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Allee entlang und hielt dann auf bem SchlvWof. Eine Dame, gar pomphaft aufgeputzt, mit Pelzen und Spitzen übersät, entstieg bem Wagen. Ihre Begleitung, ein Dutzend Männer zu Pferde, die eine Sprache- redeten, bi: man hier iil Land noch nie gehört hatte, ein buntes Kauderwelsche die Kleidung trugen wie Männer, die sich nur selten in Liefen Hei de winkel, Mausefallen verkaufend, verirrten. Sie hatten Pelzkragen nicht feinster Art quer über Rücken und Schulter, schienen dem Wasser abhold zu fein und über Mein itttb Dein nicht gut unterrichtet. Diese Männer sprangen stzt von ihren Pferden. Aber nicht Mausefallen drückten! hre breiten, kurzen Rücken, sonder Spaten und Aexte und Ackerwerkzeug aller Art.
Julech der Diener, kam eiligst die Treppe herunter-- gesprungen und fragte nach dem Begehr der seltsamen Ein- anartierung. Ein Keiner Negerbursche in bunter Livree, per eben vom Bock gekrabbelt, hüpfte dem Diener entgegen Und sagte in gutem Hrauzösisch: „Meine gnädigste Herrin, Frau Gräfliche Gnaden zu Storsch-Pisek, eine Freundin des tznädigen Herrn Erbjunkers zu Altenlohe, ist gekommen, um dem Herrn Erbjunker hilfreich bei der Instandsetzung des Gutes und der Aecker zur Seite zu stehen!" — Und dann noch hie Frage: Ob der Herr Erbjunker nicht daheim sei. JUles, her sonst so gewandte, schaute sich hilflos ittn und bat dann die gnädige Gräfin, sich doch in das Schloß zu bemühen. Das tat denn auch die mährische Gräfin und begab sich in das Empfangsgemach links des Flurs.
Frau vorr Bourgee, von Fules schnell unterrichtet, trat ihr mit ihrer schroffen, abweisenden Kälte entgegen. „Ich bedauere sehr, Gräfin, daß Sie ein Opfer größten Irrtums geworben sinb. Sie befinden sich nicht auf der Besitzung Hines Herrn von Altenlohe. Ich, oder besser gesagt, mein Sohn Emil von Bourgee, Lentyant im Regiment der Kaiserlichen Leibhartschiere, ist, Besitzer des Schlosses!"
„Ja, ich verstehe nicht — ist denn dies hier nicht das Schloß Heidehorst?"
,Mewiß: Schloß Heidehorst!"
„Ja — und Liuthardt zu Altenlohe?"
„Ist tot!" — Kalt, nadelspitz sagte sie Has.
Me Gräfin staust wie versteinert. Dann ging sie, ohne ein Wort erwidert zu haben, hinaus. Der kleine schwarze Bursche, der bei dem Abstieg von der Freitreppe ihre Schleppe erhaschte und trug, sah sie fragend an, aber sie sagte nur kürz zu ihm: ist tot!" Dieselben Worte, die
sie soeben droben von dieser fremden Frau gehört hatte. JUsuff, der Bursche, rief dem Reisemarschall zu: „. . . ist tot!" Der Kutscher sprang wieder auf den Bock, und die Slowaken stiegen auf ihre Hferde. Der Wagen knirschte htt Sande und rollte davon. Die Pferdehufe klapperten über sie Steine, dann wär alles still.'
Auf dem Altan stand eine Frau und sah ihnen nach, und als der letzte Schimmer der seltsamen Karawane verschwunden wär, lachte sie laut auf, gellend und sieghaft und schneidend höhnisch. Tas war her letzte Feind! — Alle, alle abgeschlagen! Emile war nun Herr auf Heidehorst — Emile, der Edle, der Schöne, der Stolze — ihr Emile, ihr einziger Sohn!1
Ain nächsten Tage um dieselbe Stunde gingen zwei Frauen am Feldrain dahin, eine alte, mit zerfurchtem Antlitz und gebücktem Rücken, und an ihrer Seite ein junges Mädchen von stiller, schlichter, hoher Schönheit. Ein Wagen kam langsam die Landstraße dahergefahren, und weißes Linnen schimmerte aus dem Gefährt. Die beiden Frauen schauten nach dem Wagen, was er wohl bringen möge. Da lag auf weichem Pfühl ein junger Mann, von weißen, weichen Betten umhüllt. Er zitterte und klapperte, so warf ihn das Fieber, so froren seine Glieder, und war doch ein glühend heißer Sommertag. Neben dem Kranken saß, nicht gerade bequem, ein Arzt in Uniform. Der Kutscher fragte die Frauen: „Kommen. wir hier recht nach Schloß Heidehorst?" 1
Da traten die Frauen näher, und Gisela wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihr, als sie das Wort: Schloß Heidehorst hörte. Sie blickte ans den Fiebernden, erschrak aber über das entstellte Antlitz. Quer über den blonden Köpf zog sich, bis tief in die Stirn herein, eine tiefe, schlecht verharschte Narbe, die.in der wechselnden Fieberglut bald grell weiß, bald brennend rot aufleuchtete.
