Ausgabe 
12.7.1913
 
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es genommen, wenigen hat cs gegeben, aber deutschen Lan­den hat es heiliges Gut wiedergeg-eben: Die Freiheit!

*

In selbiger Nacht, da Blücher bei Caub über den Rhein setzte, wanderte einer gen Süden, in das Land der Tiroler Helden. Ein Mägdlein saß in seinem Herzen, blondzöpsig und mit schmiegenden, weichen Armen; imMondschein" , saß sie, in Bozens alten Gassen, die wollte er sich holen.

Genua." , ,

Die feuchten Hundeaugcn des Mädchens starrten gläsern und fassungslos ins Weite. ,

Zwölf Mann hoch gehen wir los! Giamn ift auch daher, und Paolo, weißt du, der Heizer aus der neuen, Fabrik. Meinst du vielleicht, ich gehe nach Amerika, um da so ein armer Tropf von Arbeiter zu bleiben wie hier? . . . Sollte mir einsallen! Schulwissen habe ich . . . sogar drei Kurse in der Abendschule gemacht! VomEnglisch" versteh' ich zwar nichts, ich werd's schon lernen! Man Muß von unten auf anfangen. . . im Kleinen! Später ... laß mich nur sorgen. Es steht ja alle Tage in der Zeitung von Leuten, die aus eigener Kraft ein kolossales Ver­mögen gemacht haben, und dabei waren es Schuhputzer, Handels­diener und Bankausläufer. Reich will ich werden, reich. . . ver­stehst du? Nicht ruhen noch rasten will ich und kein Mittel scheuen. Herrgott, ja! . . . Nicht jeder wird als Herr geboren. Aber werden kann man's."

Er ließ die Stimme ein tvenig sinken, während er den Kopf nach dem Herrenhanse umwandte, das rechts an die Fabrik an­grenzte, von wo aus ein fröhliches Tellergeklapper herüberdrang.

Der da drüben zum Beispiel . . . ist der gleich reich zur Welt gekommen? ... Er hat seinen Reichtum selber erworben, Soldo für Soldo, Stück für Stück. Heut nehm' ich die Mütze ab, wenn er vorbeigeht, sag' ihmMonssu" und mache Dankschön, wenn er mir am Wochenschluß mein Geld, abgezählt in, Papier ge­wickelt, durch den Schalter reicht. Kopf hoch, Fresia! . . . ^zn fünfzehn oder zwanzig Jahren bin ich wieder da! Dann sag' ich nur noch:Guter Freund!" . . . Und dann werd' ich ihn fragen, ob er seine Fabrik verkaufen will."

Bon all dem, was er gesagt, hatte das Mädchen nichts ver­standen als die Worte:In fünfzehn oder zwanzig Jahren^ . . . Ihre Lippen bebten, schüchtern legte sie ihre Hand tn die semrge, eine rauhe, knorrige Hand mit breiten, flachen Nägeln. Er er­widerte ihren Druck und fuhr unbehindert in seinen Gedanken fort.

Die Sozialisten! Genossen! . . . Schön! Wahlversammlun­gen, Vertrauensmänner, Propaganda, Umzüge, Streiks, . . . den Teufel auch, alles wichtiges Getue, eine Flut von leerem Ge­schwätz! Was dabei herauskommt? Schließlich verdient man am Tage drei oder vier Lire mehr. Das ist alles! Ich hab' selbst Mal d'ran gedacht, Sozialist zu werden. Was hat man davon? ... Was macht's aus, zwei, drei Lire mehr am Tag? Bleiben glerch- tvvhl arme Kracher 's ganze Leben! . . Ich sage: Selbst ist der Mann! Mit Fäusten und Ellenbogen sich vordrängen: allem muß man sein, und den Willen muß man haben. Und daher kerne Angst - . . weder vor den Mitteln, noch vor den Widersachern.

Aber ich. . . was soll ich denn machen?". . .

Du? , £ . Tn liebst mich und du wartest auf mich,

Äch, ich möchte, du blieb'st arnr, Marco, und käm'st bald wieder, bald, und heiratetest mich. Oder du ließest mich nach- Mrsjren^ We gern fäntf ich. - . So kurz ist das Leben, . .

