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Der „Merkaspar".
Erlebnisse eines Dorfjägers aus dem Vogelsberg.
Mon Hermann Strack.
I. Ha nn kasper und Baltin.
„Annelies, dös Johr neamm ich Dail on d'r Jahd; se moag Toste, tpoaS. se will!"
„ diesen Worten redet Hannkasper, ein stämmiger, kräf- nger Bauersmann des Vogelsberges, im Anfänge der vierziger Kahre, eines, Tages seine Frau an.
Als ob sie sich in eine Nadel gestochen, fuhr die Frau herum, sah voll ihrem Strickstrumpf auf Und sagte in gezogenem Tone:
„Deaß d' m'r nitt kimmst mett den Bosse! Woas witt ddu. nret d'r Jahd? För daich paßt sich doach kah Jahd! — 53Iew d ha am — ean seurer bet Bäih — ean acker bet Aecker — bo kommst d' weiter!"
^/'Äal bet Maul! Doas verstihst b' nitt!" erwiderte är- 8^rltch Hannkasper. „Ihr Weiber Hot lang Hoor, oawer 'n kurze Verstahnd. D' waßt doach, deaß mir b't Doktor väil Bewegung Wege meter, Döcking vhngerohre hott, soft wird ich nitt ahlt!"
„(Stetjet! Kannst dou d'r nitt Bewegung genunk mache mett Merwett, wann d' eawer witt? — Oawer bei Doak (Tag) beast b ”1« vom Stoul z' breange ean bei Noacht nitt vom Wörts- tcsch! entgegnet, in Eifer gerateitd, die rothaarige, dralle Bäuerin! ?,Nut Hoor ean Erleholz woase off kaim goure Burre! Doas steht m r on dir!" warf ihr bissig der Bauer entgegen.
,,Ean der bte Aerwett ofgebroocht hott, woar aach kah Döicker, wat dou, sagte Annelies schlagfertig. „Die Jahd," fuhr sie dann ärgerlich fort, „eas vor vornehme Leut, bat naüt z' tu Huh, vawer nitt vör 'n gemahne Bauersmann, wäi dou. Ich sahn dirsch eam gourem: kost dich vo d'r Jahd!"
- V/9?,0'/' Wgt Hannkasper mit Bestimmtheit, „sah, woas d' witt, eas batt dich naut. Ich krihe Dail on d'r Jahd ean domett basta!" Mtt diesen Worten gtng er zum Ofen, entnahm dem in seiner /tsahe an der Wand hängenden Streichholzbehälter ein Zündhölz- n)en, strich es am Ofen an, hielt das brennenbe Hölzchen über fetne. kurze Pfeife, deren Kopf ein Jagdstlick zierte, tat ein paar ^astwe Zuge, daß die Dampfwolken hoch aufflogen, spuckte aus, ?,aMe den Pfeifendeckel herab und schritt zur Tür hinaus zur .Gastwirtschaft seines Schwagers „Baltin".
Der Baltin war in feinem Aeußern gerade das Gegenteil von 1 einem Schwager Hannkasper. War letzterer wohlbeleibt Und dm, so tonnte man ersteren an einem Licht anjitnben, wie man zu sagen Pflegt, so dünn und schmal sah er aus. Ihn hin- derte kein überflüssiges Fleisch, die Jagd fleißig anszuiiben, der er von fügend auf mit Leib und Seel' ergeben war. In weiter Untgegenb galt Baltin als ein durchaus tüchtiger Jager, der die Hasen auf dem Felde von weitem sitzen sah. Ja, man nannte Wn .ijtaiftg wegen seiner Erfolge auf der Hasenjagd den „Hoasen- valtin .
Auch in ihrem sonstigen Wesen waren die beiden Männer grundverschieden. Baltin trank keinen Tropfen alkoholischer ®e= kranke und aß wenig. Seine Leibspeise war „Huinkebrut" (Honig- v-rot). Er war anspruchslos in allen Dingen.
