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Wohl nur zu 'gut sein ebleS' Selbstvergessen in fremder Menschen Not. t „„„
Da hörte sie plötzlich und herzlich tröstendes Flüstern im Ohr:
„Seien Sie ohne Angst! Ich wache über Ihren Vater!"
Mit weichem Dank blickte sie Gottliebe an, die ihr dies Versprechen gab und dann Herrn v. Malmort nacheilte.
Zwei Minuten später lief sie, wieder in den nassen Mantel gehüllt, mit dem Schloßherrn über den Hang der Alm bin, alsdann den Zickzackweg der Wand hinab stürm end, die -steil zum See abfiel. Weit hinter ihnen folgte mit seinen steifen Beinen der alte Anselm, erst sorglich darauf bedacht, sich dicht in seinen Wettermantel zu hüllen; er brachte ein Seil mit für alle Fälle.
Als erster war Herr v. Malmort drunten am Gestade. Auch er hatte sein Bergseil von droben mitgebracht, um es dem mit den Wogen Kämpfenden zuzuwerfen.
Noch aber war der Domletsch für seine Hilfe unerreicht bar. Er trieb wohl an hundert Fuß weit ab draußen auf dem See, dessen nachtdunkle, schaumgekrönte Wellen wild brausend und sich überschlagend ans steinige Ufer rollten.
Nun war auch Gottliebe heran, und mit sturmgepeitschtem, flatterndem Mantel stand sie jetzt neben Herrn v. Malmort.
„Er treibt gerade auf eine Felsbank zU!"
Aufgeregt wies er auf eine Stelle vor ihnen im See. wohin Sturm und Wogen den Kahn drängten, trotz der verzweifelten Anstrengungen des Mannes darinnen, ihn nach dem Ufer hinzudrängen.
-Ein Moment bangen Harrens und Ratschlagens. Da richtete sich Herr v. Malmort auf, in einem Entschluß.
„Anselm — dein Seil her!"
Auch der Mte war inzwischen herangekommen. Mit einem Griff entriß ihm sein Herr das Seil und wand sich das eine Ende um den Leib.
„Mein Gott — Sie wollen doch nicht —-?"
Angstvoll trat Gottliebe auf ihn zu, ihres Versprechens eingedenk.
„Ohne Sorge!" beschwichtigte sie Herr v. Malmort. „Anselm und Sie werden mich halten. Bitte, hier!" Er reichte ihr schnell das andere Ende des langen Seils hin. das sie nun stumm, mit geübten Griffen, sich selbst um die Taille legte, -den Rest Anselm zu gleichem Tun hinreichend.
„So — Und nun Gott befohlen!"
Malmort hatte inzwischen auch eilends das zweite, ihm gehörende Bergseil um seine Hüften befestigt und, das andere Ende aufgerollt vor sich hinhaltend, stürzte er sich mit Sprungschritten in die schäumend heranrollende kalte Flut des Sees, in der Richtung des treibenden Kahnes hin.
Klopfenden Herzens sah ihm Gottliebe nach, wie seine hohe Gestalt sich mit mächtiger Kraft durch ben Wogenprall vorwärts arbeitete. Bald stand er bis an die Schultern sm Wasser, und nun verschwand er glanz im Gischt ber Brandung.
Mein Gott! Er hatte den Grund verloren.
Gottliebe krampfte sich fekundenlang das Herz zusammen, während! sie mit schmerzend aufgespannten Augen hinausspähte.
Halt! Da tauchte er wieder auf, er schwawm offenbar durch eine tiefere Stelle des Sees. Aber nun hatte er toieber festen Boden unter sich, stand, ging wieder, und jetzt ein Ruck, den sie leicht am Seil spürte — er war am Ende, weiter reichte es nicht. Nun kam es darauf an.
Mit angehaltenem Atem schaute Gottliebe Malmort zU, wie er hoch in der Rechten ba§; zusammengerollte Bergseil haltend, wuchtig ausholte und es dann nach dem Kahn hinwarf, dem er sich jetzt bis auf ettoltt dreißig Fuß genähert haben mochte.
Da, jetzt flog es los — aber leider, vom Sturm abH getrieben, etwas 'zu weit rechts.
Also noch einmal!
Schnell holte Malmort das Seil wieder ein, rollte es auf und abermals ein Wurf! Aber zugleich ein heftiger Ruck am Seil und bann ein Schlaffwerden — ein Heller Angstruf aus Gottliebens Munde — die Gestalt da draußen pit Wogengebraus war verschwunden. Boni allzu starken Schwung mochte fein Fuß, ausgeglitten sein, er war gestürzt und von ben brandenden Wellen begraben.
Barmherziger Gott!
