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[rat? Hör mal, d-u — Lisa — du hast doch Hoffentlich nicht etwa zugesagt?"
Frau Lisa spielte verlegen mit ihrem Anhänger.
„Ach bewahre — das könnt' ich doch nicht so ohne dich--
aber ich habe natürlich gesagt, dass die Idee reizend wäre — und daß wir diesmal keinen Logierbesuch erwarteten — und daß wir diesmal noch nichts anderes vor hätten —"
„So, so!" Herrn Schillings Gesicht färbte sich um mehrere Nuancen röter. „Mit andern Worten: du hast uns also jeder anständigen Ausrede beraubt! Jetzt bleibt bloß noch übrig, daß ich Flecktyphus kriege oder sonst 'ne andere angenehme Krankheit — sonst sind wir rettungslos verloren!"
„Mer Edi!" Frau Lisas Stimme schtvankte bedenklich. „Was ist denn so Schreckliches dabei? Postrats sind doch ganz nette Leute —"
„Rette Leute — jawohl — so von weitem!" unterbrach sie Eduard grollend. „Aber nicht auf 'n® gemeinsamen Pfingst- tour! Fein kann das werden, sag ich dir! — Na, es wird wohl nichts mehr dran zu ändern sein — also, Schicksal, nimm deinen Laus!"
*
Am nächsten Morgen bereits begannen die Ereignisse ihre Schatten vorauszuwerfen.
Der Rat sprach sich sehr begeistert über „Frau Schillings famosen Gedanken" aus, und Eduard konnte nicht gut umhin, beizustimmen. Nnir wurde der Abfahrtstermin festgesetzt, und im Anschluß daran machte Herr Schilling den Vorschlag, vorher in Meinerzhagen Zimmer zu bestellen und überhaupt einen so? genannten „Schlachtplan" zu entwerfen. Jndeß der Rat schüttelte den Kops und lächelte ironisch.
„Lieber Schilling — daraus wird nichts! Um Himmels- Willen, keinen Zwang, kein Programm! Frei wollen wir in Gottes Natur hinauspilgern und Zufall und Glück uns geleiten lassen! Sie sind und bleiben eben ein Umstandskommissarius — was ich selbstverständlich nicht dienstlich aufzufassen bitte, ja nicht dienstlich, lieber Kollege!"
Der „liebe Kollege" schluckte lächelnd die Pille hinunter. *
Am Pfingstsostnabend trafen unsere vier Ausflügler pünktlich in dem Gewühl der Tausende auf 'dem Gorlrtzer Batznhos ein, Schillings in Lodenkostjinien, Vorpahls in groß® „Gala".
Sie prangte in zartlila Voile auf Seide mit passendem Federhut und ihr Gatte in taubengrauem Cutaway, Bulgaren- krawatte und hellgelben Halbschuhen.
Ein unverhohlen belustigter Blick Eduards war die Begrüßung und ein Nasenrümpfen der Frau Postrat die freundliche Antwort darauf. „Loden! Gott, wie plebejisch!" Ein weiterer Gedankenaustausch wurde glücklich durch den gemeinsamen Sturm auf den eben einlanftnden Zug vermieden. Mit Mühe und Not hatten sich die vier ein Plätzchen! in einem vollgepfropften Mteil erkämpft, und nach qualvollen Stunden verhaltenen Aergers über besonders liebenswürdige Mitreisende langte man schließlich in Meinerzhagen an. Im Nn waren die Omnibusse am Bahnhof überfüllt, und was an Fahrgelegenheit übrig bleib, war ein elendes Schlächtersuhrwerk mit einem wenig vertrauenerweckenden Kutscher.
Eduard unterdrückte mlühsant einige Verwünschmtgen, schlupfte das umfangreiche postratliche Paar ziemlich unsanft das Meter- hohe Trittbrett hinauf, und klappernd und ratternd fetzte sich das Vehikel in Bewegung.
