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Mittwoch, den P. Dezember
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„ Lsurrnblut.
Esntan von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Sortierung.)
Das Geläut sämtlicher Glocken, das Zum dritten Male angehoben hatte und bei dem ehrfurchtsvollen Schweigen der sonst so geräuschvollen Stadt auch deutlich zu vernehmen war, war verstummt. Erwartungsvoll richteten sich alle Angesichter nach Osten; es herrschte Totenstille, das trauernde deutsche Volk harrte der Leiche seines Kaisers Weißbart entgegen.
„Da, Herr Justizrat! Da wird eine Schwadron sichtbar!" raunt Ellen ihrem Nachbar zu — unwillkürlich dämpft sie die Stimme. „Es scheinen Gardehusaren."
„Neunen Sie mich nicht „Justizrat", gnädiges Fräulein, nennen Sie mich kurzweg bei meinem bäuerlichen Nainen."
„Wie Sie wünschen, Herr Tell," kommt es fast schalkhaft von ihren Lippen, „dann verbitte ich aber auch mir das steife, zeremonielle „Mein gnädiges Fräulein"."
„Darf ich Sie kurzweg „Fräulein Ellen" nennen?"
„Sie dürfen mich so nennen, wie Sie es früher schon getan haben", sagte Ellen schlicht.
Das Herz schlug ihm bis an den Hals. War es denn Wahrheit oder mir'ein berauschender Traum, daß fte sich noch jenes Tages erinnerte, da er sie im Giesdorfer Schloß- garten, ermutigt durch ihre Huld und den Zauber einer zeugenlosen Plauderstunde, schwärmerisch nur „Fräulein Ellen" angeredet hatte? i
„Ich glaubte, wir wären alte Freunde", setzte sie fast vorwurfsvoll hinzu.
Freunde? Nur Freunde? dachte er im stillen, indem er plötzlich wieder in fein altes Mißtrauen zurückfiel; nimm dich in acht, du Tor, daß du dich keinen Täuschungen hingibst!"
„Wie Sie befehlen," versetzte er kühl und gemessen; „so oft Sie mich bei meinem schlicht-bäuerlichen Namen nennen, werde auch ich des Abstandes zwischen uns vergessen und Ihrem Wunsche Folge leisten."
Sie merkte den drohenden Umschlag seiner leicht veränderlichen Stimmung und sagte warm und vertraulich: „Abgemacht, Herr Tell! Und vergessen Sie für immer diesen Abstand! .Er besteht nur in Ihrer.Phantasie."
Die Trompeter der den Zug eröffnenden Gardehufaren sind näher gekommen, man kann jetzt deutlich den Choral hören, den sie blasen. '
Die Unterhaltung zwischen Tell und Ellen verstumint. Näher und näher kam der Leichenzug.
Alle Häupter unteu waren bloß, alle Angesichter bleich und ergriffen, fast aller Augen schwammen in Tränen.
Tiefbewegt schauten beide auf den langsam vorüber- Kiehenden Wagen, auf dem unter einem Baldachin der mit
dem kurbrandeuburgischen Goldhelm geschmückte Kaisersarg schwankte. Ellen hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, ihre zuckenden Lippen schienen ein Gebet zu murmeln.
In tiefernster Stimmung trennte sich nach der Feierlichkeit die Gesellschaft. In Teils Herzen aber war ein neues Hoffen erwacht.
*
Die roten und weißen Blütendolden des Weißdorns leuchteten im Scheine der Junisonne; der Meder duftet^ durch den Park von Sanssouci und der Goldregen ließ seine grellgelben Blütenkaskaden von den grün belaubten Zweigen herabstürzen.
In dem langen Mittelwege des Parkes, der sich vom Obelisken bei den großen Fontänen vorbei bis hin zum Neuen Palais zieht, wandelte Kopf an Kopf, in gemessenem, langsamem Schritt eine zahllose Menge nur leise flüsternder Spaziergänger. Wohl sah man reizende Sommeranzüge und bunte Sonnenschirme, unter denen gelegentlich ein holdseliges Mädchenangesicht wie ein Frühlings-Evangelium her- vorguckte; aber kein lautes Wort, noch weniger ein silbernes Lachen wurde vernehmbar.
Schon seit mehreren Tagen herrschte dieses geheimnis- volle und bedrückende Schwergen unter den altehrwürdigen Bäumen, und doch war noch zu keiner Zeit der breite Weg bei den Fontänen vorbei von einer so dichtgedrängten, sich regelmäßig schon mit dem ersten Frühlicht einstellendeu und erst am späten Abend wieder weichenden Menschenmenge! angefüllt gewesen, wie jetzt, da ein vielgeliebter, hoher Kranker da hinten im Neuen Palais sich heldenhaft rüstete, den letzten Kampf zu kämpfen.
Ein breitschultriger Mann von hohem Tännenwuchse, den Zylinder auf dein militärisch kurz geschnittenen Blondhaar, in schwarzem Ueberrock, auf den der lange/ kräftige Vollbart in zwer auseinanderstrebenden, leicht gekräuselten Spitzen herabwallt, schreitet ernst und sinnend dem Gitter zu, das, quer über den Mittelweg gezogen, die allernächste Umgebung des Schlosses vor dem Hereiufluten der Mcnschen- wogen wie eine schützende Schleuse sichert. In unaussprechlichem Meh gedenkt er des kaiserlichen Dulders da drüben, zu den: er Zeit seines Lebens wie zu einem hold blinkenden Sterne der Verheißung ausgeblickt hat. Tiefaufatmend wandert er dahin. Er versucht, sich das Bild Ellens, die sicher in diesen schweren Tagen mit ihm empfindet und mit sorgt und bangt, vor feine Sinne zu zaubern, um seinen trüben Gedanken eine andere Richtung zu geben; aber immer wieder kehrt sein Geist zu dem erlauchten Dulder zurück. Dem einsam Wandelndeir geht ein Vers durch den Sinn, den er? gestern abend in einem Blatte gelesen und der sich ihm jetzt in seinem trüben Sinnen über das Geschick des großen Dulders aufdrängt; leise murmelt er die Schlnßzeile vor sich hin: „Verwelkte Rosen, verwelktes Glück!"
„Nun, verehrtester Herr Nachbar, üben Sie sich hier in Monologen?" tönte eine etwas verwunderte, tiefe Stimme an sein Ohr, und wie er den zur Erde gerichteten Blick hebi^


