Ausgabe 
12.6.1913
 
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die noch nicht getrockiict war. Nach einem letzten Gruß trabten sie zum Hofe hinaus.

Es war ein Glück, daß sic gegangen waren; denn kaimi eine Halbe Stunde später kämen die Missen, die offenbar auf ihrer WHrte waren. Wir versicherten, niemanden gesehen zu haben, und die Verfolger wollten sich auch schon beruhigt bei uns zur Nacht einlogieren, als die unglückselige Wäsche, die sie auf deut Zaune draußen entdeckten, ihren Argwohn rege machte und sie dazu bestimmte, die Verfolgung sofort wieder aufzunehmen. So lagten sie denn unter Drohungen eilig davon.

In banger Erwartung blieben wir zurück; aber nichts war zu hören und zu sehen. Allmählich war es völlig Nacht ge­worden, und wir gaben uns der Hoffnung hin, daß die Flüchtlinge wohl gut davongekommcn sein möchten. Plötzlich schreckten uns nahende Hnfschläge und Lärmen draußen auf und lockten uns angsterfüllt hinaus. Wir sahen im hellen Mondschein einige von unseren Leuten bemüht, ein lediges Pferd einzusangen, das wild und aufgeregt auf dem Hof umherlief. Während sie noch damit beschäftigt waren, dröhUten von der Straße schon wieder Vufschläge. Gleich darauf jagten zwei weitere ledige Tiere mit Vorgestreckten Hälsen und Köpfen, ivcit aufgerissenen Nüstern und hochgebäumten Schwänzen in rasender Karriere heran. Tas Zaumzeug war zerrissen. Dem einen hing der Sattel unterm Leib, ein anderes blutete heftig aus mehreren Wunden.

.. Voll banger Ahnung sahen wir das alles. Wir glaubten die Pferde zu erkennen, die einige der Flüchtlinge geritten hatten. Der Pferdeknecht bestätigte diese Vermutung mit Bestimmtheit. Nun war kein Zweifel mehr, daß die Verfolger sie eingeholt und gefangen genommen oder niedergeschossen hatten. Tie Schwester des Studenten war untröstlich nnd erregte unser tiefstes Mitleid Sie klagte am meisten darüber, daß sie keine Gewiß-

ei' das Schicksal des Bruders habe, und sprach ihren Entschluß aus, noch in der Nacht, sofort, nach, dem Torfe zu n\roo ^,e Zusammenkunft der Insurgenten erfolgen sollte, und das etwa anderthalb Stunden entfernt lag. Ta sie von diesem Gedanken nicht abzubringen war, so ließ man schließlich einen Knecht anspannen, und sie fuhr in seiner Begleitung eilends zum Hof hinaus. < >

Gegen morgen erst kam der Wägen zurück, aber ohne sie. L-cr Knecht erzählte,. wie sie nach £). gekommen seien, hätte der ganze Ort int tiefsten Schlaf gelegen; ein Pferdekadaver kurz vor dem Dorfe am Wege gefunden hatten, u. Blutlachen auf der Straße hätten ihnen angezeigt, daß ein Kamps stattgefunden haben mußte. Sie hätten schließlich in "uem Hause noch Licht bemerkt und die Einwohner herausgettopst. Da hatte man ihnen bestätigt, daß es in uiimittelbarer Nähe des Dorfes zuni Gefecht gekommen war. Mtzhrerc Polen und auch ä1 ^usse seren gefallen; sie lägen in einer Scheuer aUfgebährt» Aus vieles Bitten hatte der Btann sich bereit finden lassen,, ste dahin zu fuhren. Sie fanden bei dem Gebäude eine russische' M ,?tc /rst den Eintritt verweigerte, nach einem reichlichen Trinkgeld aber sehr dienstbeflissen war und ihnen persönlich in *.* dunklen, öden RanM hineinleuchtete. Da lagen in einem MlNkel auf L-troh rm trüben Schimmer der schwelenden Laterne ein halbes Dutzend starrer menschlicher Gestalten, entsetzlich an- zuseheii mit ihren aschbleichen, verzerrten Zügen, verglasten Augen und den zerfetzten, blutgetränkten Kleidern. In dem einen der -^olen erkannte die Suchende den Bruder, neben dem sie ohn­mächtig mcdcrsank. Endlich war sie zu sich gekommen und hatte nun erklärt, nicht von deut Toten zu lassen, den sie daheim begraben lassen wollte. Da die Wache nicht erlaubte, ihn gleich Mitzunehmen, war sie dort geblieben, um am anderen Morgen den Befehlshaber des russischen Kommandos dämm zu bitten. So mußte denn der Kutscher allein zurückkehren.

