Ausgabe 
10.12.1913
 
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lehr entzückt?" Und der Nörgelkobold- pfeift uns eine der n em ein» sten Gassenhanermelodien impertinent unter die Nase:Da sitzt er nn mit sein Talent und kann es nicht verwerten".

Es ist leider nicht nur der inwendige Nörgler in uns, es sind ttmch soweit vernünftige M-enschen, die sagen: ob die Erfindung der Flugzeuge zum Segen ist, ja, wer weiß das? Borläufig, mindestens, sieht es nicht so aus. Im Wettbewerb der Völker kam die Erfindung, keines konnte sich ihr entziehen, ohne zurückzubleiben, flöge man aber überhaupt nicht, so hätten alle nichts weiter zn entbehren, als eine Mehrbelastung. Den phantastischen Schein und eine gelegentliche Extratour reicher Leute beiseite, so bleibt vom Fliegen: tzu den alten Schrauben ohne Ende beim Wettrüsten nun iroch eine neue Schraube, voraussichtlich gleicher Art. Und bei wie vielen Erfindungen noch müssen wir zweifeln, ob Schaden oder Nutzen überwiegt irgendein Aber ist fast immer dabei. Nur: must es so bleiben? Dämmert hier wirklich das Tragischste von allem Tragischen herein: daß die Menschheit durch ihr Erkennen ge- trieben wird, gerade mit ihren Fortschritten Mehr und- mehr von ihrer Natürlichkeit zu opfern .und- endlich sich selbst zu vernichten? Oder: kann sie sich mit der Zeit an all das Neue anpassen? Mit andern Worten: wird- die Zivilisation nach und nach überall zum dienenden Mittel der Kultur werden,? Oder wird die Kultur in der Zivilisation ersticken, wie der Fisch in der Luft?

wir bei dieser Fragestellung, dann fällt uns etwas auf, was alltäglich und doch merkwürdig ist. Kultur und Zivilisation, wre^ grundverschieden sind- die beiden Begriffe, und wie lvenig Werden sie doch bei den Tageserörterungeu auseinandergehalten! Alles gärt da noch, ich kenne bis zum heutigen Tag nicht cinnml erne knappe schlagwortartig brauchbare Definition. Wie wär es nnt dieser: Kultur: die Pflege unserer Eigenschaften, Zivilisation: die Pflege und Entwicklung unserer Mittel. So viel ich sehen kann, nimmt g. Die äußerlichste sogar der Eigenschaften, die Reinlichkeit " lutr nennen einen Menschen, der sie pflegt,kultiviert", der Mann aber, der Seife und-Zahnbürsten herstellt, dient durch seine Fabrikate wohl der Kultur, fabriziert aber keine Kultur. Wenn die Technik eine bessere Bilderreproduktion ermöglicht, schafft sie dadurch Zivilisation, die der Kultur dienen kann, oder auch, bei Wichs? Verwendung, nicht. Wer die Waffen, die Werkzeuge, die Maschinen aller Art verbessert, schafft Mittel, die schaden können voer nutzen _ mit der Kultur haben sie immer nur so weit zu tun, als unsere Eigenschaften, als ivir selber durch sie entwickelt, veredelt tverden. Danipftnaschiuen, Eisenbahn, Telephon, Kino, drahtloie Telegraphie, Flugzeuge all das sind- Mittel, ob daraus Segen kommt oder Unsegen, darüber ist mit dem Namen der Er» simungen selbst noch nicht ein Titelchen gesagt. Die meisten aber reden und denken, als wäre Zivilisation an sich schon Kultur. Und versäumen bei diesem immer wiederkehrenden Znsammen- werseu vor Bewunderung der Zivilisation, darauf mit allem Ernste zu achten, wie die Mittel uns selber nützen oder schaden können, nllo: wie sie ans unsere Eigenschaften förderlich oder schäd­lich wirken.. Meint inan, die Zivilisation an sich mache die Mensch- hert stark, so ist das ja ein Trugschluß. Wie der: du hast ein vor­treffliches Auge, denn du siehst durch den Operngucker mehr als ich ohne eineü, oder: lu-ic rasch sind deine Beine, denn nie rasch kommst du mit dem Auto vorwärts. Solche Trugschlüsse können gefährlich fein,'nie der: du bist gescheit, alles weißt du auS deinem Buch, und wie der: du bist geschickt, denn deine Maschine arbeitet gut. Operugucker, Auto, Buch, Maschine sind nicht wir. Ma­schinen und Juslruinente können uns Geschicklichkeiten anch abge- wöhncn, können Fähigkeiten anch verringern, können Organe durch Wegnehmen der Uebung verschlechtern. Dabei kann 'sich's um Entbehrliches, um Gleichgültiges handeln, aber auch um Wichtiges Wenn derWilde" mit einer Menge«von Fähigkeiten unsüber" ist, so sind diese Fähigkeiten unzweifelhaft besser kultiviert bei ihm als bei uns; sein Auge sieht, sein Ohr hört schärfer, seine Hand kann manches, was die unsere verlernt hat. Die Zivilisation gibt Ersatz mit Instrumenten und Einrichtungen gut, wir ver­missen das hier Verlorene nicht, solange wir in zivilisierter Um­gebung ble.ben. Aber wie steht's mit den geistigen Fähigkeiten? Auch die können durch Zivilisationsgeschenke verkümmern, wenn wir nicht auf der Hut sind. Ob dieWilden" schlechthinbessere Menschen" sind, wie Seunie meinte, mag sehr fraglich sein, aber wohl auch niemand hat bestritten: daß auch die geistigen und- seelischen..Eigenschaften .minder zivilisierter Völker mitunter die von höher zivilisierten übertreffen. Lassen wir das Ethische beiseit, wie steht es beispielsweis mit der bildnerischen und dichterischen Phantasie? Uebertrafen uns darin die Griechen oder nicht? Das jedenfalls ist gewiß: daß keineswegs ein so einfaches Verhältnis besteht: je höher die Zivilisation, desto höher die Kultur. Wir müssen unsere Eigenschaften Pflegen, dann beherrschen wir mit der Zivilisation uns und die Welt. Wenn aber unsere Eigenschaften, wenn wir herunterkommeu, dann wird die Zivilisation aus unserer Dienerin unsere Herrin, und sie kann uns erniedrigen.

