Ausgabe 
12.7.1913
 
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1915 - Nr. 107

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Die Bsmmen^richen rauchen.

Roman a.us dem Jahre 1813

von Max Ka r l Böttch « r - Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Der andre Morgen! Die Sonne zerrte Schleier dichter Nebel über die Erde, bis gegen neun.Uhr die Schlacht wieder begann. Die Fiedel beiseite, den Säbel 'raus! Wie das Kerlchen, der Musikus, kämpfen konnte! Jetzt ging's vor­wärts, jetzt stand man, jetzt lag man, jetzt ging es wieder vorwärts, und jetzt war man am Feinde.

Hei, schlagen -die Preußen drein! Und wie die Augen glühen, wie der Haß, die Kampfgier aus den Augen springt!

Die Fahne stürzt," rief einer der Franzosen. Der Fiedler sprang hinzu und raffte sie hoch, aber sie zuckte in seiner Hand. ' Das Tuch, das wphende, ward hin und her gerissen, trotzdem kein Wind ging! Es waren Kugeln, die in das Banner fuhren und es zerrten.

Aus bei: Reihen der Preußen rang sich ein wackerer Kämpfer bis zur französischen Fahne durch und stand nun dem Fiedler gegenüber.Pfui, ist der Kerl häßlich!" schrie der Fiedler, der auch im wüstesten Kampfe seine Bemer­kungen nicht lassen konnte tmb fast jedem Hiebe und jedem Schlage, den er ausreilte, ein Geleitwort mit auf den Weg gab. Und er schrie:Kerl, hast keine Näs' und ein Loch im Backen! Junge, sei bloß dankbar, wenn ich dich aus der Welt schaffe!" Und er stieß mit dem Säbel nach dem Häßlichen. Aber der Stoß traf einen andern, der sich dazwischendrängte, und diesem blieb des Fiedlers Säbel int Leibe stecken. Nun war der Fiedler jeder Waffe bar und blickte sich suchend nach einem neuen, herrenlosen Eisen um. Ter Häßliche stand vor ihm, das Schwert gezückt, und schlug doch nicht zu. Und seine Augen starrten auf die Narbe, die des Musikus Stirn entstellte, und ein Gefühl der Schwäche überkam ihn.

Da fällte ein anderer den Fiedler, der dem Häßlichen zu Füßen stürzte. Drei, vier deutsche Krieger wollten noch auf den Gefallenen einhauen, während ihm andere die Fahne entrissen. Aber der Häßliche warf sich über den da­liegenden Feind und deckte ihn mit seinem Leibe, und die Säbelhiebe der Kameraden trafen ihn. Er aber schrie in höchster Seelenangst mit schriller Stimme:Er ist mein Bruder! Er ist mein Bruder!" Da traf ihn ein letzter Hieb in den Nacken und machte ihn stumm.

An der Straße bei Wachau stand ein Häuschen. Dem Wegemacher hatte es gehört. Jetzt ivar es nur noch eine Trümmerstätte. Eine Kugel der französischen Artillerie hatte von dem Hause das Dach weggerisseu. -Debet, grauer, kalter Oktobertag schaute in die beiden Stübchen. Im Trümmer- hause lagen zwei Trchend Menschen auf blutigem Stroh und harrten, bis der Tod seine knöcherne Hand auch um ihr

Herz krallen und ihnen das flackernde Leben ausdrücken würde. Aber' der Tod hatte in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. In größter Hast eilte er hinter der fliehenden Armee Napoleons her, noch zu erwischen, was er packen konnte, und hatte dabei der ächzenden Menschlein vergessen, die bei Wachau im Wegmacherhause lagen.

Im Stübchen linker Hand lagen, weil es gar zu klein war, nur vier der Kämpen, drei aus Napoleons Heer und ein Preuße. Dieser war häßlich, hatte keine Nase im Gesicht, aber dafür in der Backe ein Loch, schlecht vernarbt, das tote Fleisch strahlenförmig zusammengezogen. Er erwachte, als ein Krankenpfleger an sein Lager trat, der einem preußischer Feldscher etwas erklärte.Ter hier ohne Nase lag auf dem da, dem Blonden, mit der Narbe auf der Stirn. Ich glaube, sie hättet: sich erwürgt, wenn sie nicht bewußtlos geworden wären."

Ja, ja, es ging toll zu. Was hat der Blonde?" Nichts Ernstes. Einen Stich durch den Schenkel und ein paar Fleischwunden!"

Und der ohne Nase?"

Der Rücken ist wie zerhackt, aber auch nur Fleisch-' wunden!" Dann gingen sie 'weiter.

Unterdessen war auch der Blonde erwacht. Er drehte sich um, schlug die Augen auf und blickte gerade^ in das Äugenpaar des HäWchen. der lächelte und reichte dem ändert: die Hand hinüber, und ein Strahl innerlichster, reichster Liebe brach aus seinen Augen.Bist du es, bist du Erwin Wintzer, mein Bruder?"

Da fuhr der jäh empor:Was sagst du, Kamerad? Woher kennst du meinen Namen? Wer bist du?"

Ich bin Paul Wintzer, und die Narbe auf deiner Stirn warnte mich, den eignet: Bruder zu erschlagen!" Da schlug der andre die Hände 'vor sein Gesicht und meinte« weinte lange Zeit. *

Der Winter versuchte seine jungen Kräfte. Mit mächfi tigern Nord blies er durch die Gassen, schüttete dann mit Volten Armen Schnee in die Welt, fuhr mit seiner eisernen Faust über die Teiche und Bäche und erstarrte die wallen­den Wasser.

Der Postbote, der jetzt, nachdem cs ruhiger in den deutschen Gauen geworden war, alle zwei Tage von der Kreisstadt nach Heidehorst kam, brachte zwei Briefe in das kleine, stille Schulbaus. Den einen nahm mit zitternder Hand das alte Mütterchen an sich und den andern Baroneß Gisela. Und beide sagtet::Bon ihm!" Mutter Wintzer setzte sich nieder, schnell und hastig, denn es ivar ihr eine Schwäche angekommen. Und Gisela ging mit ihrem Briese still hinaus. In dem Flur blieb sie sinnend stehen. S:e lehnte sich an die braune, holzgetäfelte Wand und schloß die Augen. Ein namenloses Glück lag auf ihrer Seele, ein Glück, das sie zu verscheuchen fürchtete, wenn sie sich rührte. Auskosten wollte sie diesen seligen Augenblick, der ihr von dem Kunde brachte, der ihr auf Erden am liebsten