß nichts für die Ewigkeit geschaffen ist oder, daß die Webereien von Tag zu Tag geringwertiger iverdcn und die Waschanstalten noch immer nicht genug Sorgfalt auf das ihnen an- vertraute Gut verwenden. Nun, alle diese Gründe genügten den Londonern nicht mehr, denn sie ivarien unlängst die Rundfrage (Ulf: „Warum werden Stoffe brüchig?" und erhielten darauf eine zwar interessante, aber wissenschaftlich vielleicht doch etwas weit hergeholte Belehrung. »Die Ansicht, daß sich unsere Bekleiduugs- stoffe nur durch die ununterbrochene Reibung am Körper oder schlechte Behandlung in der Wäsche zermürben, ist irrig. Vielmehr muß angenommen werden, daß auch hier Bakterien an der Arbeit sind, wozu die Fettdrüsen unter der Haut und ihre Schweißabsonderung einen fruchtbaren Nährboden bereiten, in ivelchem die Bakterien vorzüglich gedeihen. Einige dieser Bakterien sondern nämlich scharfe Säuren ab, die sich in die feinen animalischen Gewebe von Wolle oder Seide einfrefsen oder auch in die vegetabilischen Fasern der Baumwollstoffe» die sie mit der Zeit derart zermürben, daß sie zerfallen. Selbstverständlich kann man durch An- wendung zu scharfer Substanzen bei der Wäsche ebenfalls die Gewebe gewaltsam zerstören und es ist deshalb stete Vorsicht geboten. Bei Stoffen, die andrerseits nicht gewaschen iverden können, ist häufiges, gründliches und systematisches Klopfen und Abbürsten, sowie Auslükteu, am besten im Freien oder doch in zuslrömender Lust, vounöten, um die Keime so gut wie nröglich fernzuhnlien. Wenn sich nämlich mtf Kleidungsstücken Staub und Schmutz ansammeln dar! (das bezieht sich auch aus diejenigen, die nicht im Gebrauch sind), so schleichen sich gleichzeitig mit Staub und Schmutz jene säurebildenden Bakterien ein, die ihren Verderb herbeiführen." Da wir bei Beginn der warmen Witterung den erfolgreichsten Feldzug gegen die Motten eröffnen können, so sei nur nochmals darauf hiugeiviefen, daß unsere Wintergarderobe auch während ihres Sommerschlafes des öfteren hervorgeholt, geklopft, gebürstet und gelüftet werden sollte.
* Einwand. Sie (im Bett liegend): „Also früh um fünfe kommst bu heim — ich habe die ganze Stacht kein Auge zutun können!" — Er (hin und her torkelnd): „Denkst du etwa ich?!"
* Nicht i n Ber l e g e u h e i t zu bringen. Besucher: „Diesen Löwen haben Sie selbst erlegt? Ihr Diener sagte mir doch, das Fell hätte zweihundert Mark gekostet?" — Hausherr: „Freilich; zweihundert Mark — Geldstrafe, weil ich vergessen hatte, einen Jagdschein zu lösen!"
Magisches Guadrat.
In die Felder nebeusteheuden Quadrats sind die Buchstaben AAAADDDD E M M E R R U U derart einzukrageu, daß die wagerechten u. senkrecht. Reihen gleichlautend folgendes bedeuten:
1. Poetische Sammlung.
2. Wichtiges Verdauungsorgan.
3. Nebenfluß der Donau.
4. Asiatischen Strom-
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Ball, Wal l.
Rrdakiiou: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen lluivcrsitätS-Buch- und Steindruckerei, N. Lauge, Gießern


