Donnerstag, den U- Dezember
'81 1! H i
^UU
>^WKW
»EkM«!
KM
AM8
WM
„ Ssuernblut.
Eontaw dorr Gerhart ö. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Man tritt an das Fußende des Katafalks heran, und vor Dells Augen webt sich ein Schleier, durch den ihm das bleiche bartumrahmte Antlitz des nun von allen Qualen befreiten kaiserlichen Dulders fast wie das Angesicht des Erlösers erscheinen will. Der Eindruck, den er von der würdevollen, aber im Vergleiche mit dem um Kaiser Wilhelms Leiche im März entfalteten Pompe hier nur bescheidenen Pracht gewinnt, ist ein so tief ins Herz greifender, daß er unwillkürlich die Hand seiner Nachbarin erfaßt und in wildem Weh krampfhaft preßt. Leise fühlt er den Druck erwidert, denn auch in Ellens Brust wühlt der Schmerz, und sie möchte sich auf den von den Füßen des Verklärten herabwallenden, schweren Samtfalten aus die Knie werfen und ein herzinniges Gebet zum Vater im Himmel für den Frieden des Erlösten, aber auch um Kraft mts Trost für alle, alle Hinterbliebenen emporsendeu. Und dieser sanfte Gegendruck, den er von dep Hand des geliebten Mädchens empfindet, wirkt wie ein schmerzstillender Balsam auf seine schwerverwundete Seele; er fühlt, daß er nicht allein ist mit seinem Weh, daß es noch ein Wesen gibt, das ihn versteht und auch den geheimsten Gängen seiner Gedanken spurkräftig nachzugehen vermag. Ja, die Liebe ist das wunderbare Gnadenmittel, das Gott der Herr den armen Menschenkindern gespendet hat, das selbst dem Tode und der Verwesung gegenüber noch seine Kraft behauptet und das vom Schmerz betäubte Hirn vor völliger Lähmung, das zuckende Herz vor Verbitterung und Hoffnungslosigkeit bewahrt.
Immer neue Massen treten heran, um nach einer Minute stummen, ehrfurchtsvollen Schauens langsam weiter zu gehen und durch eine zweite Pforte wieder den Ausgang zu gewinnen; nur die Familie Brank und Tell haben sich an die Wand der Galerie zurückgezogen, wo sie unbeweglich verharren, um, mit gefalteten Händen und die Tränen nur mühsam zurückdrängend, unverwandt auf die sterblichen Ueberreste des kaiserlichen Märtyrers hinzublickeu. Die Sonne sinkt tiefer und tiefer, aber die Schmerzgebannreu merken es nicht; sie stehen fast ebenso regungslos wie oie Adjuranten, Schloßgarden und Leibjäger, die in voller Trauergala zwischen den Palmen und flimmernden Kandelabern zu beiden Seiten des aus einer weitgebreitetcn Fülle duftiger Blumen und Kränze aufragenden Katafalks den letzten Ehrenwachtdieust verrichten.
Endlich gibt Herr Kurt v. Brank mit einer leisen Handbewegung das Zeichen zum Aufbruche. Man reiht sich wieder der allgemeinen Prozession ein, erreicht die Schloßterrasse u-,ro vcn Vorplatz des Schlosses mit seinen Teppichbeeten und jueiibel sich rechts, um auf dem sogenannten Oekonomiewege,
der heute ebenfalls von einem Spalier von Posten eingefaßt ist, dem fernen Parkausgange durch das „Grüne Gitter" zuzustreben.
Der Bann ist gelöst, mit der erquickenden Abendlufs atmet man neues Leben und neue Hoffnung ein: Tell urch> Ellen sind etwas zurückgeblieben; die Trauer zittert in ihrem gepreßten Herzen noch nach und ihre Lippen verharren noch geschlossen. Wie Ellens Blick einmal zufällig das Antlitz ihres schweigsamen Begleiters streift, bemerkt sie, daß ihm zwei schwere Tropfen an den Wimpern hängen. Der starke Mann weint. Barmherziger Gott! Wie tief muß ihn der Schmerz um seinen Kaiser getroffen haben, daß er, der Trotzige und Jchbewußte, sich der heimlichen Tränen nicht erwehren kann! Der überraschende Anblick erschüttert sie derart, daß es ihr wie ein Krampf emporsteigt; ihre Brust wird von heftigem Schluchzen bewegt und sie birgt ihr von plötzlichen Tränen »verstromtes Angesicht in ihrem Battisttaschentüchlein.
Ein Arm legt sich sanft um ihren Wuchs und eine tiefe, aber innig bewegte Stimme fragt liebevoll: „Warum weinen Sie?"
Einen Augenblick lang dämmt sie die Tränenflut zurück, und mit stockender, nur stoßweise gehorchender Stimme bekennt sie: „Weil — weil ich — Sie — weinen sah."
Und wieder bricht sie in neues Schluchzen aus, und Tell, der ihren Arm unter den seinen gezogen hat, um sie zu stützen und zu beruhigen, fühlt das Beben ihres schlanken, jungfräulichen Körpers an seinem Leibe.
„Ellen!" sagt er mit weicher, zärtlich schmeichelnder Stimme. „Ellen, fassen Sie sich doch! — Die Leute —!"
Er beugt sich leise zu ihr nieder und sieht ihr in das von Tränen gebadete, holdselige Angesicht. Der höchste Schmuck der Rose sind die Tauperlen in ihrem Kelche. Wie ex in die feucht fchimmernden Augen bes Mädchens schaut, ist es um seine Selbstbeherrschung geschehen; die Quellen des Mitleids und der Liebe brechen in seinem Innern gewaltsam hervor; der Sturm der plötzlich entfesselten Leidenschaft reißt ihn hin — er zieht die Ueberraschte an seine Brust und küßt ihr in wilden, trunkenen Küssen die Tränentropfen von den Wimpern.
„Ellen! Süßes Mädchen!" haucht er heiß und flammend, „willst Du die Meine sein?"
„Das bin ich ja schon längst, William!" gibt sie beseligt zurück; auch sie hat Zeit und Ort vergessen, doch plötzlich besinnt sie sich — Purpurröte schießt in ihre Wangen empor — sie schreitet wieder sittsam und ehrbar neben ihm und mahnt erschrocken und bereuend: „Die Leute — was sollen die Leute denken?"
„Mögen Sie denken, was sie wollen! Du bist meine Brant und ein Bräutigam hat das Recht, seine Braut zu küssen."
„Was gibt es denn?" fragt Frau v. Brank verwundert. Sic ist mit den anderen stehen geblieben und muß die Szene zwischen Ellen und ihrem Begleiter gesehen haben.


