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(Dito Ludwig.
' lA f !8u seineUr 100. Geburtstag 12. Februar.
1 ! ' 1 1 Bon Dr. Paul Landau. >'
WariM lieben wir Otto Ludwige so innig, wie einew hohen vorbildlichen Freund, fast wie ein Stück unseres Lebens selbst? So Manche Dichter haben ihn an Größe und Kraft überragt, hüben ihr Dasein reicher und stolzer gestaltet, haben vollkommenere Werke der Nachwelt hinterlassen als er! Nur weniges hat er uns geschenkt, an bem wir eine völlig reine, künstlerische Freude haben rönnen, vielleicht nur die köstliche „Heiteretei", die ihm selbst ein atm* des Broterwerbes unternommenes Nebenwerk war; sein Werk gleicht einer Walstatt des Geistes, auf der Trümmer und Wunden von vielen Niederlagen erzähleit. In tragischer Verblendung suchte er mit schier unmenschlichem Bemühen seiner Begabung Dränten der höchsten Form abzuringen, während er nur im Epischen, int liebevollen Beseelen des Einzelnen ein seltener Meister war. Kein anderer wahrer Poet ist so gigantische Irrwege gegangen, kein anderer hat eine solche Fülle von unerfüllten Verheißungen, von Versuchen und Entwürfen hinterlassen. Warum lieben wir Otto Ludwig? Weil er vielleicht der menschlichste, der deutscheste aller Dichter war, weil eine unendlich rührende, eine aufs tiefste ergreifende Stimmung über seinem Leben und Schaffen ruht.
Einen Schimmer der Verklärung, der höchsten Vergeistigung empfanden alle dieser „unbeschreiblich hoheitsvollen Gestalt" gegenüber, die ihm näher traten. „Mles, toaS er sprach und oft nur leise anbeutete, gnoll aus der Tiefe des Lebens, nichts erschien unbedeutend oder gehaltlos". Unter ihm im wesenlosen Scheine lagen alle materiellen Gedanken und Triebe, die sonst so leicht auch den Genius umstricken. Diese innerliche Lauterkeit und Frömmigkeit seiner Natur leuchtet so hell aus den Erinnerungen des Oberhofpredigers Meier; sie lebt besonders in den Kalender- etntragnngen und den Briefen der letzten Zeit, wenn er etwa erzählt, wie er Mit seinen Kindern die Passionsgeschichte Jesu liest. Ein schwerer Leidenszug, der sich allmählich zu furchtbaren Qualen steigert, verstärkt den Eindruck des stillen Duldens, der edlen Größe. Dieser urdeutsche Mann, mit dem männlich schönen Gesicht, dessen durchgeipige Feinheit an die antike Euripides-Büste gemahnte, dieser echte Thüringer, der sich in naiver Innigkeit und Gcmüts- fülle feinenv größten Landsmann Luther verwandt fühlen durfte, trug das Stigma der Krankheit in seinem scheinbar so rüstigen Organismus. Diese langsame Untergrabung seines Nervensystems, durch Vererbung begründet, durch eine außerordentliche Sensibilität verstärkt, durch die Erregungen des künstlerischen Schaffens vollendet, hat aber die ursprüngliche Gesundheit seines Geistes nie berührt; das Muß modernen phatologischen Ausdeutungen gegen- tiber, die rasch mit dem Allerweltswort „Hysterie" bei der Hand sind, besonders ■ betont werden. Der tragische Prozeß, der seine Schaffenskraft nicht zur vollen Entfaltung kommen ließ, beruht eher in einer allzu scharfen und einseitigen Ausbildung des Verstandes, des kritischen Urteils. Ein ewiger Gegensatz zwischen dem verhängnisvoll übermächtigen Eindringen der Phantasie und dem nicht minder starken Drang zur strengen Form durchwühlt sein nur den höchsten Idealen geweihtes Dasein. Ein inbrünstiges, aufreibendes Ringen uM das Endziel aller Kunst, um harmonische Verschmelzung von Vision und Gestaltung war sein Schicksal; ahnt selbst erschien es unter dem biblischen Bild des Jakob, der Mit dem Engel des Herrn ringt: „Ich lasse dich nicht, du segnest Mich denn". Wenn es deutsch ist: eine Sache um ihrer selbst willen tun, dann war Ludwig der deutscheste Dichter. Kein Nebengedanke, kein fremdes Interesse hat ihn je abgezogen voir dem Kampf um die letzte künstlerische Vollendung, und dies Märtyrertum hat er bis WM letzten Atemzuge auf sich genommen. Kein schöneres, edleres Vorbild gibt es für einen Dichter; und unser Wunsch an seinem 100. Geburtstag ist der, daß viele ihm nachleben mögen. Mögen sie glücklicher sein als er! Wir aber lieben ihn, weil er ebenso groß und gut wie Unglücklich war.
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Starker als bei anderen Dichtern, die zugleich Komponisten wären — man denke an E. T. A. Hoffmann, an Peter Cornelius Ir. a. — tritt bei Ludwig der Musikalische Urgrund seiner Phantasie zutage. Eine musikalische Stimmung stellt er an den Anfang des Schaffensprozesses, den er uns so wundervoll in seinen „Shake- sPeare-Studien" geschildert; von der „Fülle der Geschichte", die ihn bedrängten, verschaffte er sich Befreiung durch stundenlanges Phantasieren am Klavier, das die wenigen, die es belauschen durften, zu den seltensten Kunstgenüssen zählten. Eine tiefe zarte Melodik klingt durch seine Verse, ja auch durch seine Prosa. Andererseits aber forderte sein Genie imMer lauter fest umrissene, plastisch derbe, ja knorrig urwüchsige Gestalten. Aus der ahnuugs- Mweren,, dämmerigen Unbestimmtheit der Romantik drängte es IM zu einem harten Realismus. Realistisch waren seine ersten novellistischen Versuche, wenn sie sich auch noch! ganz in den Formen Trecks: Jean Pauls und Hoffmanns bewegten. Ein langes mühsames Formen Und Umformen, ein Tasten durch die verschiedensten Stadien des Stoffes bezeichnet in der Geburt seiner Werke hie Läuterung vom Subjektiv-Phantastischen zuM Objektiv-Wirkliche«. Dafür war ihm Shäkespeare der Leitstern, leider zugleich ein tocke.nd.er Irrstem, dm ihn von dytz MgZrstM seiiM M.tur ist die
Labyrinthe grüblerische Unsruchtbärkeik, UUs der freien Nachahmung der Wirklichkeit zu den Hexereien künstlerischer Alchimie trieb, Nach langen Vorarbeiten, nach Jahrzehnten gewissenhaftester Selbstausbildung, in denen der Autodchakt, der die bunte Gymna> siastenmütze mit der grünen Lehrlingsschürze hatte vertauschen! muffen, sich eine weite eigene geistige Welt geschaffen, trat Otto. Ludwig aus Eichsfeld als 37jähriger mit seinem „Erbförstcr"/ em fertiger reifer Künstler, in die Literatur ein und vor das Publikum. Erst aus dem Nachlaß sind einige bedeutsame Werke/ die vorher, entstanden, an die Oeffentlichkeit getreten. Zwar die Novellen sind nur Vorstudien zu seinen beiden prosaischen Meisterwerken; die, tieffinnige „Maria" weist aus die Psychologie von „Zwischen Himmel und Erde" hin und die prächtigen Schilderungenl des fragmentarischen Schulmeisterromans bereiten auf die satte reife Malerei der „Heiteretei" vor. Die Dramen aber schlagen Töne an, die Ludwig später bewußt ausschieb und zeigen, tote sein Talent bei steter Vertiefung doch an Breite und Fülle Ber tonte.- Da ist das entzückende Verlustspiel „Hanns Frei", bei aller steifen Symmetrie der Parallelhandlung, die sich — ein Virtuosenstück, wie es sonst nur bei Lope de Vega vorkommt —«zugleich auf der geteilten Bühne abfpielt, voll von graziöser Laune und einer bei Ludwig seltenen Leichtigkeit, dann das machtvolle Nachtstück der „Torgauer Heide", ein historisches Stimmungsbild von höchster Feinheit, das ganz naturalistisch angelegte Trauerspiel „Die Pfarrrose", das den Klang des „Erbsörsters" voll anschlägt, während' andere Fragmente allmählich zu biefem Meisterwerk hinleiten, Der „Erbförster" selbst, bie reife Frucht dieser Dramenstudien,' bietet in der großartigen Wiedergabe des Milieus, in der Darstellung der Umwelt eines Dramas, bis' in alle Einzelheiten etwas ganz Neues in unserer Dichtung; man vergißt darüber die oft betonten Mängel und Unwahrscheinlichkeiten der Handlung. Welch ein Aufstieg aber von diesem realistischen Schicksalsdrama zu den „Makkabaeern", bie durch das an prachtvollen Einzelheiten reich« „Fräulein von Soudery" vorbereitet werden! Nach dieser an Charakteristik wie poetischer Schönheit gleich mächtigen Leistung/ die man mit Recht neben Hebbels Dramen die bedeutendste neuere Tragödie genannt hat, durste Man das Höchste von ihrem Schöpfer, erwarten. Sie war — -ein Ende.
Nach Vollendung der Makkabäeer wandte sich Ludwig gleichsam zur Erholung bau1 Roman zu und schuf als frohes Zwischenspiel die „Heiteretei", dies vollendete Abbild' thüringischen Lebens, das 'wir heute gar nicht genug bewundern können, und die tragische Erzählung „Zwischen Himmel und Erde", ein Meisterwerk der feinsten Psychologie. Werke von Ewigkeitswert! Für den Dichter aber Nebenwerke, von denen er sich mit einer ebenso bewunderungswürdigen wie beklagenswerten Entsagung wieder abwandte, obwohl sie ihm den Erfolg gebracht hatten. Es waren Arbeiten der Befreiung gewesen. Die Visionen der Vergangenheit umdrängten ihn' zu Mächtig; so gab er ihnen von feinem Blut zu trinken/und schuf ihnen Eigenleben. Seine „Mörderische Kritik", fern Mangel an Selbstvertrauen und die grenzenlose Bescheidenheit ließen es ihm! notwendig erscheinen, erst fein „Instrument zu vervollkommnen"; der Meister wollte „das Handwerk lernen". Er verlor sich an Shakespeare. Haben uns diese unablässigen Beobachtungen und Analysen der Kunst des größten Dramatikers unschätzbare Kenntnisse gebracht, so ist diese Bereicherung doch viel zu teuer bezahlt mit der Lähmung einer der stärksten Künstlerkräfte, die Deutschland je besessen. Während er sich zur kritischen Beobachtung zwingt/ arbeitet die nie rastende Phantasie dieses „dichterischsten Dichters^ ununterbrochen weiter; sie wuchert „allzu üppig"; der lieber,» reichtum seiner Einbildungskraft läßt Pläne über Pläne entstehen/ die nie reifen. So wird sein Geist, dessen trauriges Abbild seine Skizzenbücher sind, zu einem! grausigen Leichenfeld. „Die Seelen meiner Dramenpläne stehen Nachts um mein Bett und fordern ihr Leben von mir", klagt -er. Tas beängstigende Gedränge der Visionen erstickte jeden lebenskräftigen KeiM. „Ich ftihle", gestand er schließlich, „daß ich nichts Mehr iverbe vollenden können; big Mittel, das Instrument, habe ich in der Hand und kann sie nicht anweuden." So nahm die schmerzvolle Todeskrankheit einen künstlerisch Gebrochenen von dieser Erde, aber der Nachwelt muß dieser heldenhafte Kamps um die Kunst ininterbar heilig fein; bbnn lauter als der Siegeszng jedes Triumphierenben kündet die tragische Leveusm-e'todie dieses Unterleaenen vpn der Herrlichkeit des JdealZ und der MmdcrMächt des Schölten! . i I . . - /
Alis der eisernen Zeit: Die Opfer des Volkes.
„Es ist unmöglich, nicht elektrisiert zu werden, wenn man das Feuer sieht, mit tvelchem das Volk hier seinem Nationalgeiste Luft macht," so berichtet der spanische Gesandte am preußischen Hose in jenen Februartagen an seine Regierung, da das ganze Volk seine Opfer an Geld und Gut ans deM Altar des Baterlaubesi niederznlegen begann. Es war ja zum -erstenmal, daß im deutschen Volk eine solche Geb'elust aufloderte, daß alle, alle ihre Hast» zum Wohl her Allgemeinheit darbrachten. „Der Geizige griff seine ängstlich zUsamMengehäusten Schätze an," erzählt Steffens/ „wer aber keine Sumtnen zu bieten hatte, verkaufte, Edelstein», Gold- und Silbergeräthe, und wie die Mütter die zärtlich geliebten Söhne, die bis jetzt mit ängstlicher Sorge gepflegt wurden, MM selten selbst bewaffneten und in den Krieg sendeten, so erschienest auch alle Menschen gehoben und geheiligt. Tas Gebell Md MiO


