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Vergeltung.
Humoreske von Eff em-B ey.
Mit einem selbstzufriedenen behaglichen Lächeln verließ Kapitän Johannsen die Bankgebäude, im Gehen nochmals die 20 Hundertmarkscheine überzählend, die er am Schalter eben in Empfang genommen hatte. Während seines letzten Kommandos auf der Brigg „Aurora" hatte er einen leckgewordenen Schoner in den Hafen geschleppt und dafür als seinen Anteil am Bergelohn einen Scheck über 2000 Mark erhalten, den er sich soeben eingelöst hatte. „Zweitausend Mark" — rechnete Kapitän Johannsen im stillen und ließ dabei die neuen Hundertmarkscheine durch seine dicken Unger in das schmierige Taschentuch wandern — „zweitausend Mark hier, dann kommen noch die 2000 Mark, die mir meine Schwester als meinen Anteil an ihrem Erbe schon jetzt bei ihren Lebzeiten schicken will, das sind zusammen .000 Mark, wenn ich jetzt noch 2000 Mark dazu bekommen könnte, -ann könnte ich mich gleich mit einem Fünftel an der „Aurora" seteiligen und wäre sozusagen mein eigener Herr und Schiffsbesitzer. Hm."
So in Gedanken an die 2000 Mark, die er noch gern gehabt hätte, versunken, lenkte er seine Schritte zum Quai und begab sich an Bord des Passagierdampfers „Neptun", der ihn nach Bremen führen sollte, wo die „Aurora" inzwischen reisefertig gemacht iourde. An Bord des „Neptun" gab es ein ausgezeichnetes Souper und einen vortrefflichen alten dänischen Korn, und der Einfluß dieser beiden schönen Dinge, noch dazu verstärkt durch das Aroma einer guten Zigarre, ließ den Kapitän Johannsen bald in ein angeregtes Gespräch mit den übrigen Passagieren fommen.
„Spielen Sie eigentlich Karten?" wandte sich einer der Mitpassagiere plötzlich an den Kapitän Johannsen. .
„Nein", antwortete der Angeredete mit Würde, „aber früher pflegte ich zu spielen, sogar sehr gut zu spielen."
„Nun, das ist bedauerlich, daß Sie nicht mehr die Karten in die Hand nehmen," meinte der andere. „Aber ich nehme au, daß Sie wenigstens nichts dagegen haben, einem Spielchen zuzusehen," und damit zog er eine Taille Karten aus der Tasche.
„Sie können ja, wenn Sie Lust haben, sich an einem Spiel mit einer .kleinen Summe beteiligen, ohne mitzuspielen", fuhr der Fremde fort. „Ich glaube, das Zusehen würde dann für Sie auch mehr Reiz haben. Doch gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, meine Name ist Löffler, und ich reise in Kokosnüssen und Bananen. Wenn Sie nichts dagegen haben, darf ich Sic vielleicht zu einem steifen Grog in Ihre Kabine einladen; wir machen's uns da bequem, und vielleicht findet sich noch ein Partner, der mit mir ein Partiechm zu machen geneigt ist."
Der Fremde stand auf, und Kapitän Johannsen folgte ihm, wenn auch zunächst widerstrebend, in seine Kabine. Schnell war ein Grog gebraut, und unter dem Einfluß des warmen Getränkes taute der Kapitän so sehr auf, daß er sich schließlich zu einem kleinen Spielchen „nur um die Ehre, ohne Geld" überreden ließ. Der Reisende zog feine .Karten wieder hervor, und sie begannen zu spielen. Der Kapitän verlor und verlor, und wenn es wirklich um Geld gegangen wäre, hätte die Geschichte für ihn sehr teuer werden können. Der Reisende lächelte nur und amüsierte sich über den Aerger des Kapitäns.
„Ja, ja, mein Lieber, ich habe eine unglaublich glückliche Hand, wenn ich nur etwas Anlagekapital hätte, könnte ich mir mit dem' Kartenspiel in ganz ehrlicher schöner Weise ein Stück Geld verdienen. Uebrigens, wenn Sie die Sache mit mir zusammen machen wollen, — da ist nämlich so eilt junger Mann an Bord, der, wie mir scheint, ganz gern ein Spielchen unternehmen würde."
