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ttiib der Bauer ist allzeit die treueste und festeste Stütze seines Vaterlandes gewesen."
„So denke und empfinde auch ich — und mir ist es! eine doppelt heilige Pflicht, es zu lieben und zu verehren."
„Du meine süße Ellen!" quillt es von der Lippe des Entzückten, und wieder preßt er die Geliebte an sein stürmisch klopfendes Herz. „Jetzt haben die Tage des Glückes für uns begonnen, jetzt bin ich ein Bauer, der sein Weib heimführen darf! Im Herbste mache ich Hochzeit, und bis dahin will ich mir Schwielen an die Hände arbeiten, daß mein Haus und Hof geschmückt sei, wenn die Herrin einzieht."
Und wieder küßt er seine Braut, und' ein unendliches Glücksgesühl durchflutet die Seelen des Liebespaares, das in seliger Weltvergess-enheit von den Tagen künftigen Glücks träumt.
Anekdoten von Vrahmr.
Von dem groß angelegten biographischen Werke, das Max Kälbeck seinem Freunde Johannes Brahms widmet, ist soeben im Verlage der Deutschen Brahms-Gesellschaft in Berlin ein neuer Teck, die erste Hälfte des vierten Bandes, die Zeit von 1886 bis 18m 1 umfassend, erschienen. Wie immer weiß Kalbeck viel Neues und Interessantes von Brahms zu erzählen. Wir entnehmen dem fesselnden Werke ein paar besonders charakteristische Stellen.
Wie Brahms komponierte.
Gegen Ende der achtziger Jahre stand Brahms, wie Kalbeck Uach dem Berichte von Frau Celestine Truxa angibt, regelmäßig inn sechs Uhr früh auf und trank den ganzen Morgen über von seinem Kaffee, den er sich auf der Müschine selbst bereitete, wahrend er am Stehpult (int Bibliothekzimmer) Noten schrieb. So hielt er es in der Stadt. (Auf dem Lande stand er noch zeitiger auf itub ging gleich nach dein Frühstück stundenlang spazieren.) Denn er komponierte, seltene Ausnahmen abgerechnet, niemals im Zimmer.ober gar am Klavier, sondern regelmäßig im Gehen. Das Fixieren seiner Kompositionen geschah erst,, wenn er sie vollständig im Kopf fertig hatte. Was er geschaffen, stand ihm so klar vor Augen und haftete so treu in seinem Gedächtnis, daß er es jck>erzcit ohne Besinnet niederschretben konnte, gleichgültig, ob es ein einfaches Lied oder eine komplizierte Orckesterpartitur war. Als ich ihm 1885 die Partitur seiner G-moll-Symphonie zurückbrachte, (fügt Kalbeck hinzu), die er mir auf einige Tage geliehen hatte, wartete er schon ungeduldig darauf, band das kostbare Manuskript, von dem keine Abschrift vorhanden war, nach seiner Gewohnheit mit einem Spagatfaben zusammen, um es offen unter Kreuzband als „Geschäftspapiere" an Joachim weiter zu befördern. Entsetzt darüber, bat ich ihn, die Sendung wenigstens zu rekommandieren. Da erwiderte er: „Ach was, solches Zeug geht nicht verloren!" „Wenn aber ausnahmsweise einmal doch?" „So würde ich die Partitur eben noch einmal schreiben, llebrigens will ich brav sein und meine Sachen künftig rekommandieren."
Brahnis am Klavier.
