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hatten nur die fremden Geldleute, die andere für sich arbeiten und sorgen ließen und nur den Gewinn einheimsten.
Daß Herr Wenzel ein praktischer und dabei rücksichtsloser Geschäftsmann war, hatte er schon wiederholt bewiesen; er zeigte es von neuem, als Erich Sanner ausgelernt hatte. Dies große Ereignis fand im Frühjahr statt, als sich Frohwinkel wieder für den Empfang seiner Gäste rüstete.
Mitte März war ein neuer Oberkellner eingetrofsen, denn Herr Gerstner kehrte nicht zurück, er zog es vor, seine frühere Stellung in Bad Enis wieder anzutreten. Der „Neue" war ein semmelblonder, langaufgeschossener Mensch von unangenehmer Arroganz gegen alle, die ihm nichts zu befehlen hatten. Dabei sprach er weder Französisch noch Englisch, nicht einmal seine deutsche Muttersprache beherrschte er korrekt. Mit „mir" und „mich" stand er auf ständigem Kriegsfuß, und selten bildete er einen Satz, in dem er auch Ihnen und Sie nicht miteinander verwechselte.
Außer dem neuen Oberkellner und Erich waren drei Pikkolos im Haus; am 1. Mai trat noch ein Kellner ein, welcher das Restaurant und den Garten übernahm, da der Oberkellner mit dem Hotel vollauf beschäftigt war. Herr Minkwitz, so hieß der neue Oberkellner, galt schon sehr viel bei Herrn Wenzel, weil dieser seinen Chef zu nehmen verstand. Minkwitz war unterwürfig und übereifrig, er wußte seine eigenen Anordnungen so geschickt zu treffen, daß der Chef sich einbildete, er selbst habe sie veranlaßt.
Vielleicht acht Tage nach seinem Eintritt stand Minkwitz bei Herrn Wenzel in dessen Zimmer. Man sprach über das Personal und dessen Verteilung in die einzelnen Abteilungen des Hauses.
„Mit, Erich — hm, ist das so eine Sache, Herr Wenzel, ich weiß nicht recht, wo ich ihn lassen soll. Er ist so, hm, ich weiß nicht---"
Dem Oberkellner war Erich Sanner äußerst unsympathisch, der Semmelblonde konnte Erichs offenes, ehrliches Gesicht nicht ausstehen.
„Was ist mit Erich?"
„Ich weiß nicht, wie ich mir ausdrücken soll. Er ist nicht ungehorsam, aber er erledigt alles, was ich ihm heiße, mit einer Miene, als wollte er sagen: Du hast mich gar nichts zu befehlen, und der Patron auch nicht, ich bin der Herr."
„Ist nicht möglich! Dann schmeiße ich ihn raus. Ich will dem Jungen lehren, den Herrn spielen zu wollen. Erich hat am ersten April,ausgelernt, er kann dann seine Sachen packen und sich fortscheren. Ich werde mich hüten, solchem Bengel noch Gehalt zu bezahlen, wozu ich ohnedies keine Lust verspüre. Sagen Sie ihm das, Minkwitz."
„Wenn Sie dies so wünschen, Herr Wenzel, muß ich mir- natürlich fügen. Ich werde mich nicht erlauben, Sie zu widersprechen, denn Sie werden am besten wissen, was für Sie und Ihr Haus gut ist. Ich werde Erich sagen, baß er am Ersten gehen kann, weil Sie mit ihm nicht zufrieden sind."
Erich empfing also zugleich mit seiner Freisprechung die Kündigung, und zwar durch den Oberkellner Minkwitz in einer so hämischen, niederträchtigen Weise, daß der arme Junge auf sein Zimmer eilen mußte, um sich dort auszuweinen. Den Oberkellner wollte er es doch nicht sehen lassen, wie schmerzlich ihn dessen rücksichtslose Art getroffen hatte.
Der erste April war gekommen, Erich verließ die'Stätte, wo er in vier langen Jahren so vieles erlebt und auch gelitten hatte. Herr Wenzel überreichte ihm mit gleichgiltigem Gesicht sein Lehrzeugnis, drückte ihm dann flüchtig die Hand und wünschte ihm viel Glück. Der Oberkellner blieb unsichtbar, doch als Erich bereits auf der Straße stand, wurde das Fenster des Bureaus aufgerissen, der fade blonde Kopf des Oberkellners erschien und mit höhnisch zusammengekniffenen Lippen rief ihm der bisherige Vorgesetzte hämisch nach:
„Adieu, Herr — Herr---, adieu Sie, viel Glück
auf die Reise."
Zwei Tage blieb Erich noch in Frohwinkel bei seiner Mutter und machte diese dadurch zrnn glücklichsten Menschen. Dann aber ging es wieder ans Abschiednehmen. Diesmal war das Scherben noch viel, viel schwerer als vom Schwan. War es doch bas erste Mal, daß Erich seine Vaterstadt verließ. Die Mutter weinte heiße Thränen, und auch Erich stand das Wasser in den Augen, als beide auf dem kleinen Bahnhof Frohwmkels ankamen und sie den zur Abfahrt bereiten Zug sahen.
