Ausgabe 
10.12.1913
 
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erkennt er den Freiherrn von Brank, der mit seinem Sohne Walter vor ihm steht. ,

Uh, die Herren v. Brant! Ich habe Sie ui der Tat nicht kommen sehen entschuldigen Sie, ich ivar in gar schmerzliche Betrachtungen vertieft."

Zu denen wir alle in dieser trüben Zeit Veranlassung haben)" fügt Kurt von Brank hinzu.Wo wollen Sie hier hin?" , vz ,,, ,

Ich hoffte, auf diesem einsamen Wege vielleicht dem Kaiser zu begegnen."

Der alte Herr kneift die Lippen zusammen und schüttelt schmerzlich das Haupt. Dann schiebt er seinen rechten Arm unter den linken Teils und i'.ötigt ihn mit sanftem Zwange zur Umkehr. , ,

Kommen Sie mit uns," hebt er mit verhaltener Stimme an, und seinen Münd nahe an das Ohr des ande­ren bringend, raunt er bewegt:Den Kaiser!wcrdcn Sie schwerlich noch cininal sehen. Es steht schlecht, sehr schlecht um ihn habe vorhin jemand vom Hofe gesprochen wir müssen auf das Schlimmste gefaßt sein."

Langsam schreiten die drei Männer wieder idem sHaupt- Wege zu; Walter hat sich auf Tells andere Seite begeben und scheint sich selber Trost zusprechen zu wollen, indem er halblaut vor sich hinnmrmelt:Es ist wohl Christen- pflicht, denr geliebten Monarchen die baldige Erlösung zu gönnen."

Tell entging die ernste Stimmung Walters nicht 1111b sie ließ ihn den jungen Freiherrn in einem sympathischeren Lichte erscheinen. Es kam zu einem längeren Gespräch zwi- schen beiden, iit dessen Verlauf die früheren Antipathien immer mehr schwanden und dessen Endresultat war, daß sie, ivemt auch noch nicht als Freunde, so doch mit dem Aus­drucke der gegenseitigen Hochachtung voneinander schieden.

Am späten Abend dieses Tages stand Tell am Seeufer vor seiner Villa und schaute sinnend hiiiüber nach den cr- leuchteten Mittelfenstern des Giesdorfer Schlosses. Nun hatte er auch mit dem einstigen Erben da drüben seinen Frieden geinacht. Warum sprang er denn nicht in den zu seinen Füßen angeketteten Kahn, um sich hinüber zu rudern und um die Hand jenes Wesens zu bitten, nach dessen Besitz sein Herz immer stürmischer verlangte?

Konnte er denn das geheime Widerstreben, das sich immer wieder im tiefsten Grunde seiner Seele regte, nicht endlich überwinden? Wovor fürchtete er sich denn? Daß man ihn abweisen würde?... Das war doch nach allen An­zeichen kaum noch anzunehmen. Aber meint man ihm auch die Tochter des Hauses vielleicht uicht verweigern würde, irgend­ein leises Naserümpfen der altadeligen Sippe war doch noch möglich, wenn man bei dem später unvermeidlichen Hoch­zeitsfeste etiva mit seiner Verwandtschaft zusammenkommen würde. Zwar seines Stiefbruders, des jetzt zu Wohlhaben- heit und Ansehen gelaugten Fabrikauten, hatte er sich uicht zu schämen; die Firma Haßlach und Dechner war hoch­geachtet, und Adolf war ein sittlich-tüchtiger, dabei beschei­dener und formensicherer Manu aber die Pflegemutter? Wie würde man denn der sonderbaren Frau Lampert be-, gegnen? Er konnte sie doch unmöglich verleugnen und mußte ihr doch den gebührenden Anteil bei den im Falle einer Hochzeit üblichen Festlichkeiten gönnen. Hatte ihm nicht die gutmütige, aber immer eitler und Protzenhafter werdende Dame erst heute wieder einen heillosen Schreck mit der Bil­derkiste eingejagt, die sie ihm hinausgesandt hatte? Sie hätte die alten Pastellgemälde bei einem Trödler gekauft er möchte sie im Salon der Villa aufhängen lassen kein Mensch wüßte, wen sie eigentlich vorstellen, und so möchte er sie nur dreist als Ahnenbilder der Lamperts oder auch der Tells ausgeben so etwas machte sich nobel und ge­hörte nun einmal zu der Einrichtung eines vornehmen Hauses. War denn die gute Alte gänzlich übergeschnappt? Er würde keine kleine Mühe haben, ihr diese Tollheit wieder auszureden; aber lächerlich würde er sich ihr zuliebe sicher nicht machen.

Er seufzte unwillig auf. Mußten sich denn immer wie­der Hindernisse auftürmen zwischen ihm und seinem Glücke? Sollte der Vers, der ihm heute nicht aus dem Sinn wollte, auch für ihn seine Bedeutung haben?

Verwelkte Rosen, verwelktes Glück!"

Einen heißen, sehnenden Blick warf er noch hinüber nach den erleuchteten Fenstern, hinter denen, wie er wußte, die Geliebte nun mit den Eltern und dem Bruder beim Nacht­

mahle saß, dann wandte er sich und kehrte langsam nach dem Hause zurück mit schwerem, liebeskrankem Herzen.

