Ausgabe 
11.6.1913
 
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Aus Polens letztem Ausstand.

Zur 50 jährigen Wiederkehr der Erhebung von 1863/1864.

Nach den Erinnerungen einer Augenzeugin erzählt von Tr. Paul Gr ab ein.*)

I.

Schon lange war's uns nicht mehr recht geheuer vorge- koinmen. Tie Leute in der Gesindestubc steckten die Kopse zusammen und raunten, allerlei fremde, häufig recht verdächtige Gesichter tauchten zuweilen auf dem Hofe auf, liefet geheimnisvolle An­deutungen fallen, es könne wohl nächstens was geben, und all« guten Polen sollten nur fest zusammenhalten. Ter jüdische Milch­pachter, der alle Tage ans der Stadt kam, um sich sein Deput W holen, hatte häufig ein heimliches Briefchen für den gnädigen Herrn, das, er nicht einmal Jan, dem gestrengen Gutsvogt, übergeben, sondern nur dem Adressaten persönlich aushändigen wollte. Herr Werder, ein rüstiger, ernster Mann, ging oft mit sorgenvoller Miene umher. Häufiger als sonst kämen die Guts- nachbarn, vollblütige Szlachchzen, zu ihm geritten. Ta ging's hinter verschlossenen Türen laut uird heftig zu, und die Herren machten doch nicht, wie sonst wohl, ihr Spiel. Wenigstens ver­sicherte der alte Ignaz, der drinnen bediente, daß, so oft er.' hineintäm, alle mit erregten, roten Köpfen um den Tisch safer, der mit Papieren bedeckt war.

Lange trug's Herr Werder still mit sich; endlich schüttelte er mir sein Herz einmal aus. W wäre etwas im Gange, man; Warte nur auf den geeigneten Augenblick zum offenen Ausbruch. Tre geheime Nationalrcgierung, die schon seit langem organisiert sei, habe ihre Maßregel für den Aufstand schon bis ins kleinste genau ausgearbeitet. Tie revolutionäre Behörde setze ihm hart zu, der Insurrektion sich anzuschließen. i$r habe sich zwar dessen geweigert, aber er wisse nicht, wie das ablaufen ivürde, wenn die Insurgenten losgelassen seien. Jedeiifalls sehe er sich jetzt schon zu Geldunterstützungcn genötigt. Auch mache es ihn sehr besorgt, daß sein ältester Sohn st'aver, der Gymnasiast in War­schau. war, lange nichts habe von sich hören lassen. Unter den tungen Leiitcn in den Städten gäre es gerade am allerbedenk- lichsten. Ter Verlobte seiner Tochter Hedwig, Pawl, dieser Hitz- topf, das habe er leider schon erfahren müssen, sei natürlich init Leib und Seele bet der Verschwörung. Im Keller seines väter­lichen Hauses habe er sogar ein geheimes Waffenmagazin einge- richtct, nnd für den, Fall des Aufstandes sei er zum Offizier bei dem Warschauer Freikorps bestimmt. Dieser Unglücksmensch werde nicht nur seine Tochter, sondern ihn und seine ganze Familie mit ufs Verderben ziehen. Gott möge nur geben, daß man der aus­sichtslosen Sache noch im Keime, vor ihrem Ausbruch ein Ende mache.

Aber es kam anders. Ter Sturm brach los; es ivar im Januar des Jahres 1863. Den äußeren Anstoß dazu gab, so sagte Herr Werder, die von der russischen Regierung über Polen verfugte Rekrutierung. Bald stellten sich auch die ersten Sturm­vögel bet uns eilt.

^frtes schönen Tages in der Mittagsstunde scholl Pserde- gctrappel vor deut Hause. Ich eilte hinaus auf die Veranda und sah einen Haufen Berittener auf der Rampe halten.

