Donnerstag, den (2. Juni
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Die jflsmmenzeichen rauchen.
Romccir aus dem Jahre 1813
von Miajx Kärl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck Verboten.)
(Fortsetzung.)
„Jawohl, vorläufig hat es aber für ihn sein liebenswürdiger Diener Anatole besorgt! — Du stellst mich als einen Barbaren hin, waruni nicht gleich als Menschenfresser," sagte jetzt halb lachend, halb ärgerlich- Linthardt von Mtenlohe. Und zu dein Diener Jules -gewendet, fuhr er fort: „Bitte, melde mich trotz der späten Abendstunde deiner Herrschaft. Ein Mißverständnis, dessen Schuld wahrlich ich nicht trage, ist wohl Ursache dieses Zusammentref- fens?" Und er folgte den: Diener Jules, während Anabole zum Reisewagen zurückkehrte und dem Kutscher beim Gepäck- abladen half.
Die beiden Damen von Bourgee hatten Wohl draußen den erregten Wortwechsel der Männer gehört, aber nichts verstanden. Sie saßen in dem kleinen blauen Saale in dem Erdgeschoß, dichtam Altan, Heu sie sich zum Wohnzimmer erkoren hatten, und waren liicht wenig erstaunt, als sie hinter dem Diener Jules die hohe Gestalt Linthardts von Mtenlohe mit eintreten sahen.
Linthardt verbeugte sich lächelnd, küßte den noch immer in Schreck und Staunen fast erstarrten Damen höflich die Hand und sagte verbindlich : „Niemand von uns hätte wohl geahnt, als wir uns, verehrte Damen, in Malmaison verabschiedeten, daß wir uns so bald und unter so veränderten Verhältnissen Wiedersehen würden, und obenein Sie noch als Gast auf meinem Erbschloß!"
"Frau von Bourgee schien aber wenig Lust zr:'haben, aus diesen freundschaftlichen Ton einzugehen, denn sie antwortete gereizt: „Auf Ihrem Erbschloß? Sie scheinen, bester Junker, nicht unterrichtet über das zu sein, was in den letzten Wochen vorgefallen ist. Ihre Familie hat sich im Kampfe gegen Napoleon und Frankreich gewendet, die Folge davon ist, läut Testament und des bei der Ehe Ihres Vaters' abgeschlossenen und beeideten Vertrags, daß von jener Stunde an Heidehorst an die französischen Erben fällt, also an uns!"
„Leider nur zu gut bin ich unterrichtet, verehrte Frau Tante,st seufzte Linthardt. „Aber ich bin mit den Meinen nicht einer Ansicht und eines Willens. Ich willige nicht ein unchbin selbst, wie Sie von meinem Aufenthalt in Ihrem gastfreien Hause in Malmaison wissen, nicht Feind Frankreichs und Napoleons, sondern ein Verehrer dieses göttlichen Helden, lind da ich der Erbjunker derer von Altenlohe bin, fällt Schloß und Herrschaft 'Heidehorst natürlich an mich!"
„Das ist schändlich! Das ist schändlich! "stieß Frau von Bourgee hervor und achtete nicht der beruhigenden Worte T-oinettes, sondern gebot dein Diener: „Jules, gehe
. sofort hinaus in das Zimmer des Notars Winter und wecke den Advokaten, falls er noch schläft. Er solle sich sofort herabbemühten und dem Herrn von Altenlohe den Rechtsstandpunkt dar- und klarlegen!"
„Ah, Dr. Winter, dieser famose Mann, dieser Held der Rechtswissenschaft ist auch anwesend?" sagte Linthardt lachend und fuhr dann fort: „Auf jeden Fall, Madame,- bin jetzt da und. gedenke, aller Rechtsstandpunkte zum Trotz auch dazubleiben. Wir, oder besser Sie, täten gut. Sie besännen sich auf unser nahes verwandtschaftliches Verhältnis und böten mir Gastfreundschaft in meinem eigenen Hanse. Und Sie, 'teuerste Toinette, bitte ich jetzt um ein Glas Tee, denn mich fröstelt nach her langen Fahrt in kühler Nacht!" -
Während Linthardt mit Behagen trank und aß, fragte er nach den Verhältnissen des Gutes und nach seinem Vater. Frau von Bourgee antwortete kurz: „Es ist doch zwecklos, über diese Angelegenheiten zu reden, solange nicht rechtlich klargestellt ist, daß Sie auch nicht den geringsten Anspruch auf Heidehorst haben. Und über Ihren Vater kann ich Ihnen nur sagen, 'daß er mir sämtliche Leute des Gutes und Ortes abspenstig gemacht hat und sie gegen mich aufhetzt, so daß wir nicht wagen, vor die Tur -zu gehen!" Dann wandte sie sich ab und würdigte ihren Neffen keines Blickes weiter, sondern las in einer Zeitung. Vom "Verkauf des gefaulten Viehbestandes zu sprechen, scheute sie sich vorerst noch.
Linthardt stand auf und ging erregt im Zimmer ailf und ab, und als er seinen Diener "Anatole draußen vor der -Glastür auf dem Flur seiner harren sah, befahl er ihm, das Gepäck mit Hilfe des Kutschers in den linken Seitenflügel des Schlosses zir schaffen Und die.beiden letzten Zimmer im ersten Stockwerk, die voll Jugend an seine Gemächer gewesen waren, für ihn 'herzurichten. Toinette stand jetzt schweigend auf und suchte aus einem mit grünem Samt ausgeschlagenen, reichgeschnitzten Kasten, der früher ein Behälter für Pistolen gewesen sein inochte, unter zahlreichen, je mit einem Zettel versehenen.Schlüsseln den zu Linthardts Zimmern heraus und übergab ihn dem Diener. Der alte Haus- und Rentnreister hatte das Inventar genau aufgestellt und in Listen eingetragen und die Schlüssel zU jedem Raume erkenntlich gemacht, damit man nicht sagen könne, das Schloß, sei in verlottertem Zustand übergeben worden.
Rur um die peinliche "Stille zu unterbrechen, sagte Toinette zu Linthardt: „Das ist nicht Ihr Bedienter, Herr von Altenlohe, den Sie mit in Malmaisoil hatten?"
„Rein, John verließ mich au jenem Tage, da mir Botschaft ward, daß mein Vater das Schloß hier preisgegeben. Er ist, glaube ich, mit zur Fahne gegangen. Anatole, mein jetziger Diener, ist ein Juwel nnb gehört eigentlich nicht mir. Eine Prager Dame stellte ihn mir zur Verfügung!"
„Ach, wohl die Gräfin Stvrsch-Piesek, von der Sie tote* derholt in Malmaison mit Wärme sprachen?"


