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sagte er mit herzlichem Ton. Sie legte die ihve hinein. Sie war eine feine Dirne. Schlank und schön tzu schauen. Mit dunklem Haar und langen, schwarzen Ungenwimpern. Eines der schwarz- draunen Mädel, von beneit das.Lied singt. Ein eigenartiger Liebreiz! war über sie ausgegvfsen.
Er blickte schnell um sich.
. ''®!e Mutter ist im Garten," sagte sie leise, „und der Vater
rnr Revier!" Elisabeth tolar 18 Hahr alt. Ein Bruder war Förster fcrnhrn an der Weser. Sie lebte hier ganz einsam und allein mit den Eltern im Walde. Erst tolar sie ihm scheu ausgewichen. Aber dann wiar er einmal zufällig mit ihr oben auf dem Rotenhorn zu- sanrmengelroffen, da hatte, beim Mich auf die weite Waldeinsamkeit, das Waldfräulein Vertrauen zu ihm gefaßt. Es war so ganz von selbst gekommen. Sie hatte ihm erzählt von ihirer verborgnen Jugend und Dion den zwei 'Jahren, in denen eine Dante der Mutter sie zu sich genommen in die Stadt und für sie gesorgt hatte. Ta war sie eine 'Dame geworden, die es mit ihrem sicheren Gefühl für das, was sich schichte, und mit dem', was sie mit Feuereifev gelernt, und in ihrer unendlichen Herzensgüte aufnahm mit allen, die der Doktor draußen kennen gelernt in seinen Kreisen — und «r war kein Jüngling mehr. Vor zwei Jahren hatte er an der Bahre seiner ersten Frau gestanden. Aber ohne Tränen. !Tie £rfte_ Heirat war ein Irrtum gewesen. Jetzt stand er dem jungen Försterskind gegenüber und sah sie mit brennendem Herzen und fragenden Augen darauf an, ob sie ihn trösten könne über ein Lebensglück, das er bereits verloren gegeben. Es war schnell und gewaltsam über ihn gekommen. Sie hatte sich mit starkem Vertrauen an ihn angeschlossen. Es durfte es feiner wissen. Ter Vater war ein harter, rauher Mann und ein Tyrann im Hause. „Er würde mich schlagen, sähe er mich mit Ihnen zusammen," sagte sie und sah ihn an mit den tiefen, leuchtenden Mädchenangen. Er hatte ihr vorgelesen oben auf dem Rotenhorn, int Schatten einer gewaltigen Kiefer. Und es waren Stunden tiefen Friedens gewesen. ^Tie Sonnenstrahlen hatten auf dem Buch gespielt, und sonnige Strahlen neuen Glücks waren in den Augensternen Elisabeths ja ufgegangen. Wie er sie so ansah, tat ihm das Herz weh um sie. Sie waren Freunde.
„Heute um 4 Uhr?" sagte er auf dem Hausflur.
Sie nickte freudig: „Gewiß! Ich freue mich so!" flüsterte sie.
_ draußen schallten Schritte. Schnell Aog sie ihre Hand ans seiner uitb eilte davon.
Tiefgesenkten Hauptes ging er in den Wald zu weitem Weg durch die herbstliche Einsamkeit. Und es zogen Wolken über den Himmel hin: lichte Wolken, und eS zogen Wolken über seine Seele bin: schwere Wolken. Ader bann brach die Sonne durch. Und sie siegte.
Ter letzte Nachmittag kam.
_ Sie wußten es ohne Worte, wo sie einander treffen würden. £er Sturm ging durch den Wald. In ganzen Geschwadern riß er die welken Blätter herab und streute sie durch den Wald : die roten, raschelnden Blätter der Buchen, die goldleuchtenden des Ahorns; Ünd'die Fichten neigten sich knarrend vor der Macht des Gewalttgen.
Unter dem vorspringenden Felsendach saßen zwei. Sie schauten schweigend ins Land hinaus, über den Wald, wie er ihnen zu Füßen brauste und rauschte in tiefer, herbstlicher Trauer.
Ter Doktor hatte seine Hand auf Elisabeth gelegt. Sie sah ihn wieder an mit jenem Blick grenzenlosen Vertrauens, hinter dem !es stand wie verhaltene Tränen.
