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jenen, die vor den Staatserhaltenden auf dem Bauche liegen Und schweifwedeln."
Bei der Anspielung auf die mancherlei ihm wegen letncr politischen Gesinnung entgangenen Aufträge schlug Peter wütend auf ben Tisch und wetterte: „Gemahnen Sie mich nicht daran, sonst könnte ich fuchswild werden und irgend etwas anrichten, was keinem, auch Ihnen nicht, gefallen toüroe!"
„Doch! mir würde es gefallen; aber Zorn und Unüberlegtheit würden Ihnen selber schaden, und das wünsche ich nicht. Ich weiß Besseres für Sie, werden Sie unser, und wer werden eine Zeit heraufführen, in der dieser Staat aus den Fugen gehen und unter seinen Trümmern auch die Knoblauchs und Haßlachs und Lamperts begraben wird."
„Was wissen Sie von den Lamperts?" quoll es fast höhnisch über Peters Lippen.
„Nun, sind es nicht Ihre Pflegeeltern?"
Peter biß ingrimmig die Zähne aufeinander und dabet nickte er mehrmals langsam mit dem Kopfe. Dann seufzte er tief aus seiner breiten, sich mächtig hebenden Brust und stuste in dankbarer Erinnerung an seine Pflegemutter: „Frau Julie Lampert, das bitte ich mir aus, die lassen Sie mir aus dem Spiele; sie hat sich Mühe genug mit mir gegeben, und wenn's nach ihr gegangen wäre, ich wäre längst berühmt und säße im eigenen Palaste, wie die Made im Speck. Aber den Goldschmied gebe ich Ihnen preis; er führt zwar stets die christliche Nächstenliebe im Munde, in Wahrheit ist er aber ein hartherzig knickeriger Schuft. Er hat mir verboten, je wieher seine Schwelle zu überschreiten, weil ich ein Politiker sei, aber — ha, ha, ha! ich kenne den Grund besser: der Geiz- Vals hat nur Angst, daß ich ihn anpumpen könnte."
Peter stieß heftig das Brett mit der Kaffeetasse von sich, so daß die Obertasse klirrend umfiel und den Rest ihres Inhaltes auf Brett und Tisch ergoß. Doch er achtete dessen gar nicht; seine Gedanken waren auf andere Dinge gerichtet. Er drehte seinen Stuhl eine. Viertelschwenkung nach rechts, streckte die Beine lang von sich, stützte^den linken Ellbogen, aus die Tischplatte und ließ seine aderstrotzende Schläfe auf den Rücken der linken Hand sinken.
In dieser Stellung verharrte Peter eine Zeitlang schweigend, indem er den vielen Enttäuschungen, die ihm das Lehen bereitet hatte, nachsann. Ein bitteres Weh durchwühlte sein Herz, daß er nie das Antlitz seiner leiblichen Mutter gesehen, nie bewußt an ihrem Halse gehangen und von ihren Lippen den Segen ihrer Liebkosungen getrunken hatte; wäre ihm die Sonne der Mutterliebe nicht schon gleich nach seiner Geburt untergegangen, er wäre sicher ein anderer geworden; Ml Glanze jener Sonne hLtten sich auch ihm die schemenhaften Pläne und Hoffnungen seiner Jugendjahre zu wirklichen und greifbaren Erfolgen verdichtet. Wenn ihn wenigstens woch die Liebe eines Vaters entschädigt hätte! Aber auch der Pater war ihm von einem feindlichen Schicksal geraubt worden; er hatte hinüberfahren müssen über das große Wasser, nm drüben im Lande der Freiheit und Vorurteilslosigkeit den Daseinskampf besser und ertragreicher zu kämpfen, als er ihn je Bet uns in den engen, einschränkenden Verhältnissen des deutschen Vaterlandes gekämpft hätte. O, diese hochmütige, deutsche Gesellschaft! Sie, nur sie hatte ibn des väterlichen Segens beraubt; nicht ein feindliches, mystisches Geschick, das wohl nur ein leeres Wort, ein Popanz für die Einfalt war. Diese deutsche Kleinwelt war es auch, die seine politische Richtung nicht begriff, die ihn, den Feind der kapitalistischen Gesellschaft, mied, wie einen Pestkranken, und Ihn gern durch Arbeitslosigkeit zum langsamen Hungertode gebracht hätte —Tod und Teufel! Sollte er wirklich stillhalten zu den physischen und moralischen Mißhandlungen, die ihm das Bourgeoistum bereitete?
Er schnellte von seinem Sitze empor und gewissermaßen das Schlußergebnis der für ihn qualvollen Betrachtungen ziehend, sagte er grimmig entschlossen: „Dies Hundeleben soll ein Ende haben! Hole der Teufel alle meine Bedenken und Rücksichtnahmen, die mich nur in meiner Tatkraft lähmen! Sie haben recht: nicht ich trage die Verantwortung, sondern die anderen, die mich gewaltsam hinausstoßen aus. oem Banne des Friedens. Kampf denn, Kampf bis aufs Messer allen, die diese verfluchte Welt noch zu stützen suchen!"
