Ausgabe 
12.6.1913
 
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hatte man Herrn Werder nach Warschau auf die Zitadelle, dann nach Moskau überführt. Dort sollte er abgeurteilt werden; es hieß, daß ihn die Todesstrafe treffen würde. In furchtbarster Angst reiste das Mädchen nach Moskau, tat dort bei einem hohen Würdenträger einen Fußfall und hatte damit Erfolg. Herr Werder wurde mir zu fünfjähriger Verschickung nach Si­birien verurteilt. Seine Tochter erklärte, ihn nicht verlassen zu wollen und folgte ihm ins Elend. Im Orenburgischen ich weiß den Ort nicht mehr wurde dem Verbannten sein Aufenthalt angewiesen.

In all seinem Gram ward ihm hier an der Grenze des unwirtlichsten aller Erdteile eine fast überwältigende . Freude. Eines Tages wurde ein Transport anderer Verbannter durch den Ort gebracht, und darunter befand sich er glaubte seinen Augen nicht zu trauen der totgeglaubte Sohn. Das Wieder­sehen war unbeschreiblich, aber nur kurz. Aaver, der zu zehn­jähriger Verschickung verurteilt war, kam tief nach Asien hinein. Tränenden Auges trennten sich wenige Minuten später Vater und Sohn wieder. Würden sie sich je noch einmal Wiedersehen?

Tas Geschick ersparte ihnen jedoch das schwerste. Nach fünf Jahren kehrte Herr Werder in die Heimat auf sein Gut zurück, freilich, als ein alter-, völlig gebrochener Mann. Der jüngste Sohn, der nun ziemlich herangewachsen war, erkannte den eige­nen Vater nicht mehr wieder. Auch Hedwig trug ihren stillen, schweren Gram bis zu ihrem frühen Tode. Zu den seelischen Sorgen gesellten sich auch noch wirtschaftliche. Tas Gut war "durch die langen Unruhen und die Abwesenheit des Besitzers ganz in Verfall geraten. So harrte ihrer denn freudlose, harte Ar­beit. Aber sie erlebten es doch noch, daß der Sohn und Bruder eines Tages unerwartet zurückkehrte: zwei Jahre vor Ablauf seiner Zeit, da er auf Verwendung eines Offiziers, dessen Kinder er unterrichtet hatte, begnadigt worden war. Er kam als ein ernster, fast finsterer Mann, trotz seiner Jugend mit ergrautem Haar, und er kam gerade noch zurecht, um Vater und Schwester die Augen zuzudrücken; denn sie wurden bald darauf beide von ihrem Leid erlöst. So blieb ihm nur noch die Sorge um den jüngeren Bruder und das zerrüttete väterliche Gut, das er in harten:, unermüdlichem Kampfe ganz allmählich wieder von den schweren Schäden heilte, die ihm der letzte Freiheitskampf der Polen beigebracht hatte. _

Vermachtes»