anderer Vorfall haftet mir namentlich im Ge- dachtms Es war im September, zur Zeit der Kartoffelernte. Wir hatten aus den! nächsten Garnisonorte ein Anzahl Soldaten unter Führung eines Unteroffiziers zur Aushilfe bei der Ernte erbeten, die nun auf dem Felde draußen tüchtig bei der Arbeit Ivqicu. A.ci feint flogen fine 9lbteilung unter

dcm Kommando eines Offiziers auf das Gut geritten. Ter Führer, ver anscheinend äußerst betrunken war, verlangte den Hausherrn zu sprechen. Da dieser nicht gleich erscheinen konnte, stellte sich ihm statt seiner der Inspektor zur Verfügung. Aber der Angetrunkene geriet über diese angebliche Mißachtung seiner Person m solche Wut, daß er ohne weiteres mit der Knute auf den Inspektor losschlug. Aks durch den Lärm aufgeschreckt, Herr Server selbst dazu kam und den Wütenden zu beschwichtigen b.fbchv er die gleiche Behandlung. Ja, der Tobende ver­schwur sich hoch und teuer, er werde die beiden.Herren als Jn- surgenten ut den Wald führen und am ersten besten Baum nuf- hangen lasten. Das dem sinnlos betrunkenen Wüterich alles zu- Utrauen war, geriet das ganzePersonal in die entsetzlichste Musregung.

In ihrer Angst liefen einige Mägde zu den russischen Sol­daten aufs Feld hinaus und beschworen sie, zu helfen. Die Lmte erklärten, einem Vorgesetzten gegenüber inachtlos zu sein, ^rr einem fiel es da zum Glück ein, daß in einem benachbarten Welhof ein höherer Offizier mit seiner Begleitung zurzeit ein*

Zuartiert sei. Auf einem' abgefchirrten Slckergaul ritt er sofort hinüber, oort Meldung von dem Vorfall zu machen.

Wir verlebten indessen eine Stunde in Todesangst. Herr Werder und der Jnspeltor wurden draußen von den Kosaken bewacht, wahrend ihr würdiger Führer sich- erst durch einen Zwbiß zich der Exekution starken wollte.

. Er saß drinnen im Speisezimmer und ließ sich Essen und Trugen gut schmecken. Da kam plötzlich die Rettung in Gestalt des höheren Offiziers, der sich sofort aufs Pferd gesetzt hatte und heizugeeilt war. Er trat in das Zimmer zu dem An­getrunkenen und stellie ihn in scharfen Worten zur Rede. Ter aver vergaß sich ganz und gar und antwortete in lauter, wider- k 1 cm1 l Voller Angst hörten wir im Nebenzimmer, wie

der Wortwechsel immer drohender wurde. Plötzlich hörten wir das Rasteln von Säbelklingen und vernahmen gleichzeitig, mie . Rohere Offizier durchs offene Fenster den Kosaken draußen einen Befehl zurief. _ Im nächsten Augenblick wurde die Tür von oraußen anfgerissen und die Kosaken stürmten an uns tior* bei uw Nebenzimmer. Wir sahen durch die offene Tür, wie die beiden da drinnen mit der blanken Waffe aufeinander losschlngen nnd auch schon blutende Wunden hatten. Einen Moment später lvar der Kosakenofsizier von seinen eigenen Leuten entwaffnet uno ergriffen, die aus Befehl den Rasenden mit Stricken binden und lofort nach der nächsten Garnison eskortieren mußten.

Wir Sanften dem wackeren Offizier aufs wärmste und Baten, UM feine Wunden verbinden zu dürfen. Er aber wischte sich lachend mi£ dem Taschentuch das Blut vom Gesicht, besah seinen Kops nn Spiegel und meinte, das seien nur Kratzer, nicht der Rede Wert. 'Er sprach dann »sein Bedauern über den An.ftrith aus und tagte, den andern würde seine verdiente Strafe vor dem Kriegsgericht ereilen. Dann verabschiedete er sich kurz und ritt wieder davon.

