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ihre Schritte.
Die Jüngste.
Novelle von A l w i n Römer, Dresden.
Munter wie ein Schwarm Tauben in der nahrhaften Zeit der Erbscnernte kam ein Trupp junger Mädchen die große Freitreppe des Regierungspalastes der Provinzialhauptstadt herunter. Auf den meist nervös anmutenden intelligenten Gesichtern lag freudige Erregung, die sich in lebhaften, manchmal iiberlauten Zn- nifen, flink herausgesprudelten Fragen und Antworten Luft machte.
„Das Examen scheint aus zu sein!" murmelte ein souuen- aebräunter hochgewachsener Mann von zwanzig und etlichen Lenzen, der die Schar mit einer heimlichen Neugier lächelnd musterte. >,Onkel Degenhardt wird also nun wohl endlich kommen!"
Nach kurzem Zaudern öffnete er das mächtige Portal des prächtigen Gebäudes und spähte ungeduldig in die hohe gewölbte Vorhalle. Aber es war noch keiner von den gestrengen Herren zu erblicken, die unter dem Vorsitz des Regierungsrats Degenhardt als Prüfungskommission fungiert hatten. Nur an einem der massigen Pfeiler lehnte eine junge, schwarzgekleidete Mädcheu- aestalt und tupfte sich mit einem weißen Tüchlein die verweinten Augen trocken.
„Die hat er sicherlich durchfallen lassen, der Barbar!" dachte tr, und Mit einem Herzklopsenden Entschluß, der stark im Gegensatz zu seiner sonstigen Schüchternheit jungen Damen gegenüber stand, schritt er mutig auf sie zu, sah ihr in das unwillig erstaunte1, überaus liebliche Gesicht und sagte mitleidig:
„Nehmen Sie's nicht zu tragisch, kleines Fräulein! Düs Nächste Mal Wirdes schon besser gehen!"
Sie blitzte ihn zornig an. Mit tiefblauen, brunnenklaren Augen, in denen jäh zwei frische Tränenperlen schimmerten, und trtoiberte hastig:
„Ach, lassen Sie mich doch!"
Er stand und knöpfte verlegen an seinem Frühjahrspaletot Herum, ehe er noch einmal tröstend begann:
„Es ist nicht halb so schlimm, wie Sie sich das heute einbilden. Hefter Jahr und Tag lachen Sie darüber! Glauben Sie mir's. Ich bin nämlich auch einmal durchgefallen beim Abitur!"
„Aber ich bin ja gar nicht durchgefallen!" erklärte sie, trotz ihrer schmerzlichen Erregung mit einem leisen Lächeln über seine treuherzige Art, ihr sein Mitgefühl zu zeigen. Und dann wischte sie sich noch einmal energisch über die nassen Augen, faßte ihres Ledermappe fester Unter den Arm und schritt rascher, als er's vermutet hatte, durch den Vorraum auf die Pforte zu. Ein bißchen klettenhaft blieb er an ihrer Seite, öffnete die schwere Eichentür jmd fragte dabei verwundert:
„Ja, öfter warum weinen Sie denn so gottserftärmlich?"
„Weil ich keine Stelle bekommen habe! . . . Alle die andern sind versorgt. Nur für mich war keine Vakanz mehr da!" berichtete sie tftnt Mit einem allerliebsten Zorn. „Und dann hat das schlechte Scheusal noch den Mut, mir zu sagen: Sie haben tüchtig gearbeitet und nicht um ein Jota schlechter bestanden als die andern. Aber Sie sind die Jüngste! Sie müssen warten. Es ist nirgends mehr etwas frei! Und. . . und . . . außerdem . . ."
„Nun — außerdem?" erkundigte er sich, als sie stockte.
Sie war rot geworden wie ein Feuersähnchen und sah in verwirrtem Trotz an ihm vorüber.
„Das kann Sie nicht im mindesten interessieren!" bemerkte sie nun abweisend.
„Dann war es also doch eine Art Tadel!" entgegnete. er lächelnd und war dabei höchst überrascht über seine eigene verwegene Spitzfindigkeit.
„Ach Torheit!" entrüstete sie sich. „Das war es nicht!"
