Ausgabe 
11.10.1913
 
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zückens/

(Fortsetzung folgt)

Und doch habe ich zu spät geheiratet, zwei ganze Jahre - zu sM." t , n,

Wieso das?" fragten die anderen tut Chor. . I

Weil ich aus diesen beiden Jahren eine Erinnerung ttt | mein späteres Leben hinübergenommen habe, die nnch oft I genug unleidlich gequält hat." I

Ach, ich weiß, Herr von Brank", rief der weinfröh­liche Tollen,Ihr famoses Abenteuer mit der schönen Ameri­kanerin, das Ihnen einst die Strafversetzung aus unserem. Kegimente eintrug."

Was wißt Ihr jungen Herren davon? Garnichts! Ich bin ein alter Mann im Vergleiche mit Euch und darf es daher ohne Umschweife sagen: Ihr ahnt nicht tut entfern­testen, um was es sich damals für mich gehandelt hat.

Nun, einiges hat die Ueberlieferung in unserem Kreise doch ausbewahrt", wandte Gotenberg höflich etn.Sie sollen als Offizier der wunderschönen Gattin eines aus Amerika I herübergekommenen, reichen Mannes sehr auffällig den Hof I gemacht und allem Anscheine nach auch nicht ganz vergeblich geschmachtet haben.... Sie waren eben, tote man bet uns immer noch mit einem gewissen Stolze berichtet, ein ganz unwiderstehlicher Herzensbezwinger.... ja, \a, Herr von Brank, leugnen Sie nicht! Wir erteilen Ihnen nicht nur Indemnität, wir gratulieren Ihnen vielmehr zu Ihren Pa­genstreichen und beneiden Sie darum."

Die Erwähnung einer jnngen schönen Amerikanerin I hatte dem Assessor einen ahnungsvollen Schrecken bereitet; j er hatte von dem Schicksale seiner Mutter immer nur in hal­ben Andentnngert sprechen gehört; Fran Lampert hatte den natürlichen Gefühlen des Sohnes, soweit dies ihrer Redse- 1 Tigteit möglich war, stets Rechnung getragen, aber bunj war ihr ab und zu ein Wort entschlüpft, das dem aufmerksamen Sohne mehr verraten hatte, als er eigentlich wissen wollte. Ein banges Vorgefühl preßte ihm jetzt das Herz zusammen, über den Rücken rann ihm ein kalter Schauder, wahrend die jähe Hitze in sein Hirn schoß--, was würde er da

noch zu hören bekommen?

Zinn Glücke kamen die Kellner mit dem Nachtische her- I ein und schnitten durch ihr Erscheitten jede toeitere Mittei­lung des Freiherrn ab.

Man kostete ein Scheibchen Pumpernickel, zu dem man sich aus einem Quodlibet von allerlei französischen Sahnen­käsen irgend eine Probe herausgelesen hatte; dann nahm der Gastgeber sein Glas zur Hand und bat die Gäste, aus­zutrinken. , .

In diesem Sekt ist Geist und Leben!" rief Volker, der sich mit schnalzender Zunge noch am Nachgeschmack des Wei­nes erlabte;so müßten auch alle Damen sem! Wenigstens wünsche ich unserem liebenswürdigen Wirt, daß die Dame, die er dereinst wählt, nicht weniger Geist habe."

Den haben ja die Damen im Ueberfluß nämlich Wi­derspruchsgeist!" versetzte Tollen.

Sie Unverbesserlicher!" lachte der Freiherr und boh Tollen mit einem kräftigenProsit Mahlzeit!" die Hand.

Man ging in .rin Nebenzimmer, wo kleine Schalen mit duftigem Mokkaextrakt und die obligaten Liköre nrib Kisten mit Havanna-Zigarren bereit standen. Schon nach einem Viertelstündchen lichtete sich der Kreis; es blieben nur der Freiherr, der Staatsanwalt, Gotenberg und der Maler bei ihrem Wirt zurück.

Teil hätte sich am liebsten auch zurückgezogen, aber eine Art Trotz gegen fein eigenes Schicksal bewog ihn, anszn- harren und den Faden jenes bei Tische unterbrochenen Ge­spräches wieder aufzunehmen.

Sie erwähnten vorhin einer fremdländischen Schonen", tvandte er sich tzegen den Freiherrn,und meinten, wir ahnten nicht, um was es sich damals für Sie gehandelt hätte. Sie haben uns neugierig gemacht, Herr Baron; ist ess indiskret, wenn wir Sie um Mitteilung des näheren bitten?"

Ihr sollt's erfahren, meine sperren; es ist freilich nichts besonderes, immer die alte Geschichte, die ewig neu bleibt; und wenn mir auch nicht das Herz dabei entzwei gegangen ist, so hätte ich sie doch lieber nicht erlebt---Doch nein!

Tausendmal nein! Ich freue mich, sie erlebt zu haben, denn was ist schließlich köstlicher, als die Liebesgunst eines süßen Geschöpfes, das überhaupt zum erstenmal seine Seele öffnet, wenn man dabei auch bitterböse Erfahrungen machen muß?" Um Gotteswillen, Herr von Brank", fuhr Tollen in komischer Angst dazwischen,Sie wollen uns doch nicht etwa einen Roman erzählen?"

Waldfraulein.

Novellette Von P. G. Heims. (Gerhard Walter).