„Mein Junge, mein lieber Junge," weinte die alte Frau, „mußt Du denn so weit, gleich so sehr weit fort vom
mir? In die Schweiz, das sind ja viele hundert Meilen, da werde ich Dich wohl niemals Wiedersehen. Der böse Herr Gerstner, wenn er Dir nicht diesen Floh ins Ohr gesetzt hätte, dann wüßtest Du nichts von diesen fernen Ländern, wo die Kellner angeblich zu ihrer Ausbildung hin müssen, damit sie dort.sterben und verderben."
„Sei nur getrost, mein gutes Muttchen," schluchzte Erich, selbst äußerst trostbedürftig, und doch bemüht, die ganz trostlose Mutter ein wenig zu beruhigen, „es ist ja nicht für immer. Wenn ich genug gelernt, und recht viel verdient habe, dann komme ich wieder, kaufe mir ein Hotel und danu leben wir beide sorglos und friedlich mit einander."
„Ja, wer's noch erlebt, wer's noch erlebt," meinte die skeptische Mutter.
Doch das half nun nichts mehr, die Würfel waren gefallen, der Zug, der Erich zunächst nach Dresden bringen sollte, wartete nicht länger und Erich mußte sich losreißen. Noch ein schneller Händedruck, ein letztes Tücherwinken, und fort sauste der Zug, und entführte einer Mutter das einzige Kind, den Trost ihrer alten Tage.
Die Schuld hieran trug Herr Gerstner. Kurz vor seiner Abreise von Frohwinkel fragte er Erich einmal ganz unvermittelt:
„Hast Du Geld?"
Erich sah den Oberkellner zuerst ganz verdutzt an, dann brachte er schüchtern und verschämt, wie eilt junges Mädchen, das seinen ersten erhaltenen Liebesbrief profanen Augen zeigen soll, sein Sparkassenbuch herbei und sagte mit einigem Stolz:
„Nur 600 Mark."
„Nuu, das ist ja sehr hübsch, mein Junge. Spare nur fleißig weiter für die Zeit, wo Du ausgelernt hast. Willst Du immer noch eilt richtige, tüchtiger Hotelkellner werden?"
„Ach so gern, Herr Gerstner," erwiderte Erich mit leuchtenden Augen.
„Na, dann paß mal aus. So weit ich den Alten kenne, wirft er Dich hinaus, wenn Du ausgelernt hast. Dann nimmst Du nicht etwa eine Stellung in einer obskuren Kneipe an, denn dazu bist Du zu schade, sondern dann packst Du sofort Deine Sachen, holst Dein Geld von der Sparkasse, hoffentlich ist es danu noch mehr geworden, setzest Dich auf die Bahn und fährst nach Genf."
Erich stand mit offenem Munde da:
„Nach Genf? Wo liegt denn das?"
„In der Schweiz, Du dummer Junge, das könntest Du wirklich wissen. Wenn Du in Genf angekommen bist, fragst Du nach der Rue Gevray, und wenn Du die gefunden hast, danu suchst Du das Stellenvermittelungsbureau vou Wilhelm Schutz. Ich glaube, es ist in Nummer 14 oder 27, oder — rta. Du wirst es schon finden, bist ja sonst nicht auf den Kopf gefallen, und dann bestellst Du Herrn Schutz einen schönen Gruß von mir. Erzähle ihm Deine Geschichte, gib ihm Dein Lehrzeugnis und verlaß Dich auf ihn. Er wird' schon für Dich sorgen, wenn Du ihn gut bezahlst, das ist nämlich die Hauptsache. Wenn er von Dir zehn Frauken fordert, so gibst Du ihm zwanzig, verstanden?"
(Fortsetzung folgt.)
Der „Merkafpar".
Erlebnisse eines Dorfjägers aus dem Vogelsbergs Bon Hermann Strack.
(Fortsetzung.)
IV. In der Stammkneipe.
So vergingen die ersten acht Tage nach Eröffnung der Jagd« Hannkasper hatte noch keine Spur von einer Jagdbeute mit-?' heimgebracht. Für dieses Jagdpech mußte er nun weidlich abends in seiner Stammkneipe herhalten. Keiner der Stammgäste unterließ es, Hannkasper zu hänseln und zu bespötteln. Das Loch inj seinem Strohhut schob man einem Reh zu, das abends beim Anstand an Hannkaspers Hut geknappert. Als es Hannkasper wirklich ein?. mal gelungen, ein Rebhuhn zu erlegen, da sagten die Stammgäste« das Huhn sei von dem starken Donner, den die kräftige Ladung von Hännkaspers Flinte erzeugt, erschrocken zu Boden gestürzt und habe sich totgefallen. Hannkaspers Fall in die Hecke, de« auch nicht verborgen geblieben war, wurde nicht auf die starke Pulverladung in seiner Flinte, sondern auf das Kerbholz seine« eigenen kräftigen Ladung durch den „Puttel" geschoben.^
Einer der Stammgäste, dessen blinzenden Ueuglein unter de» hellgelben Augenbrauen den Pfiffikus verrieten, spielte eines Abends den Haupttrumps über Hännkaspers Jagderfolge aus. AlÄ