Ta der Weg hauptsächlich aus Löch®n und Steinen bestand, War an eine Unterhaltung nicht zu denken, was Unter den ob- walteuden Verhältnissen von beiden Parteien nicht sonderlich bedauert wurde, die Rätin Unterließ es jedoch nicht, bei jedem! Stoß entsetzt in die Höhe zu fahren und ein ängstliches „Huuch!" auszu stoßen.
Endlich trat der Kirchturm von MeinerWagen in die Krschei- 111111g, und der Rat stieß dem! Kutscher in den Rücken.
„Sie, sagen Sie Mal — wö ist hier das beste Hotel?"
Der Mann drehte sich langsam' um, glotzte den Rat ast und zuckte die Achseln.
„Mensch, Sie werden doch irgendeinen Gasthof wissen, in dem man absteigen kann!" schnauzte der Rat ungeduldig.
Der Kutscher tzückte nUr wieder mit den Achseln, kitzelte seinen Gaul mit der Peitsche und sagte: „Olles Kamel!"
Der Rat bekam einen roten Kopf und wollte eben dem Kutscher gehörig seine Meinung sagen, als Herr Schilling rasch! in die Tasch griff und «in grünes Büchlein hervorging.
„Gestatten Herr Rat — ich habe sicherheitshalber doch einen Plan und Führ® mitgebracht — hier — „Hotel Kron- prinz", UM Markt, „Pretzels Gasthaus", auch am Markt, „Lindenhof und „Sieben Naben" in der Bahnhofstraße — na, in einem davon werden ja wohl unsere müden Glieder Ruhe finden!"
„O Gott, ja!" stöhnte die Rätin und schlug die Augen anklagend zur Decke auf, „es tüte not, ich bin schon völlig gerädert! So Wie wir aUkomUien, lege ich mich zu Bett — aber sofort!" —
Doch was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe!
Weder im „Kronprinzm", noch bei Pretzel, Noch im „Lindenhof", noch in den „Sieben Raben" war auch nur noch eine Bodenluke frei. „Es ist doch Pfingsten, Uteine Heritfchaften — da
vÄfseu Sie schon acht Tage vorher bestellen! Und außerdem haben wir noch den Turnverband „Mts Muts" aus' B®lin hier — 400 Personen — es schlafen fchjon welche auf dem: Billard —" , Genau dasselbe.hörten sie in der „Post", im „Engel" und' mi! „Löwen", wo die Rätin gänzlich geknickt auf der Bank im Hausflur zu'saMMenbrach und dadurch 'das Mitleid der Lötven- totrtm «regte.
„Vielleicht versuchen Sie's Mal oben im „Schweizerhaus", schlug sie vor, „da ist am Ende noch! Was zu haben!"
„Oben int Schweizerhäus? Das ist wohl sehr weit?" erkundigte sich Frau Lisa Mißtrauisch ab'® die Löwenwirtin meinte, fte brauchten nur die Chaussee zurückzugehen bis zum ersten Wegweiser, dann links immer am Seeufer entlang, und wo der Wald anfinge, sähe Man schon das Haus.
„Also gut s/4 Stunden!" knurrte Eduard wütend, aber was war dagegen zu Machen?
Er stützte also im Verein mit Frau Lisa die Postratin, der Rat keuchte hinterdrein, und staubig, schweißbedeckt und todmüde langte Man schlietzlichj am Ziele an. .
„Zimmer? Jawohl, die Herrschaften — gerade noch zwei —• kußchen. hoch: zwar, aber zu Pfingsten Muß man halt vorlieb nehmen, nicht wahr, die Herrschaften?"
Neubelebt folgte itrtfcre Reisegesellschaft dem' eifrig voran- «ileuden Wirt — höher, imMer höher hinauf — endlich, direkt unter dem Dach, blieb er stehen ttnb öffnete zwei niedrige Türen.
