Ausgabe 
10.3.1913
 
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15b

Die kritisierten.

Won Ludwig Hirschfeld.

S e l b st g e s p r ä ch d e s K r i t i k e r s,

Mit jemand anderm als mit mir selber werde idji nämlich halb nicht mehr sprechen können. Denn ich bin so ziemlich der Einzige, den ich bisher noch nicht ungünstig und abfällig kritisiert habe. Die übrige Menschheit besteht für mich aus zwer Gruppen: Leute, die ich bereits kritisiert habe, und solche, die erst dran kommen, und mit beiden kann ich nicht aufrichtig und unbefangen sprechen. Natürlich, ich weiß schon, man soll die Sache und die Person auseinander halten. Es kann einer miserable Stücke schreiben und dabei ein reizender, seiner Mensch sein, gewiß ich kenne sogar sehr viele reizende, feine Menschen. Aber das Nuseinanderhalten ist doch nicht so leicht. Ich bin zwar, immer dazu bereit und es macht mir gar' nichts, mit jemand nachmittags in herzlichem Gespräch über den Graben zu gehen und ihn pbends ebenso herzlich zu zerreißen. Aber die anderen, die Kri­tisierten, die sind nie so objektiv. Die halten niemals die Sache Nnd die Person, die Kritik und den Kritiker auseinander. Wer über sie künftig schreibt, ist ein gescheiter und lieber Kerl, und wer es nrcht tut, ist ein Schuft und ein Ignorant. So ost ein schlechtes Stück aufgeführt wird, heißt es nachher, daß ich nichts perstehe und ein gehässiger, mißgünstiger Bursche sei. Dabei hin ich persönlich ein so sanfter, ruhiger und gutmütiger Mensch Und die Leute, die mich kennen lernen, sagen mir immer:Ich hab' Sie mir ganz anders vorgestellt, viel älter, mit einem langen, grauen Bart, überhaupt als einen ekelhaften Kerl. . ."

Nein, es ist durchaus kein Vergnügen, ein Kritiker zu sein. Sich geängstigt in einem Milieu von lauter Kritisierten zu bewegen, nie zu wissen, ob man erbitterte Freunde oder herzliche Feinde bat. Denn das wechselt ja fortwährend, und meine einzige be­scheidene Freude ist es noch, diesen Wechsel zu beobachten, das Verhalten der Kritisierten vor und nach der Premiere, vor und nach der Kritik, wie sie aus glühenden Bewunderern zu eisigen Beleidigten werden und umgekehrt. Das ganze Auf und Nieder von Eintagsleidenschaften, die man nicht zu ernst nehmen darf, und die immer ein bißchen übertrieben und unecht sind, wie alles, >vas zum Theater gehört. , >

Auch unter den Kritisierten gibts verschiedene Kategorien. 'Zum Beispiel der Direktor, der immer mit so wutverzerrte Liebens- ivürdigkeit grüßt. Wenn ich an die Abendkasse trete, mit der immerhin auffälligen Absicht, mir einen Sitz zu kaufen, läßt er mich abfangen und will mir die Karte umsonst (geben, und ich habe Mühe, mich dieser gewalttätigen Liebenswürdrgkeit zu er­wehren. Dabei ist dieser Direktor sonst ein sehr heftiger Herr, der das Publikum in Ansprachen frozzelt und Mit Galeriebesuchern debattiert. In seinen Premieren schaut er mich immer von der Bühne so drohend an, daß ich jeden Moment glaube, er wird mir einige Grobheiten zurufen. Oder er beobachtet von seiner Loge aus die Kritiker, ob sie auch brav und ruhig sitzen, nicht schwätzen und sich über die Schwächen des Stückes unterhalten . . . Ein anderer Typus ist der Operettendirektor mit dem Gulaschakzent. Man kann schimpfen, wie man will: er ist immer von einer üvvigen Herzlichkeit, immer aus dem Sprung, einen zu umarmen. Wie das Schillersche Mädchen sträube ich mich in seinem^ehnichten Tantiemenarm gegen die verdächtige direktoriale Zärtlichkeit vergebens: das Umarmen von Kritikern ist eines seiner eisernen Geschäftsprinzipien. Höchstens, daß er mir den klagenden Bor- Wurf macht:Aber lieber Freund, warum schimpfen? Operett' ist doch fei Kunst. Wozu Kritik? Hob ich zweihundertfünfzig Menschen zu ernähren. . ." Es wird überhaupt fortwährend an mein Mitleid appelliert, an mein gutes Herz, das sich infolge­dessen nach und nach völlig verhärtet hat. Im Lauf eines Pre­mierenabends bringt man mir alle möglichen Milderungsgründe zu meinem Ecksitz:Der Autor hat sich unlängst den Blinddarm operieren lassen sein jüngstes Kind.hat Masern er hat das Stück während der Flitterwochen geschrieben." Oder:Was liegt Ihnen dran loben Sie's. Lang geht so 'was ohnehin nicht. Es ist ja ein schwaches Stück, aber er weiß es selber." Oder: >,Er ist ein sehr ordentlicher braver Mensch" dann ist es aber schon eilt sehr schlechtes Stück. . . Manche warnen rind drohen auch:Warten Sie nur, bis von Ihnen ein Stück,herauskommt, da werden Sie schon sehen." Na, so werde ich.eben sehen.

