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„Ja, dieselbe," bestätigte Linthardt, aber die Sache schien ihm etwas peinlich zu sein, und er fuhr deshalb hastig fort, von seinem Diener zu sprechen. „Anatole ist treu wie Gold, er 'hat sich in kürzer Zeit an alte meine Bedürfnisse gewöhnt, und, was besonders von Wert ist, er ist Teilt Deutscher, sondern ein Schweizerfranzose, aus Genf, glaube ich, oder Neuchatel. Er wird mich deshalb nicht tn vaterländischer Gefühlsaufwallung verlassen wie sein Vorgänger!"
In diesem Augenblick meldete Jules den Notar, und kurze Zeit darauf trat dieser, verschlafen und, wie es schien, nicht gerade bester Laune, ein. Er nickte dem Erbjunker nur kurz zu und sagte dann zu Frau von Bourgee: „Gnädigste Frau, mir diese Mühe zur nachtschlafenden Zeit zu machen, war nicht nötig. Es ist selbstverständlich, daß dieser junge Herr sich hier stark im Unrecht befindet, und ein Rechtsstairdpuukt ist hier überhaupt nicht festzusteklen. Im Testament des Herrn Vaters 'der gnädigen Fran sowohl, wie auch im Ehevertrag des Freiherrn von Altenlohe steht folgendes." — Er entnahm einer Mappe ein Aktenstück und las: „Sollte die Familie derer von Attenlohs oder auch nur eins seiner Mitglieder sich zum Kampfe gegen Frankreich oder einen französischen Machthaber bereit finden, verfällt von Stund an die Besitzung Heidehorst mit allem Vermögen, mit allen Liegenschaften und Inventar an )ie französischen Erben." „Nun also, bester Junker, nun eid Ihr wohl unterrichtet?" fragte Frau von Bourgee Pitz, und nur mühsam gelang es ihr, ein triumphierendes Lächeln zu unterdrücken.
Linthardt sah zu Boden und nagte an der Unterlippe, aber dann sagte er offen und frei: „Mir ganz gleich, meine Verehrtesten! Ich füge mich eben nicht und bleibe. Glauben Sie, ich sei vom Alter schwach wie mein Vater, oder von Vaterlandseifer gepackt wie mein Bruder? Also mein letztes Wort: ich bleibe!" Er ging zur Tür, die nach dem Vorplatz führte, verbeugte sich dort noch einmal kurz gegen die Damen und schritt dann hinaus. Sie hörten, Wie er die Treppe emporstieg, und wie er die Tür zu seinem Zimmer zuschlug.
„Was nun," fragte Frau von Bourgee den Notar.
„Ja, was nun? Gnädige Frau, Sie müssen ihn mit Gewalt aus dem Schloß bringen, ein andres Mittel kenne ich vorläufig nicht!"
„Aber Mama, das geht doch nicht, das können ivir doch nicht. Er ist ja dein Neffe und hat doch von seinem Standpunkt aus gewiß recht!"
„Bitte, liebes Kind: in Sachen des Lebens verstehst du nichts, üiid in Sachen des Geldes, des Besitzes hört jede Verwandtschaft auf. Ueberlaß ruhig alle Entschließungen mir," erwiderte Frau von Bourgee kurz, und erhob sich. „Und nun wollen wir zu Bett!"
Sie klingelte dem Diener und fragte, was aus dem Kutscher qrnd ans dem Reisewagen geworden sei. „Die Pferde hat der Kutscher in einen leeren Stall gebracht und sich dazu gelegt. Der Wagen steht noch vor der Rampe!"
„Mag er stehen. Morgen, hoffe ich, wird er uiijeriV ungebetenen Gast wieder aus den Toren Heidehorsts bringen!" Mit diesen Worten küßte sie Toinette auf die Stirn und ließ sich dann in ihr Schlafgemach führen. Toinette schlief nebenan.
Als Fürchtegott Etzinger, der Stelzfuß^ durch die Gassen des Dorfes schritt und an Stelle des mit ins Feld gezogenen Nachtwächters Mitternacht ausrief, lag das große Schloß im Dunkeln. Nur aus einem Zimmer im ersten Stockwerk des Seitenflügels drang noch ein schwacher Lichtschein in die düstere Nacht. Etzinger, der auf seinem Rundgange durch das Dorf bis an den Park gelangt war, sah das Licht und blieb verwundert stehen. Seit Jahren waren diese Fenster nicht erleuchtet gewesen, und heute auf einmal dieser Lichtschein! Der alte Stelzfuß überlegte eine Weile und kam zu dem Entschluß, den Herrn Pfarrer zu wecken. Er wußte, wie jeder im Dorfe, genau, daß dies erleuchtete Zimmer dem Erbjunker gehörte. Sollte der junge Herr heute zurückgekehrt sein? Nein, das war nicht möglich,, denn das müßte das ganze Dorf,. da doch sicher der Junker die Seinen im Schulhause aufgesucht hätte. Sollte der junge Herr von Bourgee, der eigentliche neue Besitzer des Schlosses, Einzug gehalten haben? Etzinger humpelte in Gedanken ins Dorf zurück und ging, um den Weg abzukürzeu, quer über die Wiesen. Da hörte er vor sich ein Rascheln und entfliehende Schritte, dann ein Stolpern und Stöhnen, Er eilte hinzu, hielt
seine Laterne vor und fuhr erschrocken zurück. „Um Himmels Willen, Baroneß Gisela! Sie um Mitternacht hier am Schloß? Haben Sie sich Schaden getan?"