Nach wenigen Tagen ließen zum zweiten Male in die­sem Jahre die Trauerglocken sämtlicher Landeskirchen ihr dumpfes Geläut ertönen; die fast bis zum Unerträglichen ge­steigerte Angst und Beklemmung der deutschen Volksseele hatte sich in eine stille, ergebungsvolle Trauer verwandelt) der gekrönte Dulder, der das unvergeßlich schöne Wort: Lerne leiden, ohne zu klagen! seinem Volke als ein teures Vermächtnis hinterlassen hatte, war von aller irdischen Qual erlöst und heimgegangen in die Gefilde des ewigen Friedens.

In der Jaspisgalerie des Neuen Palais steht zwischen Lorbeer- und Myrteubäumen die Leiche des Verklärten auf­gebahrt, und in feierlich-schweigender Prozession wandeln die ungezählten Scharen des leidtragenden Volkes nach dtefer heiligen Stätte, um noch ein letztes Mal in das bleiche, schöne Angesicht des dahingeschiedenen Lieblings zu schauen. Von der Wildparkstation her wogen in ununterbrochener Folge die ernsten, schwarz gekleideten Massen heran,; am eiser­nen Gitter des Schloßhofes ordnen sie sich zu einer Heer­säule zu zweien oder dreien, und wie eine dunkle Riesen-? schlänge windet sich der düstere Zug, sich rhythmisch vor- wärts schiebend, um den Theaterflügel des Schlosses herum, um von der Parkseite her den Zutritt zu dem Aufbewah­rungssaale zu gewinnen. Militärische Posten fassen diesen Weg ein, um ein Ausbrechen aus dem vorgeschriebenen Gang zu verhüten; aber die Vorsichtsmaßregel erweist sich als überflüssig, denn, wenn auch fast das halbe Deutschland schon seit Tagen in nicht endenwollendem Zuge hier herandrä-ngt, alles ist fügsam und geduldig, keiner versucht, dem anderen! zuvorzukommen, ein jeder trottet langsam und sich bescher­dend voran, bis auch ihm endlich der Eintritt frei wird in jene Galerie, die plötzlich zu einem Mekka der deutschen Ehrr- stenheit geworden ist.

Wird es Dich auch nicht zu sehr ermüden, liebe Claire?" flüstert der Herr v. Brank, sich zum Ohre seiner neben ihm schreitenden Gattin beugend.

Frau Claire hebt ihr durch die Trauer nur verschöntes Matronengesicht und schaut den heute die Uniform seines alten Regimentes tragenden Gatten fast vorwurfsvoll an. Ihr stummer Blick, den sie mit leisem Kopfschütteln be­gleitet, will sagen:Aber Kurt! lvie könnte mich das er­müden? Und wenn es bis in die Nacht dauerte, ich würde, tapfer aushalten, um noch einmal unseren Kaiser zu sehen!"

Hinter deut Elternpaar schreitet die Tochter, in schwarze Trauergewandung gehüllt.

Dem freiherrlichen Paare folgt mit ernster Miene, die Lippen leicht zusammengepreßt, der Justizrat, dein der jün­gere Brank zur Seite geht.

Die beiden Herren haben während des ganzen Weges nur wenige, aber ans der Tiefe der Empfindung quellende Worte gewechselt; jetzt, da sie die Schwelle zur Galerie über­schreiten und mehr Raum gewinnen, trennen sie sich, und Tell begibt sich auf die linke Seite Ellens.

(Schluß folgt.) .

Ku tiir und Zivilisation".

Mit diesem Thema leitet der Herausgeber desKunstworts" das erste Heft des neuen, 27. Jahrganges 1913/14 ein.

Wie ganz über alle Maßen gescheit wir sind, dessen freut sich ein jeder. Aber seltsam: wenn man nun so in der Sonne sitzt und zum blinkenden Zeppelin hiuaufschmunzelt (an dem man sich, als Zeitgenosse, halb und halbmitverdient" fühlt): da ist doch irgendwo irgendwelch unangenehmer Geselle in einem! drini berlinisch zu sprechen, der muckt auf. Aus irgendeinem tiefftett Dunkel heraus nörgelt er:Wenn das da oben erst in Hummel- schwörmen saust, werdet ihr dann auch nochweg" davon sein? Wenn ihr immer aufpassen müßt, ob euch nichts auf den Kopk fällt? Wenn ihr erst richtig überlegt, was ihr im Grundge­wonnen" habt: eine neue Waffe, die von Jahr zu Jahr gefräßigen werden wird nach Geldern, Kräften, Menschen. Warum? na, weil die andern sie eben auch haben wsirs wie früher, hätte sie keiner, so brauchte sie keiner."Still!", wir verweisen den Lästererr Daß der Mensch fliegen gelernt hat, bedeutet das .nichts?"Be­deutet was!", nickt er,aber wozu, benutzt er's? Was fangt ihr denn mit euren Erfindungen Gescheites an? Seid ihr etiva übers erste Verblüfftsein hinaus selber damit zufrieden? Kommt mir's nur so vor, als schimpftet ihr über die Automobile? lieber dir Quasselstrippen und Mfeltuten? Seid ihr von denKieutöPPen"