.. rr Hannkasper aber klunkelte den ganzen Tag über am „Pukkel", dessen Boden nicht trocken werden durfte von Branntwein. Dazu "pornte' er auch abends beim Solospiel in der Gastwirtschaft Nicht schlecht, so daß manches „Kännche" „geroppt" wurde. Much verschmähte Hannkasper liicht einen guten Bissen. Sein Bollmond- aestcht, sein feistes Bäuchlein legten davon Zeugnis ab. Die Jagderfolge Baltins erweckten in feinem Schwager die Jagblust. Fast keinen M'end kam Baltin von der Jagd ohne Beute, einmal war ^ etn Hase, einmal auch ein Reh, manchmal auch ein Fuchs.
Bestand die Jagdbeute in einem Reh, dann kam sie in die Wirtschaft zur Be- und Verwunderung der Gäste.
. Die grössten Augen machte dann immer der Hannkasper. Da- bei blies er Wolken aus seiner Jagdpfeife, daß man vermeinte, es sei eine kleine Dampfmaschine ober ein Backhaus'.
Wurde am Abend in der Wirtschaft ein Sieb gesungen, bann fang Hannkasper vor. Immer mußte es aber ein Jagdlied sein, das er anstimmte. Sein Lieblingslieb aber war: „Der Jäger in dem grünen Wald, wollt' suchen feinen Aufenthalt", mit dem Refrain: „Mein Hündlein jagt, mein Herz das lacht. Meine Augen, meine Augen leuchten als wie zwei Stern'."
II. Jagdverpachtung und Reichs tags wähl.
Der Tag der Jagdverpachtung kam. Bon auswärts erschienen die angrenzendeii Jagdpächter und Jagdliebhaber, so bafj die Stube des Bürgermeisters schier voll ward. Beim Ausgebot der Jagd blieben zuletzt Baltin mit seinem Schwager Hannkasper Sieger. Wie leuchteten jetzt, nachdem Hamikasper das Steigerungs- Protokoll unterschrieben, seine Augen! Jedem, der ihm begegnete, sagte er: „Alleweil huh mir sche!" Das Pfeifchen schmauchte er mit einer Miene, wie sie wohl dem Feldherrn eigen nach einet) gewonnenen Schlacht.
Von der Verpachtung ging es aus der Bürgermeisterei zurück zum Schwager Baltin; denn Hannkasper mußte als neu- Vebackener Jäger seinen „Anstand" geben. Das' tat er von Herzen gern, und der Anstand (das zum Besten geben), beit er gab, war fein lumpiger.
„Steurer," sagt Hamikasper zu den Jagdkollegen, „etz muß oawer aach amol g'simge wem." Dabei stimmte er fein Leiblied- chcn cm: „Der Jäger ging im grünen Wald." Beim Refrain: „Mein Hundletn jagt, mein Herz das lacht," fang er fortiffimo mit solcher Vehemenz, daß fein Nachbar vom Stuhl aufftanb mit den Worten:
„D'r Kerle plärrt ein jo domm ean baab!"
Des Hannkaspers Tochter, ein vierzehnjähriges Mädchen, kam herein, um den Vater zum Mittagessen zu rufen.
„Sah bei er Motter, haut bräucht ich kah Meattogssoppe."
So war es auch; beim schon stauben auf dem Wirtstisch mehrere Teller voll Wurst. Das gehörte zum „Anstand", den Hannkasper abgab.
Da mahnte Baltin die Jägergesellschaft: „Ihr Junge, eilt euch, dowe eam Soal gihts buhl lug!"
Der Tag hatte nämlich außer der Jagdverpachtung noch eine andere.„Bedeutung: Es wollte nachmittags im Saale Baltins der Relchstagskaitdidat Dr. Böckel sprechen.
Schon hatte sich der Saal gefüllt mit neugierigen Zuhörern^ schon stand der Redner auf der Musikaiitenbühne, die als Rednerpult diente, da erschien die Jagdgesellschaft, voran Hannkasper, die qualmende Pfeife im Munde, mit gewichtiger Miene. Böckel redete; er verstand es aus dem ff, seine Zuhörer zu fesseln. Wie gebannt hingen fie an seinem Munde, aus dem die Rede wie ein rauschender Quell hervorsprudelte. Bei besonderen Kraftstellen klatschte man ihm lebhaft Beifall. Hannkasper immer länger als die anderen, so daß er stets noch allein klatschte, nachdem die übrigen schon ausgehört hatten.
