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Roman von Horst Bodemer.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Da fand die Komtesse die Sprache wieder. Hoch rich- kete sie sich auf und sah ihre mütterliche Freundin ruhig an.
„Tante, Hans-Wilhelm steht am Scheidewege. Entweder wird er jetzt eüt Mann oder ein — Lump!"
Da zuckten Frau von Moreths Lippen vor Schmerz.
„Mer, Kind, nicht wahr, du weißt nichts gar zu Schlimmes? Den Abschied braucht er doch nicht zu nehmen?"
„Nein, Tante, vorläufig braucht er ihn nicht zu nehmen, auch bekommt er ihn nicht. Aber gut wäre es doch, er würde endlich solide und bliebe in Moreth."
Ein Seufzer der Mutter ist die ganze Antwort.
„Sieh mal an, Tante," fährt Eva fort, „hier hat er doch picht so viel Gelegenheiten, leichtsinnig zu fein. Freilich, gespielt wird überall, aber da erfahren wir's bald Und können über Hans-Wilhelm unsere Hände halten."
Mit einem langen Blick sieht Frau von Moreth die Komtesse cm; langsam kommen ihr die Worte aus dem Munde.
„Und was sagt Graf Norderoog dazu?"
Da verläßt Ewa die Selbstbeherrschung. Die schlaflosen Nächte, die Auseinandersetzung mit dem Vater haben ihre Nerven stark mitgenommen. Sie wirft sich an die Brust der mit Sorgen überladenen Frau und weint sich aus.
Und sie, die das hohe Evangelium der Frauenliebe kennt, streicht ihr mit zitternder Hand über das Haar, langsam lösen sich erst ein paar Tranen aus ihren Augen und rollen die vor Kummer abgezehrten Wangen hinab.
Draußen im Wirtschaftshofe ruft die Glocke zu neuer Arbeit; es ist halb fünf, die Vesper vorüber. Die beiden Frauen blicken sich, an, sie verstehen sich — auch ohne Worte.
„Schick' ihn morgen zu mir!"
„Gewiß, Eva!" Hans-Wilhelm müßte ja mit Blindheit geschlagen sein, wenn er länger achtlos an solcher Perle vorbeilaufen wollte!"
Nachdem die Komtesse die brennenden Augen mit kalten: Wasser gekühlt, fährt sie nach Hause, um als Tochter des Hauses ihren Verpflichtungen gegen Gras Norde- xoog nachzukommen.
Während der Zug durch Wald und Feld raste, saß Hans-Wilhelm in der Ecke seines Abteils und brütet vor sich hin. Er dankte Gott, daß er den Raum mit keinem anderen Menschen teilen mußte. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Wenn die Mutter gelähmt war für ihr ganzes ferneres Leben, wenn —! Doch nein, so
grausam konnte das Schicksal nicht sein, lebend würde er sie auf jeden Fall vorfinden! Ganz gewiß! Er versuchte es sich einzureden und wenn er im Augenblick glaubte, er wäre der Herr der trüben Gedanken geworden, da tauchten auch schon sofort wieder die fürchterlichen Zweifel auf. Alle zehn Minuten sah -er nach der Uhr. Wie die Zeit schlich,. Zum Rasendwerden war es!
Ab und zu schlug ihm das Gewissen mit ganzer Kraft. Dann hielt er sich für einen erbärmlichen Kerl; bessern wollte er sich, ja, das hatte er sich schon in Spa gelobt, als er noch g«r nichts wußte von der Krankheit der Mutter. Leichtsinnig wie er war, fing er an sich einzureden, daß die guten Vorsätze bereits älteren Datums seien, daß denen ja auch die Tat folgen sollte; den Anfang hatte er ja auch schon in Spa gemacht, als er sich vorgenommen, nachdem er seine Verluste wieder gewonnen haben würde, mit diesem Leben zu brechen. Beerenburg hatte er's doch auch gesagt. Der war allerdings mit Spott und Hohn schnell bei der Hand gewesen, erbet als Kronzeugen konnte er ihn doch anfiihren. Ja, wer Nagte ihn denn eigentlich an? Kein Mensch, aber sein Gewissen. So klug war er doch, daß er das einsah. Und das üehagte ihm, nicht! Quatsch war es, sinnloser Quatsch!
Gewaltsam versuchte er die „albernen Gedanken" zu bannen, aber sie kehrten zurück und pochten ohne Unterlaß an dem guten Ker!:, der trotz allein in Hans-Wilhelm von Moreth noch vorhanden war. Hm — es war ja richtig, was Beerenburg gesagt, die Gesellschaft, in der er sich in Spa bewegt hatte, war nicht die seine; Schiffbrüchige, die nach dem Strohhalm Glück griffen, um sich zu retten, ohne arbeiten zu wollen. Arbeiten? Ja, das tat er doch! Als Offizier dienen ist heutzutage keine Spielerei und das nrußte man ihm lassen, wenn er auch die Nacht durchgespielt hatte, saß er erst wieder im Sattel oder stand er in der Reitbashu, dann war er nichts weiter als pflichteifriger Soldat. Ihtb ihm schien, mehr Arbeit müsse ihn besser machen; der moralische Jammer fing an nachzulassen, seine Gedanken vertieften sich, unwillkürlich krampfte er die Hcnide zusammen. Wenn er jetzt ein Beil zirr Hand nehmen tonnte, Rock und Weste abwerfen, das Hemd öffnen dürfte, so daß die breite Brust freien Spielraum hätte — wie wohl wäre es ihm da! —i Einmal wieder, wie in seiner Kindheit Tagen, zuschlagen können, daß ihn: rechts und links die Splitter um die Ohren fliegen würden, sich die Poren öffneten, der Schweiß in Strömen herunterliefe — das würde ihm Befreiung bringen. Er wähnte, durch körperliche Arbeit müßte auch all der Unrat aus seinem Leibe, der seit Jahren um sein Herz und seine Sinne golxgt, er würde wieder mit freiem und ruhigem Blick in die Welt sehen lernen, denn sein Gewissen würde rein werden. Den Leute:: konnte er dann mit Fug und Recht Anrufen: „Bis zu dieser Stunde war ich ein Rohr, das im Wirwe schwankte; da. ich aus stieg auS dem Zuge, um meine kranke Mutter zu sehen, ward ich ein«


