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Die Llammenzrichen rauchen.
Roman aus dein Jahre 1813
von Miaix Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wie dumpfe Wetter sch wüte lag es auf Heidehorst. Die Menschen schlichen durch den Ort, stuinm gingen sie a\v einander vorüber, als fürchteten sie, daß der geringste Laut die heilige Ruhe ihrer Toten stören könne. Und droben im Schloß, da stand ein Menschenkind au dem Parktor; mit heißen, sehnenden Augen schaute es nach dem Dorfe, ob nicht Kunde käme von dem, der ihr Herz befaß, pder ob er nicht selbst durch die Felder geschritten käme mit seinem müden Gange. Aber nichts regte sich.
Da, — ein Schwingen ging durch die Luft, ein Singen, Und Klingen Nagender Weisen. Die Glocken klangen vom Friedhof, wo man ihnen auf dürftigem Gerüst ein ärmliches Heim gegeben hatte, ein kläglich Lied. „Ein Toter im Ort" fuhr es Toinette durchs Herz, und da — da — eilt neues Glöckchen setzte ein. Das hatte sie noch nie gehört, aber Jules hatte ihr erzählt, es gäbe ein Glöckchen neben den andern: die Herrenglocke,'die selten den Mund öffnete, nur, wenn ein Glied des Herrengeschlechts ins Leben trat oder seine Seele wieder hinauffuhr in jene ewigen Gefilde. „Der alte Freiherr ist dahin," sagte Tvi- nette leise, und eine Träne stahl sich in ihre Augen. Sie hatte ihn nur einmal gesehen, eben an jenem Abend, da Werner starb, aber sein gütiges, mildes Antlitz vergaß sie wohl nie wieder in ihrem Leben. 1
Um die dritte Stunde nachmittags, als Toinette noch immer auf dem Altan stand und über Park und Garten spähte, da kam jemand den Parkweg entlang — ein Mädchen rn schwarzem Gewände und zögernd und mit verhaltenem Schritt. Toinette umklammerte mit beiden Händen das Geländer, als sie in dem Mädchen Baroneß, Gisela erkannte. Was wollte die hier aus dem Schloß? Wollte sie den Bruder suchen, chm den Fluch des Vaters bringen? Wußte sie nicht vom Schultheiß, daß Linthardt nicht daheiiN war? Sie beugte ihren Körper über das Geländer und schaute ihr entgegen mit einer jähen Angst int Herzen und in den Augen. Dann lief sie ihr entgegen, der Feindin lief sie entgegen, aber gemeinsame Not hat schon manche Feindschaft des Lebens beendet. Und Gisela wankte, als sie die Hände der andern umfaßte, doch Toinette stützte sie und sagte mit weicher Stimme und von Angst: „Schwester, liebe Schwester!",
Gisela aber tat das größte, das schwerste, ums bisher das Leben von ihr gefordert hatte: sie ging ms Schloß, um der Familie von Bourgee den Triumph zu bringen: Tot sind die von Altenlohe! Das Wort indes würgte sie im Munde, und so Meß sie nur hervor: „Lmt- hardtl"
„Er ist nicht hier, Schwester — wo ist der Junker?" „Tot!" —
Da ließ Toinette die Baroneß los, daß, sie taumelte. Sie sah so entgeistert, so tödlich erschrocken nach der Botin, wie einer wohl blicken kann, dein man mit rohem Griff etwas Großes, Schönes, Himmlisches aus dem Herzen reißt. Gisela ioußte aus diesem einzigen Blick, wie es um Toinette stand, und in diesem Augenblick loderte in ihrem einsamen:, verwaisten Herzen jäh und flammend eine Liebe empor, die sie stark machte.
Jetzt war sie es, die die andre umfaßte und stützte und sie langsam nach dem Schloß geleitete, Und dabei flüsterte sie ihr tröstende Worte zu, weich und mild,, wie sie eine Mutter dem zagenden Kinde spricht. Toinette erfuhr, wie Lintbardt als Held gestorben wäre, wie er im Dorfe wieder in Ehren stünde und man um ihn trauerte wie um den alten Freiherrn selbst.
Als sie in den Schloßflur traten, stand dort uilter der Tür ihres Gemaches Frau von Bourgee, groß und hager, mit einem gierigen Blick im Auge und scharfen Ecken in den Mundwinkeln. „Toinette!" rief sie barsch und gebiete- risch, und in dem einen Worte und in dem Ton der Stimme lag eine ganze Welt von Schmähungen für Gisela.
Aber Toinette rief nur im wildesten Schmerze: „Lint-
Da richtete sich Gisela auf, steil und hart, und sah Frau mit einein Blick unsäglicher Verachtung an, die starke Frau zittern machte, daß sie sich duckte, als erwarte sie einen Schlag. Aber Gisela wandte sich ivvrtlos und schritt zur Pforte über den Altan und die ^reppe hinab Dies eins Wort: Es ist ein Glück für uns! hatte einen ewigen Ritz zwischen denen von Altenlohe und von Bourgee geschlagen. Mit einem Herzen voll Liebe war sie hierher gekorümen, und leer und kalt tut Herzen schritt sie davon. Toinette aber sprach von Stund an kein Wort mehr mit der Mutter; , c
Zwei Wochen später. Noch immer lastete ent dumpfer Druck auf Heidehorst. Zu Freiherrn von Altenlohes und zu Pfarrer Tempels Beisetzung waren alle Herrengeschlecl)h ter der nächsten und weiteren Umgebnitg gekommen. Psar- rer Siegelt von Tichenow hatte seinem Ämtsbruder das lebte Wort gesprochen, und an des Freiherrn Gruft hatte der Feldpropst Delling die Grabrede gehalten. Nur dem einen, der draußen mit hundert Feinden uu Schlicke la^ dem sprach keiner einen Segen, dessen letzte L-iatte konnte niemand mit einem Krünzlein schmücken. ,,
In diesen Tagen fuhr eine Kutsche ausländischen Musters, von einer eigentümlichen Garde geführt, die Park-
Hardt ist tot!"'
Einen Augenblick herrschte eilige Stille, inan konnte sehen, wie sich in den Zügen der harten Fjran auspragte, was in ihrem Herzen vorging. Linthardt ist tot —• ihr Feind — ihr Widersacher ist nicht mehr. Tief aufatineiid sagte sie nun und vermochte den Triumphglanz ihrer Augen nicht zu unterdrücke: „Es ist ein Glück für uns!" iTi'/r rtrfifpip itrtii Gllela ans. steil Ulid hart, und sah die die