Als der Redner bei der Abfertigung der Gegenkandidaten im Wahlbezirk an den Sozialdemokraten kam, da sagte er: „Meine Herren, da ist die Sozialdemokratie, die schreibt Gleichheit und Freiheit des Eigentums auf ihre Parteifahne. Meine Herren, spalten Sie jedem Menschen den Schädel, nehmen Sie das.Gehirn heraus, zerhacken Sie es, teilen Sie es in lauter kleine Portionen, schieben Sie in jeden Schädel die gleiche Portion Gehirn, dann — denkt, will Und fühlt die Menschheit gleich, bann! kann auch das Eigentum, das „Vermögen, da kann alles geteilt werden."
„Bravo! Bravo!" rief die Versammlung mit Händeklatschen und „der kanns," gings durch den Saal.
„Den wähn m'r, sost kahn!" rüst Hannkasper, und die Jagd- kollegen stimmten ihm lebhaft bei, auch die übrige ganze Versammlung.
Als nun Böckel die Börse geißelt und von einer Bvrsen- steuer spricht, da ruft ein bejahrter Einwohner: „Was? Auch noch Beasesteuer sinn m'r b'zoahn — do Hirt sech doch alles off!"
Der Beifall wollte kein Ende nehmen, als Böckel feine Rede beendet. Was Hannkafper gesagt, erfüllte sich: Böckel ging später aus dem Wahlkampfe als Sieger, hervor. —
Run fiel Hannkasper etwas beklommeii das Heimgehen ein; denn schon dunkelte die Dämmerung durch die Fensterscheiben. Obwohl er schwer geladen, vermochte er doch sicheren Schritts, nur in etwas krausem Tempo, die Straße zu halten und feine Wohnung zu ereichen.
„R-o, do kimmt der nau Jäger!", sagt höhnisch Annelies zu dem Heimkehrenden und fährt fort: „Gelt, d' kannst doach die Noppe nitt gelosse, b’ muß amol Jahd huh! Oawer, woas! wem do die Hoase gucke, wann se daich seh! — Z' läse brauche se nitt, dou tonst ’n doach naut."
„Woarts ab! Wu aich hinhale, wäst ka Groas!", entgegnete selbstbewußt und schmunzelnd Hamikasper.
Dabei nähert er sich Annelies, legt seinen Arm um ihren Hals und sucht seine Wange an die ihrige zu drücken.
„Ahler Schaute, loß däi Posse!" wehrt Annelies ab. „Oawer doas sahn ich dir," sie hebt den Zeigesinger hoch, „off die Pingste krih ich nti aach a nau schwoarz Mab. Host d' Geald för unnürige Werke, host d' aach Geald für a Mab sör maich!"
„Ei ge'weaß käis ich dir a nau Mab; ich käse d'r aach noach a Kirmessellad," sagt süßschmunzelnd Hannkasper.
„Aich brauch noach Kirmeß," erwiderte lächelnd Annelies, -,aich hu se alle Doag d'ham eam Haus,"
III. Die erste Jagd.
Eine schwere Geduldsprobe kam nun für Hannkasper, die Zeit des Wartens bis zum Beginn der Jagd, die im heimatlichen Jagdbezirk erst mit dem ersten September beginnt. Ehe aber nicht alles geschossen werden durfte, was da kreucht und fleucht, wollte auch Hannkasper nicht auf die Jagd gehen. Endlich kam auch der ersehnte erste September.
Hannkasper ließ) sich feilte# Schwagers alte Doppelflinte geben. Der hatte diese längst mit einem modernen Hinterlader, „Löffel- schee", wie Hannkasper sagte, vertauscht. Mit Pulver und Blei hatte sich Hannkasper vorher versehen.
Mit leichtem, russisch-grünen Nesselrock augezogen, auf dem Kopfe einen alten Strohhnt aus dünnem schwarzen und weiße« Bast geflochten, in den an seinem Hinteren Rand die Mäuse ein Loch genagt, die Doppelflinte über der Schulter, die Jagbpfeife qualmend, zog Hannkasper mit seinem Schwager Baltin zur ersten Jagd.