Eine schattende Wolke zog draußen über die Nachmittagssonne und hüllte den Hof und das Gastzimmer plötzlich in Dämmerung. Der Erregte bemerkte es gar nicht. Hätte Peter das traurige Ziel geahnt, dem er mit seinem nur in Ler halben Unzurechnungsfähigkeit einer schier maßlosen Ver
bitterung gefaßten Beschlüsse entgegenging, er hätte den Handstummel, den ihm jetzt der Brasilianer bot, mit Abscheu zurückgestoßen. So aber ließ er seine Rechte willig von den drei umklammernden Fingern des anderen drücken und sich dessen Belobigung gefallen: „Bravo, mein lieber Freund!"
Er legte auch noch seine Linke auf Peters immer noch festgehaltene Hand und fragte feierlich: „Schwören Sie, von Stund an ein Mann der Tat sein zu wollen?"
„Ja, ich schwöre es."
„Auch treu zu bewahren unser Geheimnis?"
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„Jeden Verräter zu strafen?"
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„So sind Sie unser, und nur der Tod kairn uns noch trennen."
Er näherte seinen Mund dem Ohre Peters und flu- fterte ihm ein Wort zu.
„Dies ist unsere Losung, unser Erkennungszeichen. Was übrigens Ihren Eid anbetrisst, uns ist der Eid nur eine leere Form; erst wenn Sie durch die Tat mit uns verbunden sind und ein Rücktritt für Sie nicht mehr möglich ist, erst dann werden Sie unsere nächsten Ziele kennen lernen." Und wie ihn Peter fragend anblickte, setzte er erläuternd hinzu: „Sie werden noch heute abend Näheres von mir erfahren. Ich denke, ich werde gegen Zehn zu Ihnen kommen; jetzt lassen Sie uns aufbrechen, der Tag nimmt ab und bald werden hier Gäste erscheinen."
Carvalho klopfte mit dem Löffel an seine Tasse, und als der Wirt hereinkam, schob er ihm ans dem Tische den kleinen Betrag der Zeche hin. Dann verließ er mit Peter das Wirtshaus. Auf der Straße trennten sich beide und gingen nach verschiedenen Richtungen auseinander.
*
Es war eine stürmische Herbstnacht, die schmale Mondsichel war längst untergegangen und nur hin und wieder glimmte ein Stern durch einen Spalt der schnell über den Himmel jagenden Wolken.
Ein langer Pfiff übertönte das Brausen des Windes, sauchend und puffend näherte sich der Vorortzug der Station, hielt am Bahnsteige still, um zwei Passagiere zu entlassen, und fuhr dann weiter in die Nacht und den jetzt beginnenden Regen hinein.
„Wir bekommen nasses Wetter," brummte unzufrieden der Kleinere der beiden Ausgestiegenen.
„Das kann uns nur erwünscht sein," sagte der Größere mit gedämpfter Stimme; „je schlechter das Wetter, desto besser für uns."
Sie hatten den Bahnhof des kleinen Vorortes verlassen und schritten nun am Bahndamm entlang in der Richtung, die der weitergefahrene Zug genommen hatte. Ab und zu blickten sie sich um, ob ihnen nicht etwa irgend ein lästiger? Dritter nachfolgte; doch keine Menschenseele war zu sehen, es war auch kaum anzunehmen, daß noch zu so später Stunde und bei solchem abscheulichem Wetter hier jemand lustwandeln würde; wer aber aus geschäftlichen Gründen noch nach' Giesdorf gewollt hätte, der wäre unzweifelhaft der gut ge-, bauten und jedes Jrrgehen ausschließenden Landstraße gefolgt, die dazu noch der wesentlich nähere Weg war.
„Treten Sie leiser auf," mahnt der Größere, „damit uns der Wärter dort nicht vorübergehen hört."
Er deutete auf eine Wärterbude vor ihnen, aus der ein rotgelber Lichtschein hinaus in die Nacht zitterte.
(Fortsetzung folgt.)
Line Natmsorscherm des Mittelalters.
Die wissenschaftliche Bedeutung der Hildegard von Bingen. Von Dr. Franz Strunz.
Der Wiener Hochschullehrer Dr. Frauz Strunz, der durch seine glänzenden Arbeiten zur Geschichte der Naturwissenschaften der historischen Forschung ein ganz neues Gebiet erschlossen, veröffentlicht demnächst im Berlage von Eugen Diederichs in Jena eine Reihe von Abhandlungen unter dem Titel „Die Vergangenheit der Natursorschung", von denen wir eine der interessantesten, die das eigenartige und sympathische Bild einer gelehrten Fran vor 800 Jahren enthüllt, unseren Lesern schon heute vorlegen, D. Red.
Die Natursorschung der Mystik hat in einer hochbegabten Frau ihre Vertreterin gefunden, die letber in diesem Zusammenhänge fast nie genannt wird: die Aebstissin Hildegard von B i n gen (1098. bis etwa 1186). Sie entstammt aristokratischem Hause und wurde


