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Mittwoch, den P. September 4
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Dom Pikkolo zum Millionär.
Heitere Erzählung von Harry Nitsch.
(dtachdruck Verbote.)
(Fortsetzung.)
.. S_m Herbst, als Frau Cernau und Mila in Frohwinkel ■ n' tourbe die Quelle analysiert. Der Winter verging wie wr Fluge und der mit Duft und Glanz einziehende Früh- ung sah bereits ewige neugierige Badegäste. Sie rissen aller- dings bald wieder aus, denn es war fein Vergnügen, in dem Bauschutt, den riesigen Erdhaufeii und Steinbergen, die allerorten herumlagen, spazieren zu gehen. Aber man sah daran doch bereits den Erfolg und erwartete von der Zukunft
r. Die Frohwinkler lebten wie im Traum. Junge Leute schmiedeten goldene Pläne, die Alten dagegen, die schon halb kindisch geworden waren, machten Truhen und Kästen leer, damit der nun kommende Goldregen einen Platz finden wurde, wo er sich niederlassen könne.
Der „Goldene Schwan" war von dieser allgemeinen Aufregung natürlich nicht verschont geblieben. Im Gegenteil, dort waren die Hoffnungen bis ins Riesenhafte gewachsen. Die kommenden Kurgäste mußten doch irgendwo wohnen, das neue, im Bau begriffene Kurhaus und seine Nebenhotels wurden ste sicher nicht alle aufnehmen können. Da mußte also der „Goldne Schwan" in die Bresche springen. Der „Goldene Schwan" würde seinem Namen nun endlich Ehre machen und wirklich ein „goldener" Schwan werden.
Herr Wenzel konferierte den ganzen Tag mit Baumeistern, die ihm sein Haus vergrößeru sollten. Einstweilen wurden int Innern alle möglichen Verbesserungen getroffen Die Zimmer wurden neu tapeziert, modern eingerichtet und auch die Gaststuben einer durchgreifenden Renovation unterzogen.
. t Erich avanzierte offiziell zum Kellner, allerdings nur in der Titulatur, denn von seiner Lehrzeit wurde ihm nichts geschenkt. Dafür wurde er Herr und Lehrmeister eines neuen Pikkolos, den Herr Wenzel aufgenommen hatte, um für Alles gerüstet zu sein.
. So waren unter ständiger Aufregung anderthalb Jahre wre im Fluge entschwunden. Durch die neuen Verhältnisse hatte Erich wenig Zeit gefunden, der fernen Freundin zu gedemen, die ihm zwar in der ersten Zeit einige flüchtige Briefe schrieb, dann aber nichts mehr von sich hören ließ. Doch ihre Bucher waren unvergessen, und die knappen freien Augenblicke, die Erich sich erobern konnte, blieben den beiden Ar^'watlken gewidmet. Herr Wenzel durfte von diesem Fleiß allerdings nichts merken, denn seit die russischen Damen abgereist waren, war es auch mit der Hochachtung des Hoteliers vor seinem Pikkolo vorüber. Herr Wenzel duldete
nichts bei seinem Lehrling, wovon der Lehrherr nicht selbst die Fruchte ernten konnte. '
. 2lls nach Entdeckung der Quelle der zweite Frühling ms Land gezogen kam, war in Frohwinkel bereits alles für den Empfang der Badegäste gerüstet. Zwar wurde an den verschiedensten Stellen des Städtchens gebaut, am Fuße des Etzoerges, des am schönsten bewaldeten Hügels nahe der Stadt wuchsen gleich mehrere neue, im beliebten Schweizer- stil gehaltene Villen empor, aber das Kurhaus mit seinen Dependancen war fertig mtb auch der „Goldene Schwan" schaute in verjüngter Gestalt erstaunt in die neue Welt. Statt ves alten, abgedankten Wortes „Gasthof" prangte jetzt in rie- Ngen Goldbuchstaben „Hotel zum goldenen Schwan" an der Stirnseite des Giebelhauses.
Seit einigen Tagen erschien an dem weiten Portal des Hauses auch öfters am Tage der neue Oberkellner, den Herr ^knzcl sich in eigener Person in Dresden engagiert hatte. Er hielt Ausschau nach den Gästen^, die da kommen sollten, aber infolge des schlechten Frühjahrswetters noch auf sich warten ließen.
Max Gerstner, so hieß der neue Oberkellner, war ein vielgereister Herr. Man merkte es dem etwas unscheinbar aussehenden Mann, der etwa achtundzwanzig Jahre zählen mochte, nicht an, daß die Schweiz, Italien, England, Belgien und sogar Algier schon die Ehre hatten, Herrn Gerstner innerhalb ihrer Grenzpfähle zu beherbergen. Herr Gerstner war mittelgroß, sein Gesicht ziemlich nichtssagend. Das blonde Haar trug er schlicht gescheitelt, um das blonde Bärtchen auf der Oberlippe würde ihn nicht einmal ein Sekundaner beneidet haben, und nur ein gewisser Zug um die Rasens Wurzel zeigte dem aufmerksamen Beobachter, daß in dem unscheinbaren Menschen eine beträchtliche Energie wohnen mußte.
Mit Erich Sanner war der Oberkellner sehr leutselig. Der bescheidene, diensteifrige junge Mensch gefiel dem Oberkellner, der sich in seinem Beruf eine gewisse Menschenkenntnis angeeignet hatte.„ Er gab sich daher sehr viel Mühe mit EsM, um ihm den nötigen Schliff beizubringen, den weitgereiste Fremde an den Angestellten eines guten Hotels zu finden gewohnt sind.
Erich dagegen imponierten an dem Oberkellner in erster Linie dessen Sprachkenntnisse, denn Herr Gerstner sprach perfekt englisch und französisch!, außer seiner deutschen Muttersprache; zur Not konnte er sich auch mit einem Italiener verständigen. Die Erscheinung des Oberkellners dagegen hatte Erich ziemlich enttäuscht. Er hatte dem neuen Mann »it Bangen entgegengesehen, den er sich nach den Schilderungen seiner ersten Liebe, der kleinen Mila, als einen großen, stattlichen Herrn mit hochmütigen Manieren vorgestellt hatte.
Nun kam ein Mensch wie jeder andere daher, der dem gemachten Bilde so wenig wie möglich entsprach, und der nur m seinen Sprachkenntnissen den Erwartungen gerecht wurde, die Erich an sein Kommen geknüpft hatte.


