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km Schottenkloster Disibodenberg erzogen. In späteren Jahren gründete sie ein Frauenkloster auf dem Rupertsberge bei Bingen. Hildegard ist nicht nur die ..erste große geistliche Seherin Deutschlands. sondern auch die erste literarisch tätige Aerztin unter iut§ Deutschen. Sie knüpft an die Naturforschung an, wie sic damals der Benediktinerorden trieb. Seine mönchischen und volksmedizinischen Ueberlieferungen waren ihre eigentlichste /Quelle. Hildegard gehörte ja diesem Orden an. Von ihr stammen wertvolle medizinische Werke und vor allem auch die sogenannte „Physica", die .Paul Kaisers verdienstvolle Forschungen wieder in den Vordergrund des Interesses rückten. Neben dieser Schrift ist eine zweite zu nennen, die ebenfalls bedeutsam ist: „Beatae Hildegardis Causae et Curae“ (über compositae medicanae). Alle ihre Arbeiten waren bis ins 16. Jahrhundert rühmlich bekannt. Die wissenschaftlichen Voraussetzungen ihrer Ansichten toaren wohl die Äaturforschung und Heilkunde des damaligen Benediktinerordens und seiner Ueberlieferungen, und dann vielleicht die Weltanschauung der Mystik. Was Hildegard in ihren Schriften bietet, ist so recht der Stand der deutschen Naturwissenschaft im 12. Jahrhundert. Sowohl die Physica als auch das aridere Werk causae et curae enthalten historisch interessante Gedankengänge. Einige davon im folgenden.
Hildegard vertritt die Ausickft, daß aus dem Milieu des ewigen Gottes der Weltstoff oder die vier Elemente hervorgegangen seien. Gott ist Licht und allmächtig. Er schuf mit allem auch das Himmelslicht. Die Soune besteht aus Feuer und Luft. Sie hält das Uui- versum zusammen und macht durch ihre Bewegungen den Wechsel von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Sonne und die Übrigen Planeten drehen sich dem Firmament entgegengesetzt. „Dieses dreht sich auch, doch erst seit Adams Fall — täte es das nicht, so würde die Sonne den ganzen Sommer und ohne Nacht strahlen, und im Winter wäre ewige Nacht. Am jüngsten Tage wird das Firmanient wieder stillstehen." Diese besagte Drehung erzeugt Töne. Da sie weit von uns erklingen, hören wir sic nicht. Much die Sterne hat Gott geschaffen, die an Größe wie Berg und Hügel verschieden sind. Sie dienen und leuchten den Menschen. Wichtig sind vor allem die Planeten. Der höchste von ihnen (ocultis genannt) und der, der dem Moude am nächsten steht (pauper), lassen Blitze in den Wolken leuchten, wenn sie etwas Künftiges prophezeien. Die Sterne werden vom Monde beleuchtet, denn kommt dieser in die Nähe der Sonne, so empfängt er von ihr seine Glut und wird allmählich ganz mit Licht erfüllt, „wie ein Scheiterhaufen allmählich anglüht; wenn er aber voll ist, so daß er mit einer gesegneten Frau verglichen werden kann, gibt er sein Licht wieder an die Sterne ab." Diese erwärmen die Luft und erzeugen den Tau. Es gibt immer einen Kampf zwischen Luft und Feuer. Die Sterne können an die Luft ihr Feuer abgeben (Meteore, Sternschnuppen u. a.). Der Mond ist das wichtigste Gestirn. Er nimmt alle Schädlichkeiten der Luft und Wärme in sich auf. Durch einen Zusammenstoß der Elemente und Stürme entstehen Mondfinster- nisfe. Die vier Elemente, aus denen doch Gott die Welt geschaffen hat, sind untrennbar. — Hildegard bespricht recht eingehend die berschiedenen Formen dieser Grundstoffe und weist insbesondere auf ihre meteorologische Bedeutsamkeit hin. Auch über Heilquellen, Brunnen und Meerwasser sagt fie viel Zutreffendes, das ein feines medizinisches Verständnis verrät.