Tu bist nicht gescheit! . . . Das Lebeir ist lang. Und alles auf der Welt ist nur dazu da, daß maitS nimmt und zu nehmen weiß. Verstehst du das?". . .

Nein, sie verstand ihn nicht. Er bog ihr das blasse Köpfchen zurück 'und küßte sie herrisch auf die Lippen, er biß fie fast in die Kehle, an der Stelle, wo die Schlagader stürmisch klopfte und ichlng. Der Zeit und des Ortes vergessend, überließ sie sich seiner Liebkosung, entfärbte sich, die Sinne vergingen ihr . . . Mit einem heftigen Rucke richtete er sie auf.

Siehst du die Lumpen da?" . . . Dabei zog er aus einem Sackloch ein Bündel schmieriger Zeugfetzen heraus.Wer weih, wo sie Herkommen, wer sic mal getragen hat, wozu sie gebraucht sind. Alle inöglichen Krantheitskeime, alle verwesenden Seuchen können darin stecken. Sie schillern in allen Farben und Formen und Abdrücken. Morgen werfen wir sie zum Sieden in den großen Kessel: dann bleichen sie, dann kommen sie von einer Maschine in die andere, bis dann schließlich der Stoff d'raus wird" er wies -auf die noch feuchten Stäche, die auf der Terrasse zum Trocknen ausgebreitet lagen.So steht's mit dem Reichtum, Fresia! . . . Wo er ist, fragt niemand danach, wo er herkommt. Wenn er nur da ist, wenn man ihn nur hat! . . . Fresia! . . . Sag' du, willst du auf mich warten?"

Ja, Marco!"

Sie schien im Wachen zu träumen. Der Einuhrpfiss schreckte sie auf. Marco half ihr von dem Sackhaufen hinunter, er küßte sie noch einmal verstohlen auf den Mls. Das Tor öffnete sich. Arbeiter und Arbeiterinnen strömten eilig herbei, stießen sich gegenseitig an, trieben Schabernack, lachten hell auf . . . Ein paar Minuten später war jeder an seinem Posten. Die Arbeit begann ihr rauhes und doch geheiligtes Lied aufs neue. So vollkommen: ineinander gepaßt und harmonisch abgestimmt schienen die Be­wegungen der Maschinen und der Weber, in solcher Wechselwirkung und innerer Verbindung waren sie, daß es aussah, als sei es nur ein gemeinsamer Erkenntnis- und Willensdrang, der das denkende Geschöpf und den disziplinierten Stoff mit Leben durchdringe.

*

Tage und Nächte zogen über den grauen Steinhaufen der Fabrik dahin. Wieder und wieder durchbrach das Dampfrohr mit krästigen Stößen und lebhaftem Zischen die Morgennebel und die Dämmerung. Die Rovella hüllte sich in undurchdringliche Schleier, kleidete sich in weichen, grünen Sammet, färbte sich in Gold und Rostbraun im Wechsel der Jahreszeiten. Dann und wann zerrieb sich die kleine Welt in lärmenden, nutzlosen Streitigkeiten, tn Differenzen zwischen Herren und Arbeitern, in Arbeitseinstellungen und gehässigen, abendlichen Demonstrationen. Dann blinzelte bte Rovella schweigend dem Strome zu und der Strom flüsterte der Fabrik ein heimliches Spottwort ins Ohr, die unbeweglich nut offenen Augen das Tal überblickte, wo andere Fabriken ebenso unbeweglich ihre mächtigen Rauchschlote in die Luft bohrten.

Jahre um Jahre schwanden dahin. Die Menschen wurden alt, nur die Erde blieb ewig jung. .