„Denken Sie freundlich an mich, Elisabeth!" sagte er leise. Tas Buch fiel von seinen Knien. Sie hatten heute nichts gelesen.
Sie sagte wohl nichts. Wer es stand alles in ihren Wgen. „Sie sind ein junges Kind," fuhr er fort, „und ich bin noch einmal so alt wie Sie."
Sie lächelte fein. Es war, als wollte sie etwas erwidern. Biber sie schwieg. Nur ihr Blick lag voll auf ihm.
„Elisabeth —■_ soll ich einmal wiederkommen?" Schnell Ijiob sie das Haupt wie im freudigen Schreck.
„Ja!" sagte sie mit seltsamem Ton, als käme er aus dem allertiefsten Herzen. „Nun nehmen wir Abschied für diesmal, Elisabeth! Haben Sie Tank 'für alles. Sie liebes Mädchen!"
Er hielt ihr die Hände hingestreckt.
Ta neigte sie sich schnell Und küßte sie mit weichen Lippen. Tann sah sie ihn an mit leuchtenden Augen: „Nicht böse sein!" bat sie weich, „nehinen Sie den Tank des Kindes, das ihn nicht anders äußern kann."
Sein Atem ging schwer. Er nahm ihren Arm unter seinen. So stiegen sie langsam zu Tal durch den rauschenden, brausenden Wald und die knarrenden Stämme.
♦ » *
Es war Weihnachten. Es dämmerte auf den Heiligen Wend. Elisabeth stand in dem einfachen Wohnzimmer und war geschäftig Nm einen kleinen Weihnachtsbanw, eine Edeltanne, und schmückte sie mit geschickten Händen. Aber ihre Gedanken waren in der Ferne. — Sie hatte nichts von ihin gehört. Einmal nur hätte er an den Vater geschrieben. Ta drin stand ein Gruß an sie, den nur sie verstand. Wo war 'er, der Einsame, den ihre junge Seele so Nnsäglich lieben gelernt, auf den sie stolz war und doch bereit zu allem Entsagen? Wie die Sonne Mer den Wald, so war er über
ihr Leben dahingegangeti, erwärmend, zum Leben erweckend, Licht und Glanz ins Dunkle werfend.
, Ter Vater saß am Fenster mit der langen Pfeife und schaute m Gedankeii^oder gedankenlos hinaus in den ganz verschneiten Wald. Tre Mntter klirrte in der Küche mit dem Kochgeschirr zur Abendmahlzeit. Auch hier draußen gab's das Jülgericht der Germanen: Schweinskopf und Grünkohl.
, „Ob der Hugo wohl schreibt?" fragte der Förster vom Fenster her, plötzlich des Sohnes gedenkend. Elisabeth sah auf und warf «nen Blick hinaus, wo die Dämmerung tiefer über den Wald herabsank. So stand sie vorgebeugt. Plötzlich gab sie einen Freudenschrei und stürmte hinaus. Der Förster sah ihr mit Behagen nach. Bei all seiner Rauheit war er doch im Grunde mächtig stolz auf stin schönes und tüchtiges Kind, und fein Herz hing an ihr. „Die kriegt nicht jeder!" hatte er gesagt, als sein Sohn im Sommer auf einen Forstgehilfen angespielt, der mächtig in Lisbeth verliebt sein sollte. Und dabei hatte er mit der Faust auf den Wirtshaus- ttsch geschlagen, daß die andern zusammenfuhren.
Mit den Augen ging es in letzter Zeit nicht mehr so recht. Er trug jetzt jdiraußen eine Brille. Er hatte sie gerade verlegt. Wer wunderlich war es doch, was er undeutlich draußen erkennen konnte. Der Postbote mußte viel abzugeben haben, — und — der Alte sprang im grimmen Zorn auf und warf die Pfeife gegen den Schreibtisch. „Ist der Kerl verrückt?" schrie er hinaus —•< da hatte der Bote ja den Arm um seine Tochter gelegt, und sie, sie lehnte an ihm und sah tzu ihm auf.
Ter Alte stürmte hinaus : „In drei Deibels Namen!" brauste er — da blieb er stehen mit offenem Münde.
