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Samstag, den y. Oktober
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Lsuernblut.
Bontan von Gerhart v. Amhntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Nun, meine Herren, seien Sie mir noch einmal herzlich willkommen; ich danke Ihnen, daß Sie meiner Einladung so freundlich gefolgt sind."
Der vor kurzem erst zum Rittmeister und Schwadronschef beförderte Herr von Tollen sagte es feierlich, indem er sein mit perlendem St. Peart) gefülltes Glas erhob, sich gegen seine Gäste an der Tafel höflich verneigte und dann das Glas in einem Zuge leerte.
Es war in einem der kleinen Säle des „Kaiserhof^s". Der neu ernannte Rittmeister gab dort seinen Freunden und Bekannten vom Zivil ein Festessen, nachdem er schon am Tage vorher im Kreise der Regimentskameraden int Kasino seine Beförderung gebührend gefeiert hatte. Unter den Gästen befanden sich auch der Freiherr von Brank, der Leutnant von Gotenberg (der zwar schon gestern im Kasino mitgefeiert hatte, aber als Intimus be§' Festgebers auch im „Kaiserhofe" bet der „Begießung der beiden Sterne" nicht fehlen durfte), ferner der Maler Völker ttnb William Tell, der seinerseits vor kurzem den Sprung vom Assessor zum Staatsanwalt ebenfalls glücklich ausgeführt hatte.
„Aber Tollen", sagte int Laufe der Unterhaltung der Freiherr, der zur Ehre des Tages im Frack steckte und unter seinem Johanniterkreuze einen fremdherrlichen Orden an feuerrotem Bande um den Hals hängen hatte, „warum dulden Sie diesen französischen Unfug?" Er hielt die Tischkarte näher an seine Augen und las: „Chaud-froid de supremes de gelinotte flanquees de cailles ä la Luculius -— —:?• Mich soll der Teufel holen, wenn ich genau weiß, was das bedeutet; auch möchte ich nicht gerade eine Wette auf die ganz einwandsfreie Orthographie dieses Küchenfranzösisch halten."
„Drücken Sie 'nachsichtigst ein Auge zu, Herr von Brank", erwiderte der Gastgeber, „es ist nicht meine Schuld; ich habe vergessen, einen deutschen Küchenzettel zu bestellen."
„Wenn er Major ivird, muß er es uachholen!" rief Gotenberg, der eben eilte Wachtel, die wie eine Nachbildung aus Schokolade aussah, auf seinem Teller zerlegte; „dann gibt er uns ein deutsches Essen und deutschen Schaumwein; heute, sehe ich, läßt er in leichtsinniger Weise auffahren."
„Das alte Vorurteil der Deutschen", bemerkte Tell, „wenn sie etwas ganz Besonderes zum besten geben wollen, daun holen sie es aus der Fremde."
„Ihr Wort in Ehren, Herr Staatsanwalt", wandte der Maler Völker ein, „ob aber unser deutscher Schaumwein immer auf der Höhe des französischen steht, das ist denn doch so 'ne Sache."
„Sie sind nicht schlechter, als die französischen in derselben Preislage", entgegnete Tell. „Warum sollen wir denn
die Speisen und den Zoll für den importierten Champagner immer noch besonders bezahlen? Wahrlich, wir werden nicht klug."
Der Leutnant von Gotenberg, ein reicher, aber sehr sparsamer Herr, stimmte dem Staatsanwalt bei.
„Der Staatsanwalt hat Recht. Es ist mit dem Weine, wie mit den Frauen; für gewisse Leute hat eilt Dämchen, wenn sie nur aus der Fremde stammt, allemal mehr Reize, als eine vielleicht weit schönere Landsmännin."
„Nun, das möchte ich denn doch nicht so ohne weiteres behaupten," lächelte der Freiherr, „int allgemeinen gibt mau der eigenen Rasse wohl immer den Vorzug."
„Seid Ihr Herren schon wieder bei den Frauen?" grollte Tollen, der hartnäckige Junggeselle. „Lassen wir doch dieses Thema unberührt; seit Evas Apselbiß ist uns von den Frauen nur Unheil gekommen."
„Aber auch viel Glück und Somteuschein", fügte der Freiherr mit einem leichten Seufzer hinzu.
„Sie denken an Ihre Frau Gemahlin", sagte Tell galant, indem er sein Glas ergriff. „Wer wie Sie, Herr von Brank, in der Ehelotterie das große Los gezogen hat, der hat ein Recht, so zu reden. Die Schloßfrau von Giesdö«. meine Herren!"
Die Gläser klangen aneinander und wurden bis zur Nagelprobe geleert.
Nachdem die Teller gewechselt waren und eilte Schüssel mit Champignons die Runde gemacht hatte, hob Herr von Brank wieder an: „Sie haben, meine Herren, vorhin meiner Gattin so freundlich gedacht, daß ich mich für verpflichtet halte. Ihnen allen int Namen derselben zu danken. Sie sehen in mir einen glücklichen Ehemaitn,und ich wünsche den Mitgliedern dieser Tafelrunde, auch Ihnen, mein lieber Herr von Tollen, daß Sie es mir bald nachmachen und eilte geliebte Frau an den eigenen Herd heimführen mögen."
„Hm, hm!" machte Tollen und schüttelte äußerst energisch seinen Blondkopf.
Der Freiherr achtete der kleinen Unterbrechung nicht und fuhr überzeugt fort: „Ein gutes Eheweib ist das Beste und Herrlichste, was sich der Mann int Kampfe des Lebens erobern kann; es feit ihn gegen alles Ungemach und schützt ihn vor Reue und der trostlosen Vereinsamung der alten Tage. Ja, er kann gar nicht zeitig genug nach solchem Schatze und Talisman streben; hätte ich selbst nur rechtzeitig diese Lehre befolgt, ich hätte mir manche schwere' Stunde in meinem Leben erspart."
„Sie müssen doch aber schon als ziemlich junger Herr geheiratet" haben, Herr Baron", warf der Maler dazwischen; „Sie sehen heute genau wie ein wohlkonservierter Rittmeister aus."
„Sehr gütig, Herr Professor; Sie übersehen nur den Schnee, den mir die Jahre schon auf den Scheitel zu streuen beginnen."
„Nur ein kleidsamer Anflug von Rokokopuder, der Ihr jugendliches Antlitz um so blühender erscheinen läßt."


