Ausgabe 
10.7.1913
 
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Das Gesichtchen lugte ganz verwirrt durch die Türspalte, und eine ängstliche Stimme fragte:

Was wollen Sie denn von uns, Herr . . . ?

Bilsing Heist' ich!" ergänzte er, sich vorstellend, und lächelte.

Woher wissen Sie denn . . .?" wollte sie ihn aussragen. Er aber schob sie mit einem kühnen Entschluß vor sich her zur Tur hinein und inachte sich mit Mama bekannt, die ihm aus den ersten Blick gefiel, so mütterlich gütig, wenn auch ein wenlg verhärmt, sah sie aus. , , . .,

Und dann erzählte er, da» er eine Schwester habe, die eine Lehrerin brauche; aber ein bißchen Kameradin müsse sie ihr auch sein können. Denn Lilli sei ein Wildfang. Und zwölfhundert Mark wolle er anlegen bei freier Station. Und Mama dürfe mit Franz in den Sominerferien zu Besuch kommen. Ob man ihm die Freude machen wolle, auf seinen Vorschlag einzugehen?

Margot Westernhagen wurde rot und wieder blaß vor freu­diger Erregung und jähen Wirklichkeitszweifeln. Aber sie willigte ein. Mit tausend Freuden. Wenn er sich nur nicht etwa in ihr täusche! ~ . .

Am Abend jenes Tages berief ihn ein Telegramm nach fernem Gute zurück. Er hatte es sich bei seinem Verwalter bestellt. ,

Acht Tage später traf dieJüngste" der Geprüften, das Opfer Onkel Degenhardts, bet den Bilsings ein. Und im Handumdrehen war sie die Vertraute Lillis, der Liebling der Mutter, die Freude t>U Als^sie^na^dem Ablauf des ersten Monats ihr Gehalt aus­gezahlt erhielt, fragte sie herzklopfend: ,

Sind Sie nun auch wirklich mit mir zufrieden, Herr Bil­sing ?" Er lächelte unmerklich. .

Nein!" entgegnete er dann langsam. Afcksahl wurde sie bei dem grausamen Worte.Ihre Stellung ist tn letzter Zeit be­denklich ins Wanken gekommen, Fräulein Westernhagen!"

O Gott!" stammelte sie bedrückt.

So geht das unmöglich weiter. Mit Lilli duzen Sie i ich. Mit Muttern duzen Sie sich ..."

Aber sie haben mich doch beide darum gebeten!" wehrte sie sich mit leise erwachendem Trotz und sah ihm gekränkt in die fest auf ihr ruhenden Augen. , .

Und mit in i r?" setzte er seine Anklage voll schalkhaften Ernstes fort. . ,,

Aber, Herr Bilsing!" wisperte sie und ivurde rot tote dte schöne volle Granatblüte, die von der Terrasse her durch das Fenster schimmerte.

Margot, mein liebes Mädel!" sagte er da, heiß vor innerer Bewegung, und zog sie an sich . . .

Als Degenhardts die Verlobungsanzeige ms Haus bekamen, sagte Elfriede verächtlich:

So ein Heuchler!"

Die Gestrenge erklärte:Ein Gänserich, der eine Gans heiratet!"

Nur der Regierungsrat, nachdem er die herbe Enttäuschung überivunden hatte, rieb sich die Hände und murmelte:

Ich wußte es ja! Es wäre auch schade um die Kleine gewesen!" ,

Mer da war er, wohlgemerkt, ganz für sich allein tn seinem Studierzimmer. . .

Alpine Unfälle.

-Die Schi-Unfälle haben aufgehört, und programmgemäß stellen sich die alpinen Unglücksfälle im strengen Sinne des Wortes wieder ein> und zwar auch dieses Jahr in beunruhigender Anzahl.

Es ist das alte Sieb: durch den unbegreiflichen Leichtsinn des Laien werden sie herbeigeführt. Entmutigt sagen wir Alpinisten uns: Was nützt es, daß wir immer und immer wieder in Wort und Schrift warnen und Ratschläge erteilen? Von Jahr,zu Jahr mehren sich die Unglücksfälle, und zwar ist der Prozentsatz, auch toettn man die Steigerung des Verkehrs in Betracht zieht, höher geworden. Wie groß würde diese Zahl aber werden, wenn man die Fälle hinzuzieht, wo ein Unglück nur durch das zufällige Eingreifen fremder Führer oder geübter Touristen verhindert' toorben ist!

Ein großerZünftler" sagte mir einmal:Siehst du, es passieren eben viel zu wenig Unglücksfälle! Wenn alle die Leute, die in geradezu unglaublicher Unkenntnis aller einschlägigen Ver­hältnisse eine Bergtour unternehmen, einen gründlichen Denk­zettel bekämen, würden sie durch ihre dämlichen Ruhmesredereien mt Tale nicht so viele zu der gleichen Torheit verführen!" Und recht hat er. Denn wie oft habe ich es erlebt, daß so einJoch­fink" oderTalsummser", den ich aus Nebel oder gar Schneesturm glücklich in die Hütte zurücktransportiert hatte, (Motto: Halb zog er ihn, halb sank er hin!) mir entschuldigend sagte:Mein Freund hat diese Tour sogar mit seiner Frau ganz leicht gemacht, und sie waren doch auch zum erstenmal in den Alpen!"

