Ausgabe 
10.5.1913
 
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Mit heißen Augen stieß er bte Worte hervor:

O, ich verstehe nun den todtraurigen Zug um Jh'ren Mund, meine verehrte, gnädige Frau! Ich weiß nun, warum Ihre Augen so umflort sind! Sie ahnen nicht, wie es mich ergriffen hat, Ihren Gatten kennen zu lernen! Wie ich mich zusmnmennehmen mußte in seiner Gegenwart!

Sie streckte wie abwehrend die Hände gegen ihn aus, erschreckt von seinem Blick, von seinem leidenschaftlichen $0nO bitte, bitte! Kein Mitleid! Ich will nicht bemit­leidet sein!" rief sie fast flehend.

Mitleid! O nein! Es ist Nicht Mitleid, was ich für Sie empfinde! Mitleid ist armselig, kläglich, em bleiches, farbloses Gefühl, und in mir gliiht's vor Be­wunderung, Verehrung, Sehnsucht!" ,

Sie hatte sich rasch erhoben und griff mit stolzer Miene nach ihrem Hut.

Lassen Sie uns Abschied nehmen! Ick) mochte es nicht 'bereuen müssen, daß ich so alleiii ziu Jhneil kam! Ich möchte mir eine 'beschämende Erinnerung sparen!"

Ab'er er hatte alle Beherrschung verloren.

Er umklammerte ihre Hand und flüsterte hastig:

!Jch habe Sie geliebt, Marianne, vom ersten Augen- blick an, da Sie hereintraten in Meiii Atelier in Ihrer stolzen, königlichen Schönheit. Ich habe Ihnen stumm gegenüber gesessen und habe nicht gewagt, Ihr Gewand Kl berühren, mit einem Blick Ku verraten, wie Ihr Anblick mich berauschte. Aber nun, da ich weiß, daß Sie eine Glücklose sind"

Nun glauben Sie, daß die unglückliche, vernachlässigte Frau dankbar sein wird für jeden Tröster, der sich ihr anbietet!" unterbrach sie ihn in bitterem' Tone und mit einem' zornigen Anfblitzen ihrer sonst so sanften, milden Augen.

Ich weiß mir, daß der Mann Ihrer nicht wert ist, und Möge er hundertmal Ihr Gatte heißen und heilige, verbriefte Rechte an Sie haben. Ich habe ihn einmal beobachtet in einer Redoutennacht"

O, schweigen Sie! Schweigen Sie! Weil er treulos ist und unser Glück mit Mißen tritt, soll das mir ein Recht geben, Meine Pflichten zu vergessen und alles über Bord zu werfen, was mir heilig ist?" sagte sie mit einer Erregung, die ihm zeigte, daß; bei all ihrer scheinbaren Ruhe und Gelassenheit ein heißes Herz in ihr pochte.

,,Ja, und tausendmal ja!" rief er nun um so stürmischer, leidenschaftlicher.Ein Mann, der sich mit Weibern be­gnügt, der sich unter losem Gelichter gefällt, verdient as nicht, eine Frau zu besitzen eine Frau wie Sie! In stolzer Empörung dürfen Sie sich abwenden von ihm!"

Er ist der Vater meines Kindes, Herr Grönberg!"

Nun klang es weich und warm durch ihre Stimme, und ihre Augen schienen feucht vor Tränen.

Die Menschen sind grausam. Sie werden eines Tages meinem Sohn erzählen, daß! sein Vater ein Lebemann war, ein Stammgast auf allen Redouten, ein Genußmensch, von dem man fich die verschiedensten Abenteuer zuflüsterte. Ich werde es nicht hindern können. Aber das Bild seiner Mutter soll meinem Sohn unantastbar, makellos vor Äugen bleiben eine Liebe, an der sie ihn nicht wankend machen können."

Aber Sie selbst, Marianne! Sie sind noch jung! Die Natur hat Sie geschaffen, um geliebt zu werden, um zu beglücken! Wollen Sie sich in ihr Leid einspinnen und in trauriger Enttäuschung die Jahre hingehen lassen? Wollen Sie wirklich die dernütige Liebe fortstoßen, die so gern ein Lächeln ans Ihre Lippen bringen würde?"

Sie hatte sich von den Händen befreit, die sie um- klamMert hielten, und sich mit einer raschen Bewegung der Türe genähert.

/Ich bin sehr skeptisch geworden über das, was die Männer Liebe nennen," sagte sie mit einem herben Zug UM die Lippen.Der eine wirbt mit beredten Worten UM ein reiches Mädchen, weil er sich eine behagliche Exi­stenz schaffen will, der andere streckt die Hände aus nach einer ungebildeten, schutzlosen Frau, die ihr Gatte betrügt! Egoismus da und dort!"