,Jch bin's!" sagte der Doktor, „und will mir Ihre Tochter zü Weihnachten schenken lassen! Ich hielt's nicht mehr ans!"
„Loslafsen!" kommandierte der Förster, der als Feldwebel bei den Gardeschützen gedient hätte: „Marsch, Lisbeth, ins Haus! Wird's bald?" Seine Stimme klang wie grollender Tonner. Lisbeth schlug die Hände vors Gesicht und trat ins Haus.
„Sie bleiben draußen," fuhr er den Doktor an, „bis Sie mir einige [fragen beantwortet haben!" Er faßte ihn am Rockknopk Und sah ihm finster in die Äugen: „Mfo: Sie wollen mein Kind heiraten? Geringer Leute Kind?"
„Ja!" klang es freudig zurück, „Elisabeths Herz' ist mir vornehm genug!"
„Wissen Sie, daß sie arm ist wie eine Kirchenmaus? Aber im Ernst!"
,L>ch bin Mannes genug, für meine Frau zu sorgen!" tarn' die kurze Antwort, „und ich will sie haben, wie sie geht und steht."
„Wissen Sie auch, daß Sie mich und meine Frau mitheiraten?" fragte der Förster dringlich weiter. „Ich lasse sie mir nicht nehmen und will keinen Schwiegersohn, der sich unser schämt und uns nicht im Hause Haben mag."
Ta lachte der Doktor lustig auf. „War wirklich mein einziges Bedenken," gab er zurück, „und ich habe ein Merteljahr darüber nachgedacht, aber auch auf die Gefahr hin: ,Zs, ich habe das Mädchen lieb!"
„Sind doch ein ehrlicher Kerl!" sagte der Förster anerkennend und ließ den Knopf los, und ein milderer Zug legte sich um feinen Mund: „Kommen Sie herein, sonst kriegen Sie den Schnupfen. Lisbeth!" rief er ins Haus hinein. >
Ta stand sie im dunkeln Flur und hatte zitternd die Arme um die Mutter geschlungen.
„Mutter," sagte der Förster, „er will wahrhaftig dich und mich mitheiraten: wollen wir sie ihm geben? — Ja? Tann komm her, Elisabeth —", das sagte er nur .in ganz feierlichen Augenblicken — „brauchst dir 'aber nichts darauf einzubilden! Mutter, dein Kohl brennt an, marsch!"
Er schlug die Stubentür hinter sich tzu und zog seine Streichhölzer aus der Tasche, um die Lichter an dem' kleinen Weihnachtsbaume selbst anzüzünden.
Endlich riß er die Tür auf, daß der helle, gelbe Kerzenschein auf die beiden fiel, die noch versunken draußen beieinander standen.
„Nun man herein mit der Bescherung! Nehmen Sie mit der Lisbeth allein vorlieb! Weiter nichts für Sie da! Mög's Ihnen nie leid tun!"
Hell strahlend fiel das Licht der Kerzen, ivie sie im stillen Glanz vom Banme leuchteten, auf den Schnee Dornt Hanse und leuchtete wie ein Stern tief in den Wald hinein.
* »
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Tie Kerzen am Bannt waren längst verlöscht. Der Doktor und Lisbeth saßen noch auf. Die Eltern wären zur Ruhe gegangen. Der Weihnachtsmond schien nun mit blassem Glanz durchs Fenster, an dem die zwei standen. Sein Licht spiegelte sich in den wunder - fchönen, verklärten Augen des Mädchens: „Wie kamst du doch dazu?" fragte sie flüsternd. — „Ich wollte auch noch glücklich sein auf Erden!" erklang es' ihr. — „Ja," sagte sie und legte ihm sacht die Hände lauf die Schultern, „wie der Vater sprach: Mög' es dir nie leid tun! Ich bin dein eigen, das weiß Gott! Abttr ich wär's auch geblieben, hättest du mich nicht geholt! — Vielleicht aber wäre ich dann gestorben!" setzte sie für sich selbst hinzu.
„Waldfräulein!" rief er innig und tat die Arme auf, weit auf. Ungestüm warf sie sich hinein.


