562
Doch schon nach wenig Tagen gelangte Erich zu einein andern Urteil über seinen neuen Vorgesetzten. Denn die,er war kaum im Hause warm geworden, als er auch die Zuge, der Regierung ergriff. Herr Wenzel war in allen Gingen, die eilt wirklicher Hotelier wissen muß, ein krasser Ignorant, und so sehr er sich auch dagegen sträubte, er mußte sich bod; in allem der besseren Einsicht und höheren Begabung des Oberkellners fügen.
Nach der Table d'hote war stille Zeit, dann unterhielt sich Gerstner gern mit Erich, dent er von seinem Aufenthalt int Süden und in Algier erzählte.
Eines Tages wagte es Erich, an seinen Oberkellner eine Frage zu richten, die ihn schon lange beschäftigte. Wie kam es wohl, daß dieser tüchtige, vielgewandte Mann, der tn den ersten Häusern an großen Plätzen gearbeitet hatte, nach Frohwinkel in den „Goldenen Schwan" verschlagen worden war? Denn so viel Welt- und Menschenkenntnis besaß Erich nun doch schon, um zu sehen, daß Herr Gerstner hier ganz und gar nicht am Platze war. Wenn Frohwtnkel vielleicht auch eine große Zukunft hatte, so war es gegenwärtig doch immer nur ein bescheidenes, im Entstehen begriffenes Nett von einem Badeorte und die Kurgäste kamen vorerst noch
spärlich.
„Wie kommen Sie eigentlich in unser kleines Frohwinkel, Herr Gerstner", fragte Erich daher in seiner bescheidenen Weise.
Ueber die Stirn des Oberkellners huschte ein trüber Schatten, dann sagte er langsam: „Wie ich nach Frohwinkel kam? Auf die einfachste Weise von der Welt: Weil ich Hunger hatte."
„Herr Gerstner!" warf Erich erschreckt dazwischen.
„Nun, ganz so schlimm war es wohl nicht, aber cs war doch die Not, die mich nach hier verschlagen hat. Ich will es Dir erzählen, denn ein junger Mensch wie Du kaun aus den Schicksalen anderer viel lernen. In den letzten —" Gerstner unterbrach sich, denn der schrille Klang einer Glocke ertönte plötzlich. Der Oberkellner sprang auf und sah nach dem Apparat, welcher die Zimmernummer des Läutenden anzeigte.
„Natürlich Nummer zwölf. Die alte Jungfer wird sich wohl wieder wegen des Kinderlärmes auf der Straße beklagen und Abhilfe fordern. Geh hinauf, Erich, und rede ihr gut zu; wir würden die Kinder fortjagen."
Erich eilte fort. Eine Viertelstunde später kam er wieder. „Das dauerte ja ziemlich lange," fragte Gerstner.
„Fräulein Rösicke beklagte sich über die vielen Fliegen in ihrem Zimmer, sie könne gar nicht einschlafen. Und da habe ich--"
„Nun?"
„Und da habe ich die Fliegen gefangen."
„Da bist ein Prachtkerl, Erich," rief lachend der Oberkellner. „Wenn die Rösicke morgen von einem Floh geplagt wirb und nicht einschlafen kann, dann willst Du ihr den wohl auch einfangen?"
Erich lächelte verlegen und wollte sein Tun bescheiden verteidigen. Doch Gerstner winkte ihm lachend ab und sagte begütigend:
„Ich meinte es ja nur scherzhaft, dummer Kerl. Ein rechter Kellner muß die Gäste immer zufrieden zu stellen suchen, so lange er es mit seinem Gewissen und mit den Interessen seines Prinzipates in Einklang bringen kann.. Lieber ein paar Fliegen wegfangen, als die Gäste wegfliegen kaffen. Doch Du wolltest wissen, warum ich hier bin?
Wie Du schon weißt, war ich in den letzten drei,Jahren im Sommer regelmäßig in Bad Ems, den Winter über arbeitete ich dagegen in Mentone. Ich hatte das Reiseleben aber satt und sehnte mich nach einer festen, womöglich eigenen' Tätigkeit. Ich hatte mir daher vor zirka drei Monaten in Ehemnitz ein kleines Hotel gekauft, denn neben einem ererbten kleinen Vermögen habe ich mir int Laufe der Jahre auch gegen zehntausend Mark gespart. Da ich auf meine Erkundigungen über das Geschäft überall die beste Auskunft erhielt, so habe 'ich denn auch vertrauensvoll die Anzahlung geleistet, es waren fünszehntausend Mark, mein ganzes Vermögen. Etwas Betriebskapital sollte ich von einer Brauerei erhalten. Als die gerichtliche Eintragung erfolgen sollte, erfuhr ich zu meinem grenzenlosen Schrecken, daß das Hotel dem Gauner gar nicht mehr gehörte! Es war von ihm vor drei Tagen an einen Herrn aus Leipzig verkauft worden. Der Betrüger aber war mit meinen sünfzehntausend Mark und der Anzahlung des ersten Käufers verschwunden, man
hat ihn bis heute noch nicht erwischt. Ich war nämlich so leichtsinnig, ihm das Geld einen Tag früher auszuhändigen weil er mir sagte, daß er das Geld zur Ablösung einer Hypothek brauche. So war ich fast ganz ohne Mittel. Meine früheren Stellungen waren längst durch andere Leute besetzt, die Engagements für die Sommersaison waren auch schon lange abgeschlossen, für mich blieb also wenig Hoffnung, noch eine entsprechende Stellung zu finden. So nahm ich denn dieses Angebot an, um wenigstens etwas zu haben."