Kapitän Johannsen überlegte einen Moment; der Reisende hatte ihm mit seinem Kärtenglück imponiert, und wenn er ihm sozusagen das Geld zum Spielen vorschoß, ließ sich vielleicht für ihn auch noch ein ganz schöner Nutzen herauswirtschaften; und so fuhr er denn, seinen Gedankengang beendend, laut fort: „Na, ich hab nichts dagegen, wenn Sie den Mann kriegen können
Der Reisende verschwand eilig und kehrte schon nach kurzer !Zeit mit einem ländlich aussehenden jungen Mann zurück, der gerade keinen sehr intelligenten Eindruck machte.
„Oberst Schniepeldebong", stellte der Reisende vor, indent er mit einer großartigen Geste auf den Kapitän Johannsen wies.
Der Neuankömmling, dem dieser Titel sichtlich imponierte, klappte zu einer devoten Verbeugung zusammen und lispelte schüchtern: „Mein Name ist Müller. Wenn die Herren mir die Ehre schenken wollten, mitspielcn zu dürfen, würde ich mich sehr freuen."
„Ich für mein Teil spiele nicht mit," sagte der zum „Obersten" avancierte Kapitän würdevoll, „aber .ich habe nichts dagegen, wenn die Herren hier in meiner Kabine spielen wollen."
Das Spiel begann, und es dauerte nicht lange, da hatte der junge Mann schon fast hundert Mark gewonnen, was ihn in nicht geringe .Aufregung versetzte. Stein Wunder, daß er Übermütig wurde und nun immer höhere Einsätze machte. Nach einer weiteren halben Stunde hatte er noch hundert Mark dazugewonnen. lieber das ganze Gesicht vor Freude strahlend, be- tzellte er eine Flasche Mein und warf sich dann von neuem.
mit Enthusiasmus aus das Spiel. Allein das Glück schien sich nun ganz plötzlich gewandt zu .haben. Er verlor und verlor, und nach verhältnismäßig kurzer Zeit .hatte er seinen .ganzen Ge- a £ cP Innen Partner, den Reisenden, zurückgeben müssen.
Tas paßte dein jungen Mann nun gar nicht. „Da sind wir ja nun gerade wieder dort, wo wir anfingen, und dabei ist die halbe Nacht bald um.. DilÄ Spiel ist entschieden zu langweilig," meinte er unwillig.
,,®a wögen Sie freilich recht haben," erwiderte der Reisende; „außerdem glaube ich auch, daß der Oberst sich bald zurückziehen mul, und wir müßen ihm feine Kabine räumen."
, ,,-och. schlage vor, wir legen eine kleine Bank zu zweien auj, meinte der junge Mann.
«Wenn Sie darauf bestehen, gut!" antwortete der Reisende.
Die Karten wurden gemischt und ausgeteilt, und die Bank begann. Mit blitzartiger Geschwindigkeit hatte der junge Mann bald die ersten 500 Mark verloren; er entschuldigte sich einen. Aöomeiit unb her m seine Kabine, um sich neues Geld zu holen. ma$JUr3ev Seit fam er zurück, und auf seinem Gesicht stand der Entschluß, auf reden Mall zu genrätnen. Er legte einen Tausend- markichein und 500 Hundertmarkscheine neben sich, und das Spiel ging weiter. Und nun folgte Schlag auf Schlag. Ein Hundertmarkschein nach dem andern ging in die Hände des Reisenden “yer' mar auch der Tausendmarkschein gewechselt, und als. die letzte Runde zu Ende war, war von den hübschen, bunten Banknoten keine einzige mehr auf der Seite des jungen Mannes geblieben. Verzweifelt und niedergeschlagen erhob er sich, stammelte ein „Gutenacht" und verließ die Kabine.