Es ist schon gesagt worden, daß Hildegard von Bingen vieles aus der damaligen Volksmedizin schöpft. Da ist sie Kind ihrer Zeit. ^Viele ihrer oft wunderlichen Glossen sind uraltes Völkergut. Auch ihr Kampf gegen Dämonen und seelische Verwirrungen bekommt von hier aus seinen Standort. Der Mensch lebe immer unter der Gefahr, vorn Teufel verführt zu werden. Der Manu wird zu unsinniger Liebe zum Weibe gereizt. In den Monaten des Frühlings sei die dämonische Macht am stärksten. Man kann aus dem Lachen eines besessenen Menschen erkennen, welcher Dämon von ihm Besitz genommen hat. Ueberhaupt ist die Art des Gelächters ein Kriterium zum Erkennen von Charakteren. Die Dämonen verbinden sich mit Tieren und vor allem mit Wolf, Katze, Maus, Drache, Schlange, Laubfrosch, Elster. Dagegen gibt es auch reine Tiere, die vom Teufel gemieden werden und als Abwehr gegen Dämonen gelten: das Rind, das ja schon in frühester Zeit g-eopfert wurde. Hirschhorn oder die Gräten des Störes werden zum Schutze gegen die Luftgeister im Herdfeuer verbrannt. Der Hund ist das Tier der Treue. Wertvolle Amicktte sind die Leber von der Amsel, gewisse Teile des Kamels, Dromedars, Löwen und Walfisches. So gibt es auch Pflanzen, die gegen die Dämonen schützen (Pimpernell, Zypressenholz), aber auch solche, die der Teufel liebt Und den „Geifer der Elemente in sich haben". Immer und immer wieder betont Hildegard, daß des Menschen inneres und äußeres Leben mit dem großen Gang der Natur zusammenhängt, mit all den Masken und Spiegelungen der Welt und allumfassenden Wirkungen. Da ist vor allem der Mond. Er beherrscht Körper und Seele. Die Konzeption sei durch ihn beeinflußt. Darum kommen die verschiedenen menschlichen Charaktere von den täglichen Aeuderuugen des Mondes. Die. Seele des Menschen wohnt im Herzen ujnb regiert von hier den ganzen Körper. Vom Weibe sagt die Aerztin und Aebtissin: „Jene ehrsüchtige, von ihrem Ich erfüllte und eitle Frau wird von Fremden mehr geliebt als von den Ihrigen; die ihr neu sind, behandelt sie mit Freundlichkeit, doch ihre Angehörigen vernachlässigt sie. Arbeitsam und klug und liebebedürftig ist eine andere, aber man liebt sie nicht, und sie neigt sich zur melancholischen Schwermut. Bei ihren Mitmenschen steht eine dritte in Mißgunst, aber ihre stillen
Seufzer und ihr verheimlichtes Weinen wird nur von Gott gehört. Der wackeren und geliebten Frau steht die anmaßend törichte Schwätzerin gegenüber,, der liebreizenden Spröden die keusche und züchtig liebende. Lieblich wie eine Lilie ist die eine, glücklich und geliebt; leicht erregt, arbeitssroh und redselig eine andere. Tie Wankelmütige und Unverständige, die Belehrung nicht annimmt, t|t unbeliebt. Ohne Anmut ist jene, aber verschlagen und weiß guten Rat zu geben. Manche ist demütig und arbeitsam und hält auf Ehre, aber Liebe wird ihr nicht zuteil. Eine ist durch ihre Schwatzhaftigkeit,ermüdend, eine andere einfältig, zänkisch und auf- brailsend. Diese ist verschlagen und hat Fuchssinu, und es kommt ihr darauf an, redliche Menschen ins Verderben zu stürzen; jene Törm liebt man zwar, aber man hilft ihr nicht, wenn sie in Not ast. Die verräterische Giftmischerin, die Aengstliche, die sich selbst vor einem Kinde fürchtet, die Keusche aber Unberatene, die Kluge, die den Menschen wacker erschien, aber es nicht ist, die Schöne, die Tugend heuchelt" — sie alle sind für Hildegard Typen interessanter Weiblichkeit, die sie mit den damals noch oft recht harmlosen Mitteln der Seelcnkunde untersucht und deutet. Das ist die Fraueilpsychologie vor etwa 800 Jahre». Sie findet in den alten naturwissenschaftlichen und medizinischen Schriften ihren Platz.
