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Es ging zum nächsten Berg, einer mit Hecken ringsum ter- rassenförmig bestandenen Koppe.
„D'r Hond stitt!" ruft plötzlich Hannkasper, dabei die Flinte im Anschlag an der Backe haltend, im Laufschritt herzueilend.
„Nur langsam!" mahnt Baltin, „ean fest droff gehale!" Da —prr—prr! eine Kette Rebhühner stiebt auf aus dem Kar- toffelacker. Zwei Schüsse sendet ihnen Baltin nach, doch keiner trifft. Hannkasper hat nicht geschossen. „Warum schäißt d' dann nitt?" fragt ihn ärgerlich Baltin. „Ich woard nitt fertig", entgegnet Hannkasper.
„No, do geab etz oacht!" mahnt Baltin, „der Hond stitt schu wirrer!"
Wiederum purren einige Feldhühner auf, Wiederum knallt ihnen Valentin nach und wiederum hat er — was' übrigens' Bet ihm selten vorkam — keins getroffen.
Hannkasper aber hat abermals' — nicht geschossen. Jetzt fährt ihn Baltin, der sich über seinen Mißerfolg giftet, an: „Wann D' nitt schäisse witt, do bleib d'ham! — Dou beast m'r aach 'en V*
„Ei", sagt • Hannkasper, „ich hatt' mich jo vergröffe, ich drucht ean drucht, eans geng nitt lus. Do guck ich ean seh, deatz ich die Finger, stoatt om Drücker, om Bühl hu." „Mach' dich emol enoab on die Hecke, do stitt der Hond wirrer!" bemerkt Baltin, mit dem Finger auf die Hecke weisend. Hannkasper eilig hinunter. Die Flinte am Backen, pirscht er sich vorsichtig näher. Da springt der Hund ein, und — alle Himmel, was für einen „Bomb^! Wie der Knall einer Donnerbüchse krachte Hannkaspers Schutz.
Hannkasper aber ist verschwunden; er ist in die Hecke hineingepurzelt. Baltin eilt hin, nm zu sehen, was vorgefallen ist. Da kommt Hannkasper ans der Hecke hervorgekrochen. „Donnerkeil", sagt er, „harr ich oawer a Laring ean nietet Flente! Se goabi m'r ernt Stomp, wäis lusgeang, deatz ich ean die Hecke slug."
„Woas host d' dann für a Bolwerfatz?" fragte ihn jetzt der sich des Lachens nicht mehr haltende Schwager.
„Ei häi," er zieht etwas aus seiner Rocktasche, „d's Kaffi- mätzt vo meiner Fraa!"
„Konz Krenk, Kerle, mett d'r Hälft Bolwer hast d's aach ge- nunk. Wer wird dann so uhflärig loare? Do kann jo die Flente verspreange," belehrt ihn Baltin. Hannkasper will nun bett ab- geschossenen Lauf seiner Flinte wieder laden, da fährt er heraus:
„Schwernut, etz huh ich aach mein Loadsteacke verloarn!" Sein Jagdgewehr war nämlich noch ein Vorderlader, zu dessen Laden ein Ladestock gehörte, der vorn an der Mündung des Gewehres zwischen den beiden Läufen eingesteckt wurde. Hannkasper geht zurück, um den Ladestock zu suchen. Nach einiger Mühe entdeckt er ihn.
„Etz gihst d' mir nitt wirrer verloarn!" Mit diesen Worten hob er ihn auf und steckte ihn in die beiden Ohren seines Jagdranzens, der den „Puttel" barg. Da der Ladestock bei weitem die Breite des Ranzens überragte, so sah er weit nach hinten heraus. Sobald nun Hannkasper an einer Hecke vorüberkam, blieb er mit dem Ladestock daran hängen. Wie der Blitz fuhr er dann herum; er wähnte nämlich stets, es hielt ihn jemand hinten fest.
>,Doas soll doach die Krenk krihe! Ich komme jo häi goar nitt aus d' Aengste eraus. Alleweil steck ich d' Loadsteacke ean mein Stiwelschaft!" erklärte Hannkasper. Nun war der Ladestock, der wie eine Reitpeitsche neben dem Bein des Hannkaspers herpendelte, vor dem Verlieren gesichert.
Der erste Jagdtag verlief ohne Erfolg für Hannkasper. Baltin war es dagegen noch gelungen, zwei Hühner von der Kette abzuknöpfen,
„Ich Mutz erscht d's Loare verstih", tröstete sich Hannkasper, noach winn m'r fche schun krihe."
Einem Bauersmann, der den heimkehrenden Hannkasper mit spöttischer Miene fragte: „No, Hannkasper, woas host dou dann tritt?" entgegnet Haunkasper schlagfertig:
>,A teer Flente!"
(Fortsetzung folgt.)
Vermischte».
* Der Ehemann in der Falle. Einem Strohwitwer der die Abwesenheit seiner Ehefrau zu einigen Seitensprüngen benutzen wollte, ist es in Tiflis übel ergangen. Er halte die Bekanntschaft einer jungen hübschen Dame gemacht, die auch durchaus nicht blöde seiner Einladung zu seinem Hause gefolgt war. Aber das Auge der Schwiegermutter wachte. Längst hatte sie die Treue ihres Schwiegersohnes beargwöhnt und Spione ausgestellt, die ihr alsbald auch berichteten, dach der Schwiegersohn mit einer jungen, hübschen Dame tete-ä-tete sei. Darauf eilte die gestrenge Dame zu ihren Nachbarinnen und forderte sie auf, ihr beizustehen, um mit vereinten Kräften den ungetreuen Ehemann Mores zn lehren. Am anderen Morgen ivaren gegen hundert kampflustige weibliche Rachegeister vor dem Hause versammelt, in dem der ungetreue Ehemann mit seiner Liebsten seine Schäierstunde verbrachte. Die wilden Weiber wollten das unglückliche Pärchen lynchen, und die Polizei kostete es große Mühe, sich einen Weg zu bahnen, um die
beiden Sünder in den sicheren Schutz des Polizeigewahrsams zu bringen.