Der Doktor Billung fafe am Morgen am.Fenster seiner Ferien- Wohnung. Es war schon hoch in den Herbst hinetn. wraußen fickcN die Blätter in leisem Wirbel von den Baumen und Betteten sich still ins" Waldmoos. Mild und golden,schien rie Sonne dazu vom klarblauen Himmel. Es war kirchenstill im Focht. Nachdenklich schaute der jToktor hinaus. 'Tiefe unbegrenzte Einsamkeit tat ihm unglaublich wohl. Er holte tief Atem in der duftigen Waldlust. Acht Tage von feinen tzerbstfcrien hatte er schon verlebt im Hause des Försters; eine Woche lag noch Vvr ihm. In herzlichem Be­hagen streckte er die Arme von sich:Gott sei Dank . Er hatte noch, eine kleine Spanne Wanderzeit vor sich, ehd er nt das Getriebe des Gymnasiums, zurück mußte.Ick, ja," sagte er lächelnd von sich hin,die Schulzeit ist eine unangenehme Unterbrechung der Ferien, wie mein Freund Jahn zu sagen pflegt." Er stau» auf und griff nach Stock und Mütze. .

Aus dem Hausflur traf er mit cmem jungen Mkdcheii zu­sammen. Er reWe ihr schnell die Hand:Fräulein Elisabeth

Silentium!" kommandierte Gotenberg, der sich, wiS Völker meinte, einen ziemlich dunklen Kopf angeraucht hatte, der Freiherr Brank von Giesdorf hat das Wort; ich bitte, Platz zu nehmen."

Man ließ sich aus den umherstehenden Polstersesteln nie­der und lauschte dem Land-edelmanne, dem die Lust getont« men war, einmal den jüngeren Herren ein Slbentener aus feinem früheren Junggesellenleben anzuvertrauen.

Ich war eben erst zum Offizier befördert wo wen , hob er mit gedämpfter Stimme an,als ich eines Abends im Theater die Bekanntschaft einer reizenden Zungen Dame machte. Der Duft und Zauber einer Rose läßt sich Nicht beschreiben, und ebenso wenig könnte ich die magische Wir­kung schildern, die die großen, nachtduuklen, träumerischen Augen dieser Schönen auf mich ausübten, ^jd) hielt jte erst für eilt Mädchen und benutzte die erste beste Gelegenheit, mich ihr vorzustellen und mit ihr zu plaudern; da erst erfuhr ich von ihr, daß sie verheiratet und erst seit einigen Monden mit ihrem Gatten von Amerika nach. Berlin ubergcitedelt war. Schon am anderen Tage hatte ich ihre Wohnung er- mittelt, und da man mir mitteilte, daß der Gatte auf gro­ßem Fuße lebte und auch Herren der besseren Gesellschafts­kreise in seinem Hause empfinge, so.machte ich dem. -P^are. einen förmlichen Besuch. Drei oder vier Mal wurde ich auch eingeladen. Ich fand tneistens nur Herren dort; tue Tarnen, schien es, hielten sich von den zwar anscheinend wohlhabenden, aber doch immerhin etwas zweifelhaften Leuten fern. Be­sonders war nicht herauszubringen, was er, der Amerikaner, drüben eigentlich getrieben hatte; er sprach wohl dann und wann von seinen früheren Geschäften, verriet aber nut keiner Silbe, welcher Art diese Geschäfte gewesen waren. Dagegen bewies er einr staunenswerte Geschicklichkeit durch allerlei

I Kunststücke, mit denen er bei Tische und auch nach der Mahl- I zeit seine Gäste zu unterhalten pflegte. So erinnere ich mich eines Abends: er stand nur drei Schritte vor Wnns, zog sein rotseidenes Sacktuch, drehte und knotete es derart znsammen, daß es einer kleinen Puppe glich, stellte diese Puppe vor unseren Augen auf den Fußboden und siehe da, die Puppe fing an, aufrecht zu marschieren und nach der Walzermelodie, die er pfiff, taktmäßig L" tanzem Wir

I waren wirklich ziemlich verblüfft, da wir beim besten Willen I nicht entdecken konnten, womit er die Puppe eigentlich be­wegte. Seine Gattin stand neben meinem Sessel; ich flüsterte ihr zu: er hat wohl an Pferdehaaren das Tuch befestigt? Sie schüttelte das Köpfchen, neigte sich zu nur herab und

I hauchte mir ins Ohr:Ich weiß es selbst sticht, rite er e> I macht; auch mir will er es nicht verraten." ^chj fsthlte den I wannen Odem des jungen WeLbes und war tote berauscht;

auch muß es wohl im Rausche gewesen seist, daß ich ihr zto flüsterte:Wie kann er vor Ihnen ein Geheimnis haben? Wen man lieb hat, dem schüttet man sein ganzes Herz ans; stelleii Sie mich ans die Probe, ich wäre nicht imstande, Ihnen irgend etwas zu verschweigen." Ich fühlte, das war ziemlich unverblümt gesprochen und ich fürchtete schon, ste I mürbe mir meine Kühnheit Übelnehmen, tote ich ^ber un­sicher den Blick zu ihr erhob, bemerkte ich zu metner größten I Genugtuung, daß sie tief errötet wär. Das besiegelte mein Geschick; nun wußte ich, ich war ihr nicht gleichgültig, und dieses Bewußtsein versetzte mich in einen Taumel des Ent-,