Waren wir so bisher noch immer vor dem größten Unglück verschont geblieben, so sollte das doch mit einem Male anders werden. Und es kam, wie Herr Werder mir ahnungsvoll gesagt Ijattc: _ Ter Bräutigam seiner Tochter sollte sich und fein ganzes Haus ins Verderben stürzen. Es hatte nn den ernstesten Ver­suchen nicht gefehlt, beit jungen Menschen zur Einsicht zu.bringen., Alles lvar geschehen, ihm eine Flucht ins Ausland zu ermög­lichen. Man hatte ihm die Kleidung eines Siebhändlers ver­schafft, so daß er mit seinem nach russischer Art kurz geschnittenem Haar. Nicht, wiederzuerkeiinen war. Er war mit Geldmitteln reichlich versorgt worden. Aber anstatt sich nun, wie er sollte, über die Grenze nach Galizien zu flüchten, blieb er in der Um­gegend, nm sich bald diesem, bald jenem Haufen von Aufständischen anzuschließen und sich mit ihnen von den Russen hin und her hetzen zu lassen. Er stand dabei im Briefwechsel mit seiner Braut, so gut das möglich war, und stahl sich sogar tollkühn oft zu ihr, ohne die Gefahr zu bedenken, die er damit über sie und ihre Familie brachte.

Da ereilte ihn aber, plötzbich sein Verhängnis. Er lvar eines Tages in einem benachbarten Gutshof, wo er auch be­kannt war, untergeschlüpst. Unerwartet wurde das Haus aber von Wachen umstellt, und ein Diener hatte gerade nur noch Zeit, mit dieser Meldung ins Zimmer zu stürzen. Alles war ent­setzt und ratlos. Pawl schien unrettbar verloren. Er hatte oft damit geprahlt, daß ihn die Russen immerhin nicht leben­dig in die Hände bekommen würden. Er trug nämlich einen Ring mit Gift bei sich. In dieser verzweifelten Lage schien bei ihnt jedoch iwch die Lust am Leben und die Hoffnung auf ein Ent- kommcli größer als die Neigung zum freiwillige» Tode. So sprang er denn zum Fenster in bett Garten hinaus und ver­suchte zu entfliehen. Allein, man bemerkte ihn sofort und war ihnt gleich auf den Fersen. Pawl kam bis an den Mühlgraben und stürzte sich hinein. Seine Verfolger fischten ihn aber heraus und nahmen ihn gefangen. Man machte kurzen Prozeß mit ihm; er wurde einfach am folgenden Tage füsiliert, da das! Kriegsgericht ihn als einen gesuchten Agitator und Offizier der Insurgenten im höchsten Maße schuldig fand.

Aber mit seinem traurigen Los war das Unglück noch nicht genug über die Familie des Herrn Werder gekommen. Bei dem Gefangenen hatte man eine Menge Briese von seiner Braut entdeckt, woraus hervorging, daß Pawl häufig Aufnahme und Unterstützung in deren Vaterhaus gefunden hatte. Das genügte, nm die Anklage des Hochverrats auch gegen den Vater des Mäd- cheiis zu erheben. Eines Tages, als wir alle noch unter dem rischen Eindruck deS surchtbaren Schlages standen, erschien eine eine Abteilung Kosaken und erklärte Herrn Werder für ver­haftet. Er wurde sofort abgeführt. Der Jainmer der unglück­lichen Tochter, die sich sagte, daß sie all das verschuldet hätte, war herzzerreißend. Sie warf sich den Soldaten zu Füßen und lebte sie an, ihr den Vater zu lassen, den letzten, der ihr von ihren Lieben geblieben sei und der ja ganz unschuldig wäre. Man vllte fie verhaften, sie wäre an allem schuld! Die rohen Kerle 'ließen sie endlich mit Fußtritten und Knutenhieben zurück und waren bald mit dem unglücklichen Manne verschwunden, der neben ihren Pferden mit gefesselten Annen herlaufen mußte.

Hedwig hatte rtur noch ein Lebensziel: den Vater vor dem letzten zu retten. Mit rastlosem Eifer versuchte sie alles, seine Unschuld darzutun, ihm ein mildes Urteil zu erwirken.. Erst