„Hier, bitte schön — Nr. 37 und 41 — wenn's gefällig ist —“
Zögernd traten die beiden Paare näher —■ aber entsetzt .tzrallteu sie wieder zurück! Zwei dunkle, stickige Schlünde taten sich vor ihnen ’anif,. so schmal, daß zwischen den .beiden ei fernem Bettstellen gerade noch ein Schlangenmensch sich hin durchwinden konnte---
„Was? So etwas Mutet man uns zu?" schrie der Postrat in den höchsten Tönen. „Das ist keine menschliche Behausung — das ist ein Ofenrohr! Ich bin nicht gewöhnt, in Ofenröhren zu schlafen!"
Eduard kochte innerlich) aber er beherrschte sich noch.
„Unsere Schlafzimmer sind auch etwas komfortabler, Herr Rat — aber da wir uns doch nun mal dem Zufall und dem Glück überlassen wollten, so müssen wir wohl schon ein Auge zudrücken — respektive zwei — im Ofenrohr — — —“
Ter Rat biß sich 'auf die Lippen, gewann aber doch' ein wenig seine Haltung wieder.
„Mlerdings — Sie haben wieder mal Recht, lieber Kollege!" erwiderte er spitz. „KomM, Ottilie — wir haben Heute schon so viel ertragen, wir werden auch das noch überstehen!"
Sprach'L, nahm seine Gattin beim Arme und verschwand mit ihr in Nr. 41. Tie Türe schlug dröhnend hinter ihUen zu.
*
Am nächsten Morgen kamen die beiden erst zwischen 10 und 11 Uhr wieder zum Vorschein, behaupteten, sie hätten kein Auge zugetan und wären außerstande, irgendeinen größeren Ansslug M unternehmen. „Sie sind gewiß robuster veranlagt, meine Teure," flötete die Rätin Lisa zu, „aber ich Mit meiner zarten Konstitution — — —"
„Nun ja, aber hi« den ganzen Tag sitzen bleiben möchten wir auch nicht!" unterbrach sie Eduard höflich, aber entschlossen.
„Tann wollen wir wenigstens nach der „Försterei" gehen, das ist knapp eilte Stunde Weg nach Meinem „Führer", soviel werden Sie doch noch- leisten können!"
„Also gut — mach dich fertig, liebe Ottilie!" sagte der Rat mit hochgezogenen Augenbrauen. „Da wir uns nun einmal Schillings angeschlossen Haben, müssen wir auch die entsprechenden Rücksichten nehmen!"
Daraufhin erhob sich Ottilie, um ihren Federhut zu holen, warf Eduard, der mit einem heftigen Hustenanfall kämpfte, einen strafenden Blick zu, und man brach auf — im Schneckentempo natürlich, des leidenden Zustandes der Rätin wegen. Ta sich indes die Angabe im Führer auf rüstige Fußgänger bezog, fv war nach Wlauf ein« Stunde von der Försterei noch: keine Spur zu entdecken, und der Rat bemerkte gerade, daß Herrn Schillings „Führer" ja äußerst zuverlässig zu sein scheine, als ein lauter 'Aufschrei seiner Gatsin ihm das Wort abschnitt.
„Engelbert — Mein Gott — hörst du denn nichts? W donnert ja!"
In i>« Tat ließ sich ein fernes Grollen vernehmen, und in den Baumkronen rauschte es bedenllich.
„Ein Gewitter! Mitten im Walde! Wir sind verloren!" jamMerle die Rätin. „Was sollen wir nur tun?"
„Weitergehn, wo wir wahrscheinlich' auf dem: falschen Weg sind? Und rasch? Das ist ganz' ausgeschlossen!" entschied der Rat und streichelte beruhigend Ottiliens ArM.
Eduard begann es allmählich heiß hinter der Stirn zu werden.
„Ich garantiere, daß wir auf Sein) richtigen Weg sind und binnen 10 Minuten an der Försterei — allerdings, wenn wir noch lange herum'stehen, kriegt uns das Wetter am Ende doch noch zu fassen!"
Ein fahl« Blitz und ein kräftiger Donnerschlag illustrierte wirksam, seine Worte — Mit einem gellenden Au'fkreifchen stürzte die Rätin ans eine Mächtige Tanne zu, umklammerte krampfhaft den Stamm und wimmerte:


