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'Eva wagte kaumütehr, das' Schlafzimmer ihres Gatten tot betreten; sie merkte es, wie er sich schämte, sich mit Lielbstvorwürfett peinigte. 1
Eines! Tages schickten die Damen den alten Drewel |M ihm. !
„Na, Herr Oberleutnant, - die letzte Dummheit haben Nie ja quitt gemacht!"
Da zuckte es in Hans-Wilhelms Gesicht.
„Drewel, was für'Mu Lump bin ich —1 w as für ein leicht- ktnntger Lump!" ।
Hübsch langsam, sonst kommt wieder das Fieber!" t/SHe Wirtschaft ist natürlich in Grund und' Boden?" --Gott bewahre, sie steht in Glanz und Würden." „Lügen Sie mir.nichts vor, Wer — verrückt bin ich »richt mehr!" |
Da nimmt Drewel Zeinen Stuhl !und setzt sich an das Nett seines Herrn.
„Es' hat einen tüchtigen Krach mit dem' Grasen gegeben." t
„Das kann ich mir denken."
„Die gnädige Frau ist aber die Antwort nicht schuldig Webneben." 1
„Wieso?" i
Ja, Herr Oberleutnant," Drewel stand auf, „sie hat die zweite Hypothek, die uns' drückte, gekündigt, Haus und Ställe werden jetzt ausgebessert, neues Vieh haben wir auch tn den Ställen — eine ganze Menge!"
Da fährt sich Hans-Wilhelm mit zitternder Hand über die Stirn.
Rufen, Sie meitt Weib, Drewel, und lassen Sie uns allein!"
Eva tritt ein, das Kind auf dem Arme.
„Nun, Hans-Wilhelm, fühlst du dich kräftiger?" „Setz dich auf das' Bett, Eva, und gib mir mein Kind." Sie tut's. Er sieht seinent Weib in die Augen.
„Dein Erbteil hast du dir auszahleu lassen und bis auf den letzten Pfennig in das Gut gesteckt?"
„Ja, Hans-Wilhelm, bis auf den letzten Pfennig."
>,Eva!" 1
Es würgt ihm in der Kehle.
Sein Weib sieht ihn fest an.
-„Wenti du jetzt nicht Herr deiner Leidenschaft wirst, sind wir und das Kind beimatlos. Papa hat mich wissen lassen, daß er uns nur noch ein etnzjiges Mal hilft — mit jenen zwanzigtausend Mark, die du ihm einst zurückgegeben hast, und die erhalten wir erst auf dem Schiffe ausgezahlt, wenn wir uns verpflichten, auszuwandern!"
Ganz ruhig hat es Eva von Moreth gesagt.
Ein stiller Mann, dessen Haar an den Schläfen bereits Lrgraut ist, geht seiner Arbeit nach. Er kennt nur die Pflicht. Bon den Markten hält er sich möglichst fern, diese Geschäfte besorgt der alte Drewel, der leider schon recht klapprig geworden ist. Hans-Wilhelm hat kein Geld übrig, einen neuen Oberinspektor kann er sich nicht leisten, er schafft sonst alles selbst. Auch den Abschied hat er genommen, das Neben ist zu kostspielig, und seine Gesundheit hat einen Knacks bekommen.
Von Zeit zu ßeit besuchen Geinsheim, der soeben eine Division in Stettin bekommen hat, und der Rittmeister Graf kö'eerenburg Moreths.
Hans-Wilhelms Mutter sitzt noch häufiger über der Mbel und über ihres Mannes Briefen. Auch Eva kränkelt öfters. Die Aufregungen tvaren nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Dem Ehemann schnitt ihr Leiden ins Herz — er trug die Schuld. 1 Aber Schuld wascht man ab durch! Arbeit und Gottvertrauen. i
So lebten Moreths still ihire Tage dahin.
Einmal hatte Eva versucht, beit Frieden mit dem Vater herzustelleu, aber selbst das „Bitte, bitte!" des .Kindes Vermochte sein Herz nicht zu erweichen.
„So lange du das Weib! des Lumpen Moreth bleibst, bist du meine Tochter nicht!"
Da war sie mit Tränen in den Augen gegangen.
Der Graf aber hoffte Tag! auf Tag! auf ihre Rückkehr.
*
Als die Jahre kauten und' gingen, war er ein gebrechlicher Greis geworden. Er hörte nur Gute? über Hans- Mlhelm. Da tauchten tn tönt doch Zweifel aus, ob er seinen Schwiegersohn am Tags des Sturmes richtig eingeschätzt hatte. Wenn er doch besser war? Seinem Vater ähnlicher?
Er sehnte sich nach Frieden. Wenn Eva von neuem ge-
komnten tväre, er hätte sie mit offenen Armen aufgenommen. |
Aber sie verließ seit Jahren Moreth nicht mehr.
*
An einem schönen Frühlingstage rollte Hans-Wilhelms Wagen vor dem Glossvwer Schloßportctle vor. Die Keine Edith entstieg ihm. 1
wJch will zu Großpapa!" rief sie dem Diener zu.
Der Graf eilte seinem Enkelkinds entgegen, so schnell ihn seine alten Beine trugen.