Es märe ein Kapitel für sich, wollte man Hildegards Heilkunde und Diätetik nachgehen. Sie sagt auch hier viel Fesselndes. Gesundheit ist Müßigkeit in jeder Hinsicht und Vermeidung seelischer Exzesse, Abwechselung in den Speisen, nüchtern warme Getränke genießen, Obst als erstes Esfen vermeiden, dagegen unt Mittag die erste Nahrung nehmen, frühes Abendbrot und hernach noch Bewegung, nach Mahlzeiten nicht schlafen, nach dem Schlafe teilt Getränk (vor allem nicht Wasser), im Winter Wein oder Biep trinken, im Sommer lauwarmes Wasser, gehaltreichen Wein immer verdünnen u. a. m. — das sind vor allem Hildegards Leb'ensregeln. Wer ist gesund? Der, der starken Haarwuchs hat. Was ist weiter das Keunzeichen irischen Lebens? Die Leuchtkraft und Farbe des Auges, die Farbe der Wangen, die helle Stimme, seelische Munterkeit. Die Augen sind die „Fenster der Seele". Hier heraus blickt aber auch zuerst das Sterben, wenn uns der Tod überfällt. Hinter dem Augc stehen die tiefen Geheimnisse und Süchte, und sein Leuchten wird gedämpft, wenn sich mählich das Blut kühlt und das Herz langsam geht. Im Herzen aber sitzt die Seele. Alles Träumen und Ersehnen hört erst auf, da der Mensch zum Sterben kommt oder wie schon der Prediger Salomouis sinnt, ,wenn die Gesichter der Leute an den Fenstern trübe werden"......Das ist der Tod.
Da schweigt der Puls, den man sonst so deutlich an der rechten Armbeuge oder unter dem Knie fühlt. Dort ist dann Ruhe.
Hildegard vou Bingen hat als Aerztin insbesondere auch über das Wesen des Menschen und seine Krankheiten nachgedacht. Echt mittelalterlich auch hier, sagt sie, Gott habe den Menschenleib ans Erdenlehm geformt und ihm dann die durch die Vernunft beschwingte unsterbliche Seele gegeben. Der Sitz der Seele ist das Herz und beeinflußt von hier aus den ganzen Menschen. Mit de» Elementen steht der Mensch im engsten Zusammenhang, beitu sie sind in ihm enthalten und beeinflussen ihn, und vielfach ist er nur wie ein Spiegelbild der ganzen großen Welt ... Da klingen bei Hildegard plötzlich Gedanken an, die in die Zukunft weisen. Trotz ihres theologischen Standortes scheint sie hier Gott, Welt und Seele als etwas Einheitliches zu fassen, echt mystisch, aber auch ganz im Geiste der Renaissance; Gott ist die Welt, die Welt ist beseelt und die Seele ist göttlich. Darum der unendliche Wert der letzteren. Das Göttliche ist die Vollendung, es ist der Endpunkt aller Evolution, denn alles will — wie bann Theophrastus Paracelsus am Anfänge ber neuen Zeit Jagte — im „Lichte der Natur" volleubet sein. Und alles ist aus der Wallfahrt zu Gott. Der Mensch ist die Natur und die Natur ist der Mcnfch. Doch das ist schon das neue kosmische Gefühl und die Gefiihlsphilosophie der Renaissance, aber auch ihre senfualistische Verherrlichung des Menschen und der neue Blick für Leben, Sterben und Werden. Eine neue Menschenkunde hebt an und mit ihr eine andere Weise, die Dinge zu seben und zu sagen. Es war wie eine Flucht aus den Schmerzen und der Herbheit einer trauerbeladenen Zeit.
Auf Hildegard folgt Franz von Assisi. Aber den Geist jener Tage, in die der Bettelmönch getreten ist, hat sie bereits gespurt. Sie hat das bewegte, wolkige 13. Jahrhundert nicht erlebt. Bei aller Wärme und Einfalt ihres Herzens und heiterem Leuchten ihrer klugen Menschlichkeit hört sie diese Stimmen aus der Ferne, wie aus dunkeln Wäldern, die vor ihr liegen. Das 13. Jahrhundert setzt dann ein. Aus ihm heraus hat der mittelalterliche Mensch das Tiefste gesagt, was in ihm wohnte, atembenehmende Angst und doch wieder leuchtende Hoffnung formten seine Gebete und Hymnen, die er aus schwerer Luft zuin Himmel sandte, das Menschliche, allzu Menschliche glitzert durch die dunkeln Flore der Trauer, aus dem Grunde der Seele herauf klingen Morte und Gedanken, einer Innigkeit voll, wie sie die Vergangenheit nie kannte. Dse Luft des ersten Vorfrühlings ging durch die Seelen. Man sucht einen tiefen und letzten Sinn, ber hinter den großen ernsten Wirklichkeiten steht. Aber schon in diesen Tagen wächst ganz mählich im Menschen wieder jenes Gefühl des großen und zähen und ewigen Zusammenhanges zwischen Ich und Universum, und dieses Erlebnis wandelt Laut und Farbe der Dinge. Man spürt wieder die unendlichen Gemeinschaftlichkeiten des Weltganzen. Die Mystik kommt und nimmt von Kindern der Seele und Naturfreunden Besitz,