Die Berge sind halt launische Herren, in verschiedenen Jahren ganz verschieden gestimmt, je nach der Witterung mehr ober minder zugänglich. Da gehört eben ein Ortskundiger dazu, und das ist der tounbefte Punkt: am Führer wirb gespart!

Der deiche Tourist aus bett Mittelständen, besonders auch ber Student, scheut diese Ausgabe. Man sagt sich:Wir werden uns schon anschließen können!" ohne bedenken, wie wenig anständig das ist, ober gar:Wir werden schon raufkommen!" Das Wie ist Nebensache, vorher!

Ein weiterer wunder Punkt ist die Ausrüstung: dasalt«! Zeug" wird angezogeu. Dabei erfordert nichts so sehr eine zweckmäßige Bekleidung, vor allem der Füße, wie ber Bergsport. Lodenanzug, Wollhembcu und Unterhosen, dicke Strümpfe und Bergschuhe mit f e st angebrachten Nägeln sind unerläßlich, von Momyaß, Karte, Eispickel und ev. Seil gar nicht zu reden. Sehr 'wichtig ist ferner, leicht bepackt zu fein.

Die Lebensweise, wie die Lebensart finb auch von großem. Einfluß auf das Gelingen einer Tour. Es empfiehlt sich n t ch tj gerade auf einer Tour, wo erhöhte Anforderungen an den Körper gestellt werden, seine Lebensgewohnheiten zu ändern. Ein Viertele Spezial und ein Enzian haben selten geschadet, und wer kräftig ißt, leistet auch. viel.

Unter Lebensart meine ich das Verhalten gegen die Mit- menschen. Die meisten verfallen leicht in einen allzu gemüt­lichen Ton allgemeiner Verbrüderung, was auf ber Tour leicht zu Herdenbildungen führt. Da diese Herden nur aus Laien bestehen, ist bas Endresultat eine gegenseitige Behinderung und Verzögerung, wodurch der Gefahrfaktor wesentlich erhöht wird. Folgende 12 Gebote möchte ich empfehlen:

1. Zwischen der Besteigung eines Alpengipfels und des Glei- berges besteht ein grundlegender Unterschied: jede Hochtour kann lebensgefährlich werden.

2. Nimm dir einen Führer. Krankenhaus- oder Begräbnis­kosten stellen sich höher.

3. Trage zünftig genagelte Bergschuhe. Du ruinierst dir die Füße nicht, erhöhst deine Sicherheit, vertausendfachst ben Genuß und kannst außerdem durch Verkauf ber alten Schuhe/ die du für bie Tour bestimmt hattest, etwa 50 Pfennig zur Deckung ber Unkosten erhalten.

4. Trage wollene Sporthemben. Das weiße Leinenhemb und ber steife Kragen werden zu schnell schmutzig.

5. Karte und Kompaß sind unerläßlich. Denn wenn dH auch im stärkstenNebel" vom Kaiserhof aus den rechten Weg findest, so könniest du da droben mangels genügender Straßen- bezeichming leicht in einem Abgrund oder einer Gletscherspalte landen.

6. Sei möglichst leicht bepackt. Du kannst dieKonzessionen an bie Kultur" stets durch Bahn ober Pvst vvrausschicken. Der richtige Alpinist wirb auch im Lobenanzug als Fürst ber Berge geehrt.

7. Dein Ehrgeiz sei: langsam, aber stetig zu gehen. Wem- dein Freund auch zwei Stunden weniger gebraucht haben will: wie etenb er sich am nächsten Tag gefühlt hat, hat er wohlweislich verschwiegen. Der Prüfstein jeder Tour ist der folgende Tag.

8. Biedere dich nicht auf ber Tour reihenweise mit Säten an. Kühe und Bremsen, die in Horden und Schwärmen äuf- treten, sind Talbewohner. -

9. Rupfe nicht die schönen Blumen ab. Du bringst sie doch nicht Heini, und gefährdest außerdem das Vieh, da du ihm bie Nahrung raubst.

10. Gestehe Unwohlsein und Schwächegefühl bem Führer oder dem geübten Genossen sofort ein, bamit er dir rechtzeitig helfest kann. Motto: Tu es bet leiten, beim du mußt es doch.

11. Begib dich nicht leichtsinnig in Lebensgefahr, um so feinen Alpinisten kennen zu lernen. Es könnte keiner in der Nähe fein. ;

12. Spare nicht am Nötigen. Das ist das wichllgste Gebot- Das Nötige aber ist: Ausrüstung, Ernährung und Führer.

Berg-Heil!

Emanuel K r e m n i h.

Büchertisch.

i Griebens Reiseführer, Band 150:Düsse»« bors unbUmgebung". 2. Auslage. Mit 2 Karten (60PfgT Albert Goldschmidt, Verlagsbuchhandlung, Berlin W. 35. Nicht nur ber gesamte Text, fonbern auch bie bem Bändchen beige­gebenen Karten würden bei der Nenbearbeitmig einer gründlichen Revision unterworfen: hierbei wurden besonders die Unterkunsts- verhältnisse, das Verkehrswesen und sonstige praktische Angabest nach dem neuesten Stand berichtigt und ergänzt.

Logogriph.

Wird es besucht mit93*, Sieht man viel Glanz und Putz. Schreibt man stattB' ein ,W", Gewährt es sichern Schutz.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer» Die Schule des Lebens kann man nicht schwänzen.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Bri'thl'fchen Universitäts-Buch- und Steittdruckerei, R. Lange, Gieße»,