Gottliebe haste psötzlich die Empfindung, daß das angstvoll harrende Mädchen da droben im einsamen Schlosse
diesen Moment furchtbarer Spannung ahnte, mit durchlebte; sie sah ganz deutlich das blasse Gesicht mit den verzweifelt aufgerissenen dunklen Augen: Wo habt ihr meinen Vater? Was wachtet ihr nicht besser über ihn? Du versprachst es mir doch!
Sekundenlang verwirrt sich alles in Gottliebe, aber nur einen Atemzug lang. Dann ein Aufzucken: Los — hin zu ihm! Vielleicht, daß du ihn noch retten kannst!
Schon wollte sie mit fliegender Hand die Schlinge des Seils um ihren Leib lösen, da fühlte sie an diesem ein erneutes Rucken, ein so starkes und anhaltendes Anspannen des Seils, daß es sie, die dessen nicht gewärtig war, fast umgerissen hätte.
Nun aber stemmte sie sich mit stählernen Muskeln dagegen; ihre geübte Kraft verdoppelte plötzlich ein frohes, jubelndes Gefühl: Er lebt, er hat das Seil mit den Händen ergriffen, er zieht sich daran -empor! Und du gibst ihm' Halt und Schutz.
Ja, sie wirklich allein! Denn sie verschmähte es, den Alten hinter ihr zur Mithilfe heranzurufen. Sie ganz allein wollte ihm helfen, ihn vielleicht retten — ben flehenden dunkeln Augen da droben erhalten. Sie hielt ihr Wort! Noch nie hatte sie das Bewußtsein ihrer Körperschaft und eisernen Energie so stolz gemacht wie in dieser Stunde, wo sie vielleicht ein Menschenleben damit vor der Vernichtung bewahrte. v -
So hielt sie dem kurzen, aber gewaltigen Ruck am Seil, den Leib weit hintübergeworfen, die Füße in den Fels! gebohrt, mit zum Zerspringen angespannten Müskeln stand. Dann aber tauchte die Gestalt da draußen im See wieder auf., Gott sei Dank — unversehrt!
Einen Äkugenblick rang Malmort nach Luft, das Haupt entblößt, er hatte beim Sturz die Mütze verloren, schaute er während dieses Luftschöpfens her zum Ufer. Sein Blick traf Gottliebe, und sein scharfes Auge erkannte an der Stellung der beiden, daß sie allein eben die Kosten der Arbeit bestritten hatte. Da winkte er ihr lebhaft zu, dann aber ging er gleich wieder ans Rettungswerk.
Zum drittenmal holte er das Seil ein, zUm drittens mal warf er es aus, nach kurzem Zielen mit neuem gewaltigen Schwünge, und sieh! — endlich gelang, es: Der Mann im Nachen erhaschte im Fluge das über ihn dahin gleitende Seil.
Fast wäre zwar, im gleichen Augenblick der Kahn umgeschlagen von seiner heftigen Bewegung beim Auf fangen, aber er kehrte doch poch einmal wieder ins Gleichgewicht zurück.
Nun würde das Seil am Kahn vorn befestigt und mit riesenhaften 'Kräften begann jetzt Walmort den Nachen zu sich heranzuziehen, während der Mann darin an seinem Teile mithalf.
Schritt für Schritt nur kam das Fahrzeug zwar heran, aber das Werk gelang doch. Wip schade nur, daß sie beide Bier am Ufer müßige Zuschauer bilden mußten! dachtö Gottliebe, wie sie dem Anringen der beiden Männer gegen die Wut des Sees so zusah.
Endlich aber war der Kahn bei Malmort angelangt. Nun schwang sich dieser hinein, das zweite Seil ward befestigt/ und den vereinten Bemühungen jetzt aller Vier gelang es', den Nachen so ans Ufer zu bringen.
Schwer atmend traten die Männer aus Land', unter der gebräunten Haut beide bleich von der schier übermenschlichen Anstrengung.
„Bergelt's Gott, Herr!"
Der Domletsch, ein untersetzter, bärtiger Mann, drückte dem Gutsherrn mit seinen harten, schweren Fäusten bewegt die Rechte. „
„Das war Hilfe zur rechten Zeit! Hätt's allein wohl nimmermehr geschafft. Ich wollt schon von Kräften kommen. Daß ich nun doch noch einmal heil zu Weib und Kindern komme, das dank ich Euch mein Lebtag, Herr!"
„Laßt's gut fein, Domletsch; e infach Christenpflicht/ wehrte Malmort gelassen ab. Dann aber wandte er sich nach Gottliebe herum, die sich inzwischen vom Seil befreit hatte.
„Wenn Ihr aber dankt, dann vergeßt auch hier die Dame nicht, Domletsch! Sie hat sich um Euch und mich verdient gemacht, bei meinem Purzelbaum da vorhin unter Wasser/
Treuherzig hielt der Manu auch Gottliebe die Hand hm.
,-,Vergelt's Gott auch Ihnen, Fräulein."
Dann aber ergriff Malmort ihre Rechte; ein macht-