Anders verhalten sich wieder die Schauspieler, Die sind immer bestrickend und bezaubernd, die Herren wie die Damen, die überdies von der Bühne aus ihren verheißungsvoll leuchtenden Blick tief in den meinen versenken, so daß idji unfehlbar betört würde, wüßte ich nicht leider genau, daß sich dieser herrliche Blick ebenso tief in die Augen Meiner kritischen Kollegen versenkt. Im Eaföhaus begrüßt mich vor der Premiere die Operettengröße mit treuem, herzlichem Händedruck:Wie gehts Ihnen, lieber Doktor? Sie schauen schlecht aus Sie sollten wegfahren . . ." Aus der andern Ecke kommt aber einer und sagt:Wie glänzend Sie ausschauen und wie reizend Ihr letztes Feuilleton war . . ." Und ein Dritter streichelt meinen Otterkragen und sagt:Was Sie für einen schönen Pelz habet: ..." ,

Am interessantesten benehmen sich aber doch die Autoren. So­lange jemand nicht aufgcführt wird, kennt man ihn nicht. Dann kommt erst der wahre Mensch zum Vorschein. Berühmte Eklinge

werden charmant, abgeklärte hochliterarische Geister volkstümlich und leutselig, Augenleidende werden sehend und Lümmel wohl- erzogen. . Man erlebt seine Wunder. Ich kenne sogar Autoren, dte sind in der einen Saison nett, in der andern arrogant, je nach pent, ob sie aufgeführt werden oder nicht. Diese Umwandlung fangt gewöhnlich vier bis sechs Wochen vor der Premiere an, wenn die ersten Notizen erscheinen. Der Autor sieht plötzlich gut, kann artig grüßen, hängt sich ein, wird mitteilsam, klagt über dte Proben, Über den dramatischen Beruf und warnt mich:Bleiben Sie bei der Wiener Skizze . . ." Er begleitet mich bis.zur Tram­wayhaltestelle, gibt mir Feuer, dramaturgische Winke uno Züge aus setnent Leben. Besonders arge Heuchler sagen:Wenn Sie darüber schrieben das wäre mir eigentlich am liebsten. Sie verstehen mich, Sie haben das nötige Feingefühl. . ." Auch die Gattin,, die Freundin, der Hausfreund blicken nett und wohlgefällig auf mtch, und ich habe ba immer so ein eigentümliches Gefühl, denn ich weiß, daß ich soviel Liebe und Vertrauen nicht verdiene ich kenne mich. Und meistens behalte ich recht. Am Morgen nach der Premiere schaut die Welt plötzlich ganz anders aus. Der Autor von der Tramwayhaltestelle sieht mich wie durch einen dichten Nebel an: Wer bist du? Woher kenne ich dich nur? Gattin und Freundin machen bei meinem Anblick beleidigte, hoffärtige Damen­gesichter, und sogar der Hausfreund ist merklich abgekühlt. In der nächsten Premiere sitze ich verachtet und gemieden auf meinem Ecksitz, niemand kümmert sich um mein Aussehen, niemand lobt mein letztes Feuilleton, niemand streichelt meinen Otterkragen . . . Höchstens, daß ein sittlich Entrüsteter zu mir kommt und überlegen sagt:Wenn man jemand persönlich kennt, schimpft man nicht so."