Ja so: sind denn die Zivilisationsmittel überhaupt schon in nnserm Dienst? Zunächst lassen wir ja die Erfindungen zn unserer Beherrschung benntzen von denen, in deren Dienste sie stehn. Denn da sind ja alle die Einrichtungen, die sie zum Privateigentum! machen: Urheberrecht, Patentschutz, Kapitalbeteiligung, Verwertung. Die Zivilisation selbst ist ein millionenhändigcr Riese in goldenen Ketten. Und den verwechselt man mit Kultur!

Also darauf kommt es an, daß die gesunde, starke, entwickelte Menschheitskraft die Mittel, daß die Kultur die Zivilisation benutzt. Was für Gefahren hier lauern, mir Merken's am besten, wenn wir einmal auf ganz andere Verhältnisse blicken. Die Südsee­insulaner, die wir neulich abbildeten, zeigten in der von ihnen selbst aitä ihrem Wesen entwickelten Wohnung und Tracht Kultur, im europäischen Schneiderwerk zeigten sie Barbarei, obgleich diese Wilden" rechtungebildete" Leute waren nnd die Schneider sehr zivilisierte Europäer. Die höchsten Gaben selbst der echten Kultur werden sofort zum Tande, wenn sie dem Beschenkten die entsprechenden Eigenschaften verschlechtern, die er aus sich selber entwickelt hat. Mit Kultur kann sich keiner beschenken lassen, Kultur muß erworben, verarbeitet werden das zeigt ja auch jeder Parvenü. Der Bauer, der in sein Haus nichts hereinnimmt alö was innerlich mit ihm verwachsen ist, betätigt Kultur, derOeko- nom", der seine Möbel vom Warenhaus bezieht, hat keine. Eigen­schaften entwickeln sich nur aus Eigenem stark, mögen sie sich auch an Fremdem nähren. Nur soweit man'S verdauen, einfleischen, eingeisten kann in das, was man von den Vorfahren ererbt hat, nur soweit entwickelt man sich innerlich stark. Es gibt keine Kultur ohne Wurzeln, Wenn aber die Pflege und Entwicklung der Eigen­schaften letzten Endes eine persönliche Sache ist, so ist die Pflege der Kültur trotzdem auch Volkssache. Will man Beispiele aus dem Völkerleben, so denke.man an die Veräußerlichung der Antike bei innerlich ihr fremden Völkern oder an die Berderbung der japanischen Kunst durch die europäische. Das sind Gegenbeispiele. Und wo sind gute? All unsere neuen ernsten und tiefen Reform­bestrebungen bis zum Kampfe gegen den Alkohol hin gehen auf Pflege der Eigenschaften aus, auf Tüchtisung, und sind eben deshalb Arbeit um Kultur. Arbeit, die einem* Volk die Bedingungen dafür verbessert, daß der Einzelne seine Eigenschaften verbessern kamt.