Cs waren etwa ein Dutzend jüngerer Leute in schwarzem Schnürrock und viereckiger Pelzmütze und mit Säbel und Pistolen bewaffnet, jsic verlangten lärmend den Gutsvorstand zu sprechen, erzählten, der Aufstand sei losgebrochen, die Nationalregierunq fei die einzig rechtmäßige Behörde, und jeder hätte ihr bei Leibes- und Lebensgefahr zu gehorchen. Man solle nur Polen aufnchmeit, durchziehende Russen ohne Verpflegung lassen und llp auf eine falsche Spur lenken. Dann forderten sie energisch Eßvorräte und Geld, was ihnen auch schließlich gegeben wurde. Weniger Glück hatten sie mit dem Versuche, Leute vom Gute anzuwerben. Unsere Bauern und Knechte waren wenig taten» luftig und ruhmsüchtig; es war ihnen ziemlich gleich, ob der "l01c oder Pole zu Warschau regierte, und sie zeigten keine Neigung, fich für. Polens Freiheit ins Verderben zu stürzen. So zogen denn die Werber fluchend und drohend des Weges weiter zum nächsten Gutshof.

. In der nächsten Zeit wiederholten sich solche Szenen, was wir empfindlich an unserer Vorratskammer wahrnahmen. Es half auch nichts, daß Herr Werder den ungestümen ©teuer» euitrcißerit sich dann und wann durch die Flucht entzog. Unsere Wirtschaftskasscn und Privatgeldbeute! mußten eben zur Frei­heit Polens hergeben, was sie hatten, und die Stcuerbeainten der Nationalregierung verstanden keinen Spatz. Weigerte man sich, so war man ein Verräter an der guten Sache und lief Gefahr,

Die nachstehenden Erinnerungen sind nach dem mündlichen Bericht einer Augenzeugin von mir niedergeschrieben worden, einer alten -baute, die in ihren jungen Jahren einem Verwandten, feil Rittergutsbeitber Werder, auf seinem Gute in der Nähe von Chedlitz die Wirtschaft führte. Herr Werder war durch feine betrat mit einer Dame aus dem polnischen Adel, die aber zur Zeit des Aufstandes schon verstorben war, gegen seinen Willen in Beziehungen zu fei aufständischen Kreisen geraten, die ihm bann verhängnisvoll werden sollten. Alles andere ergibt sich aus deut Nachstehenden selber. Tr. Grabein.

dem für solche hochverräterische Verbrechen km nächsten Städtchen errichteten Gerichtshof denunziert zu werden, von dessen Tätig­keit das Gerücht allerhand beunruhigende Beispiele herumtrug.

So lasteten Angst und Sorge schon ziemlich schwer auf uns, als eines Tages die Post eine Schreckensbotschaft aus Warschau brachre, die namentlich Herrn Werder auf tiefste beugte. Ein Geschäftsfreund teilte ihm mit, daß, sein Sohn st'aver vom Gyni- nafium entwichen und mit mehreren Kameraden zu den Auf-

-! ,n tn, che Wälder gegangen sei. Der junge, schwächliche Mensch letzt hinaus in die dicht zugeschneiten Wälder, wo Ent­behrungen und Frost sie abwechselnd mit den Kosaken von Ort ru Ort tagten. Der unglückliche Vater war verzweifelt. Wie ",as irregeleitete Kind finden, vor dem sicheren Verderben retten?, Es gab feine Möglichkeit, wieviel er auch grübelte.

.So war der März hcrangckommen, ohne daß wir die Greuel des Krieges unmittelbar wahrgenommen hätten; aber auch das wllte uns Nicht erspart werden. Seit einiger Zeit schon schwirrten Gerüchte, daß in unserer weiteren llmgebung Gefechte statt­gefunden hätten; dann und wann bestätigten versprengte Jn- surgeiiten diese Nachrichten.

.Eines Tages hörten wir nun schon in aller Frühe, als itoch .der bitterkalte Morgen graute, in der Ferne Schießen, das sich tn weitem Kreise um unser Dorf herumzog. Unsere Leut« hielten sich den ganzen Tag ängstlich auf dem Hofe; keiner traute sich hinaus, wie sehr auch die Neugier sie plagte. So verging der Tag. Des Abends in der Dämmerung aber kamen Bauern aus dem Dorfe zu uns und berichteten, der Kampf hatte sich bis in ihre Nähe gezogen. Draußen im Walde lägen verwundete Polen.

