Ausgabe 
10.5.1913
 
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M3 Nr. 12

Zamtag, den zv. Mai

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Zwei Welten.

Roinan von Emma Merk.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Ms sie ihm zum letzten Male gegeuübersaß, packte, ihn eine Art Verzweiflung über diesen fremden, förmlichen Ton zwischen ihnen, den er sich so gegen seinen Willen hatte aufnötigen lassen.

Sollten sie wirklich auseinandergehen wie gleichgültige Bekannte, die sich lein marineres?, freieres Wort zu sagen gewußt, die nach kurzer Zeit vergessen, daß sich überhaupt jemals ihre Wege kreuzten?

~ Weiß nnd zart Muhten ihre Hände auf dem schwarzen Sammet des Kl-eides. Auch diese Hände hatten etwas Müdes, Trauriges.

Ein tolles Verlangen ergriff ihn, die Pinsel fortzu- werfen, vor ihr niederzustürzen und seine Lippen auf die schlanken, blassen Finger zu drücken.

Mein Mann wird heute kommen und das Porträt an- sehen," sagte "Marianne mit ihrem ruhigen Tonfall in dem tiefen Schweigen.

Das Mut schoß ihm in die Stirn.

Fast hätte -er laut und- lästerlich aufgelacht.

In der kühlen Bemerkung lag ein solcher Hohn auf seine leidenschaftlichen Gefühle,' auf die stürmischen Wünsche, die ihm durch die Adern fieberten.

Ihr Mann!

Natürlich! Warum sollte er nicht kommen? Und er, der Künstler, mnßt-e auch noch recht höflich sein gegen den Herrn Baron, den Auftraggeber und geduldig die mehr oder minder alberne Kritik mit anhören, die er über das Bild aussprechen würde.

Ich kann, ich will den Menschen nicht sehen! Ich er­trage es nicht! schrie es in ihm, und seine Hände krampften sich mit die Palette, er biß die Zähne aufeinander in schmerzlicher, eifersüchtiger Wut.

Ader als dann an der Tür geklopft wurde, rief er doch .Herein!" und sprang Höflich auf und ging dem Besucher entgegen.

Was das Leben doch für eine lächerliche Komödie ist! dachte- er, während er sich verbeugte.

Mit knarrenden Stiefeln, mit dem Monokel im linken Auge, den Zylinder in der Hand, ging Baron Flassan durch das Atelier, warf neugierige Blicke umher, nickte seiner Frau ein wenig zu sehr gleichgültig, wie es Grönberg schien und trat dann vor das Bild.

Grönberg ärgerte sich über jebe Bewegung, über seinen Gang, seine Manieren, über, seine Miene, über den ganzen Menschen.

In dem hellen Licht fiel es ihm plötzlich aus: dieses fahle Gesicht kenne ich doch! Wo habe ich diesen blasierten Kerl schon gesehen?

Flassan ließ das Monokel aus dem Auge fallen, kniff die Lider zusammen, ging ein paar Schritte zurück, gie« berd-ete sich so recht als Kenner.

Du kaunst dich bei Herrn Grönberg bedanken, ma chsre", sagte -er mit einem kurzen, widerlichen Lachen. Siehst ja fabelhaft interessant aus auf dem Bild. Famos! Dieser Sammet! Hervorragende Technik! Allerlei Hoch­achtung!"

Seine Blicke irrten gleich wieder ab von dem Porträt, er spähte im Atelier umher, betrachtete ein paar Skizzen und griff dann mit indiskreter Neugier nach einer Akt­studie, die Grönberg absichtlich in den dunkelsten Winkel verräumt hatte.

Ist das -ein hübscher Racker!" stieß- er mit einem zynischen Schmunzeln hervor und deutete auf die weiße Schulterlinie und das rote Gelo-ck eines Modells.

Ja, ja, diese Herren Maler!"

Da durchfuhüs Grönberg plötzlich.

Er sah wieder den Tisch in der Loge des Deutschen Theaters, -an dem Maskenballabend, den Lebemann mit den fahlen Zügen, den die losen Dämchen umringten, biefen alten Sünder, der ihn so angewidert hatte.

Der war'sl Das Faungesicht!- Das war ihr Gatte!

Einen Moment lang hatte er ein Gefühl, -als müßte -er d-en Manschen niederschlagen.

Kaum die allerg-ewöhnlichste höfliche Redensart brachte er mehr über die Lippen.

Zum Glück verabschiedete sich der Baron rasch, rief aber noch über die Schulter hin:

Warte nicht mit dem Essen. Ich habe ein kleines Herren frühstück im Restaurant franyais. Adieu!"

Famoses Atelier!" sagte er darauf beim Herausgehen huldvoll zu dem stumm sich verbeugenden Künstler. ^Wer­den sich manchmal schön amüsieren! Verfluchte Kerle, diese Maler, ja, ja!"

Erich Grönberg trat wieder von der Tür zurück.

Er blieb ganz stumm, aber seine Nerven prickelten, das Mut hämmerte in seinen Schlafen.

So viel heiße Empörung war in ihm und so viel Jubel zugleich.

Nein, diesen Mann konnte sie nicht mehr lieben! Es war undenkbar, unmöglich-, daß sie anderes für ihn emp­fand als Ekel, Granen, Verachtung!

Ein tausendfaches Recht gab er ihr, sich frei zu mäch-eu von ihren Pflichten, sich bessere Liebe zu suchen!

Er hatte die Palette nicht wieder zu.r Hand genommen.

In heftiger Erregung stand er am Fenster, um Fassung, uni Ruhe ringend-, nach dieser kurzen Szene, die ihm mit einem Schlage gezeigt hatte, was ihre Ehe wär.

Aber Uwzn sollte er jetzt noch schweigen? Wozu noch Niederkämpfen, was er an heißem Interesse, an Wärme, an überströmendem Gefühl für sie übrig halte!

Er trat vor sie hin, die Mit unbewegtem Gesicht, wie müde, den Kopf an die Kissen lehnte.