774
Teil wird sich plötzlich feiner Lage bewußt; er will seine Pflicht erfüllen, aber auf seine Weise.
„Gnädige Frau, und Sie, Herr v. Brank!" sagt er mit gedämpfter Stimme, „ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen; wenn es Ihnen recht ist, gehen wir dort hinein."
Teil deutet auf einen Nebenweg, der in die schattendunk- len und menschenleeren Teile des Parkes führt.
Herr Kurt v. Brank, der längst begriffen hat, worum es sich handelt, schlügt schweigend die an gedeutete Richtung ein. Die anderen folgen ihm. Der hier aufgestellte Posten gibt den die Garde-Ulanen-Uniform tragenden Herrn mit seiner Begleitung ohne weiteres den Weg frei.
Wie man aus dem Hörbereich; der auf dem Oekonomie-- wege zurückflutenden Menschenmenge gekommen ist, hebt Teil, sich an das Branksche Paar wendend, entschlossen an: „Ich stelle Ihnen hiermit meine Brant vor." Er ergreift Ellens Hand und fährt trotzig fort: „Wir haben uns soeben verlobt. Ich trage zwar nur einen birrgerlichen Namen und habe keinen anderen Ehrgeiz, als glücklich zu werden und meine Braut glücklich zu machen; mein Selbstgefühl aber verbietet mir, vor den altadeligen Freiherrn und dessen Gemahlin als demütiger Bittsteller hinzutreten und sie um die Gnade anznflehen, über mein dunkles Herkommen hinwegsehen mi wollen und mir die Hand der Tochter großmütig zu bewilligen. Deshalb habe ich mich, ohne jede Vorfrage bei den Eltern, selbständig mit dieser Dame hier verlobt. Wollen Sie uns Ihren Segen geben, so werden wir Ihnen dankbar die Hände küssen; verweigern Sie uns Ihre Zustimmung, so werde ich zu warten wissen, bis meine Braut das ehemündige Alter erreicht hat und ihre eigenen Entschlüsse zu fassen berechtigt ist."
Herr Kürt v. Brank, der dem Sprecher mit streng gerunzelter Stirn, aber mit einem kaum beherrschten, verräterischen Zucken um die Mundwinkel geduldig zugehört hat, wölbt die festgeschlossenen Lippen etwas nach vorn und läßt einen brummenden Ton hören; dann schaut er nach Ellen und fragt in geheucheltem Gleichmut und scheinbar kühlster Geschäftsmäßigkeit, während er doch nicht verhindern kann, daß ihm aus den Augenwinkeln der Schelm blitzt: „Und welchen Entschluß würde meine Tochter in solchem Falle fassen?" '
Doch Dell kommt Ellen mit der Antwort zuvor und erwidert statt ihrer zuversichtlich: „Sie würde zwar schmerzlich den Segen der Eltern entbehren, aber unbeirrt den! Weg gehen, den das Machtgebot der wahren, siegreichen Liebe jedem edlen, hochgeratenen Weibe vorschreibt: den Weg zum Herzen des Geliebten."
„Ist das so, meine Tochter?" fragt der Vater.
Die Gefragte wirft einen zaghaft prüfenden Blick in des Vaters Augen, die trotz aller Verstellung sie nicht zu täuschen vermögen, und beruhigt nickt sie fast schelmisch mit dem Kopfe.
„Nun, nun," lächelt der Freiherr, der mehr und mehr die Rolle des gestrengen Vaters aufgibt, „ich sehe schon, wie die Sachen stehen. Was meinst du, Claire?" wendet er sich gemütlich an seine Gattin, „dürfen wir diesem kühn entschlossenen Pärchen unseren Segen noch länger vorenthalten?"
Schon lag Ellen an der Brust der glücklich lächelnden Mutter, und die Mütter bedeckte Stirn und Wangen des wonnig erschauernden Töchterleins mit innigen Küssen.