'Die Versicherung d e r S o m m e r s r i s ch l e r. Die Londoner stehen in dem Rus, außerordentlich vorsichtige und sparsame Leute zu sein, die sehr gern für nichts etwas erhalten und sehr sorgsam der Gefahr ausweichen, für nichts etivas zu bezahlen. Aber in diesem Jahre des sommerlichen Regens hat sie ihre Sparsamkeit und ihre Vorsicht um sehr angenehme Einnahmen und Gewinne betrogen. Seit Jahren besteht in England eine große Versicherungsgesellschaft, die es unternimmt, Ferienreisende und Sommerfrischler gegen schlechtes Wetter zu versichern. Besonders nach langen schönen Wetterperwden ist die Bereitwilligkeit der Londoner, eine solche Versicherung abzuschließen, stets sehr groß, denn die spekulativen Geister sagen sich: „Nun ist es schon so lauge gutes Wetter geivesen: trenn ich jetzt in Urlaub fahre, dann kommt todsicher der Landregen." Je nach den allgemeinen meteorologischen Verhältnissen schwanken die Versicherungssätze, aber nicht selten legen die Londoner 15 Schilling die Woche an, um dagegen die Geirißheit zu erlangen, daß sie für jeden Regentag von der Versicherung 10 Schilling vergütet bekommen, ivns ja immerhin ein geivisser Trost im Leide ist. Aber in diesem Jahre waren die Sommermonate so regenreich, daß die schlauen Londoner sich verkalkulierten; sie sagten sich: „Nun war wochenlang schlechtes Wetter, jetzt wird es sicher schön, sparen wir die Versicherung." Und bei den vielen Regentagen des Jahres sind sie diesmal um ein kleines Vermögen gekommen, das ihnen in Form von Prämien zugesallen wäre. Im Gegensatz zu den Sommerfrischlern aber, so erzählte ein Beamter der Versicherungsbranche einem englischen Jutervieiver, sind in diesem Sommer alle Veranstaltungen int Freien so eifrig wie nie versichert worden. Es sind nicht nur die Gastwirte, die ihr Risiko auf diese Art zu verminderu trachten; in den letzten Jahren ist es immer üblicher geworden, Privatieste, die im Freien stattfinden sollen, Garteuieste, Picknicks usw. gegen Regen zu versichern, um bei schlechter Witterung nicht den ganzen Verlust der vorbereiteten Speisen und Getränke, die bei der Absage des Festes nahezu wertlos werden, tragen zu müssen. Auch Fuß- ballwettkämpse werden in England gegen Regen versichert.
* Des Touristen Klage. „Ich weiß nicht, diese Ritter im Mittelalter waren doch zu dumme Kerle. Da haben sie ihre Schlösser und Burgen immer so weit weg von der Eisenbahn gebaut, und jetzt kann man stundenlang hinlaufen!"
Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
* Der Kronzeuge. Wie überraschend schnell Begriffe ihren ursprünglichen Inhalt ändern können, bezeugt niemand besser als der — Kronzeuge. Er ist erst im 19. Jahrhundert aus England zu uns herübergewaudert und bisher weder bei Grimm noch bei Heyne, Paul, Ktuge zu finden. Weigand ist der einzige, der ihn bucht. Ein Rechtswort ist er bei uns zwar nicht, aber sonst wie geläufig, rote allbekannt! Was ist er in England, was ivard er bei uns? Im Strafverfahren Englands ist er nichts anderes als ein Verbrecher, als der Mitschuldige eines Verbrechens, der durch die Aussicht auf Begnadigung sich als Zeuge gegen seins Genossen gebrauchen läßt. Der ihn dazu gebraucht, ist'der Ankläger, der Amvalt des Staates, die Krone, daher sein Name „Zeuge der Krone" (engt, king's evidence). Natürlich muß ein solcher Zeuge, vorausgesetzt, daß er die volle Wahrheit sagt, von größter, von entscheidender Bedeutung für die Sache, kürz der Hauptzeuge sein. Und „£> auptzeug e" ist denn auch die Bedeutung, die wir als einzige dem Worte zugrunde legen; an bett Verbrecher, an die Krone denkt bei uns dabei niemand.
S ö h n s (Hannover).
Skat-Aufgabe.
Beim Bierskat steht Vorhand bereits so hoch, daß jedes zu ihrem Nachteil ausfallende Spiel für sie den Verlust der ganzen Partie bewirkt. Welches Spiel ivürde mit folgenden Karten am empfehlenswertesten fein, falls die Mitspieler passen? Mittelhand hat fünf Augen tveniger als Hinterhand.
Auflösung
cd Q Q l£> Q
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* +
in nächster Nummer.
Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Sieht jeder sein vergangnes Leben an, Bereut ein jeder etwas ganz gewiß: Der eine, was er alles hat getan, Ter andre, was er alles unterließ.
Redaktion: K, Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,