Nein, es ist wirklich fein Vergnügen, Kritiker zu sein. Für mich wenigstens wird es von Tag zu Tag schwieriger. Es gibt doch heute überhaupt keinen Menschen, der nicht talentiert ist oder Beziehungen hat, der nicht Stücke schreibt, bearbeitet, übersetzt, verlegt, der nicht mit einem Autor, Schauspieler, Kom­ponisten, Direktor oder Verleger verwandt oder befreundet ist. Auf allen Seiten diese Rücksichten und Empfindlichkeiten das halte ich nicht aus, das irritiert mich. Für mich gibts nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich schimpfe so weiter, bann werbe ich mich bald mit allen Menschen verfeindet haben und mit keinem mehr grüßen. Ober ich andre meinen Ton, werde mild, nachsichtig, nett und gefällig, bann werde ich aus einmal beliebt fein und lauter gute intime Freunde haben nein: ich schimpf doch lieber weiter . . .

Der Tag des Eisernen Kreuzer.

(10. März.)

Am 10. März vor 100 Jahren, am Geburtstag der Königin Luise, wurde das schlichte Symbol dieser großen Zeit, das Kreuz aus Eisen, geschaffen. Der tiefe religiöse Grundzug der Bewegung fand seinen Ausdruck in diesem einzigen Ehrenschmuck des heiligen Krieges. Das schlichte Blechkreuz trug jeder ÜandwehrmÄnn auf der Mühe: das Kreuz aus Eisen sollte jeder, der es sich im Be­freiungskampf errungen, stolz auf der Brust tragen. Bisher hatte es int preußischen Heer zwei Orbenszeichen gegeben, den Orden pour le nterite ausschließlich für die Offiziere, das Militärehren- zeichen ausschließlich für die Mannschaften bestimmt. Für das neu zu schaffendeVolk in Waffen" durfte es nur noch einen Ehrenschmuck geben, bett Scharnhorst bettVerdienst - Orden" nannt; nicht bei Truppenschau und Prunkfestlichkeiten sollte er verliehen werden, wie die früheren Orden, sondern allein für eine ausgezeichnete Tat im Kampf gegen bett Feind. Nachdem nunmehr das Volksheer begründet war, säumte der König nicht, auch diesen bisher auf dem Papier gebliebenen Plan zur Wirklichkeit zu machen. Das Vorbild des schwarzen Kreuzes auf weißem Mantel, das die preußischen Ordeitsritter als ihr heiliges Zeichen so ruhmvoll verteidigt hatten, möchte bei der Stiftung dieses neuendeutschen Kreuzes" vorschweben. Der Anstoß zur Stiftung ging von Fried­rich Wilhelm selbst ans.Ich habe," erzählt Boyen,den eigen­händigen ersten Entwurf des Königs sowie die von ihm mit Blei­stift entworfene Zeichnung selbst in Händen gehabt. Es war dies in jeder Hinsicht ein glücklicher Gedanke: die Eigentümlichkeit des gewählten Zeichens, welches von allen bisherigen Dekorationen abwich, das Metall, ans den: es bestand, und das zugleich als Symbol der Zeit dienen konnte, die Form, die an die deutschen Ritter in Preußen erinnerte, vor allem aber das gleiche Anrecht des Soldaten wie des Generals gaben diesem Schmuck einen großen Wert und erzeugten bei dem allgemeinen Wunsch, ihn zu erwerben, mehr als eine kühne Tat." Mag die erste Skizze des Kreuzes, die sein ungefähres Aussehen feststellte, vom Kömg selbst oder nach seinen Angaben von den: Kriegsrat iEinsiebel, wie andere Quellen berichten, entworfen worden fein, feine eigentliche einfach edle Ge­staltung erhielt es von Künstlerhand : ber Entwurf wurde Sch: n- kel, dem genialen Meister, in dessen Kopf sich damals zugleich großartige monumentale Pläne zur Verherrlichung der Zeit form­ten, nach Berlin gesandt und von ihm in der allbekannten Form ausgesührt mit den drei Eichenblättern in der Mitte. Zum Stistungstage ward der 10. März, der Geburtstag der unvergeß­lichen Königin Luise gewählt, ans derenTränen die Saaten des Völkersrühlings so herrlich aufsproßten". Tie Verordnung über die Stiftung wurde zugleich mit dem AufrufAn me:n Volk am 20. März in den Zeitungen veröffentlicht.In der jetzigen