„Mein verehrter Herr Schwiegersohn," hebt nun der Freiherr int Tone eines freundschaftlichen, gutmütigen Tadels an, „wissen Sie auch, daß Sie ein verteufelt hochmütiger Geselle sind? Pst, pst! Nicht gemuckst! Ich habe Ihnen ruhig zugehört, nun lassen Sie auch mich einmal frei von der Leber weg sprechen. Was Sie da vom Bauer und dem altadeligen Freiherrn fabelten, das sind doch nur Unterschiede, die sich Ihr Stolz und Ihr Mißtrauen selber zurecht gemacht haben. Sie sind gar kein Bauer — wie? Sie wollen doch einer fein, weil in Ihren Adern märkisches Bauernblut fließt? Nun gut, lassen wir die Sache einmal gelten! Wissen Sie denn aber guch, daß der Muer und der Edelmann rechte Geschwister sind, die legitim geborenen Söhne derselben mütterlichen Scholle? Der erste Edelmann, was war es denn anderes, als nur ein zu Macht und Einfluß gelangter Bauer? Ich freue mich, daß Sie ein Bauer sein wollen, und mit Freuden gebe ich dem Bauer meine Tochter. Wollte Gott, es erstünden unserem Vaterlande noch recht viele so ichbewußte, ehrenhafte und trotzige Bauern, wie .Hie einer sind! Ein tüchtiger und gebildeter Bauernstand
dessen Söhne sich nicht in das Proletariat des Gelehrtest» und kleinen Beamtentums hineindrängten, sondern nach Erlangung einer soliden wissenschaftlichen Bildung stolz wieder zum väterlichen Pfluge griffen, um ihn in Ehren und erstarktem Standesbewußtsein zu führen, würde ein Jung- und Gesundbrunnen für unser ganzes Volk werden, ein Quell der Erneuerung und Wiedergeburt eines echt nationalen Geistes. Die sogenannte Nivellierung der Stände — Sie wissen, ich bin nun einmal ein Aristokrat, und Sie, mein Teuerster, sind, Sie mögen sich sperren, wie Sie wollen, erst recht ein solcher — diese sogenannte Nivellierung ist eine Utopie, der Märchentraum eines kindlichen Schivär- mers; die Natur liebt das Ungleiche, und sie schafft nuv Ungleiches, damit es im Kampfe gegeneinander den Fortschritt des Menschengeschlechtes sicherstellt. So lange die Welt stehen wird, so lange wird es Standesunterschiede geben; die Menschheit wird aber erst auf der Höhe angekommen fein, wenn jeder Stand sich selbst achtet, anderen Ständen neidlos und ohne Eifersucht Luft und Raum zur Entfaltung gönnt. Doch nun ist's vorläufig genug — geben' Sie Ihrer Braut den Arm und kommen Sie mit uns nach Giesdorf, wo wir das weitere erledigen wollen — wenn wir nicht bald machen, pa!ß wir hier fortkommen, so werden wir wahrhaftig noch gewaltsam hinausbefördert."
Als man durchs „Grüne Gitter" bei der Friedenskirche schritt, drückte Walter v. Brank dem zukünftigen Schwager die Hand, und auf die Kirche deutend, raunte er: „Sie ist dem Frieden geweiht — wollen auch wir hier unseren dauernden Frieden besiegeln?"
„Bon Herzen gern, Herr v. Brank."
„Dann nenne mich fortan Walter, wie ich dich nur noch William nennen werde, mein ehrenfester Freund und Schwager!"
„Nicht William," warf Ellen dazwischen, „ich mag die fremdländischen Namen nicht leiden; mein Bräutigam heißt von heute an Wilhelm."
„Einverstanden," nickte Tell mit einem glücklich lächelnden Mick nach seiner Braut. —
„Dann also Wilhelm," stimmte Walter bei, „und die Brüderschaft begießen wir noch heute abend mit einem Glase Wein." — v
Schon längst war die ambrosische Juninacht hereingebrochen, als zwei selige Menschenkinder noch am Giesdorfer Seeufer saßen. Die beiden Linden, unter deren breiten! Wipfeln sie die süße Einsamkeit zu zweien gesucht und ge- flinden hatten, hauchten einen fast betäubenden Blütenduft aus; leise, ganz leise schaukelte ich das angekettete Boot auf den leichtbewegten Wellen. Der See sang fein nur pia- nissimo hingehauchtes Noetnrno, das den schweigend aneinander Geschmiegten wie die geheimnisvolle Verkündigung ewiger, nie getrübter Wonne in die Seele drang.
„Wie trügerisch sind doch meist unsere sogenannten Bor- empfindungen," bricht endlich Tell das Schweigen, „tagelang habe ich mich einer mutlosen, gedrückten Stimmung! nicht erwehren können — immer summte mir jener melancholische Vers in den Ohren: „Verwelkte Rosen, verwelktes Glück!" und nun ist mir die Wunderrose der Liebe so unerwartet aufgeblüht!"
„Wir sind im Rosenmonde, Geliebter, da sprengen die Knospen ihre Hülle."
Er zieht die Sprecherin art seine Brust und dankt ihr mit einem feurigen Kusse auf die Lippen.
Sie erwidert die Liebkosung mit sanftem Gegendrücke, dann fährt sie, dem Ausspruch« des Geliebten nachsinnend', fort: „Mir ist es ganz erklärlich daß du mutlos und gedrückt warst, der Tod unseres attgeliebten Kaisers hat dir einen Hoffnungsstern am Himmel ausgelöscht —"
„Aber noch im Diode ist mir der Unvergeßliche zum Segen geworden; hat doch- der gemeinsame Schmerz um ihn uns einander in die Arme geführt."
Ellen nickte sinnend mit dem Kopfe.
Nach einer Weile sagte sie, dem Ergebnis einer im stillen durchlaufenen Gedankenreihe Ausdruck gebende „Weißt du, Wilhelm, wir dürfen uns der Trauer um den nun zum Frieden eingegangenen Dulder nicht mutlos' hingeben — es wäre undankbar von uns. Mcht nur der Stern der Liebe ist uns aus dem Dunkel der Trübsal aufgegangen, auch ein neuer Stern steht am Himmel unseres Vaterlandes j der jugendliche Erbe des Thrones."
-,Und ihm sott alles gehören, foas du, Geliebte, mir an Kraft und Witten übrig läßt! Ich bin ja ein Bauer,