„Sondern?" bohrte er weiter.
>,@ine Unverschämtheit war es!"
„Also, was sagte er?"
„Sie sind sehr aufdringlich, Herr!" bemerkte sie streng.
„Wenn Sie meine ehrliche Teilnahme so häßlich zensieren, so bitte ich vielmals um Vergebung!" murmelte er enttäuscht. Das tat ihr leid; sie wußte selbst nicht warum.
„Mein Gott, Sie dürfen es ja auch wissen!" erklärte sie darauf Und gab fich innerlich einen Ruck. „Außerdem wäre ich ja doch die erste, die abschwenken und heiraten würde, sagte er höhnisch! Sie werden bald genug einen Mann bekommen!"
„Höhnisch?" meinte er ungläubig.
„Ja, was sonst? Denkt der gräßliche Mensch vielleicht, man qUält sich ohne jeden Gvund die vielen Jahre, um ein Examen zu bestehen, wenn man's nicht nötig hat?"' ereiferte sie sich, während er neben ihr weiter schritt und schon mit ihr um die
Meinen Weg allein gehen. Ich möchte nicht ins Gerede kommen. Vielen Dank für Ihre Teilnahme. Und Adieu!" Damit neigte sie den lieblichen Kops mit graziöser Ehrbarkeit und beschleunigte
trfte Straßenecke bog.
„So sind Sie nicht gewillt, zu heiraten?" forschte er ernsthaft.
„Wen denn?" fragte sie in naiver Bitterkeit dagegen. „Ich habe eine kränkliche Mutter und einen Bruder, der studieren soll. Das ist meine Mitgift! Mit einer solchen rechnet man nicht auf .Eheversorgung!"
„Das ist sehr anständig gedacht, kleines Fräulein!" sagte Ivarm tzer junge Landwirt. „Aber kommen könnte es doch einmal, daß...."
„Ach bitte," unterbrach sie ihn hastig, „lassen Sie mich jetzt Meinen Weg allein ' " "" "" c
, .„Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen, gnädiges Fräu- lem!" ries er bedauernd.
, ... "Das ist ja wohl auch nicht nötig!" entgegnete sie mit einer holden Wendung und Ivar ihm wirklich entwischt.
r, l§r sah ihr versonnen nach und ging daun, von allerlei närri» sthen Gedanken durchgaukelt, zum Regierungsgebäude zurück, um »en -mkel aftjufangett. Aber der war inzwischen schon auf dem Heimwege und glaubte ganz sicher, den Neffen bei den Seinen anzutreffen.
„Nun, hat dich Paul nicht abgeholt?" empfing ihn die ge- ftrenge Gattin erstaunt darüber, daß er allein kam.
< v "ve.tn •" 8ob er Auskunft, während seine schöne, leider etwas hochmütig geratene Tochter ihm aus dem Paletot half.
''Das finde ich aber merkwürdig!" bemerkte Elfriede. „Ein bißchen mehr Respekt vor dir dürfte er schon haben! . . . Nun, ich werde ihm das langsam angewöhnen!"
„Wirst du das, Liebling?" sagte zärtlich Papa Degenhardt Und faßte sie unters Kinn. „So darf man also gratulieren?" ^..„"diarrhelt!" erklärte hart die Gestrenge. „Er hat noch keine Silbe gesagt, der Stockfisch! Man wird ihm wirklich erst die Zunge lösen müssen!"
, „Geduld, Mama! Ich tvünsche gar nicht, daß er die Sache so leicht nimmt. Wenn es mir Zeit scheint, werde ich ihn schon zum Reden bringen!"
„Ich weiß, du bist ein kluges Kind!" sagte der Regierungsnüt vorsichtig. „Aber vergiß nicht, er ist eine glänzende Partie und..
„Ja doch, Papa, ich will ihn ja auch. Aber ich stelle meine Bedingungen. Sommer und Wmter immer nur auf dem alten Gutshof — das gibt's nicht! Und darum laß ich ihn zappeln, bis er mir verspricht, im Winter mit mir in die Großstadt zu gehen!" entwickelte Elfriede ihr Programm.