Der Kutscher wiederholte seine Frage, und Mutter Wintzer, die Alte, nickte mit dem Kopfe. Und nun fragte der
Arzt: „Nicht wahr, liebe Frau, in Heidehorst ist noch Frau von Bourgee daheim?"
„Es ist so," sagte die Alte trocken und wollte weiter gehen, aber bei ihrer Stimnie Klang.fuhr der Kranke empor. Er stierte Mutter Wintzen au, nnd als er in das Gesicht sah, schrie er auf: „Die Augen! — Die Angen! — Das sind seine Äugen! So sah er mich an, als er mir das Eisen in den Kopf hieb!"
Der Arzt legte seine Hand auf des Kranken Augen) und der Kutscher trieb die Pferde an. Der Kranke wurde stiller und wimmerte nur noch vor sich hin. Wortlos gingen die Frauen am Feldrain dahin, endlich sagte Gisela: „Die arme Toinette!" Fragend blickte Mutter Wintzer zu ihr aus, da sagte die Baroneß: „Es war ihr Bruder!"
Nun war er daheim, der Herr von Heidehorst, der Edle, der Stolze, der Schöne, — ein Irrer, der int Fieber noch immer jenen Kamps am Heidehügel durchlebte, — und ein Siecher, den schleichenden Tod in der Brust. Nun hast du ihn, .Schloßherrin von Heidehorst, —> nun hast du gesiegt, und nun genieße die Früchte deines Sieges!
Im blutigen Ringen ward ans dem Lenz mit seinen Blüten der reifende Sommer, aber mit erstauntem Angesicht schritt dieser über die deutschen Gaue. Nirgends Arbeit für ihn, nirgends gab es zu reifen, was der Lenz gesät, — und' die öden, mit Blut getränkten Felder vertriebet! den Sommer eher, als sonst. Es herbstete im Lande. Und Zug um Zug neuer Kämpen, in aller Herren Länder zusammengepreßit und zusammengestohlen, nach Frankreich geschafft und dort notdürftig für den Krieg ausgebildet, wurden nach Deutsch!- land hineingeworfen.
Einer war dabei, ein lustiger Knabe,;— stets zu Scherzen aufgelegt, eilt Deutscher von Geburt, ein Musikant von Beruf, der seine Fiedel nicht schonte. Ein hübscher Kerh dem die Uniform gar wohl zu Leibe stand, eine rote, dreieckige Narbe, mit der Spitze nach der Nase zeigend, auf der Stirn, so schritt er in Reih und Glied daher. Er schien bett Krieg nur als einen großen Scherz, den Napoleon mit der Welt sich leiste, auszufassen. Offiziere und Kameraden hattest ihn gern. Wohin er ins Quartier kam, stritten sich die Mädchen um ihn.
Nur, als man in das Herz Deutschlands gelangte, dort, wo die Heide blühte, würde er einsilbig und still. Er ging für sich und ließ die Fiedel ruhu, nifb sein allzeit lockeres Mundwerk ward stumm, „'s ist seine Heimat!" wüßten einige Kameraden.
„Und eigentlich wollte er gegen Napoleon fechiten," sagte ein andrer, einer, der mit dabei gewesen, als man ihn im Etschtale so jählings preßte und aus Bonapartes Banner schwören ließ.
Nun wären sie dort in Leipzigs Gefilden, bei dem Stelldichein aller europäischen Kriegsmannen. Das Riesens würgen ging los, das Niederringen einer menschlichen, sich selbst erhöhten, frevelhaften Gottheit.
Erwin Sommer, der lustige, junge Krieger, war mit dabei. Am Wend vor dem ersten der drei SchlachtentagS/ als im Biwak eine bange, schwüle Ruhe herrschte, als fühls jeder, daß der Rachegott in diesen Stunden selbst zur Welt herniedersteige und sich anschicke, mit mächtiger Faust den Frevler aus seiner goldenen Bahn zu stoßen, da stand Erwin Sommer im Biiväk am großen Lagerfeuer und fiedelte und sang lustige Weisen dazu. Das dumpfe, banges Brüten der Soldaten wich, Und eine fröhliche Stimmung machte sich breit. Größer und größer wurde der Kreis der Zuhörer um Erwin Sommer. Offiziere traten hinzü und! schüttelten sich vor Lachen. Unter ihnen war einer in schäbigem Mantel, ein Kleiner, den Dreimaster auf dem Kopfs, einen Ordensstern auf der Brust, mit gelbfahlcm Antlitz. Einmal, nur einen kurzen, flüchtigen Augenblick, huschte ein Lächelst über sein Gesicht, als der Fiedler ein Lieblein sang, bas lautete:
„Mein Schatz, bcr ist Soldate Und steht jetzt drauß' int Feld, R'nn ist das Leben fade, Aar ist die Lieb Und's Geld!"
Ein hoher General, der 'neben dem Kleinen im schäbigen Mantel stand, atmete auf, als er dessen Lächeln sah. Und er flüsterte dem neben ihm stehenden General zu: „Der Kaiser hat gelacht!" 1
(Schluß folgt.)