In Fresias schönes, schwarzes Haar spannen ;ich die eichen Silberfäden. Sie war nun nahe an die vierzig. Ein müder Zug grub sich in die Winkel des einst so frischen Mundes, ihre Zahne wurden gelblich und ein wenig locker. Schon lange hatte Marco aufgehört ihr zu toreiben. Vage Gerüchte, die von Ausgewanderten herrührten, wollten wissen, er sei in Kanada em reicher Mann geworden; es hieß, et sei ein besserer Amerikaner als em Yankee und in ein ganzes Netz von mysteriösen Geschäften verstrickt. Sein Stillschweigen hatte die Treue der Frau nicht. erschüttert; sie nährte ihr Herz an dem einstmals gegebenen Versprechen, sie klammerte sich daran als ihre einzige, vielleicht trügerische Hoff­nung. Jahraus, jahrein flog das Weberschiffchen zwischen den Fäden des Webstuhls hin und wieder, und Sonntags wogte rn der Kirche der Gesang der Litaneien bald auf bald ab. Obwohl icder- mann des festen Glaubens lebte, daß Marco nie wieder »urück- kehren würde, nahm man auf die fast religiöse Glaubensgewißheit Fresias Rücksicht; je länger, je mehr gewöhnte man sich, die schweigsame Frau mit den sanften tzundeangen als Witwe zu betrachten^nnoch £am gj;arco unvermutet zurück. Wie er ausstieg, hätte man sehen können, daß er gemagert war, sein Gesicht war dunkel gebräunt, an den Augenwinkeln gruben sich tiefe Krähen­füße ein und zogen als bittere Sorgensalten die Wangen hinab, bis in die Mundwinkel hinein. Als vollendeter kmcker-bocker stieg er eines Tages bei der kleinen Station Valle San Ntcolao ans dem Bieller Zuge und blickte sich nach allen Setten um, als ob er die Gegend erst wieder erkennen müßte. ,

Von der Türschwelle des Cafcs tonnte ihm ein dickes Werb gleichgültig zu. Er schlug den schmalen Kiesweg em der zum Cümpore führt, überquerte die Brücke der Strona und verweilte einen Augenblick, um in den Strom htnabzutoauen, der sich hoch aufschäumend zwischen den Felsbrocken des Flußbettes seinen Weg erzwang. Mehr ein undeutliches Gefühl als eine klare Einsicht sagte ihm, daß er nun wieder daheim sei. Unter dem einbrechenden Abendscheine hatte die Rovella eine bietgraue Färbung an­genommen, die weinbepflanzten Hügel auf der anderen Sette lagen noch in vollem Sonnenglanze, Fabriken reihten sich an Fabrtkeit, und in der Ferne ragte, hoch erhaben über alles, die weiße Spitze des Sankt Bernhard empor, dessen Kreuz, Fra Dolcrnos Meister­werk, sich scharf gegen die Bläue dcs Himmels abzeichneto _

Das versprechen.

Von Ada N e g r i.

(Berechtigte Übertragung aus dem Italienischen.)

Sie hockten beide zusammen auf einem Hausen von Lumpen­säcken, die an der Umfassungsmauer der Färberei, der Fabrik gerade gegenüber, aufgeschichtet waren. Aus den Augen Fresias, den müden, treuen Augen eines Hundes, sprach ein tiefer Kummer, während sich in dem bartlosen, eckigen Gesichte Marcos eine falte, und harte Entschlossenheit verriet, deren Willenszüge sich in den Linien des Mundes und Kinnes deutlich ausprägten.

Ueberall aus den Rändern und Rissen der Säcke schienen schmutzige Hadern, faserige Fetzen in allen Farben hervorzuguellen.

Erstickender StaubgeruH strömte von ihnen ans, und gleich­zeitig drang von der Färberei der scharfe Gestank ätzender Säuren herüber. In der schwülen Mittagsstille lag das von den Arbeitern verlassene Werk verödet; in der Lust spürte man gleichsam etwas wie eine staunende Verwunderung über dies stumme Schweigen, eine schwelende, flimmernde Erwartung; als wäre , es unmöglich in diesem Eisenbezirke zu leben ohne das Lärmen und Keuchen rollender Maschinen.

Dichte, graufarbene Dunstwolken hasteten an der Sonne vor­über, nahmen wechselnde Gestalten an, zerschwebten und ballten sich wieder zusammen; in dem dauernden Wandel von Licht und Schatten nahmen Berg und Strom ein verändertes Aussehen an,

Wohl zum zehnten Male wiederholte Fresia:

Du gehst fort, wirklich fort, Marco?"

Und Marco wiederholte znm zehnten fötale:

Nächsten Donnerstag geht unser Schiff in See . - . in