,/Nein, nein, Etzinger, — ach bitte, verraten Sie mich nicht, ich, will Ihnen alles erklären!"
Baroneß Gisela erhob sich mühsam und stützte sich auf den . Alten. „Ich glaube doch, daß ich mir den Fuß ein wenig verrenkt habe!" Sie versuchte zu gehen, mußte sich aber auf Etzinger stützen.
„Wer beste Baroneß, ich bin wie vom den Kopf ge» schlagen. — Wollten Sie ins Schloß?"
„Nein, nein! — Ich weiß selbst nicht, was ich eigentlich hier wollte. Ich sah, als ich zu Bett gehen wollte, von meiner Kammer aus in dem Zimmer meines Bruders Linthardt Licht schimmern, und da trieb es mich mit unwiderstehlicher Gewalt fort. Ich schlich mich aus dem Hause über die Wiesen nach dem Parke, und bis unter die Fenster und» aber, bitte, schweigen Sie gegen jedermann, Etzinger, — und sah wirklich den Schatten eines Mannes, der'mir mein Bruder sein kann. Er ist eingezogen, er ist da, — er ist int Schloß! Er sagt sich also los von uns und ist ein Vaterlandsverräter!" Sie schluchzte aus und schlug die Hände vor das Antlitz.
„Nu, nu, kleines Bäroneßcheu! Das wird sich schon alles aufklären und zum guten wenden. Jetzt beruhigen Sie sich erst. — Können Sie gehen?" Gisela .nickte und schritt an Etzingers Seite dem Dorfe zu.
„O, wenn das «teilt Vater erfährt, bringt es ihm den Tod, freilich. Das muß ihm löffelweise beigebracht werden. Unser guter Pfarrer wird das schon besorgen."
„Und nun gute Nacht, Barorießchen. Sehen Sie zu, daß Sie unbemerkt in Ihr Stübel kommen, und wenn Ihr Fuß noch schmerzt oder etwa gar geschwollen ist, legen Sie feuchte Tücher darauf!" Etzinger drückte der Baroneß die Hand, ging dann die Darfst raße abwärts, und er hörte noch, wie Gisela die Türe leise öffnete. Dann war alles stilk.
(Fortsetzung folgt.)
Aus polens letztem Attfsiand.
Zur 50 jährigen Wiederkehr der Erhebung von 1863/1864. Nach den Erinnerungen einer Augenzcngin erzählt von Tr. Paul Grab ein.
(Schluß.)
II.
Von den mancherlei ausregeudcn Szenen, die in buntem' Wechsel einander drängten, steht mir eine namentlich noch frisch in Erinnerung. Mehrere bekannte Damen aus Chedlitz waren zum Besuch zu uns gekommen, und wir saßen beim Gespräch! um den Teetifch, als ein Haufen berittener Aufständischer vvrs Haus kam und Einlaß und Verpflegung forderte. Wir waren alle ans Fenster getreten, um die Ankömmlinge zu betrachten, als die eine der Damen mit lautem Aufschrei zusammenfuhr. Sie glaubte ihren Bruder darunter zu sehen, den sie in Genf studieren wähnte. Sie hatte sich, nicht getäuscht; als die Reiter in unsere Wohnung traten, erkannten sich die Geschwister sofort! und schlossen sich tränenden Auges in die Arme. Tas war ein rührendes, trauriges Wiedersehen. Ter Bruder erzählte, wie er uud seine Kameraden wie ein gehetztes Wild von Torf zu Dorf flüchten müßten, immer die Verfolger int Nacken. Heute hätten sie einmal glücklich die Meute auf eine falsche Fährte! gelenkt, und sie dürften sich einige Stunden der Erholung gönnen.
Man pflegte die zu Tode Erschöpften und ihre abgejagten- ausgehungerten Tiere aufs beste und bereitete ihnen dann ein! Lager, auf dem sie bald in tiefen Schlaf versanken. Die Mägde nahmen sich der Wäsche an, die die Reiter im Mantelsack mit sich führten, wuschen sie und hingen sie zum Trocknen draußen auf den Zaun. Gegen Abend fanden sich die Insurgenten, die sämtlich den gebildeten Ständen angehörten, wieder an unserm! Tisch ein, und bei dem gemeinschaftlichen Mahl entspann sich eine Unterhaltung, aus der die tiefe Niedergeschlagenheit der Flücht- linge deutlich hervorging. Sie gaben ihre Sache und sich selbst völlig verloren, wollten aber trotzdem bis zum letzten Atemzuge zu der Fahne des Ausstandes halten, die sie einmal erhoben hatten. Alles Einreden vermochte sie nicht davon abzubringen. Tie verzweifelten Bitten der Schwester, ihr Bruder möge sich doch über die Grenze flüchten, waren auch vergeblich. Schließlich rüsteten sich die Herren zum Ausbruch; sie wollten sich in der Nacht in einem benachbarten Orte mit einigen anderen Versprengten zu einer Meinen Freischar vereinigen und nun zu dem abgemach^ ten Stelldichein aufbrechen. Bald standen sie neben den gesattelten Pferden und nähmen kurzen, aber ernsten Abschied. Sie versprachen, am nächsten Taqe wiederzukommen, mit sich die Wäsche zu holen«