»Nun, was sagte ich?" lächelte der Reisende, als sich die Tur, geschlossen hatte, und schob dem Kapitän Johannsen einen Tarn endm arkschem hin, während er die anderen tausend Mark in seiner eigenen Tasche verschwinden ließ. „Das hat doch ge- lohiit, Herr Oberst" . . . nicht wahr? Ich hoffe, daß wir uns noch oster mal Wiedersehen." Und dann gingen die beiden zufriedenen Herzens schlafen, um bald in tiefe Träume zu versinken.
Der Kapitän hörte selbst im Traume nicht auf zu rechnen. „Zweitausend Mark Bergungslohn, tauseiid Mark Anteil vom Spielgewinnn, zweitausend Mark von meiner Schwester sind schon fünstaiiseiid^ Mark, na, es will schon bald zu ein paar eignen Schiffsplanken langen." So träumte der biedere Kapitän Johann- sen, und. em selbstzufriedenes Schnarchen erschütterte dabei die Wände feiner Kabine.
*
Zwei Wochen waren vergangen, da erhielt der Kapitän Johannsen von seiner Schwester folgenden Brief:
Mein lieber Bruder Christian!
Du batest mich vor einiger Zeit, das Dir von mir zugesagte Erbteil schon jetzt, noch vor meinem Tode, zur Verfügung zu stellen, um Dir die Beteiligung an Deiner Brigg zu ermöglichen. Ich bin Deinem Wunsche herzlich gern nachgekommen und habe unseren Nachbarssohn damit beauftragt, Dir die zweitausend Mark zu überbringen. Aber es ging ihm wie dem Manne, der auszog von Jericho und kam unter die Räuber, denn mein Bote war schon auf dem Schiff nach Bremern um Dir das Geld zlu bringen, als ihn zwei Männer mit listigen Reden zum Kartenspiel verleiteteii. Das heißt, spielen tat nur der eine, der andere Bandit saß dabei und paßte auf; es war ein großer starker Mann mit rotem Bart, und er soll sich „Oberst Schniepeldebong" genannt haben. Sieh zu, ob Du diesen Gauner irgendwo triffft, lieber Bruder, und laß ihn dann festnehmen. Er war der Hauptverbrecher, erzählte mir unser Nachbarssohn. Wenn Du ihn also triffft, kannst Du ja auch bersuchen, ob er Dir nicht die 2000 Mark, die ich Dir als Dein Erbe schickte, wiedergibt. O, wie ist die Welt schlecht, und wie traurig bin ich darüber, daß es solche Menschen gibt, die Dich, meinen lieben Bruder, um Dein Geld bringen. Mit herzlichem Gruß und Gott befohlen.. Deine treue Schwester.
Die Sardine.
An die 50 000 Menschen in der Bretagne, an der unteren Loire unb in der Bendse sind brotlos geworden, seitdem die Sardinen-Werkstätten infolge von Meinungsverschiedenheiten zwi- chen den Arbeitgebern unb den Fischern geschlossen hoben. Ganze Dörfer in den bezeichneten Gegenden leben vom Fange unb von der Bearbeitung des kleinen, delikaten Fisches, den die Feinschmecker aller Länder so hoch schätzen. Die großartige Sardinen- Jndustrie dieser Gegend geht auf das Jahr 1824 zurück, als ein gewisser Joseph Collin in Nantes den ersten Betrieb errichtete, wo die Sardinen in Oel zubereitet wurden. Der ungeheuere! Erfolg, den er mit diesem Verfahren erzielte, wurde die "Wurzel, aus der. sich die französische Sardin en-Jndustrie entwickelte, die heute weit über 100 Fabriken beschäftigt. Der bretonische Fischer kennt überhaupt kein andei.es Leben, als das in seiner Barke. Um Mitternacht verlassen die Bote die Hafen von Concarbean, DKuarnenez oder wie die Fischerdörfer alle heißen und fahren aufs Meer hinaus. Dort werfen sie den Fischrogen als Köder ans, auf den sich die Sardinen in ganzen Schwärmen begehrlich werfen.