Die großen Kulturmittelschaffer werde» wahrhaftig nicht ent­wertet dadurch, daß wir gegen die Verwechslung sprechen, die in ihnen schon Schöpfer von Kultur sieht. Ein Kulturschöpfer war Goethes alter Faust, der die Mittel der Zivilisation benutzte, damit auf freiem Grund ein freies Volk, umrnngen von Gefahr, sich täglich das Leben erobere. Nicht aber waren es seine Werkmeister und wäreus die besten und nützlichsten Erfinder in der..Technik ge­wesen, Land vom Meer zu gewinnen. Die große Aufgabe ist auch hier: Organisation der Bildung, damit sie sich stark genug dazu mache, ihrerseits die Zivilisation zu beherrschen. Die Einsicht in die tiefwesentliche Verschiedenheit von Kultur und Zivilisation ist längst den Gebildeten klar, int Allgemeinbewußtsein aber ent­wickelt sie sich eben erst. Im Alltagslärm wirbeln noch beide Be­griffe durcheinander. Und unsre Zeit verwirrt sie deshalb besonders leicht, weil sie -eine zum Staunen hohe Zeit der Zivilisation ist, wie seit demZeitalter der Entdeckungen" keine mehr war. Zivi­lisatorische Güter erobern wir ja heut wie im Fluge siegende Heere, um Kulturgüter aber kämpfen wir mühselig Schritt um Schritt und leider durchaus nicht ohne Verluste.

Sollte die Klärung über diese Fragen nicht beschleunigt wer- werden? Erst, wenn die Klarheit über sie so allgemein ist, daß keine Phrase nnd kein Privatinteresse die Einsicht verdunkeln kamt, erst dann werden auch die Organisationen der Kulturarbeit über die Grenzen der einzelnen Völker hinaus sich mit den politischen Mächten verbünden können. Gerade die Flugzeuge sind ja wieder ein Beweis dafür, Wie weit die Menschheit da zurück ist: wäre sie organisiert, sie müßte doch fähig sein, sich hier und beim Rüstxn überhaupt zu einigen. Wie wüstet die Menschheit noch mit ihren Kräften! Wie wenig erfassen wir noch die ungeheure Wichtigkeit der Kulturorganisationen! Wir sprachen früher davon, daß jede falsche Verwendung einer Menschenkraft einen Verlust nicht nur an Einzelmenschenkraft bedeutet, sondern an Nationalvermögen. Wir Müssen ergänzen: jeder Fortschritt der Zivilisation, der in den Dienst der Unkultur gestellt wird, bedeutet in der Entwicklung der Eigenschaften, und das heißt der Menschheit einen Rückschritt."

hessische Aumtmeir.

(Ein Beitrag zur hefsisehen Volkskunde).

Jakob Grimm empfahl schon vor hundert Jahren, die alten hessischen Zeitunqen und ihre amtlichen Bekanntmachungen der Grundstücksverkäufe und so weiter zu studieren, um einen Einblick in das Wesen der Flurnamen zu gewinnen. An diese Mahnung erinnerte im Kasseler Verein Inr hessische Volkskunde Bibliothekar Dr. Lange gelegentlich eines Vortrags, den er über 2l!ter!nms- sorschung und Flurnamen hielt. Das Volk ist in der Umwandlung von Namen unberechenbar. ES hat Namen geschaffen, deren Ur­sprung heute nicht mehr festzustellen ist. Bei andern zeigt sich deutlich, daß aui merkwürdigste 2trt und Weise Umwandlungen vorgenammen warben sind. Co hat das Wort211t" in Alten­burg, Altenberg, Altenstadt und ivie sie alle heißen, nicht ctiun die Bedeutung vonalt" im Gegensatz zuneu". Es stammt viel­mehr aus der Römerzeit und tvurde von ala = Heiligtum ab­geleitet. An den Stätten, die mitAlt" bezeichnet sind, bat un- ziveiielhast in grauer Vorzeit eine heilige Stätte bestanden Andererseits scheint mancbes von den Römern abzuslammen, das mit den Römern nichts zu tun hat, so der Römersberg. In ^Wirk­lichkeit heißt diese Statte Rommersberg. Interessant ist auch die