Montag, den JO. November
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„ Lauernblut.
Eflman von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Peter und der Marquis Carvalho saßen bald in einem nach dem Hofe hinaus gelegenen, nur halbhellen Zimmer, und der Wirt hatte vor jeden die geforderte Tasse Mokka hingestellt.
„Haben Sie sich entschieden?" fragte der den Marquis Spielende sein Gegenüber, nachdem der Wirt wieder hinausgegangen war.
„Ich habe nur noch Bedenken," versetzte Peter, indem er auf des andern rechte Hand blickte, an der der Zeige- und der Mittelfinger fehlten.
„Und das wäre?"
„Ich will mich zu allem verpflichten, was irgend geeignet sein kann, die Lage von uns Enterbten zu verbessern, ich will mich aber nicht hüllenlos in die Hand mir unbekannter Oberer geben, die da jedes Verbrechen von mir verlangen können."
Carvalho lächelte geringschätzig: „Was heißt Verbrechen? Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Dechner, Sie sind noch der richtige Deutsche, der sich mit Traumgespinsten und Altweibermärchen herumquält. Für Männer unseres Schlages gibt es keine Verbrechen, weil wir das Sittengesetz, das diese Ausbeuterbestien aufgestellt haben, nicht gelten lassen, es vielmehr als das erkennen, was es wirklich ist: eine freche Heuchelei, ein^ plumper, bauernfängerischer Schwindel. Es gibt doch für Sie nur eine Frage: WollenSie heraus aus dem Sumpfe dieser Gesellschaft, aus dem Pestpfuhl dieses Staates?"
„Das will ich."
„Gut, so müssen Sie auch die Mittel wollen, die Sie vor dem Versinken schützen können. Daß Ihnen der Anschluß an diese politischen Schwätzer rein gar nichts nutzen kann, daß er Ihnen vielmehr nur schadet, und Sie zuletzt noch gänzlich brotlos machen wird, das, denke ich, werden Sie endlich eingesehen haben. Und bleibt Ihnen denn etwas anderes übrig, als in unsere Hand einzuschlagen?"
„Wer ist es aber, der mir diese Hand bietet, und will man mich am Ende gar zur Teilnahme an einem Verbrechen verleiten?"
Wieder glitt ein flüchtiges Zucken um die Mundwinkel des sogenannten Brasiliers, er zwirbelte mit den Fingern der Linken seinen schwärzlichen Schnurrbart und stieß ungeduldig hervor: „Zwingen Sie mich doch nicht, Ihnen immer wieder dasselbe zu sagen. Sie haben weiter nichts zu tun- als unserem Zentralvorstand Gehorsam zu schwören und unverbrüchliches Schweigen über jeden, der zu unserer Verbindung gehört; den gleichen Schwur werden Sie demjenigen abnelunen, den Sie Ihrerseits für unsere Sache werben wer
den. Sobald Sie sich uns eidlich verpflichtet haben, wird ^I)t Name von mir weiter gemeldet an den, der mich dereinst geworben hat, und so geht es heimlich weiter und weiter, bis er zur Kenntnis des Zentralvorstandes gelangt. Befehle, die Ihnen von diesem Vorstande oder direkt oder durch mich zugehen, haben Sie ohne weitere Prüfung auszuführen; die sittliche Verantwortung für diese Befehle tragen nicht Sie, sondern der Vorstand. Glauben Sie mir, es ist gar nicht so unbehaglich, sich der Last des Gewissens dadurch zu entledigen, daß man sie auf fremde Schultern abladet; tut der Soldat ins Kampfe nicht das gleiche? Auch Sie sollen ein Soldat des Kriegsheeres der „Männer der Tat" werden und die Kriegsartikel dieses Heeres anerkennen — ist das so schwer?"
„Das Geheimnis, mit dem sich dieses Heer umgibt, macht mich mißtrauisch."
„Es sollte Sie vielmehr mit dem höchsten Vertrauen erfüllen, denn das Geheimnis dient doch nur der Sicherheit jedes einzelnen Mitgliedes dieses Heeres, daher auch Ihrer eigenen Sicherheit. Ein Verräter unserer Sache wird mit dem Tode bestraft; Sie werden das ganz so in der Ordnung finden, und sollte Ihnen, was ich übrigens durchaus nicht, voraussetze, etwa einmal der Befehl werden, einen solchen Verräter dem Tode zu überliefern, so würde Ihr Gewissen dabei doch gänzlich unbeteiligt bleiben, denn ein solcher Befehl wäre ja nur ein Art unumgänglich gebotener Notwehr; hat man nicht auch das Recht, ein wildes Tier niederzuschießen oder einem Menschenscheusal zuvorzukommen, das gegen uns die mörderische Hand erheben will?"
Peter nickte, halb gewonnen, und der andere fuhr eindringlich fort: „Ich fühle Ihnen alle Ihre Bedenken nach; ich habe sie seinerzeit auch gehabt, und es hat mich ebenfalls Zeit und Mühe gekostet, bis ich endlich klar sehen konnte. Der Bourgeois hat in seinem Sittengesetz zwei Hauptparä- graphen: Du sollst nicht stehlen und du sollst nicht morden. Zwischen Gleichstehenden und Gleichbegünstigten mag es sich nach diesem Rezept ganz gut leben lassen; nachdem aber die Faust des Stärkeren den Schwächeren überwältigt und zum fronenden Sklaven erniedrigt hat, wäre die Beachtung jener Verbote ein selbstmörderischer Wahnsinn, denn sie würde uns zur ewigen Zinsknechtschaft gegenüber den Ausbeutern und zur ewigen Leibeigenschaft gegenüber den Machtanmaßern und Tyrannen verurteilen. Hier gilt es, im Sinne eines moderneil Denkers die bisher gültigen Werte umzuwerten: wir sollen unseren Feinden den Besitz zu entreißen streben, mit dem sie uns niederhalten und knebeln; wir sollen ihnen an die Kehle fahren oder die Kugel durchs Hirn jagen; wir sollen unsere Wege kreuzen und uns mit Galgen und Rad bedrohen! Zahn um Zahn, Äug' um Auge. Hätte die Welt ein echtes und rechtes Erbarmen, dann gäbe sie Ihnen jetzt auch das Brot zu dem Ihnen aufgedrungen Leben und den Erfolg für Ihr reiches Wissen und Können als Baumeister; aber man läßt sie ruhig hungern, weil sie kein Freund der sattenprotzigen Dummheit sind, und gibt die Aufträge liebex