Erich sah seinen Oberkellner mit einem Gesicht an, in dem sich deutlich Mitleid, Staunen, Zorn über den Gauner und Bewunderung Gerstner's, der den Verlust seines Geldes und seiner Lebenshoffnung mit solchein Gleichmut und solcher Fassung trug, widerspiegelte. „Und es war gar keine Möglichkeit da, Ihr Geld zu retten?" fragte er teilnahmsvoll. m
„Leider gar keine. Ich bin selbst für meine Vertrauensseligkeit, oder richtiger Dummheit, gestraft worden, denn ich hätte mich nicht nur über das Geschäft, sondern auch über die Person des Verkäufers erkundigen sollen., Dann hätte ich diesem die Gelder nicht eher einhändigen dürfen, als bis ich sämtliche Besitztitel erhalten hatte.
Doch das nützt nichts mehr. Hin ist hin, und mit dem Heiraten hat es nun gute Wege. Wir waren schon aufgeboten, meine Braut hat aber wieder Stellung annehmen müssen.
Laß' Dir meinen Fall zur Warnung dienen, Junge, denn wir Kellner sind in Geldsachen alle viel zu leichtsinnig, zu oberflächlich, es bringt dies unser Beruf so mit sich. Die Trinkgelder tragen die Schuld. Man weiß nie, was man morgen haben wird, unser Einkommen setzt sich aus lauter Kleinigkeiten zusammen, so daß wir gar nicht zu einer rechten Würdigung des Geldes kommen. Würden wir Ende des Monats, tote die Kaufleute, unfern festen Gehalt bekommen, eine runde Summe, die man fühlt und zählen kann, so würden wir mit der Zeit den Wert des Geldes auch mehr schätzen lernen."---
Mit der Besserung des Wetters kamen auch allmählich die Kurgäste. Die meisten von ihnen trieb die Neugier herbei, sie wollten die Wunderquelle kennen lernen, die auf so eigentümliche Weise gefunden wurde. Es waren auch viele darunter, die von einer Heilquelle zur andern, von einem Badeort zum andern ziehen, weil ihnen nicht mehr zu helfen ist, und welche dann die früheren Quellen überall schlecht machen.
Auch der „Goldene Schwan" füllte sich langsam, und der neue Koch konnte nicht mehr fast den ganzen Tag an der Seitenpforte des Hanfes stehen, um mit den vorübergehenden Dienstmädchen zu schäkern. Fräulein Maus hatte dem neuen Koch Platz machen müssen. Ihre kulinarischen Kenntnisse hatten wohl für die Frohwinkler ausgereicht, die vielgereistert Fremdlinge aber, welche jetzt den „Goldenen Schwan" bevölkerten, brachten andere Ansprüche mit. Nach einem leidvollen, stark mit Tränen begossenen Abschied von ihrem Liebling, dem schlanken Erich, war Maus am I.Mai abgereist. Ihr guter Stern hatte sie in eine Knabenerziehungsanstalt geführt, wo sie genug junge Menschen vorfand. Denen sie Liebes erweisen konnte.
Von Herrn Wenzel merkte man sehr wenig im Hotel, er überließ in kluger Vorsicht das Feld dem Oberkellner und' widmete sich vorzugsweise den äußeren Geschäften. Denn Herr Wenzel hatte gehört, daß ein bekannter sächsischer Hotelbautenunternehmer, der schon seit einer Reihe von Jahren alle neu auftauchenden Badeörter und Sommerfrischen mit „Grand Hotels" versorgte, inkognito in Frohwinkel war und sogar int „Goldenen Schwan" logierte. Dort konnte er allerdings bequem genug das Terrain studieren.
Deshalb betrieb Herr Wenzel den Neubau seines Hotels, welches mitten in dem prächtigen großen Garten des alten Schwan entstand, und die Front nach einer neu angelegten breiten Promenade hatte, mit regem Eifer. Er wollte sich' von keinem Fremden überflügeln lassen. Als man ihn wegen seiner Bauwut neckte, rief er aufgeregt: „Frohwinkel gehört uns Frohwinklern. Was die fremden Leute verstehen, können wir auch. Wir haben nicht nötig, nüs von ihnen die Butter vom Brote nehmen zu lassen. Man muß nur schnell sein, auf der Höhe der Situation stehen und zur rechten Zeit die rechte Gelegenheit ergreifen."
(Fortsetzung folgt.)


