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Wetterharte Eich« ;— ein Mann, ich, Haus-Wilhelm von Moreth! Es ist int Himmel mehr Freude Wer einen Sünder, der Buße tut, denn über neunundneunzig Gerechte! Wer von euch will richten über mich? Schätzt mich ein, wie ich seitdem bin und wer das nicht kann, darf nicht mein Richter sein! Der beste Wein war einst unklarer Most. Am Strom der Welt, da wird der Mensch geläutert, erst dann tritt der Charakter ganz zutage, und nochmals sag id} euch: Was war, das war, was ist, wird fein, das betrachtet!"
Da glaubte Hans-Wilhelm an seine Zukunft!
Aber die Unruhe kam schnell ivieder über ihn. Wenn er nur wüßte, wie es um seine Mutter stand.
Die Zeit hatte Erbarmen mit ihm, näher und- näher trug ihn der Zug der Heimat entgehn.
Er mußte umsteigen.
Furcht hatte ihn beschlichen, Onkel Releudorff würde womöglich hier auf dem Bahnhofe sein und ihm sagen: „Deine Mutter ist nicht mehr!" Niemand war zu entdecken, erleichtert atmete er auf. Aber nun ging ihm Onkel Relendorf durch den Kopf. Der hatte immer so eine Art, ihn abzukanzeln, deutlich verletzend, und doch ließ er sich nicht packen. Wie ein geprügelter Hund schlich er, ein Offizier, sich immer von ihm.
Und Eva! Gut, daß er die antreffen würde, mit der konnte er reden, wie es ihnr ums Herz war, bei der würde er Verständnis finden! Ja, sein sollte sie werden, nachdem tzr morgen ihrem Vater die geborgten zwauzigtausend Mark samt den Zinsen zurückerstattet hatte!
Noch dreiviertelstunden hatte er mit der Kleinbahn zu fahren, dann war er zu Hause. Bei jeder Station sah er aus dem Fenster, ob er nicht einen Bekannten erblickte, den er fragen konnte, wie es seiner Mutter gehe. Wie verhext war es — keiner tarn! Sonst war er den letzten Teil der Strecke eigentlich immer mit einem gefahren, mit dem er sich „aus-, quatschen" konnte.
Endlich — Hans-Wilhelm hatte sich weit aus dem Fenster hinausgebeugt — sah er in der Ferne den kleinen Bahnhof aus roten Ziegelsteinen auftauchen. Von, dort fuhr er eine halbe Stunde mit dein Wagen und, auf dem Bahnsteig — ja, sah er denn recht? ■— stand seine Mutter und winkte mit dem Taschentuche.
Im Moment war er wie vor den Kopf geschlagen, dann stieg ihm ein bitteres Gefühl auf. Dieser Beeren- hurg hat ihm einen Bollen aufgebunden, um ihn schleunigst nach Hause zu lotsen. Und er war in Spa so schön heim Gewinnen s^tvesen! Und dann die Angst, die namenlose Angst ous der ganzen Reisest Wie verweht waren glle guten Vorsätze. Man hatte ihn wie einen dummen Jungen hinters Licht geführt.
„Hans-Wilhelm, willkommen in der Heimat!
Er gab der Mutter einen Kuß. Da geht ein Fröstelit durch ihren Leib, sie sieht den Sohn nut starren Augen an. So küßt Kindesliebe nicht.
„Was ist dir?"
„Nichts, Mama, nichts."
Seine Worte überstürzten sich, dann reichte er ihr den Arm und führte sie zum Wagen.
Frau von Moreth sagt kein Wort mehr.
Plötzlich fährt Hans-Wilhelm, der zusantmengesunken in einer Ecke gesessen hat, aus seinen Träumereien auf.
„Denke nur, der Beerenburg, das Schaf, hat mir gesagt, du seist totkrank!"
Da läßt die arme Frau den Kopf sinken; sie weiß genug.
7. Kapitel.
Das Leben hatte Frau Moreth gelehrt, sich zu beherrschen. Heute fiel ihr das aber unsagbar schwer. Sie hatte sich die Heimkehr ihres Jungen anders gedacht. Ein ganzes Jahr war verstrichen, da sehitt sich doch ein Kind, und ist es auch zehnmal ein Mann geworden, nach Mutterliebe. Doppelt hatte sie sich auf Hans-Wilhelms Kommen gefreut, weil er so lange nicht um Geld geschrieben, sie war berechtigt gewesen zu dem Glauben, er sei vernünftig geworden. Und ttun? Stumm lehnte er in seiner Ecke mit gefurchter Stirn. Nach all den Aufregungen war der Rückschlag ge- konMen, er fühlte sich gewissermaßen enttäuscht. Die Mutter wär gesund. Er dankte Gott dafür. Wer daß ihn dieser Beerenburg gerade in dem Moment vom grünen Tisch weggeholt, als ihm das Glück lächelt«, war scheußliche Nicht einmal seinen Kameraden und Freunden brauchte jr das Geld abnehmen, nur unbekannten Leuten, die aus
dem Spiel ein Geschäft machten und auch noch genug übrig hatten, wenn er ihnen eine halbe Mlllton wegholte.