Es ist viel an Ihnen gesündigt worden, Marianne! Das hat sie unrecht gemacht. Wenn ich nur den rechten, überzMgenden Ton finden konnte, um Ihnen zu sagen, ivas Sie mir sind! Aber gerade, wenn unser Empfinden

am ungebärdigsten nach Ausdruck verlangt, kommt mir ein hilfloses GestamMel über unsere Lippen."

Und wenn Sie mit Egelszungen redeten, es wäre nutzlos! Sie würden mich nicht wankend machen in meinem festen Entschluß, Mein Schicksal zu tragen; mir selbst treu zu bleiben. Niemand kann über seine Natur hinaus'. Für mich gibt es kein Glück, das ich auf dunklen Wegen suchen Müßte! Leben Sie wohl!"

Sie neigte noch einmal das schöne Haupt, mehr in schwerem Leid als in zorniger Abwehr.

Er verbeugte sich in finsterem Schweigen. So schieden! sie voneinander.

Den Köpf in die Hand gestützt, saß er lange regungslos und schaute mit starren Äugen aus den Sonnenstreifen, der zum Fenster hereinzitterte, in dem die Stanbatome tanzten, der auf dem Goldrahmen des Bildes glänzende! Reflexe auslenchten ließ, und die weißen Hände traf, daß sie wie lebenswarm auf dem dunklen Samt lagen.

Albern, abgedroschen, banal schien ih-nr alles, was er ihr gesagt. Er hätte sich selber schlagen mögen, weil er nicht eine passendere Wendung gefunden, um ihr Herz zu erschüttern. Dazwischen klang ihm freilich ein: hoff­nungslos ! nutzlos! durch den Sinn.Und wenn Sie mit Engelszungen redeten!" h Die gehörte zu den Frauen, die nur auf ganz klarer, korrekter und gerader Bahn ihr Heil finden, die Heldinnen an Treue, Hingebung und Opfermut werden können in ihrer Ehe, für ihre Familien, für die es aber keine Rettung, keine Umkehr gibt, wenn ihre Wahl ein Irrtum gewesen, die den Schwur, den sie. am Altar geleistet, heilig halten müssen, trotz alledem, und wenn sie auch schmählich betrogen werden.

Er lachte bitter auf. _

So gerecht war das Leben! So fugte das Schicksal die Menschen zusammen! Das waren die im Himmel geschlossenen Ehen!

Wenn er an das Sektgelage zurückdachte! An dieses kecke Frauenzimmergesindel, das sich um den abgelebten', fahlwangigen Sünder geschart hatte! Wie der sich da wohl fühlte, wie seine blasierten Augen die nackten Schultern gleichsam betasteten.

Und an diesen Menschen verschwendete sie, die Makel­lose, die Gewissenhafte, ihre unverbrüchliche Treue! -e O Hohn! O Wahnsinn!

In wilder Empörung, von Lebensekel erfaßt, sprang er auf.

Er konnte dieses Bild nicht mehr sehen, das ihn hier verfolgte mit dem todtraurigen Blick. Er konnte nicht mehr atnien in diesem Raum, der förmlich überfüllt war von Sehnsucht nach ihr. Nach ihr, die von ihm gegangen war, in stolzer Entfremdung auf Nimmerwiedersehen!

Fort! Heraus aus dem allen! Aus seiner eigenen weichen Stimmung! Er mußte wieder ein strammer Kerl werden, der sich nicht verwirren und niederdrücken ließ von einem blassen Frauengesicht. Nur weit fort aus der! Kultur, aus diesermoralischen Gesellschaft", vor der ihm so unsagbar graute!

In Hast schrieb er an den Spediteur, daß ein Bild verpackt, verschickt werden müßte; heute noch. In Hast packte er seinen Koffer.

Am Abend stand er schon am Schalter, um sich ein! Bittet nach Rosenheim zu lösen.

Er fuhr den Bergen zu wohin, wußte er nicht.

Nur eins war ihm klar, daß er auf unabsehbare Zeit den Stadt den Rücken kehren wollte.

(Fortsetzung folgt.)

DieTagestour".

Eine beinahe heitere Pfingstgeschichte.

Bon Hedwig Stephan.

Ganz aufgeregt, mit roten Backen und glitzernden Augen kam Fran Lisa Schilling aus demPostkafsee" zurück.

Nein, denk' doch bloß, Edi denk' doch bloß nial Frau Postrat Vorpahl hat mich gefragt, ob wir nicht zusammen eine Pfingsttour machen wollen nach Meinerzhagen_ am Sonnabend nachmittag fort und am 1. Feiertag abends wieder hier---

Herr Oberpostsekretär Schilling sah höchstlich betroffen von seiner Zeitung auf.

Nanu? Wie kommen wir denn zu der Ehre? Die haben sich wohl mit Börners gezankt, und jetzt sollen >vir Lückenbüßer