Von Frau Professor Vetter, der Tochter von Brahms Freunde Widmann, kam: Kalbeck eine reizende Schilderung von Brahms am Klavier beibringen: „Wir touren mit ihm im Sommertheater ans dem Schänzli (bei Bern), wo er höchst vergnügt zuhörte; während der Fledermaus sagte er öfters zu mir: „Das sollten Sie in Wien hören!" Als wir hie und da hei den lustigen Walzern die Füße nicht stillhalten konnten, sagte er: „Wartet nur, ich will euch einmal Walzer spielen!" Und acht Tage nachher, am Sonntag abend, als wir alle bei meinen Mein mit Hegar von Zürich und Menzinger zusammen waren, da faßte ich mir ein Herz und erinnerte ihn an sein Versprechen. Lächelnd sagte er: „Zuerst wollen wir mal was Ernsthaftes spielen für die Musikdirektoren, nachher müssen die 'naus, dann spiel ich euch Tänze." Und er fing an und spielte ganz gewaltig, aus dem Kopfe natürlich, und, wie immer, dazu summend und brummend, so daß der Flügel und das Zimmer und das Haus dröhnte: die Paganini- Variationen und ein Schubertsches Streichquartett, dann eine prachtvolle Tokkata und Fuge von Bach, — man glaubte die Orgel brausen zu hören. Zuletzt fragte er: „Wollen Sie noch einen kleinen Bach?" und als Hegar rief- Lieber einen großen!", ließ er noch eine Bachsche Fuge folgen. Nachher versuchte er die Musikdirektoren hinauszubugsieven. Sie ließen sich aber nicht wegbringen und waren geradezu entzückt wie wir von den herrlichen Straußschen Wälzern. Bach zu spielen, so fügt Kälbeck nun aus eigener Erfahrung hinzu, war Brahms unermüdlich. Als ich einmal in der Karlsgasse bei ihm eintreten wollte, begann er mit deut Präludium der großen Orgelfuge in A-moll. Ich blieb hinter der Glastür stehen und ließ Mir keinen Ton entgehen. Nach dem Schluß rief er mich hinein, sagte, da ich ihm dankte: „Nun wollen wir das Stück aber erst einmal ordentlich spielen," und begann das Riesenwerk von neuem und übertraf sich selbst, ohne eine Spur von Ermattung zu zeigen.
Brahms behandelt seine Influenza.
' Im Dezember 1889 wurde Brahms von der Influenza heim- -esncht, die damals in Men grassierte. Kurz vorher Halle er
Kälbeck, der auch unter der tückischen Krankheit zu leiden hatte, mit den Worten angefahren: „Natürlich, Sie müssen jeden Mode- unsinn mitmachen!" Bald darauf besuchte Kalbeck nun Brahms in seiner Wohnung. Was er da erlebte, beschreibt er folgendermaßen: „Schon beim Eintritt ins Schlafzimmer hörte ich durch die angelehnte Glastür ein heftiges Schnaufen und Prusten von der Bibliothek her, die immer offen stand. Dort bot sich mir ein halb erheiternder, halb beängstigender Anblick: Brahms stand mit entblößtem Oberkörper über das Becken der in die Mitte des Zimmers gerückten Waschtollette gebeugt und goß sich unaufhörlich aus einem mächtigen Kruge eiskaltes Wasser über den Kopf. Sein Gesicht war blaurot gefärbt, die Augeu glühten, und er sah mit dem triefenden Kopf- und Barthaar aus, wie der Triton eines Böcklin- scheu Meeresidylls. Auf die Frage, was er da tue, antwortete er, zwischen vielen Atempausen keuchend: „Ich kühle mich 'n Bißchen ab. Mir ist so furchtbar.heiß." (In der Aufregung fiel er in feinen Hamburger Dialekt.) Dabei sah er mich angstvoll und kläglich an. Ich griff nach seiner Hand, die Pulse flogen im hitzigsten Fieber. Durch eigene Erfahrung belehrt, erlaubte ich mir, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er die Influenza habe. Da. brummte er ärgerlich: „Warum nicht gar," trocknete sich eilig ah, zog den Rock an und nötigte mich zum Sitzen. Ich lehnte ab und bat ihn, er möge zum Doktor schicken. Da er sich heftig dagegen sträubte, sagte ich: „Nun gut, so muß ich Sie in die KUr nehmen," und fuhr tm Ton eines ordinierenden Arztes fort: „Sie werden jetzt sofort zu Belle gehen, heißen Tee mit Kognak oder Rum trinken, abends höchstens eine trockene Semmel essen, tüchtig schwitzen, hungern und schlafen. Morgen früh sehe ich wieder nach." „Ich werde mich nicht ins Bett legen, sondern in den „Igel" gehen, .werde kernen Tee, sondern Pilsener Bier trinken, keine trockne Semmel, sondern serbisches Reisfleisch essen," erklärte ex gereizt. „So?" warf ich ein, „dann wird es Ihnen ergehen wie vor hundert Jahren Mlozart." In einer alten Musikzeitung von 1791 hatte ich gerade die Nollz gefunden, daß Mozart an einer „bösen Influenza", die in Wien viele Opfer forderte, gestorben fei. Die Krankheit war also nichts Neues und auch keine Modesache. Meine möglichst ruhige Mitteilung machte ihn stutzig. „Na," lenkte er nach kurzem Besinnen ein, „so will ich Ihnen meinetwegen den Gefallen tun. Adjes." Ich sprach bei Frau Truxa vor und war überzeugt, daß seine Riesennatur sich selbst am besten helfen werde."
Wie Brahms Bücher las.
Brahms lieh sich häufig Bücher, besonders gern von seinem! Freunde Widmann, aber wer Brahms Bücher lieh, durfte kein Bibliophile sein. Zwar Ivar er, wie Kalbeck berichtet, auch hiervon musterhafter Ordnungsliebe, insofern er über jedes Blatt, dqs er verlieh, Protokoll führte, und in jedes Buch, das er entlieh, den Namen des rechtmäßigen Eigentümers einschrieb. Aber er hatte die üble Gewohnheit, während des Lesens alle Knötchen und Körnchen mit dem Nagel wegzukratzen und Stellen, die ihm bemerkenswert erschienen, dick anzustreichen, oder mit einem NB. (notabene) am Rande zu versehen. Da ich infolgedessen durch Schaden klug geworden, mit den kostbaren Originalausgaben meiner Büchersammlung unter allerlei Vorwänden zurückhielt, räsonnierte er immer über die vielen unnützen Bücher, die ich hätte, während mir gerade die wichtigsten fehlten. Ein durchlöcherter Lichteicberg in neun und ein verschwärzter Klinger in vier Bänden sind Zeitgen seines kratzlustigen Leseeifers.
Brahms und die S ch n e i d e r k u n st.
„Wenn an seiner Toilette etwas nicht in Ordnung war, ein Band oder ein Knopf fehlte, legte er den betreffenden Gegenstand oben auf seine Schublade und ließ sie ausgezogen offen stehen. Frau Truxa (so hat sie Kalbeck erzählt) besserte dann den Schaden ans, ohne ein Wort zu sagen: auch er erwähnte die Angelegenheit mit keinem Worte. Da er auf feine Garderobe nur insofern achtete, als er sie nach feiner Bequemlichkeit verfertigt wünschte, kant es vor, daß er in abgetragenen Kleidern ausging, die bei der feinen Welt Anstoß erregten. Etwas Neues anznschaffen, konnte er sich schwer entschließen, und Frau Truxa mußte ihm! zureden, oder sie bestellte, tvenn dies nichts fruchtete, auf eigene Faust den Schneider. Als sie einmal heimlich einen seiner alten Röcke wenden ließ, den sie dann für neu in den Schrank hing, betrachtete er das Werk des Meisters Zwirn wie ein Wunder und wollte nicht glauben, daß es sein alter Rock wär. Deshalb .saß ihm auch selten etie Kleidungsstück gut. Am meisten machten die Beinfleider zu schäften, die er immer so weit hinaufschnallte, daß sie bei den Knöcheln nicht zur eichten. .Es half nichts, daß der Schneider beauftragt wurde, sie länger und länger zu inachen. Brahms zog den Leib bis unter die Achseln in die Höhe und schnitt die Hosen endlich unten mit der Papierschere ab."
Brahms als E n l e n s p i e g e 1.
Nach dem Schluß des Musikfestes in Hamburg im Jahre 1889 erhielt Brahms den Hamburger Ehrenbürgerbrief. Andere, hiermit iit Verbindung stehende künstlerische Geschenke erreichten ihn jedoch erst in Wien und zwar unter sehr komischen Umwänden: „Ich war eines Vormittags zu Brahms gekommen, (so beruhtet Kalbeck), und wir wollten zusammen in den „Sloten Igel" gehen. Wie wir auf die Straße traten, hielt ein Zweispänner vor dem Laustor. Ans dem Wagen flog uns ein feierlicher Herr in Zylinder, Krack, Lackstiefeln und weißen Glaces entgegen, der ein in