Da mahnte ihn aber doch das Gewissen. Mächte er denn nicht auch aus dem Spiel ein Geschäft? Er wollte den moralischen Katzenjammer von sich weisen, aber es gelang ihm nicht. Da kam eine sinnlose Wut über ihn, weil er sich ohnmächtig fühlte, gegen den guten Kern, der in ihm steckte, anzukämpfen. Er sah nicht einmal klar, nur das dumpfe Gefühl hatte er: mache es wie du willst, immer wird es verkehrt! Zuschlägen mußt du bei der ersten besten Gelegenheit und wenn es mit dem Beil auf einen Hackklotz ist!
Das war es, körperliche Arbeit brauchte er, um seine Nerven wieder zur Ruhe zu bringen. Zufassen an allen Ecken und Enden, dann wollte er den Schmutz an seinen Händen segnen, der sollte seit: Herz rein scheuern von allem Unrat.
Aber im nächsten Augenblick, sprangen seine Gedanken wieder auf den Spieltisch über. Das war ja alles gut und schön, hätte er sein Geld nicht leichtsinnig verplempert, so wäre jetzt die Stunde gekommen, in der er mit Freuden sagen konnte: „Nun adieu, geliebter Koller, an die Wand mit Küraß, Pallasch und Helm, jetzt werde iclji Krautjunker, wie es meine Ahnen waren. Das erhält gesund, macht den Blick frei, und wenn der König ruft, na, dann bin ich auch noch da, und werde ebenso, ohne! mit der Wimper zu, zucken, in den Tod reiten, wie es mein Vater getan!"
Aber so? Als armer Kerl ftd} plagen und schinden und die Nerven mürbe reiben an den Aufregungen, ob! man zu den Terminen die Hypothekenzinsen zahlen kann? Nein, das ging nicht, nein, das hielte Haus-Wilhelm nicht aus, das war Sache seines Oberinspektors, des alten Drewel, da blieb er lieber weit weg vom Schuß und drillte Rekruten! lind doch ärgerte er sich über den Widerstreit. Konnte er denn nicht mehr klar denken? Spiel, Dienst, das Gut — wild wirbelte es in seinem Kopfe durcheinander.
Und seine Mütter saß neben ihn: und schwieg. Er warf ihr einen Blick zu. Jünger war sie in diesem Jahre nicht geworden — im Gegenteil. Da sing doch sein Herz gewaltig an zu hämmern. Schon seit fünf Minuten fuhr man durch Morethsche Fluren, keinen Blijck hatte er auf das Erbe seiner Väter geworfen, und' da tauchte gerade aus dem Grün der Bäume das langgestreckte Herrenhaus und der Wirtschaftshof aus. Eine Fahne wehte im Winde. Wohl ihm zu Ehren? Da stieg ihm die Scham in di« Wangen. Hatte er gewuchert mit seinem Erbe? Nein, verschleudert, verspielt — und man flaggte, weil der Bankerotteur heim kam!"
Da legte er die Hand auf die der Mutter.
„Verzeih, Mama, ich bin kaput, es soll besser werden mit mir!"
Da schluchzte die schwergeprüfte Frau auf.
„Hans-Wilhelm, wenn ich das noch erlebte!"
Der Wagen bog von der Landstraße ab, nach, der Lindenallee; die Wirtschaftsgebäude lagen vor seinen Augen.
„O weh, die sehen böse aus!"
„Der Winter hat sie arg mitgenommen."
„Sie müssen aus gebessert werden."
„Es fehlt an Geld, Hans-Wilhelm."
„Morgen wird angefangen," ertoiberte er energisch.
Die Mutter schwieg, sie dachte an die leere Kasse.
Der Wagen hielt. Frau von Moreth begleitete ihren Sohn in ihr Zimmer. Der Park lag vor seinen Fenstern.
„Alles hast du lieb nutz gut tote immer hergerichtet, Mama!"
„Du kommst herunter zu mir, nicht wahr?"
„Ja, das heißt — sagen wir in einer Stunde. Ich bin abgespannt von der langen Reise — na, so lang ist sie ja eigentlich nicht!" Seine Mutter sollte doch nicht wissen, woher er kam. „Aber 'ne Stunde wird doch vergehen, Bestelle das Essen auf halb neune. Die Sorge um dich hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Wer dann bin ich, wieder int reinen mit mir."
Stumm nickte die Mutter und ging.
„So ein Mann hält doch rein gar nichts aus," dachtet sie, „meine Sorgen hätten Hans-Wilhelm längst erdrückt.^
Schnell wusch er sich und zog sich um.
(Fortsetzung folgt.)