„Sehr vernünftig!" Urteilte die Gestrenge. Tann klingelte es draußen, und Paul Bilsing, der Schwestersohn des Regierungsrats, der in der Goldenen Aue ein Rittergut sein eigen nannte, erschien auf der Schwelle.
Elfriede empfing ihn mit vorwurfsvollem Schweigen. Tas hatte ihn in allen den Tagen seines Besuches stets unruhig unft demütig gemacht. Merkwürdig, daß er heute so gut wie gar keine Notiz davon nahm! Aus das schöne, selbstbewußte Mädchen löirFte das kränkend. Nun, sie würde ihm schon zu verstehen geben, was er sich für eine gemeinsame Zukunft noch alles anzugewöhnen habe. Denn daß er um sie anhalten würde, bezweifelte sie feinen: Augenblick. Seine bewundernden Blicke, die Schilderungen seines Anwesens daheim, sowie ein paar herzlich unbeholfene Andeutungen waren ihr eine zweifellose Bürgschaft. Es lag nur in ihrem Belieben, . ihn zu einer Erklärung kommen zu lassen oder nicht. Ueberdies war die Verbindung ein Herzenswunsch seiner Mutter, die ihu auch deshalb in die Hauptstadt gesandt hatte. Um ihn nicht kopfscheu zu machen, war er mit der Mission beauftragt worden, eine Hypotheken-Ängelegenheit zu regeln und für seine vierzehnjährige Schwester eine Pension auszusuchen, in der der Wildling ein bißchen Französisch und Englisch lernen sollte. Und bis heute hatte er von dem eigentlichen Zweck feiner Reise auch noch nicht die Spur gemerkt.
Aber als er bei Tisch den Onkel fragte, wie das Examen ausgefallen sei und sich in immer neuen Wendungen nach dem Schicksal aller dieser kleinen frischgebackenen Lehrerinnen erkundigte, sing er einmal zufällig einen Blick auf, den Mutter und Tochter miteinander wechselten, der ihm zu denken gab. Ein erstes leises Mißtrauen- überschlich ihn, während der brave Onkel Regierungsrat orakelte:
„Ja, die eine ist leider leer ausgegaugen! Beim nächsteii Mal wird cs einer ganzen Anzahl ähnlich ergehen. Denn der Mangel ist behoben. Und der Nachwuchs säugt an, beängstigend zu werden! Na, die Hübschesten kriegen in der Regel ja doch einen Mann! Und das hoffe ich von der kleinen Westernhagen bestimmt!"
„Tu bist ein Optimist, Papa!" sagte ein wenig spöttisch die Haustochter. Wenn sich wirklich einer in das Puppengesichtchen vergafft, springt er ab, sobald er merkt, was er sich alles auf- laden muß, nm sie heiinzuführen!"
„Ich finde sie auch nichts weniger als hübsch!" urteilte die Gestrenge. „Sie ist so unbedeutend!"
„Das sind Geschmackssachen!" zog sich Papa Degenhardt zurück, der zu Hause nicht eben viel zu „regieren" hatte.
Daniil war das Thema erschöpft. Nur nicht für Paul Bilsing, dem ein nagender Groll im Herzen saß. Bei dem Plauderstündchen mit Elfriede, während Onkel und Tante ihr Mittagsschläfchen hielten, blieb er seltsam einsilbig, und als seine schöne Cousine eS geradezu darauf ablcgte, seine sonst schnell entflammbare Be- hmnberuitg zu wecken und ihm endlich ein Geständnis zu entlocken, zeigte er sich noch Viel verstockter als eilt „Stockfisch" und entglitt ihr zu ihrem maßlosen Erstaunen unter dem Vorwande, die Pen- sionsangelegenheit seiner Schwester Lilli nun endlich ordnen zu müssen.
Er ging aber zu keiner Jiistitutsvorstehenn, sondern, nach kurzer Orientierung in dem Adreßbuch eines Zigarrenhändlers- über die Breite Strombrücke zur Vorstadt hinaus. Tort erklomm er in einem bescheidenen Miethause drei Stiegen, nm gleich danach in das sonnigste Gesichtchen, das die Welt ihm bisher gezeigt hatte, zu schauen.


