Ausgabe 
12.4.1913
 
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Zwei Welten.

Roman von E m m a Merk.

(Nachdrink verboten.)

Durch die Münchener Straßen fegte ein rauher Ostwind: wie scharfe kleine Eiskörner flogen die spärlichen Schnee­flocken beit Menschen in das Gesicht, die eilig, mit roten Rasen und roten Ohren, dahinllesen.

Ein schwerfälliger, untersetzter Herr im dicken Pelzrock schellte ungeduldig an dem Tor seiner eleganten Villa in der Arcisstraße.

Ist das ein Wetter heut," rief er, sich räuspernd-, dem Mädchen zu, das ihm öffnete.

Sie trug eine Binde um den Kopf und machte ein sehr übellauniges Gesicht.

Ja, tote geh'ts denn mit dem Zahnweh, Babett?" fragte er gutmütig, während er aus dem Mantel schlüpfte. Legen Sie sich nur bald nieder Heut. O, ich freu' mich fetzt auf meinen warmen Hausrock" und ptetite Pantoffeln. Haben S' mir's zum Ofen hing'siellt, Babett?"

Ja, gnädig' Herr."

So, brav. Und dann sagen's der Köchin, sie soll gleich anrichten. Ich hab' einen Mordshunger."

Babett leuchtete mit einem Kerzenlicht voran, während er die großen, luxuriös eingerichteten Zimmer durchschritt, in betten es überall kalt und finster war.

Er hatte das reizende Familienhaus gekauft und die Räume kostbar aus'gestattet, weil er das der Familie schuldig zu sein glaubte, denn die Mittel waren ja da. Allein er war kein Freund vott Neuerungen wie Zentralheizung und elektrisches Licht, ttifö die prunkvollen Salons wurden nur bei festlichen Anlässen benutzt. Sonst hielt man sich in dem eittsachen Wohnzimmer auf, in dem das altmodische große Sofa stand, davor der Eßtisch mit der Hängelampe, das Nähtischchen der Frau auf dem Fenstertritt, der Glas­schrank mit allerlei Andenken. In dem Zimmer hingen ein paar schlechte alte Familien bild er, und in dem Käfig ttut Fenster piepte der Kanarienvogel. Nur hier fand das Ehepaar Bernhobler es gemütlich. In ihrem streng gotisch eingerichteten Speisezimmer, in dem Rokokosaal, in dem hellen Boudoir kamen sie sich Vor, als wären sie in ihrem eigenen Hause KU Besuch und müßten Feiertaasmanierem annehmen und sich anders gebärden als gewöhnlich.

Bernhoblers zählten zu den reichsten Münchener Fa- äiiUieit,- aber für Wolf Und seine Frau Mali war ihr Wies Essen, ihre Ordnung, ihre Bequemlichkeit das Lebens« glück. Gastfreundschaft, Geselligkeit erschien ihnen als über­flüssige Plage. Nur dis Verwandten wurden ein paarmal im Jahr einaeladen und dann glänzend bewirtet.

Wolf Bernholers Vater, ein ruhiger, intelligentev Und sparsamer Mann, hatte durch seine Säge- und Schneide­mühle dicht vor der Stadt und durch seinen Holzhandel feilt Niesenvermögen erworben. Seine älteren Söhne führten

das Geschäft weiter, aber Adolf fühlte gelvissermaßen das Bedürfnis, sich von 'den Arbeitsanstrengungen seines Vaters gründlich anszurnhen und begnügte sich damit, als wohl­habender Vrivatier zu leben, seine Coupons abzuschneiden und geduldig auf das weitere Erbteil zu warten, das ihm noch zufallen mußte, denn ein großer Teil seines väterlichen Vermögens war noch in den Händen seiner siebennndachtzig- jährigen Mutter, der kleinen scharfen Frau Walburga Bern- Hobler, die gefürchtet und geliebt, einen hohen Ehrenplatz in der Familie einnahm und über ihre großen Kinder noch immer einen starken Pantoffel schwang.

Grüß Gott, Mali."

Seine Frau saß im Hauskleid an dem gedeckten Tisch und strickte.

Grüß Gott, Alter ich bitt froh, daß du z' Haus bist bei der Kälten."

Sie hatte eine große Aehnllchkeit mit ihm. In ihrer Gemütlichkeit waren sie beide recht rundlich geworden, beide hatten volle, rosige Gesichter mit gutmütigen vergnügten Äugen und einem stark ausgeprägten Doppelkinn.

Was gibt's benn heut' zum Essen?" fragte er neu­gierig, während er sich vor dem gutgeheizten Kachelofen die Hände wärmte.

Er sah sehr erwartungs'freudiA ans, als er erfahren, daß ihm der Genuß von jungen Hühnern mit italienischem Salat bevorstand, und schnüffelte behaglich den leckeren Duft des Bratens ein, den Babett mit ihrer Duldermiene auf den Tisch setzte.

Auf die gute Mali wirkte eine üble Laune ihrer seit Jahren im Hause herrschenden Dienerin höchst beklemmend.

Sie 'brauchen nicht aufbleiben, Babett. Schicken's nur bett Hausmeister in's Theater Aitm Abholen vom Fräu-i lein," sagte sie ängstlich.

Was, die Hildegard ist schon wieder int Theater?" rief Adolf enttäuscht.

Schau, es trifft sie ja ans ihren Platz. Den ganzen Tag hat sie sich auf das Stück g'freut."

.Was wird.denn 'geben ?" fragte er, während er mit Kennerblicken auf der Bratenplatte hernmwühlte.

Der Meister von Palmyra, hat sie g'sagt, mein ich." O Jesses! Da bin ich ihr nicht neidig. So ein Trauer­spiel wieder, wo's barfuß daherkommen. Da brächten mich keine zehn Pferd' 'nein. Das Gärtnerplatztheater, wenn der Dreher spielt, so daß man wenigstens lachen kann, das laß ich mir noch g'fallen. Aber so was Ernsthaftes, das hab' ich dick."

Ziemlich einsilbig verzehrte das Ehepaar feine Mahl­zeit.

Dann stocherte Adolf eine Weile in den Zähnen, zündele sich eine Zigarre an und trank in kräftigen Zügen ans dem großen gläsernen Maßkrug, der vor ihm stand, während seine Frau, die, obwohl sie eine gute Münchnerin war, das Mer nicht mochte, an einem Keller mit Süßigkeiten naschte.