„Edith, was willst Du?"
„Großpapa, komm schnell IstJch habe ein Brüderchen bekommen." s
Nach sechs langen Jahren schien drüben wieder dis Sonne des Glückes.' Da fuhr der Graf mit feinem' Enkelkinds hinüber nach Moreth!. t
Hans-Wilhelms Augen glänzen.!
„Daß ich hier stehe, festen Fußes auf mein er Väter Land — das verdanke ich der Frauenliebe!"
Agathe von Moreth! nimmt den Kopf ihres großen Jungen in ihre schmalen Hände.
„Frauenlieb-e hat dich' gerettet, ihr verdankst du, daß ein Hans-Moreth wieder mit blauen Augen tn die Wett blickt! Wacht über ihn, wie ich einst über dich gewacht!"
Hans-Wilhelm steht am Bette seines Weibes; fie streckt dem Vater die Hände entgegen.
i„Ja, Kinder, nun sei Frteden zwischen uns!"
Da hatte Frauettliebe vollends gesiegt.
Die „göttliche Kulmus".
(Zu ihrem 200. Geburtstag, 11. April).
„Ta Professor Gottscheds Mund die berühmte Kulmus küßt, welche eine Meisterin schöner Wissenschaften tft," — brach eine neue Blüte der gelehrten Zeiten am Pleiße-Strande an. So schildern es die zahllosen Poeten, die zum Ruhme der jungen Frau die Leier stimmten, und was damals Luise Adelgunde Victorie Kulmus als Mädchen versprochen, hat die Gottsched in in reichstem Maße gehalten: „die gelehrteste Frau Deutschlands", nannte sie bewundernd Maria Theresia, und auch ins Ausland drang der Ruhm der „göttlichen Kulmus", die man als Dichterin die „berühmte Sappho", als Gelehrte die „zweite 'Dacier" nannte.
Die „geschickte Freundin" des Literaturpapstes, die nicht pur ihr Mann mit vollen Backen lobte, hat gar viel in ihren Ueber- setzungen, in ihren so menschlich feinen Briefen für die Beseelung und Belebung der deutschen Sparche getan; sie hat als Dichterin rn noch heute lesbaren Lustsprelen amüsante Kulturbtlder der Zopfzeit gezeichnet, hat gegen Muckertum und Franzosenverehrmrg, für deutsche Bildung und deutsche Musik gewirkt; aber ihr geschichtlicher ERenplah liegt doch in der Stellung, die sie der deutschen Frau eroberte. Sie hat zum erstenmal in unserer neueren Kultur bewiesen, daß „das schwächere Geschlecht dem' stärkeren gleich zu achten", daß eine Fratt Gelehrsamkeit und weiblichen Sinn wohl zu vereinen vermag. D'enn die Gottschediu hatte nichts voM „Blaustrumpf", einem Begriff, den eben erst die Ladh Hamilton -eingeführt hatte, der aber tatsächlich schon seit langem! bestand und sich bisher stets auf solche Damen hatte anwendckt lassen, die über die Schrankm ihrer Häuslichkeit hinausstrebten. Tie anmutige Frau, aus deren Augen Klugheit und Schalkhaftigkeit blickten, die eine zarte Weichheit der Empfindung mit einer charakteristischen Vorliebe für kleine Bosheiten .verband, die sich in ihrer Bescheidenheit dem' despotischen Mann völlig unterordnete, war ein durchaus weibliches Wesen, und diese treue Bewahrung der angeborenen Eigenschaften hebt sie in einer Epoche der Unnatur über ihre Umgebung, läßt sie menschlich reicher und anziehender! erscheinen als ihren rasch in Pedanterie verknöcherten Mann. Man hat ihr Leben als ein „Hinsiechen ausstder gelehrten 'Galeere" dargestellt, gleich als wenn sie unter den übermenschlichen Lasten der Arbeit, die ihr in ihrer Ehe aufgebürdet wurden, zusammengebrochen wäre, aber man verkennt dabei ihren eigenen Ehrgeiz, ihren steten Wunsch nach Beschäftigung, die leichte Beweglichkeit ihres nimmermüden Geistes. Wenn sie sich die Finger wund schrieb, iirdeml sie die dicken Bände der Gottschedschen Unternehmungen, die „Deittsche Schaubühne", die „Beiträge" und „Belustigungen", die Üebersetzungen des Vay- leschen Wörterbuches und der Geschichte der Pariser Akademie, unermüdlich anfüllte, so nannte sie selbst diese Arbeit ihre „größte Lust". Nichts wollte sie weniger sein als eine Pedantin. Deshalb' suchte sie alle Ehren abzulehnen. Mit denen sie der mächtige Gatte verschwenderisch überschütten wollte, deshalb nahm sie srch in acht, durch das Lateinisch- und Griechischlernen nichts von ihrem!'wahren Gefühl einzubüßen. Hinter halbgeschlossener Türe lauschte sie bett Vorlesungen des Professors, der in seiner Wohnung den Studenten dozierte. Wie hat sie sich nach Kindern gesebut, 'aber nur Bücher, unendlich viele Bücher wuchsen astS der Ehe der „gelehrten Zwey"