* Das Wunderbare. Von den vielen Weltwundern des Altertums ragen nur noch die Pyramide« Aegyptens trotzig empor; unbeirrt durch den neuen Geist, der die Weit zu ihren Füßen beherrscht, reden sie die Sprache ferner Jahrtausende. Die feiner und reicher gestalteten Wunderwerke, wie der Semiramis hängende Gärten, den Tempel der Artemis zu Ephesus und das gewaltige Zeusbild des Phidias, aber hat die darüber hinrollende Zeit abgeschliffeir und zerstört. Eine amerikanische Zeitschrift hatte den dankenswerten Einfall, durch eine Rundkrage seslzustellen, welches wohl die sieben wunderbarsten Werke der Gegenwart wären und welchem vor allen anderen der erste Preis gebühre. Das Ergebnis war folgendes: Die drahtlose Telegraphie erhielt 1244 Stimmen, das Telephon 985. Dann folgen Flugzeug, das Radium, die Antiseptika und Antitoxine (künstliche Heilmittel), die Spektralanalyse, die Röntgenstrahlen. Welche Wandlung im Be­griff des Wunderbaren! Nicht das Riesenhafte, Körpergewaltige und Körperschöne, das den antiken Weltwundern eignete, wird heute angestaunt. Der moderne Mensch zollt die höchste Be­wunderung den geheimen, unsichtbaren Wirkungen, die etivas von der Wesensart der Gedanken an sich haben. Was uns die Rund­frage über den Stand der heutigen Technik sagt, bedeutet wenig gegenüber der psychologifchen Erkenntnis, die man aus ihr schöpfen kann. Sie hebt das Ideal der modernen Zeit silberglänzend aus dem dunklen Chaos des Lebens. Nicht die Körperkralt, die Wucht der Maffen sind wie im Altertum ausschlaggebend. Ter schöpferische Gedanke verleiht heute die höchste Macht. Riesenheere können durch eine unheimliche Erfindung vernichtet iverden. Nobel, der Entdecker des Dynamits, wurde der reichste Mann von Europa. Von allen wirkenden Naturkräften hat jene die größte Bedeutung für die Gegenwart erlangt, für die wir keinen Sinn haben: die Elektrizität. Das im modernen Sinne Wunderbarste bietet sie uns lächelnd dar. Den Gedanken trägt sie durch den Raum, Züge reißt sie vorwärts und füllt unsere Nächte mit Sonnenglanz. Im 19. Jahr­hundert wurde unsere alte Erde ein höherer Organismus. Sic erhielt Nerven durch das Netz von Kabeln und Leitungsdrähten, das heute ihren Leib durchwirkt. ;---

Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.

Willi o d e r W i l l y ? Emmi ober (s m in i) ? Immer wieder begegnet man der Schreibweise solcher Kosenamen mit y. lind doch ist das 2) überhaupt kein deutscher Buchstabe. Es ist also auch dies nichts als eine gedankenlose Engländcrei: iveil die Engländer Willy schreiben, meint der Deutsche, er müsse auch io schreiben. Das einzig Richtige sind aber nur die Formen Willi, Emmi, Addi, Lilli, Betti, Milli usw. Wollten es sich doch alle Träger und Trägerinnen dieser Namen merken! . Keinem Alenschen wird cs doch je einfallen, Loni und Trudi oder Rudi und Bnbi

mit y zu schreiben. Weshalb müssen denn all die anderen immrr wieder verengländert werden?

Vüchertisch.

Geschichte von Nieder - R am stadt mit einem Beitrag zur Geschichte des M ü h l t a l s, von Dr. Phil. Wilh. Ludwig Friedrich. 50 Seiten; 8°. Darmstadt, bei Berg­str ässer 1 Mk. Die mit 3 Siegelbildern geschmückte Schrift zer­fällt in 3 Kapitel. Kap. I,Meder-Ramstadts wirtschaftliche Be­deutung in früheren Jahrhunderten", umfaßt folgende Abschnitte: Geschichte der von Landgraf Georg I. begründeten Bäcker- und Müllerzunft in Rieder-RamstadtTraisa, Geschichte einesWeck­streits", Auskommen und Entwicklung der Mühlen im Mühltal vom 14. Jahrhundert an, Getreide- und Weinbau in Ricder- Ramstadt und int Amt Darmstadt. Kapitel II, betiteltGang durch die Geschichte von Rieder-Ramstadt", enthält folgende Ab­schnitte: Entstehung und Name des Ortes, politische Zugehörig­keit, Rieder-Ramstadt als Heimat dreier adliger Geschlechter (von Ramestat, Walbron, von Reckershausen),. Prozeß mit den Herren von Gemmingen, Geschichte der adligen Güter, Teichwirtschaft, Entwicklung des Ortes bis zum 30jährigen Krieg, seine Schick­sale während desselben, znr Geschichte des Schafweidegelds, die Dieburger Straße eine alte bis ins 16. Jahrhundert benutzte Verkehrsstraße mit dem Brückenübergang im Kühlen Grund/ die neueste Entwicklung des Ortes. Kapitel III: Kirche und schule in Rieder-Ramstadt. Obwohl die Schrift ganz auf Ur­kunden- und Äktcnstudium aufgebaut kst, ist ihre Darstellung einfach und verständlich; alles unwesentliche Detail wird ver­mieden. . Der historische Wert der Flurnamen leuchtet säst aus jeder Seite hervor. Tas Büchlein enthält viel Lehrreiches und kann daher jedem Geschichtssreund warm empfohlen werden (auch zur Anschaffung für Volksbibliotheken geeignet).

Der Thüringer Wald und seine Hcilfak - t o r e n. Klimatologische, medizinische unh hygienische Beiträge von Dr. med. Bieling-Friedrichsroda i. Thür., Prof. Dr. Caspari- Berlin, Ingenieur Dr. Törr-Charlottcnburg, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Enlenbxrg-Bcrlin, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Franz-Berlin, Geh. Med.-Rat Prof. Tr. Hildebrand-Berlin, Architekt Kraaz- Berlin, Geh. Reg.-Rat Prof. Lang-Hannover, Hofrat Prof. Dr. Lipliawsky-Berlin, Dr. Phil. Lippmann-Leipzig, Prof. Dr. Moeller- Berlin, Prof. Dr. Neuberg-Berlin, Prof. Tr. Nosin-Berlin, Prof. Dr. Roth-Halle a. d. S., Prof. Tr. Sticker-Berlin, Prof. Dr. Strubcll-Dresden. Herausgegebcn vom Herzoglich Sächsischen Staatsministerium in Gotha. Gotha. Friedrich Andreas Perthes A.-G. Mit vorliegendem Sammelwerk ist zum ersten Male auf Veranlassung des Herzoglich Sächsischen Staatsministeriums in Gotha eine wissenschaftliche Erforschung der Heilfaktoren des Thü­ringer Waldes durch eilte Reihe namhafter Gelehrter und Prak­tiker zustande gekommen. Das umfangreiche Buch führt in 15 Ka­piteln, die nach verschiedenen Gesichtspunkten hin geordnet sinc, die Bedeutung des Thüringer Waldes für die einzelnen Krankheits­gruppen in übersichtlicher Darstellung vor Augen. Das Sammel­werk umfaßt 328 Seiten und enthält eine Reihe von Abbildungen und Plänen, die zur Erläuterung des Textes tvertvolle Dienste leisten. Dem Inhalt entsprechend ist auch die äußere Ausstattung des Buches vornehm gehalten; es kommt zu dem verhältnismäßig niedrigen Preis von 6 Mk. in den Handel, um dcu weitesten Kreisen die Möglichkeit zu geben, sich über die Heilfaktoren des Thüringer Waldes eingehend zu unterrichten.

AriÜWsgriph.

1 2 4 6 südamerikan sicher Freistaat.

2 9 3 2 ein Schwimmvogel.

3 5 4 5 kanimänuische Bezeichnung.

2 4 8 10 2 nabrhcckte Hüliensrucht.

4 6 8 2 7 fremdländische Münze.

1 5 6 7 männlicher Vorname. ,

5 6 10 3 2 4 etwas für Feinschmecker.

6 9 3 2 4 eine Kartensigur.

7 2 9 5 sibirischer Fluß.

4 5 3 3 2 ein Nagetier.

6 1 10 5 7 5 schwedische Stadt.

8 6 3 3 2 4 ein Nahrungsmittel.

2 4 7 2 ein Baum.

9 5 3 5 7 britische Kolonie.

10 6 7 7 5 römischer Staatsmann.

Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen der Reihe nach, von oben nach unten gelesen, beit Namen eines niebev* ländischen Malers ergeben Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Tiamant-Rätsels in voriger Nummer:

18

Dan

Anbei

Habich*

Eiche

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Redaktion: K. N e u r a t h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- uitb Steindruckerei, R, Lauge, Gießen.