In aller Eile wurden Pferde angeschirrt, ein grofe Leiter­wagen mit Stroh bedeckt, Decken aufgeladen, und einige Leute unter Leitung des Vogts fuhren in die Nacht und das Schnee­gestöber hinaus, Hilfe zu bringen. Mehrere Stunden vergingen, da rasselte der Wagen in langsamem Tempo wieder auf den Hof herein. Beim trüben Schein der Windlichter bot sich ein jämmer­licher Anblick dar. Auf dem Stroh lagen ein halbes Dutzend ächzender Gestalten, blutbedeckt, mit alten Lappen verbuitden, notdürftig mit den Decken gegen Kälte und Schnee geschützt.. Behutsam wurden die Aermsten nun ins Haus geschafft, wo mail sie so gut wie möglich bettete und ihre Wunden pflegte. Namentlich einer erregte aufs tiefste unser Mitleid. Es war noch ein ganz junger Mensch von kaum siebzehn Jahren, dessen schmächtiger Leib bis zum Skelett abgemagert und fürchterlich von Lanzenstichen und Schußwunden zugerichtet war. Die Uw- menschen von Kosaken hatten den Unglücklichen buchstäblich bis aufs Hemd ausgezogen und so den Blutenden hilflos int Walde liegen lassen. Er war, als man ihn aiiffand, nahezu erstarrt/ aber doch noch seiner Sinne mächtig.

Herr Werder, den der arme junge Mensch wohl an seinen eigenen Sohn erinnerte, ließ sofort ein Knecht satteln und in die Stadt nach dem Heilgehilfen reiten. Der einzige Arzt war nämlich auch unter die Insurgenten gegangen. Inzwischen legte das beherzte Hausmädchen dem Verwundeten einen Notverband an. Er erzählte, daß er aus einer guten Warschauer Kaufmanns- familie stamute und sich durch Freunde habe zur Teilnahme am Aufstande verleiten lassen. Unter Tränen versicherte er, daß, wenn er das alles geahnt hätte, ivas er nun ertragen müßte, er nie, nie von Hause weggelaufen sein würde. Ach wie gerne wäre, er ins Elternhaus zurückgekehrt, aber er könnte ja nun nicht mehr. Wenn die Russen ihn fingen, würde er erschossen oder nach Sibirien verschickt werden. So klagte der Aermste. Schrecklich war's, als endlich der Heilgehilfe kam und sich an das Reinigen und Zunähen seiner Wunden, der zerschossenen Finger machte. Er schrie fortwährend laut auf, während sein abgezehrter Leib wie im Krampfe sich krümmte. Das tue so furchtbar weh, viel, viel mehr als alles, was er bisher erlitten! Ach, wenn es doch erst eilt Ende hätte!

Am anderen Morgen kam uns erst recht zum Bewußtsein, war wir getan. Die russische Regierung hatte aus's strengste verboten, Polen, auch Verwundete, auszunehmen. Zuwiderhnnd- lnngen wurden auf dem Laude int günstigsten Fälle mit Konfis­kation des Gutes bestraft. Wir waren daher in großer Angst und. im Zweifel, was zu tun. U'nfer Euilsetzen war daher nicht gering, als gegen Mittag plötzlich Bauern auf den Hof geeilt kamen und schrien, daß die Russen kämen. Alles lief jammernd und ratlos durcheinander. Sollte man die armen Verwundeten aus dem Hause schaffen, dem Frost!und der Rachgier der Verfolger schutzlos Preisgeben? Sie selbst baten flehentlich unter Tränen, ic zu verstecken. Endlich verfielen wir auf folgenden rettenden Gedanken, der blitzschnell ausgeführt wurde. Tie leichter Ver­wundeten wurden wie Gutsknechte ausstaffiert und in die Gesinde­tube gesteckt, wo sie sich unter die andern mengten und mit Kar- tpffelschälen und ähnlichen Arbeiten unauffällig beschäftigten. Ter junge Mensch aber wurde in die Nachthaube und Nachtjacke der alten Schaffnerin gesteckt und in ihre dunkle Kammer ins Bett gelegt, wo er die Rolle der kranken, alten Frau in seiner ent» Glichen Angst recht natürlich spielte.

,®8 war die höchste Zeit, daß wir mit diesen Vorkehrungen ertig wurden. Einige Minuten spater zog der Trupp russischer Infanterie schon auf den Hof und drang sogleich in alle TürckN